Vogel Ernst Gustav
Bibliothekar, Bibliograf
* 6.6.1797 Großkorbetha 3.9.1874 Dresden Dresden, Alter Neustädter Friedhof
VKarl Friedrich (1758-1835), PfarrerT1
GND: 117530220





V. erlebte und gestaltete fast die gesamte Reformperiode der Königlichen öffentlichen Bibliothek (KÖB) ab 1865 unter Ernst Wilhelm Förstemann mit, die die Bibliothek in großen Bereichen veränderte. Selbst der Leipziger Bibliothekar Ernst Gotthelf Gersdorf, der äußerst scharfzüngig war und viele Mitarbeiter der KÖB Dresden als „indolent“ bezeichnete, gestand V. wenigstens einen „gewissenhaften Eifer“ bei der Arbeit zu. Diese Einschätzung teilten auch andere Zeitgenossen. – Der Pfarrersohn V. immatrikulierte sich am 16.4.1816 in Leipzig. Für die Zeit nach dem Studium gibt es keine Angaben. Er scheint jedoch in unsicheren finanziellen Verhältnissen als Privatlehrer gearbeitet zu haben. Auf Antrag Gustav Klemms erhielt der „Privatgelehrte Vogel“ im September 1834 einen Honorarvertrag für die KÖB in Dresden. Innerhalb von zwei bis drei Monaten sollte V. einen Dublettenkatalog erstellen. Der Verkauf von Mehrfachexemplaren war für Bibliotheken eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle, da besonders im 18. Jahrhundert viele Privatbibliotheken komplett gekauft wurden und damit häufig viele Dubletten im Bestand vorhanden waren. Auch zielte die Verzeichnung der Dubletten auf eine Reorganisation der KÖB, der 1835 die Einführung eines Zugangsbuchs und eines Geschenkbuchs folgte. Der Staat verlangte diese Maßnahmen, um den immer größer werdenden Finanzbedarf der Bibliothek besser kontrollieren zu können. – Eine befristete Anstellung als Hilfsarbeiter an der KÖB bekam V. jedoch erst 1840. Ein Jahr zuvor hatte er seine erste bibliothekswissenschaftlich-bibliografische Publikation, die „Literarischen Nachweisungen über frühere und noch bestehende europäische öffentliche und Corporations-Bibliotheken“, als 40-seitiges Probeheft vorgelegt. Dieses erschien in Leipzig im Verlag Barth. 1840 gab es dann der Verlag Weigel als komplettes Werk heraus, in dem sich der Verfasser noch immer Privatlehrer nannte. – In der KÖB war V. v.a. mit der weiteren Erfassung des Bestands in Realkatalogen beauftragt. 1843 erhielt er eine Bibliotheksassistentenstelle, allerdings mit einer kaum für die lebensnotwendigen Ausgaben ausreichenden Vergütung. Wie er selbst 1845 mitteilte, war er in finanziellen Nöten und seine Frau schwer krank. Klemm nutzte die sich bietende Gelegenheit und schlug neben dem späteren Professor für Stenografie Georg Moritz Heyde auch V. für Katalogisierungsarbeiten vor, die das Ministerium des Königlichen Hauses verlangt hatte und dafür „zwei junge Leute“ beschäftigen wollte. V. wurde zu dieser Zeit als in Wilmersdorf wohnender Privatgelehrter bezeichnet. Jedoch entspannte sich V.s finanzielle Lage kaum, und so wandte er sich 1851 erneut an Klemm. Dieser unterstützte sein Gesuch „um Verbesserung seiner Lage“, da ihm wegen seiner „wissenschaftlichen Fruchtbarkeit und dem großen Pflichteifer“ eine bessere persönliche Situation zu wünschen sei. V. bat um feste Anstellung, der aber Klemm anfangs nicht entsprechen konnte. Denn er ging davon aus, dass die Zahl der bei den Königlichen Sammlungen für Wissenschaft und Kunst beschäftigten Beamten eher zurückgehen würde. Allerdings rückten die Bibliotheksbeamten nach dem Ausscheiden des Oberbibliothekars Constantin Carl Falkenstein auf, sodass 1852 überraschend die Stelle eines Bibliothekssekretärs frei wurde. Diese erhielt V. am 2.7.1852. Zwei Jahre später wurde er zum Ersten Bibliothekssekretär ernannt. Als solcher arbeitete er v.a. mit Ludolf Krehl zusammen und vertrat den Oberbibliothekar Klemm bei dessen Abwesenheit, wofür ihm Aufwandsentschädigungen zuerkannt wurden. Für die KÖB schuf V. u.a. einen Inkunabelkatalog. Auf eigenen Wunsch trat V. am 1.10.1870 in den Ruhestand, verrichtete aber bis zum 1.10.1873 weiterhin Arbeiten für die KÖB. Der Oberbibliothekar Förstemann nannte ihn einen „hochverdienten und auch als Mensch geschätzten Beamten.