Sennert Daniel
Anatom, Botaniker, Rektor der Universität Wittenberg, kurfürstlicher Leibarzt
* 25.11.1572 Breslau (poln. Wrocław) 21.7.1637 Wittenberg(ev.)
VNicolaus († 1585), SchumacherMKatharina, geb. Helmania 1.1603 Margarete, geb. Schato (1578-1622), Tochter von Andreas Schato, Professor für Physik und Medizin in WittenbergS5 u.a. Andreas (1606-1689), Orientalist in Wittenberg; Michael (1615-1691), Mediziner in WittenbergT2 2.1624 Helene, geb. Burenius (1852-1632) 3.1633 Margarete, geb. Kramer
GND: 117478091





S. zählt zu den wichtigsten deutschen Medizinern des 17. Jahrhunderts. Er vertrat einen iatrochemischen Ansatz und suchte die Verbindung zwischen der antiken Medizin des Aelius Galenus sowie der Lehre des Paracelsus. Indem er auf die atomistischen Vorstellungen Demokrits zurückgriff, die er mit modernen chemischen Beobachtungen verknüpfte, muss S. - neben anderen - als Wegbereiter des modernen Atomismus gesehen werden. Er lieferte ferner eine erste Beschreibung des Scharlachs. – Nach einer Gymnasialausbildung war S. zunächst offenbar eher philologisch interessiert und immatrikulierte sich am 2.6.1593 an der Wittenberger Universität. 1598 erwarb er den Magistergrad. Anschließend widmete sich S. dem Studium der Medizin. In dem Anatomen und Chirurgen Johann Jessenius fand er seinen Mentor. Verschiedene ältere Lexika berichten auch von Studienaufenthalten in Leipzig, Jena sowie Frankfurt/Oder. Neuere Studien gehen indes davon aus, dass S. wohl ausschließlich in Wittenberg studierte und belegen dies mit dem Erscheinungsort seiner zwischen 1596 und 1601 publizierten Schriften (W. R. Newman). – Eine kurze ärztliche Tätigkeit führte S. 1601 nach Berlin, wo er unter dem Mediziner Johann Georg Magnus praktizierte. Kurzzeitig mit dem Gedanken befasst, nach Basel (Schweiz) zu gehen, kehrte er jedoch noch 1601 nach Wittenberg zurück, wo er im gleichen Jahr zum Doktor der Medizin promovierte. 1602 wurde er dort als Professor für Anatomie und Botanik Nachfolger von Jessenius, der auf Einladung Kaiser Rudolfs II. nach Prag übergesiedelt war. S. war während seiner akademischen Laufbahn mehrfach Dekan der medizinischen Fakultät und 1605, 1611, 1617, 1623, 1629 und 1635 Rektor der Universität. 1628 wurde er Leibarzt des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen. – Die letzten beiden Jahrzehnte seines Schaffens fallen in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Der 1637 in Wittenberg ausgebrochenen Pestepidemie fiel auch S. zum Opfer. – Seine medizinischen Arbeiten sind durch einen iatrochemischen Ansatz sowie durch den eklektischen Versuch geprägt, die klassische Humoralpathologie des Galenus mit den modernen Lehren des Paracelsus zu verbinden. S. interpretierte die Vorgänge im lebenden Körper sowie die Wirkungsweise von Arzneimitteln als chemische Prozesse. Wie Paracelsus wandte er sich gegen die Medizin der Scholastik und stellte die Wichtigkeit medizinischen Erfahrungswissens heraus, ohne ihm jedoch gänzlich zu folgen. Zwar findet sich auch bei S. die von Paracelsus herausgehobene Bedeutung der Dreiheit von Salz, Schwefel und Quecksilber, doch betrachtete er sie eher als stoffliche - aus den vier peripatetischen Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft bestehende - Materie denn als philosophische Prinzipien. Ferner bezeichnete er die Kritik von Paracelsus an der galenischen Viersäftelehre als Fehler und distanzierte sich 1619 ebenso von dessen These kosmologischer Einflüsse der Himmelskörper auf den Gesundheitszustand. – S. gilt neben Pierre Gassendi als Wegbereiter der modernen Atomistik. Seine diesbezügliche Lehre findet sich in der 1619 erschienenen Arbeit „De consensu ac dissensu chymicorum cum Galenicis et Peripateticis“ sowie in den „Hypomnemata physica“ von 1636. Ebenso wie Gassendi auf die atomistische Lehre Epikurs zurückgriff und diese modifizierte, bezog sich S. ausdrücklich auf die antike Atomlehre Demokrits und verwarf die an ihr geübte Kritik des Aristoteles. Seine eigenen Ansichten belegte er durch praktische Beobachtungen der chemischen Verhaltensweise verschiedener Stoffe. – S. interpretierte das Werden und Vergehen in der Natur durch die Verbindung und Trennung von Atomen. Eine Verbindung mehrerer Stoffe komme dadurch zustande, dass sich deren kleinste Teilchen unter der Herrschaft einer Form vereinigen und ihre gegensätzlichen Eigenschaften aufeinander wirken lassen würden. Dabei würden sie jedoch nicht zerstört, denn die Erfahrung zeige, dass Verbindungen wieder in ihre Bestandteile zerlegt werden können, die dann auch ihre ursprünglichen Eigenschaften zurückerhielten. Dies schien ihm durch die Beobachtung chemischer Dämpfe erhitzter Substanzen bestätigt: So werde Wasserdampf nach der Kondensation wieder zu Wasser und Alkoholdämpfe wieder zu Alkohol. – In den „Hypomnema“ unterschied S. 1636 zwischen Elementen (einfachen Stoffen) und zusammengesetzten Stoffen. Die Atome der Elemente gingen sowohl aus dem Zerfall zusammengesetzter Stoffe hervor, aber auch aus dem Erdball selbst, da er alle Elemente enthalte und diese sich aus ihm heraus in die Luft ausdünsten würden. Neben den Elementaratomen unterschied S. noch „primäre Mischteilchen“ (prima mista), die auch als „Moleküle“ interpretiert werden können. – Weitere Studien von S. betrafen die Geburtshilfe. 1610 beobachtete und beschrieb S. einen der frühesten in Deutschland an einer lebenden Frau vorgenommenen Kaiserschnitte, der von dem Wundarzt Jeremias Trautmann durchgeführt wurde. – Ferner geht auf S. 1627 eine der ersten Beschreibungen des Scharlachs zurück. Im 17. Jahrhundert scheint diese Krankheit epidemisch aufgetreten zu sein, sodass dazu vermehrt medizinische Abhandlungen entstanden. Dabei griff S. offenbar auf Angaben seines Schwiegersohns Michael Döhring zurück, der zunächst Professor in Gießen, dann Stadtarzt in Breslau war. – Kurz vor seinem Tod wurde S. in einen Streit mit dem in Groningen (Niederlande) lehrenden Mediziner Johann Freitag verwickelt, der in einem Häresievorwurf gegen S. gipfelte. Freitag war ein überzeugter Anhänger des Aristoteles sowie des Galenus und wandte sich gegen paracelsische und iatrochemische Ansätze. Seine Kritik legte er in der Schrift „Novae Sectae Sennerto-Paracelsiae, Recens in Philosophiam et Medicinam introductae“ von 1636 dar. S. konnte jedoch mehrere für ihn günstige Gutachten theologischer Fakultäten einholen. Seine Antwort an Freitag findet sich in „De origine et natura animarum in brutis sententiae Cl. Theologorum in aliquot Germaniae academiis“, die posthum erst 1638 erschien. Darin wies er zwar Freitags Folgerungen aus seinen Äußerungen zurück, allerdings scheint dies seine Kritiker wie etwa Peter Batlen, in dessen „Philosophischem Wörterbuch“ von 1797 die Auseinandersetzung Eingang gefunden hat, nicht überzeugt zu haben. S. fand jedoch in seinem Schüler Johann Sperling, der 1625 in Wittenberg promovierte und ab 1634 als Professor der dortigen Universität Naturwissenschaften lehrte, einen Verteidiger seiner Ansichten. Dieser publizierte dazu 1638 die Schrift „Defensio Tractatus De Origine Formarum Pro D. Daniele Sennerto Contra D. Johannem Freitag“. – Auch S.s atomistische Lehre fand Eingang in Sperlings „Institutiones Physicae“. Ebenso beeinflusste sie später Johan Baptista van Helmont, Robert Boyle und Joachim Jungius. – Auf S. geht ferner die Einführung des Chemieunterrichts an der Universität Wittenberg zurück. Seine medizinischen Arbeiten wurden als Lehrstoff genutzt und mehrfach aufgelegt.



