Wustmann Erich
Ethnologe, Schriftsteller
* 9.11.1907 Niedersedlitz bei Dresden 24.10.1994 Bad Schandau Friedhof Bad Schandau
VPaul (1877-1949), OberpostschaffnerMIda, geb. Kühnel (1878-1939)1934 Hildegard, geb. Fischer (1907-1965)TSynnöve (* 1936); Ingrid (* 1939)
GND: 131874713





W. erlangte als Ethnologe und Schriftsteller durch seine zahlreichen Forschungsreisen Bekanntheit. Jung und Alt begeisterten sich an seinen spannenden Reiseberichten, die als Bücher und Fernsehsendungen ein Millionenpublikum erreichten und sehr zu W.s Popularität beitrugen. – Die Familie zog 1908 von Dresden nach Schandau. Im Ortsteil Ostrau verlebte W. seine Kindheit und Jugend. Gefördert von seinem Großonkel, einem Waldhüter, entdeckte er früh seine Liebe zur Natur. Nach der Schulzeit erlernte W. das Bäckerhandwerk und ging danach auf Wanderschaft. Kleine Nebenverdienste erwarb er mit einem Gitarrentrio in Weinlokalen oder als Journalist und Fotograf. In Heidelberg und Freiburg erlangte er als „Schwarzhörer” an den Universitäten Wissen in den Fächern Ethnologie und Germanistik. – 1927/28 unternahm W. eine neunmonatige Fahrt mit dem Faltboot entlang der norwegischen Küste bis Narvik. Im norwegischen Lappland knüpfte er erste Kontakte zum Volk der Samen und erhielt Einblicke in deren Kultur. Norwegisch wurde seine zweite Muttersprache, sodass er dort wie in Deutschland als freischaffender Journalist arbeiten konnte. Vom Samen Pher Thuuri erwarb W. eine Sammlung ethnografischer Gegenstände für das Völkerkunde-Museum in Mannheim. Als entschiedener Gegner des NS-Regimes sah er sich 1935 gezwungen, Deutschland zu verlassen. Mit seiner Frau und Tochter lebte W. drei Jahre bei den Samen im norwegischen Lappland, lernte ihre Sprache, sammelte Lieder, filmte ihr Leben und beschrieb es in seinen Büchern. 1936 bereiste er Finnland, 1938 die Färöer Inseln und Island. Seine umfangreiche Joiken-Sammlung (Gesänge der Samen) wurde für das Phonogramm-Archiv Berlin auf Wachswalzen aufgenommen. – Zu Kriegsbeginn wurde W. mit seiner Familie nach Deutschland ausgewiesen. Während des Zweiten Weltkriegs war er anfangs zur kulturellen Truppenbetreuung eingesetzt, dann Soldat und geriet schließlich in amerikanische Gefangenschaft und in das Lager Bad Kreuznach. – Nach dem Krieg setzte W. als freischaffender Autor seine völkerkundlichen und schriftstellerischen Arbeiten fort. 1949 wurde er Mitarbeiter (Berater ohne feste Anstellung) beim „Archiv für Polarforschung“ in Kiel, hielt aber an seiner freischaffenden Tätigkeit weiterhin fest. Wegen Erfrierungen bei einer Faltbootfahrt zum Wechsel seines Betätigungsfelds gezwungen, bereiste W. nun Indien, Afrika und Südamerika (1955/56 und 1958/59 Brasilien, Peru, Bolivien; 1969 Kolumbien, Brasilien; 1977 Ecuador). Sein Interesse galt v.a. der Erforschung der Lebensweise verschiedener Indianerstämme, von denen er im Laufe der Jahre 36 kennen lernte. Auch bei Beduinen in der Libyschen Wüste arbeitete er in gleicher Weise: beobachtend, vergleichend, schreibend und sammelnd. Weitere Forschungsreisen führten W. 1961 auf die Kanarischen Inseln, 1963/64 nach Ägypten und 1967 wieder nach Norwegen und Lappland. Gesammelte ethnografische Gegenstände stellte er Museen in Leipzig und Dresden zur Verfügung. Seine Reisen wertete er in zahlreichen Vorträgen mit Filmen, Lichtbildern und Tonbandaufnahmen und Büchern aus. Insgesamt erschienen 105 Titel in 23 Verlagen. Die Gesamtauflagenhöhe seiner Bücher beträgt ca. 2.260.000 Exemplare, dazu kommen Übersetzungen und Lizenzausgaben in 14 Ländern (u.a. Ungarn, Norwegen, Schweden, Dänemark, Russland, Italien, Holland) und Artikel in Fach- und anderen Zeitschriften sowie Zeitungen. Viele von W.s Büchern sind wegen ihres abenteuerlichen Inhalts besonders bei Jugendlichen beliebt. Ein hohes Maß an Authentizität erreichte der Autor, indem er Erzählung und Fiktion mit sachlicher Dokumentation verband und stets aus eigenem Erleben schöpfte. 1984 moderierte W. die populäre 16-teilige Fernsehserie ”Unter Indianern, Lappen und Beduinen” im DDR-Fernsehen. Ab 1985 machte sich bei ihm eine zunehmende Aphasie (Wortfindungsstörung) bemerkbar, die ihn zwang sehr zurückgezogen in Bad Schandau-Ostrau zu leben, wo er im Alter von 87 Jahren starb. – W. hinterlässt eine in ihrem ideellen und ethischen Wert unschätzbare Lebensleistung. Immer ging es ihm darum, das Vergängliche für die Zukunft festzuhalten. Bestürzt zeigte sich W. bei wiederholten Besuchen über die Störungen traditioneller kultureller Entwicklungen durch zivilisatorische Eingriffe. 1956 wurde er Ehrenbürger der Stadt Bad Schandau. 1958 erhielt er für sein Buch „Taowaki“ den Friedrich-Gerstäcker-Preis. Mit dem Werk „Durch Tundra, Wüste und Dschungel”, das 1983 im Mitteldeutschen Verlag Halle erschien und 1991 bereits die vierte Auflage erreichte, legte W. eine Art Autobiografie vor. In seinen Publikationen und den zahlreichen Exponaten des Museums in Bad Schandau sind die Ergebnisse seines Lebenswerks erhalten.



W  Wie Peter der Große das Schilaufen erlernte, Reutlingen 1934; In Lappenzelt und Rentierpulk, Stuttgart 1936; Die heiligen Berge, Leipzig 1936; Unter der Mitternachtssonne, Neudamm 1941; Niels, der Nordländer, Reinbek bei Hamburg 1948; Paradies der Vögel, Radebeul 1951; Wo das Eis die Grenze schuf, Radebeul 1954; Toawaki, Reutlingen 1958; Crao, Radebeul 1958; Karajá, Indianer vom Rio Araguaia, Radebeul 1959; Unter Palmen und braunen Menschen in Bahia, Radebeul 1961; Durch Tundra, Wüste und Dschungel, Halle 1983, 41991; Unterwegs zu Zwergindianern in Kolumnien, Radebeul 1963; Orchideen vom Rio Teia, Halle 1989.

L  DBA II; K. Doderer (Hg.), Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, Bd. 3, Weinheim/Basel 1979, S. 823; N. Weiss/J. Wonneberger, Dichter, Denker, Literaten in Dresden, Dresden 1997, S. 201; M. Altner, Sächsische Lebensbilder, Radebeul 2001, S. 116-118; V. Klimpel, Berühmte Dresdner, Dresden 2002, S. 181 (P).



Manfred Altner
9.1.2006


Empfohlene Zitierweise:

Manfred Altner, Wustmann, Erich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.10.2017)

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