“ Julius Petzholdt, schon 1840 von V. als enger Freund bezeichnet, widmete ihm einen kurzen, aber herzlichen Nachruf. – Petzholdt bot V. mit seinem „(Neuen) Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft“ eine wertvolle Basis für Publikationen. V. schrieb auch mehrere Artikel für die bibliothekswissenschaftliche Zeitschrift „Serapeum“. Mit seinen Beiträgen erwarb sich V. einen Namen als exakt arbeitender Bibliograf. Er rekonstruierte die Bestände alter, aufgelöster Kirchenbibliotheken und stellte Verzeichnisse von Handschriften wie die der Vatikanischen Bibliothek oder von Bibliotheksverordnungen und Katalogen zusammen. Weiterhin erarbeitete er auch eine Zusammenstellung der Messkataloge der KÖB Dresden und eine Übersicht der Pflichtexemplargesetze europäischer Länder. V. beschränkte sich aber publizistisch nicht auf die Erstellung von Bibliografien, sondern war auch selbst wissenschaftlich bzw. populärwissenschaftlich tätig. Schwerpunkte dieser Arbeiten waren Biografien von Bibliothekaren und Bibliografen sowie kurze Darstellungen der Geschichte einzelner Bibliotheken. Besondere Aufmerksamkeit verdient sein „Verzeichnis corvinischer Handschriften in öffentlichen Bibliotheken“ von 1849, in dem er ca. 100 Titel aufführte. Die Bibliothek des ungarischen Königs Matthias Corvinus gilt noch heute als eine der bedeutendsten fürstlichen Büchersammlungen der Renaissance. Nach Corvinus’ Tod in alle Winde zerstreut, wurde die Bibliotheca Corvina 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Heute besitzen weltweit ca. 80 Bibliotheken Corvinen. Auch die Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek verfügt als Nachfolger der kurfürstlichen Bibliothek Dresden seit 1743 gesichert über zwei Corvinen, daneben noch eine dritte Handschrift, deren Zuordnung zur Bibliotheca Corvina jedoch nicht zweifelsfrei ist.



Q  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Bibliotheksarchiv.

W  Petrus Angelius von Barga nach der lateinischen Autobiographie dargestellt, 1834; Literatur früherer und noch bestehender europäischer öffentlicher und Corporations-Bibliotheken, Leipzig 1840; Verzeichnis corvinischer Handschriften in öffentlichen Bibliotheken, in: Serapeum 10/1849, Nr. 18, S. 273-285, Nr. 24, S. 380f.; Bibliotheca biographica Lutherana, Halle/Saale 1851; Nachrichten von dem Leben und den Schriften des Geschichtsschreibers Michael Brutus, Meißen 1864.

L  Litterarische Mitteilungen über Ernst Gustav V., in: Neuer Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft 10/1858, S. 305-308, 11/1858, S. 340-343 (WV); J. Petzholdt, Ernst Gustav V. zum 6. Juni 1870, in: Neuer Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft 6/1870, S. 177-180. – DBA II; K. Bader, Lexikon deutscher Bibliothekare im Haupt- und Nebenamt bei Fürsten, Staaten und Städten, Leipzig 1925, S. 269.



Konstantin Hermann
5.11.2009


Empfohlene Zitierweise:

Konstantin Hermann, Vogel, Ernst Gustav, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.10.2017)

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