Everth Erich
Journalist, Zeitungskundler
* 3.7.1878 Berlin 22.6.1934 Leipzig Leipzig, Südfriedhof(ev.)
VFranz Friedrich August (1850-1927), KaufmannMBerta Elisabeth Mathilde Clara, geb. Schmidt (1853-1932)GFranz (1880-1965), Schauspieler, RegisseurMartha, geb. Dammschneider
GND: 116612339





Der studierte Kunstwissenschaftler E. erlebte seit 1912 eine wechselvolle journalistische Karriere und begleitete für durchweg renommierte bürgerlich-liberale Zeitungen vom Vorabend des Ersten Weltkrieges bis zur Mitte der Weimarer Republik das öffentliche Leben und die politische Kultur in Deutschland. Als Nachfolger des Nestors der Zeitungskunde Karl Bücher erhielt er 1926 den Ruf an das Leipziger Institut für Zeitungskunde und wurde dort Inhaber des eben neu eingerichteten ersten ordentlichen Lehrstuhls für Zeitungskunde in Deutschland. Kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme hielt er einen engagierten Vortrag über die Pressefreiheit auf dem Mitte Februar 1933 veranstalteten Berliner Kongress „Das freie Wort“. In der Folge monatelang mit politischen Ermittlungen schikaniert, sah er sich im Spätsommer 1933 zu seiner vorzeitigen Emeritierung gezwungen. – Als Sohn einer Berliner Kaufmannsfamilie legte E. 1898 am Königlich Joachimsthalschen Gymnasium sein Abitur ab und absolvierte anschließend ein breit gefächertes und für damalige Verhältnisse ungewöhnlich langes geisteswissenschaftliches Studium (u.a. Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie und Rechtswissenschaft) an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Der für ihn einflussreichste Lehrer war der Kunstwissenschaftler Max Dessoir. Von ihm ermuntert vertiefte sich E. in ästhetisch-kunstphilosophische Fragen und Probleme und reichte 1908 zum Thema „Der Bildrahmen als ästhetischer Ausdruck von Schutzfunktionen“ seine Promotionsschrift bei den Leipziger Professoren August Schmarsow und Johannes Volkelt ein. Im Mai 1909 erwarb er an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig die Doktorwürde. – 1912 bis 1926 war E. hauptberuflich als Journalist tätig. Gewählt war der journalistische Beruf jedoch eher aus der Not heraus. Entscheidend war der aus finanziellen Gründen gescheiterte Versuch der Habilitation, was eine nachdrücklich von ihm angestrebte direkte akademische Karriere vereitelte. Zunächst für die Rheinisch-Westfälische Zeitung im Feuilleton tätig, verlagerte E. mit dem 1913 erfolgten Wechsel zum Berliner Hauptstadtbüro der Magdeburgischen Zeitung sein journalistisches Wirken in das Ressort Politik. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger an die Ostfront und wurde nach einer Verwundung mehrmals in der Presseverwaltung für Polen eingesetzt. Von 1917 an war er nacheinander Chefredakteur und Leiter der Berliner Vertretung des Leipziger Tageblatts (bis 1923), Leitartikler der Vossischen Zeitung (1921-1923), Kulturredakteur der Deutschen Allgemeinen Zeitung (1923/24) und zuletzt Wiener Korrespondent des Berliner Tageblatts (1924-1926). – Mit dem Ruf als Nachfolger von Bücher an die Universität Leipzig wechselte E. vom Journalismus in die Wissenschaft Zeitungskunde, der Mutterdisziplin der heutigen Kommunikations- und Medienwissenschaft. Er gehört damit zu den in der Gründungsphase der Zeitungskunde recht zahlreichen Fachvertretern, die als Praktiker in dieser noch recht jungen Disziplin wirkten. E. entwarf ein neuartiges zeitungskundliches Programm und veröffentlichte in den etwas mehr als sechs Jahren seines wissenschaftlichen Wirkens über ein Dutzend Beiträge in Fachzeitschriften sowie die Monografie „Die Öffentlichkeit in der Außenpolitik von Karl V. bis Napoleon“. Ferner betreute er rund 60 zeitungskundliche Dissertationen, von denen er die besten in der von Bücher begründeten Reihe „Das Wesen der Zeitung. Wissenschaftliche Arbeiten aus allen Gebieten der Zeitungskunde. Neue Folge“ herausgab. – Seine besondere Relevanz entfaltet E.s zeitungskundliches Wirken durch das innovative Fachkonzept, das er in dieser kurzen Zeit entwickelte und mit dem er versuchte, den bis dato desolaten methodischen und theoretischen Grundstock des Fachs Zeitungskunde (neu) zu fundieren. Er verfolgte erstmalig konsequent eine Erkenntnisperspektive, die nicht mehr bezogen auf den materialen Gegenstand Presse bloß phänomenologisch begründet war, sondern sich ausdrücklich für die sozialen Prozesse zwischen Gesellschaft und Kultur auf der einen und Journalismus, Öffentlichkeit und Zeitung auf der anderen Seite interessierte. Ihm ging es um die Ergründung der Presse als soziale Form und Struktur und um das „Wie?