Geitner Ernst August
Chemiker, Fabrikant
* 12.6.1783 Gera 24.10.1852 Schneeberg
VJohann Gottfried, GymnasialdirektorMFriedrike Sophie, geb. Dreher1810 Charlotte, geb. OppeSErnst Herrmann (1810-1878); Gustav († 1866); Alfred († 1855)TAgnes, verheiratet mit Franz Adolph Lange, Fabrikant
GND: 117535796

G. trat besonders mit seiner Erfindung zur technischen Erzeugung des chinesischen Packfongs, des „Argentan“ (Neusilber), hervor und legte damit die Grundlage für Nickelhütten und die Besteckindustrie im Erzgebirge. – Nach dem Besuch des Reußischen Gymnasiums in Gera unter dem Direktorat des Vaters studierte G. ab 1801 in Leipzig Theologie, wechselte jedoch bald zur Medizin und den Naturwissenschaften. Da ihn offenbar der Vater nicht ausreichend unterstützen konnte, verdiente er sich seinen Lebensunterhalt u.a. mit schriftstellerischen Arbeiten. Um 1806 war G. zunächst als Famulus bei Christian David Sachse tätig und absolvierte ein Praktikum im Einsiedelschen Eisenwerk in Lauchhammer. Zugleich war er Mitarbeiter des „Journals für Fabriken, Manufakturen und Künste“. Nach seiner Promotion 1809 ließ er sich als praktischer Arzt in Lößnitz nieder und heiratete dort die Tochter einer bekannten Kaufmannsfamilie. 1810 gründete G. eine chemische Fabrik, wo insbesondere Metallbeizen für die Zeugfärberei der sächsischen Webwarenindustrie hergestellt wurden. Darüber hinaus erfand G. in diesen Jahren einen brennstoffsparenden Ofen zur Herstellung von Salmiak aus Knochen. Um Engpässen in der Zuckerversorgung während der Kontinentalsperre abzuhelfen, stellte er Zucker und Sirup aus Weizenmehl für den Hausgebrauch her, basierend auf Forschungsergebnissen von Wilhelm August Lampadius aus Freiberg. – 1815 verlegte G. seine Fabrik nach Schneeberg. Dort gelang ihm 1819 erstmals in Deutschland die Erzeugung gelber Farbtöne für Baumwolle, Leinen- und Wollgewebe aus Bleizucker und chromsaurem Kali. Gemeinsam mit Wilhelm Heinrich von Kurrer entwickelte G. zudem grüne Kupferfarben. Besonders interessierte sich G. aber für die Rückstände aus den benachbarten Blaufarbenwerken, v.a. für das auf den Halden ungenutzt liegende Nickel. Erstmals 1823 legierte er reduziertes Nickeloxyd mit Kupfer, Eisen und Zinn und erhielt ein nicht oxydierendes silbernglänzendes Produkt, das von ihm benannte Argentan oder Neusilber. Es stellte eine Nacherfindung des chinesischen Packfongs dar und war seine bedeutendste Leistung. 1829 erwarb er das ehemalige Eisenhüttenwerk Auerhammer, dessen starke Wasserkräfte er zum Antrieb großer Walz- und Streckwerke brauchte. Bald siedelten sich in der Umgebung von Auerhammer weitere Argentanwarenfabriken an, die G.s bahnbrechende Erfindung nutzen konnten, so auch die von G.s ehemaligem Arbeiter Christian Wellner. Daneben entwickelte G. neue Porzellanfarben. Um sie anzuwenden, kaufte er zwei Porzellanmanufakturen in Fischern bei Karlsbad (tschech. Rybáře/Karlovy Vary) und Unterchodau/Böhmen (tschech. Dolní Chodov), die allerdings, im Gegensatz zur Schneeberger Farbenfabrik, mit Verlust arbeiteten. Weitere Farbentwicklungen G.s folgten, so Ultramarin aus Krapp und blaues und grünes Alizarin. Ein von G. entwickeltes Verfahren zur Nickelgewinnung führte zu einer erheblichen Verbilligung von Argentan. – G. war stets mehr Wissenschaftler als Geschäftsmann. So zog er zunächst wenig Nutzen aus seiner Erfindung des Argentans und musste sie gegen rücksichtslose Nachahmer verteidigen. Nach einem Besuch des sächsischen Prinzen Johann 1824 in seinem Betrieb erhielt G. zwei Jahre später für sein Argentan das Patent 1a im sächsischen Patentregister. – Da die Nickelmengen aus sächsischem Erzvorkommen bald nicht mehr ausreichten, erwarb G. ein Nickelwerk in Ungarn. 1837 beteiligte sich G. mit Lößnitzer Verwandten an der Gründung der Aktiengesellschaft „Mechanische Weberei Auerhammer“ und gehörte anfangs mit zum Vorstand. Die Geschäfte liefen zunächst nur mit mäßigem Erfolg, deshalb wurde die Weberei um 1842 an Iselin Glauß, Spinnereibesitzer in Plaue bei Flöha, verkauft. – Darüber hinaus entwickelte G. vielfältige Interessen. In der Umgebung des alten Hüttenwerks in Auerhammer ließ er Gärten mit seltenen Pflanzen anlegen und gründete einen obererzgebirgischen Gartenbauverein. Nach diesem Vorbild entstand der „Englische Garten“ in Niederpfannenstiel. Von großem Interesse waren für den Naturwissenschaftler G. auch die unterirdischen Kohlenbrände bei Gainsdorf, die schon von Georgius Agricola und Petrus Albinus beschrieben worden waren. 1837/38 brachen dort erneut Flammen aus den Flözen, die unmittelbar neben dem ehemaligen Vitriol- und Alaunwerk Wilhelmine bei Cainsdorf lagen, das G. ebenfalls gekauft hatte. Auf dem heißen Boden begann er eine Treibegärtnerei, zunächst in kleinem Umfang. Das Unternehmen breitete sich aus, nachdem ihm der Planitzer Gutsherr, die Familie von Arnim, das Land überließ. Es kam zur Gründung einer Aktiengesellschaft und des Planitzer Gartenvereins. Unter der Leitung von G.s Sohn Gustav erlangte die „Treibegärtnerei und Baumschule Planitz“ schließlich europäischen Ruf. – Außerdem war G. mit Versuchen zur Verbesserung seiner Farbrezepturen und Darstellungen neuer Farbvarianten beschäftigt. Seine letzte Arbeit befasste sich mit Versuchen über das Blaufärben ohne Indigo. Nach seinem Tod gingen G.s Betriebe auf die Söhne über: Ernst Herrmann übernahm die Schneeberger Fabrik für „Feingeriebene Schmelzfarben“ und Alfred das Argentanwerk in Auerhammer, das nach dessen Tod 1855 an G.s Schwiegersohn Franz Adolph Lange fiel, der das Unternehmen zum Großbetrieb „Dr. Geitners Fabrik, Argentanfabrik F. A. Lange“ ausbaute. – Über G. hieß es später, er war „ein vielseitiger Erfinder und Anreger, einer der Männer, die von der Zeit der Festlandssperre an, die junge sächsische Industrie wirksam vorwärts trieben, ... und Sachsens Ruf als Industrieland in alle Welt verbreiten halfen.“ (S. Sieber, Sächsische Lebensbilder)