Q  Universität Halle-Wittenberg, Universitätsarchiv, Matrikelverzeichnis; Friedrich-Schiller-Universität Jena, Universitätsarchiv; Europa Universität Viadrina Frankfurt/Oder, Universitätsarchiv.

W  Institutionum Medicinae, Wittenberg 1611 (ND Frankfurt 1686); De consensu ac dissensu chymicorum cum Galenicis et Peripateticis, Wittenberg 1619 (ND Frankfurt 1655); Practicae Medicinae, 6 Bde., Wittenberg 1628-1635; Hypomnemata physica, Frankfurt 1636, ²1650; De origine et natura animarum in brutis, Frankfurt 1638; Opera omnia, 3 Bde., Paris 1641 (ND, 6 Bde., Lyon 1676)

L  A. M. Meyner, Geschichte der Stadt Wittenberg, Dessau 1845, S. 55; H. Haeser, Lehrbuch der Geschichte der Medicin und der Volkskrankheiten, Jena 1845, S. 818; J. W. L. Gründer, Geschichte der Chirurgie von den Urzeiten bis zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, Breslau 21865, S. 382f.; W. Friedensburg, Geschichte der Universität Wittenberg, Halle 1917; J. R. Partington, A History of Chemistry, Bd. 2, London/New York 1961; A. Stückelberger, Antike Atomphysik, München 1979, S. 258-279; G. Rosen, A History of Public Health, Baltimore 1993, S. 66; W. Köhler, Scharlach, in: W. E. Gerabek u.a. (Hg.), Enzyklopädie Medizingeschichte, Berlin 2004, S. 1289; W. U. Eckart, Geschichte der Medizin, Heidelberg 52005. – ADB 34, S. 34f.; DBA I, II, III; NDB 24, S. 262f.; J. H. Zedler, Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, Bd. 37, Leipzig/Halle 1743, Sp. 74-77; J. G. Grohmann, Neues historisch-biographisches Handwörterbuch, Teil 7, Leipzig 1799, S. 130; J. Aikin/W. Johnston, General Biography, Bd. 9, London 1814, S. 104; A. Tholuck, Lebenszeugen der lutherischen Kirche aus allen Ständen vor und während der Zeit des dreißigjährigen Krieges, Berlin 1859, S. 236-239; J. C. Poggendorff, Biographisch-literarisches Handwörterbuch zur Geschichte der exacten Wissenschaften, Bd. 2, Leipzig 1863, Sp. 907f.; C. C. Gillispie (Hg.), Dictionary of Scientific Biography, Bd. 13, New York 1975, S. 310-313; R. Sauermost (Hg.), Lexikon der Naturwissenschaftler, Heidelberg 2000, S. 373; W. R. Newman, S. Daniel, in: N. Koertge (Hg.), Complete Dictionary of Scientific Biography, Bd. 6, Detroit 2008, S. 417-419.

P  Daniel S., M. Merian der Ältere, Kupferstich, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Martin Schneider
18.8.2009


Empfohlene Zitierweise:

Martin Schneider, Sennert, Daniel, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.10.2017)

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