Hasse Ernst Traugott Friedrich
MdR, Statistiker, nationalliberaler Politiker
* 14.2.1846 Leulitz bei Wurzen 12.1.1908 Leipzig Leipzig, Friedhof Gohlis(ev.)
VHermann Gustav (1811-1892), Oberpfarrer, Superintendent in FrauensteinMMarie, geb. Kessler (1820-1886)GGotthold (1848-1870); Siegfried (* 1849); Emma; Marianne Wilhelmine (* 1850); Karl Martin (* 1852); Martha Dorothea (1854-1880); Karl Friedrich (* 1857)1875 Emma, geb. Gottschald (* 1852), Tochter des Leipziger Kaufmanns Julius GottschaldSHermann Julius Wolfgang (* 1878)T2
GND: 116514353

H. besuchte 1860 bis 1866 die Fürstenschule St. Afra in Meißen und meldete sich bei Ausbruch des Deutschen Kriegs 1866 als Freiwilliger zur sächsischen Armee. Bereits nach sechs Kriegswochen wurde er bei Wien zum Leutnant ernannt. Nach der Beurlaubung vom aktiven Dienst legte H. 1867 sein Abitur an der Leipziger Nikolaischule ab und begann an der Universität Leipzig zunächst mit dem Studium der Theologie, bevor er von August 1867 bis Februar 1868 seinen aktiven Militärdienst beim 1. Leibgrenadierregiment König Johann in Dresden leistete. Nach der Versetzung in die Reserve und Ernennung zum Adjutanten des Landwehr-Bezirks-Kommandos Leipzig studierte er dort Jura und Volkswirtschaft. Am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 nahm H. u.a. als Kompanieführer an der Belagerung von Paris teil, war Platzadjutant von Sedan, wurde zum Premierleutnant befördert, verwundet und mehrfach ausgezeichnet. Er blieb in verschiedenen Funktionen, zuletzt als Adjutant des 107. Infanterieregiments, im aktiven Militärdienst und ließ sich erst im Herbst 1874 zum Besuch des statistischen Seminars bei Ernst Engel am Preußischen Statistischen Bureau in Berlin beurlauben. Im März 1875 erhielt er den beantragten Militärabschied und wurde zum April 1875 vom Rat der Stadt Leipzig mit der Leitung des vakant gewordenen Statistischen Amts betraut, als dessen Direktor er bis zu seinem Tod 1908 fungierte. 1878 promovierte H. über „Die Stadt Leipzig, geographisch und statistisch beschrieben“ an der dortigen Universität und wurde nach Vorlage einer preisgekrönten Arbeit zur Geschichte der Leipziger Messen (1884) sowie einer Probevorlesung zur „Technik der Volkszählungen und anderer allgemeiner Erhebungen in deutschen Großstädten“ auf Antrag 1885 habilitiert und Privatdozent an der Universität Leipzig. Im Dezember 1886 wurde er vom sächsischen Kultusministerium zum außerordentlichen Professor an der Philosophischen Fakultät ernannt, ohne sein Amt als Direktor des Statistischen Amts aufzugeben. Ab 1886 war H. ordentliches Mitglied des Internationalen Statistischen Instituts und ab 1903 Vorsitzender des geschäftsführenden Ausschusses des Verbands Deutscher Städtestatistiker. Als erster deutscher Universitätsprofessor hielt er ab 1888 regelmäßig Vorlesungen über deutsche Kolonialpolitik, der er sich frühzeitig verschrieben hatte. Bereits 1878 hatte H. in Leipzig einen „Verein für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Ausland“ (ab 1890 „Verein für Handelsgeographie und Kolonialpolitik“) gegründet, dessen Vorsitzender er war und der sich im Dezember 1896 als Abteilung Leipzig der seit 1887 bestehenden Deutschen Kolonialgesellschaft anschloss. Darüber hinaus gehörte H. über mehrere Jahre dem im Oktober 1890 als beratendes Organ des Auswärtigen Amts gebildeten Kolonialrat an, der großen Einfluss auf die deutsche Kolonialpolitik ausübte. In diesem Gremium und im Reichstag, dem er 1893 bis 1903 als Mitglied der Fraktion der Nationalliberalen Partei angehörte, setzte er sich wiederholt für Veränderungen in der Kolonialverwaltung ein. 1904 forderte H. in einem Zehn-Punkte-Programm u.a. die Herauslösung der Kolonialabteilung aus dem Auswärtigen Amt und die Bildung eines selbstständigen Reichskolonialamts, was 1907 erfolgte. Seine politischen Ziele versuchte er auch an der Spitze des 1891 gegründeten Alldeutschen Verbands durchzusetzen, dessen geschäftsführender Vorsitzender H. 1893 bis zu seinem Tod 1908 war. Mit seiner an Heinrich von Treitschkes nationalistischer Weltanschauung orientierten Haltung vertrat er uneingeschränkt völkisch-nationale und imperiale Ziele wie den Erwerb und Ausbau eines deutschen Kolonialreichs, territoriale Ausdehnung des Deutschen Reichs zur Führungsmacht in Europa, Flotten- und Heeresaufrüstung sowie Schutz und Förderung des Deutschtums im Ausland. Seine im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts forcierten Pläne zur Gründung einer „Nationalpartei“ als Sammlung aller rechten radikalen Kräfte scheiterten jedoch. Bei den Reichstagswahlen von 1903 unterlag H. dem SPD-Gegenkandidaten Julius Motteler und legte danach auch seine Mitgliedschaft im Partei- bzw. Zentralvorstand der nationalliberalen Partei nieder. H. ist in seinen Bestrebungen, Deutschlands Stellung als Weltmacht notfalls auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen und mit seinen programmatischen Schriften zweifellos in die Reihe der geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus einzuordnen.



Q  Universitätsarchiv Leipzig, Personalakte Nr. 542.

W  Die Stadt Leipzig und ihre Umgebung, Leipzig 1878; Geschichte der Leipziger Messen, Leipzig 1885; Die Wohnungsverhältnisse der ärmeren Volksklassen in Leipzig, Leipzig 1886; Die Organisation amtlicher Statistik, Leipzig 1888; Die Leipziger Kanalfrage, Leipzig 1892; (anonym), Großdeutschland und Mitteleuropa um das Jahr 1950, Berlin 1895; Deutsche Weltpolitik, München 1897; Nachrichten über die Familie Hasse und einige verwandte Familien, Leipzig 31903; Das Deutsche Reich als Nationalstaat, München 1904; Die Besiedelung des deutschen Volksbodens, München 1905; Die Zukunft des deutschen Volkstums, München 1907.

L  Professor Dr. Ernst H. (Nachruf), in: Leipziger Zeitung 13.1.1908, S. 121; Gedächtnisfeier für Prof. Ernst H. (Nachruf), in: Leipziger Zeitung 15.1.1908, S. 149. – DBA I, II, III; DBE 4, S. 426; NDB 8, S. 39f.; B. Haunfelder, Die liberalen Abgeordneten des Deutschen Reichstags 1871-1918, Münster 2004, S. 183.



Gerald Kolditz
8.9.2006


Empfohlene Zitierweise:

Gerald Kolditz, Hasse, Ernst Traugott Friedrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.5.2017)

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