“ der öffentlichen Vermittlungsprozesse zwischen Gesellschaft, Kultur und Zeitung. Wie wohl kein anderer Zeitungskundler forcierte E. mit dieser Perspektive die wissenschaftliche Grundlegung der Zeitungskunde und rückte originär den noch heute gültigen Kerngegenstand der Kommunikations- und Medienwissenschaft „öffentliche Kommunikation und ihre sozialen Bedingungen“ als exklusives Erkenntnisproblem in den Mittelpunkt des Fachinteresses. – Hintergrund von E.s Fachprogramm war sein umfangreiches journalistisches Erfahrungswissen, das er explizit zum erkenntnisleitenden Theoriebildungs- und Reflexionskontext seiner an den Formen und Prozessen öffentlicher Kommunikation interessierten Zeitungskunde erhob. Konkret verweist die für seine Theorie wesentliche Vorstellung von einem gesellschaftlich gerahmten Funktions- und Prozesszusammenhang „Öffentliche Kommunikation“, nach der die Presse wichtige Vermittlungsleistungen für die Gesellschaft erbringt, auf den von ihm erlebten spezifischen Erfahrungsraum des liberalen Journalismus in der parlamentarischen Parteiendemokratie der Weimarer Republik. In den Leitprinzipien eines sozialverantwortlichen Journalismus erkannte er markante normative Festsetzungen, die seitens der Gesellschaft an den Journalismus herangetragen werden und seine Funktionsweise mitbestimmen. Er übersetzte diese Beobachtung in eine Öffentlichkeitstheorie, die sich für die Bedingungen, die Funktionen und Leistungen sowie die Strukturen öffentlicher Kommunikation interessierte. In dieser Weise entwickelte er eine originelle kultur- und sozialwissenschaftliche Sicht auf öffentliche Kommunikation, in der sich funktionale und soziologische Denkmotive wechselseitig ergänzten und die vor dem normativen und realpolitischen Horizont seiner Theorie der zentralen Frage nachging, wie in einer demokratisch verfassten Gesellschaft Öffentlichkeit funktioniert und zustande kommt. – E.s Wirken fand im Frühjahr 1933 ein abruptes Ende. Anlass war seine Teilnahme an dem Mitte Februar 1933 in Berlin veranstalteten Kongress „Das freie Wort“, der einzigen öffentlichen Protestkundgebung gegen das gerade an die Macht gekommene NS-Regime, und ein Vortrag, mit dem er dort für die Wahrung der Pressefreiheit eintrat. E. blieb mit seinem mutigen Auftritt der einzige Zeitungskundler, der sich öffentlich gegen die mit den nationalsozialistischen Notverordnungen verbundenen Gewaltmaßnahmen gegen die deutsche Presse einsetzte. Sein Engagement musste er mit dem Verlust seiner Professur bezahlen. Erst beurlaubt und monatelang mit „politischen Ermittlungen“ verfolgt, sah er sich inzwischen schwer erkrankt im Spätsommer 1933 zu seiner vorzeitigen Emeritierung gezwungen. Wenige Monate später starb er am 22.6.1934 in Leipzig. Sein Nachfolger wurde Hans Amandus Münster, der die Leipziger Zeitungskunde entschieden unter die nationalsozialistische Idee und in die Dienste der politisch-propagandistischen Verwertungsinteressen des NS-Staates stellte. – Trotz des hohen Niveaus und der Originalität von E.s Zeitungskunde fand sie unter den Zeitgenossen kaum Beachtung. Zwar war er einer der wenigen Vertreter seines Fachs, die von einem kleinen Kreis von Nachwuchswissenschaftlern als intellektuelle Vorreiter rezipiert wurden, mit seiner innovativen funktionalistischen Erkenntnisperspektive und seiner soziologisch fundierten Öffentlichkeitstheorie konnte er sich jedoch weder im Kern des Fachs durchsetzen, noch gelang es ihm, unter seinen Leipziger Studierenden eine Schule zu bilden. Die kurze Dauer und das plötzliche Ende seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, nicht zuletzt sein früher Tod zum einen, eine nur rudimentär entwickelte Diskussionskultur im Fach und nach der NS-Machtübernahme die politische Denunziation seiner Öffentlichkeitstheorie zum anderen, sind Gründe für eine weitgehende zeitgenössische Wirkungslosigkeit sowie das lange fortdauernde Vergessen seines Wirkens nach 1945.