W  Familie West oder Unterhaltungen über die wichtigsten Gegenstände der Chemie und Technologie, 2 Bde., Leipzig 1805; Briefe über Chemie. Ein unterhaltsames Lesebuch für die Jugend, 2 Bde., Leipzig 1806; De dysenteria, Diss. Leipzig 1809; Versuche über das Blaufärben wollener Zeuge ohne Indigo, Leipzig 1809; Beschreibung eines neuen Apparates, mittels dessen brenzliches kohlensaures Ammonium aus festen thierischen Theilen, am wohlfeilsten gewonnen und zugleich ohne weitere Kosten rectificirt werden kann, in: Journal für Chemie und Physik 5/1812, S. 137-152.

L  R. Forberger, Die Industrielle Revolution in Sachsen 1800-1861, Bd. 1: 1800-1830, Berlin 1982, Bd. 1/1, S. 228 u.a., Bd. 1/2 Tab. 114, Bd. 2: 1831-1861, Leipzig 1999-2003, Bd. 2/1, S. 252f. u.a., Bd. 2/2, Tab. 979. – ADB 8, S. 529; DBA I, II, III; DBE 3, S. 613; NDB 6, S. 164-166; NDB 13, S. 553; Sächsische Lebensbilder, Bd. 3, Leipzig 1941, S. 110-119 (Bildquelle).



Ursula Forberger †
13.12.2005


Empfohlene Zitierweise:

Ursula Forberger †, Geitner, Ernst August, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.6.2017)

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