Reichelt Elisabeth
geb. Schäch
Sängerin, Koloratursopranistin
* 7.2.1910 Coswig bei Dresden 7.5.2001 Dresden Coswig(ev.)
VHerrmann Gustav Schäch (1872-1935), LagerverwalterMMarie Emilie, geb. Leonhardt (1876-1954)G4Werner Reichelt (1887-1969), Gesangslehrer
GND: 116398280

R. war über 30 Jahre als Koloratursopranistin Mitglied der Sächsischen Staatsoper Dresden. Besonders durch die außergewöhnliche Tonhöhe ihrer Stimme erlangte sie über Sachsen hinaus Bekanntheit und prägte die Entwicklung der Dresdner Oper nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend. – Schon im Alter von zwölf Jahren erkannte der Kantor und Musiklehrer Georg Franz in Coswig R.s großes stimmliches und darstellerisches Talent. Viele kleine und größere Rollen in Aufführungen der Volksschule ihrer Heimatstadt weckten den Traum von einer Laufbahn als Opernsängerin. Um das notwendige Geld zur Finanzierung des Gesangsunterrichts zu verdienen, erlernte R. Maschineschreiben und Stenografie. Der Gesangslehrer Werner Reichelt, ihr späterer Ehemann, gab ihr ab 1929 ersten Unterricht. Er blieb auch während ihres Gesangsstudiums und nach Ablegung der Bühnenprüfung ihr Lehrer. – Nach drei Jahren Ausbildung bei Reichelt sang R. 1932 dem damaligen Generalmusikdirektor Fritz Busch an der Semperoper vor. Mit dem „Frühlingsstimmenwalzer“ von Johann Strauß erhielt sie im selben Jahr eine Freistelle an der Opernabteilung der Orchesterschule der Sächsischen Staatskapelle. 1936 bestand sie, unterstützt durch Professor Ernst Hintze und Waldemar Staegemann, die Bühnenprüfung bei Staatskapellmeister Hermann Kutschbach. – Die Bühnenkarriere R.s begann 1936. Ihr erstes Engagement erhielt sie am Opernhaus in Düsseldorf. Neben ihrer Bühnentätigkeit gab sie Liederabende, Konzerte im Rundfunk und ausländische Gastspiele, z.B. in den Niederlanden. Schon im zweiten Jahr ihres Düsseldorfer Engagements lud Generalmusikdirektor Karl Böhm sie nach Dresden ein. Die Rollen der Gilda im „Rigoletto“ und der Rosine in „Der Barbier von Sevilla“ ebneten ihr den Weg zum Engagement in Dresden, das 1939 begann. In der folgenden Zeit zeigten die Opernhäuser in München und Wien, später auch in Berlin Interesse an einer Verpflichtung R.s. Sie blieb aber der Stadt Dresden und ihrem Publikum treu. Bis zum 31.8.1944, der letzten Aufführung während des Zweiten Weltkriegs (Ännchen im „Freischütz“), stand sie in 14 Rollen auf der Bühne der Semperoper. 1936 und 1944 war sie außerdem an Schallplattenaufnahmen beteiligt. Mit der Bombardierung Dresdens am 13./14.2.1945 wurde auch ihre Wirkungsstätte, mit der sie sich sehr eng verbunden fühlte, zerstört. R.s ganze Aufmerksamkeit galt deshalb dem Wiederaufbau der Semperoper, für den sie sich an ehrenamtlichen Aufbaukonzerten beteiligte. – Nach dem Ende des Kriegs entwickelte die Dresdner Künstlergemeinschaft und mit ihr R. in Verbindung mit dem Theaterpublikum schnell neue Möglichkeiten kultureller Betätigung. Ersatzbühnen wie das Kurhaus Bühlau, das Haus Constanzia, der Kirchgemeindesaal Strehlen und die Tonhalle (das heutige „Kleine Haus“) wurden geschaffen und halfen, das Kulturleben wieder aufzubauen. Mit der Wiedereröffnung des „Großen Hauses“ 1948 wurde R. zur Kammersängerin ernannt. Diese Spielstätte entwickelte sich nach den Provisorien zu ihrem zweiten künstlerischen Zuhause. Hier überzeugte sie in den folgenden Jahren in mehr als 40 Partien ihres Fachs - als Violetta in „La Traviata“, Despina in „Cosi fan tutte“, Königin der Nacht in der „Zauberflöte“, Mimi und Musette in „La Bohème“, Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“ oder als Susanna in „Figaros Hochzeit“. Daneben glänzte sie in vielen Charakterrollen moderner Komponisten. Sie sang in der Uraufführung von Robert Hanells „Dorian Gray“ (1962), in den DDR-Erstaufführungen Jean Kurt Forests „Tai Yang erwacht“ (1961) und Hans Werner Henzes „Der junge Lord“ (1967) sowie in der europäischen Erstaufführung von Robert Kurkas „Der brave Soldat Schwejk“ (1959). Neben den großen Aufgaben auf der Opernbühne galt ihre Liebe den Liedern der Klassiker und Romantiker. Auch verstand sie es großartig, Kinderlieder vorzutragen. 1967 wurde R. noch während ihrer aktiven Bühnenlaufbahn zum Ehrenmitglied der Sächsischen Staatsoper Dresden ernannt. 1972 beendete sie ihre Karriere.



L  E. Reichelt, Nun zeige was du kannst, in: Jahrbuch der Staatstheater Dresden 1952/53, S. 52; G. Schmiedel, Dresdner Operngeschichte (26) Elisabeth R., in: Sächsische Neueste Nachrichten 25.6.1977; V. Kliemann, Frühlingsstimmenwalzer, in: Sächsische Zeitung 25.1.1985; W. Höntsch, Opernmetropole Dresden, Leipzig 1996, S. 202, 206, 212f.; R. Schmidt, Kammersängerin Elisabeth R. zum 90. Geburtstag, in: Coswiger Anzeiger 17.2.2000, S. 1; U. Fuchs-Materny, Immer gab sie starke Impulse, in: Dresdner Neueste Nachrichten 11.5.2001, S. 10 (P); B. Gründler, Die Dresdner nannten sie „unsere R.“, in: Neue Solidarität. Internationale Wochenzeitung 32/2005, Nr. 9, 2.3.2005, S. 11. – DBA II, III; K. J. Kutsch/L. Riemers, Großes Sängerlexikon, Bd. 4, Berlin 32000, S. 2876f.

P  Elisabeth R. als Violetta in „La Traviata“, Foto, Privatbesitz Dresden (Bildquelle).



Günter Schulze / Elke Wendt
10.5.2006


Empfohlene Zitierweise:

Günter Schulze / Elke Wendt, Reichelt, Elisabeth, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.6.2017)

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