W  Der Bildrahmen als ästhetischer Ausdruck von Schutzfunktionen, Halle/Saale 1909; Wilhelm Raabe, Leipzig 1913; Von der Seele des Soldaten im Felde. Bemerkungen eines Kriegsteilnehmers, Jena 1915; Das innere Deutschland nach dem Kriege, Jena 1916; Conrad Ferdinand Meyer. Dichtung und Persönlichkeit, Dresden 1924; Was kümmert Zeitungskunde den Pressemann?, in: Deutsche Presse 16/1926, Nr. 50/51, S. 8f.; Zeitungskunde und Universität, Jena 1927; Karl Bücher und die Zeitungskunde. Zu seinem 80. Geburtstage, in: Minerva-Zeitschrift. Nachrichten für die gelehrte Welt 3/1927, Nr. 3, S. 49-54; Das Studium der Zeitungskunde an der Universität Leipzig, Leipzig 1928; Die Zeitung im Dienste der Öffentlichkeit. Eine begriffliche Grundlegung, in: Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik 65/1928, Nr. 4, S. 1-30; Was ist Zeitungswissenschaft?, in: Zeitungs-Verlag 29/1928, Nr. 35, Sp. 1873-1880; (Hg.), Das Wesen der Zeitung. Wissenschaftliche Arbeiten aus allen Gebieten der Zeitungskunde. Neue Folge der von Karl Bücher begründeten Abhandlungen aus dem Institut für Zeitungskunde, Leipzig 1928-1933; Die Öffentlichkeit in der Außenpolitik von Karl V. bis Napoleon, Jena 1931; In memoriam Karl Büchers, in: Zeitungswissenschaft 6/1931, Nr. 1, S. 2-8.

L  H. Bohrmann/A. Kutsch, Pressegeschichte und Pressetheorie. Erich E. (1878-1934), in: Publizistik 24/1979, Nr. 3, S. 386-403; T. Steingen, Auffassungen von Prof. Dr. E. zur gesellschaftlichen Rolle der Presse, Diplomarbeit Universität Leipzig 1991 [Ms.]; S. Averbeck, Erich E. - Theorie der Öffentlichkeit und der Interessen, in: A. Kutsch/S. Averbeck (Hg.), Großbothener Vorträge III, Bremen 2002, S. 9-31; E. Koenen/T. Lietz/S. Werther, Das Aus für das freie Wort. Die nationalsozialistische „Machtergreifung“ im Institut für Zeitungskunde, in: Journal Universität Leipzig 2003, H. 7, S. 37f.; E. Koenen, Ein „einsamer“ Wissenschaftler? Erich E. und das Leipziger Institut für Zeitungskunde zwischen 1926 und 1933. Ein Beitrag zur Bedeutung des Biographischen für die Geschichte der Zeitungswissenschaft, in: Medien & Zeit 20/2005, H. 1, S. 38-50; ders., Die Begründung der Zeitungskunde als akademische Spezialität. Entwicklung ihrer Ideen-, Interessen- und Institutionsgestalt in Leipzig, in: S. Averbeck-Lietz/P. Klein/M. Meyen (Hg.), Historische und systematische Kommunikationswissenschaft. Festschrift für Arnulf Kutsch, Bremen 2009, S. 157-180; I. Lacasa, E. y el servicio del periódico a la publicidad (E. and Newspaper’s Service to the Public Sphere), in: Tripodos 31/2012, S. 125-141; E. Koenen/P. Gentzel, Moderne Kommunikationswelten: von den „papiernen Fluten“ zur „Mediation of Everything“. Ein Beitrag zur disziplinär-kognitiven Identität des kommunikationswissenschaftlichen Forschungsfelds „mediatisierte Kommunikation“, in: Medien & Kommunikationswissenschaft 60/2012, Nr. 2, S. 197-217; E. Koenen, Erich E. - Wissenstransformationen zwischen journalistischer Praxis und Zeitungskunde. Biographische und fachhistorische Untersuchungen, Diss. Universität Leipzig 2015 [Ms.]. – DBA II; DBE 3, S. 197; DBE II/3, S. 184; Deutsches Literatur-Lexikon, Bd. 4, Bern 31972, Sp. 601; Deutsches Literatur Lexikon. Das 20. Jahrhundert, Bd. 8, Bern/Zürich/München 2005, Sp. 147f.; W. Heide (Hg.), Handbuch der Zeitungswissenschaft, Bd. 1, Leipzig 1940, Sp. 943-945; M. Meyen/T. Wiedemann (Hg.), Blexkom. Biographisches Lexikon der Kommunikationswissenschaft Online; Professorenkatalog der Universität Leipzig Online.

P  Fotografie, Universitätsarchiv Leipzig, Bildarchiv; Fotografie, Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft. Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, Bd. 1, Berlin 1930, S. 408.



Erik Koenen
18.12.2015


Empfohlene Zitierweise:

Erik Koenen, Everth, Erich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.12.2017)

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