Dedekind Constantin Christian
Dichter, Komponist, Kreissteuereinnehmer
* 2.4.1628 Reinsdorf/Anhalt-Köthen 2.9.1715 Dresden
VStephan († 1636), Pfarrer in Reinsdorf 1.Anna Elisabeth, geb. Müller von BerneckT1 2.Maria Dorothea, geb. WeberKmindestens 5
GND: 120533405

Als Spross einer auch musikalisch und poetisch begabten Theologenfamilie - der Ur-urgroßvater Friedrich Dedekind war der Verfasser des berühmten „Grobianus“ (1549) - verbrachte D. seine Kindheitsjahre in Reinsdorf. Patronatsherr war dort Diederich von dem Werder, das bedeutende Mitglied der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, der sich auch als Komponist betätigte. Sein Einfluss auf D.s Entwicklung ist allerdings ungewiss. D. erhielt seine Schulbildung im Reichsstift Quedlinburg unter der Äbtissin Anna Sophia, Landgräfin von Hessen, die ihn anscheinend förderte. Wer ihn in die Dichtkunst einführte und die Anfänge seiner Musikerausbildung betreute, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich um 1647 erfolgte seine Übersiedlung nach Dresden. Aufgrund seines Gratulationsgedichts „Euch hochbegabten Väter beyde“ zur Hochzeit von Heinrich Schütz’ Tochter Euphrosyne mit Christoph Pincker im Januar 1648 lässt sich sein Aufenthalt in Dresden erstmals bezeugen. Demnach hatte er damals schon Verbindung zur kurfürstlichen Hofkapelle und ihrem Kapellmeister Schütz. 1654 wurde er hier als Sänger angestellt. In diese Zeit fiel auch seine erste Eheschließung. Mehrfach bezeugt ist, dass D. von seinem nur ein Jahr älteren Sängerkollegen und Vizekapellmeister der Hofkapelle Christoph Bernhard im Tonsatz unterrichtet wurde. Das kollegiale Zusammenwirken D.s mit Bernhard währte unvermindert fort bis zu dessen Tod 1692. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau heiratete D. Bernhards Schwägerin. – 1657 erschien in Dresden D.s groß angelegtes Liederwerk „Aelbianische Musenlust“ mit dem Frontispiz des Elbsandsteingebirges als Parnass, ein Markstein in der Entwicklung deutscher Liedkunst im 17. Jahrhundert. 1666 wurde D. mit der Dienstbezeichnung „Concertmeister“ mit der Leitung der „Kleinen deutschen Music“ innerhalb der Hofkapelle beauftragt, einer kleinen Gruppe von Musikern, die bei Abwesenheit des größeren Teils der Hofkapelle, z.B. auf Reisen, die Kirchen- und Tafelmusik auszuführen hatte. Bezog er als Sänger ein Jahresgehalt von 150 Gulden, so stieg es jetzt auf 400 Gulden. – 1676 zog sich D. aus dem Hofdienst zurück. Er hatte das Amt eines Kreissteuereinnehmers des Meißnischen und Erzgebirgischen Kreises gepachtet und erhielt daraus seine Einkünfte. Über seine Tätigkeit als Sänger, „Concertmeister“ sowie als Steuerbeamter hinausgehend war er überaus aktiv als Poet und Komponist. Seinen meist selbst verlegten Druckveröffentlichungen zufolge verebbte seine schöpferische Produktivität gegen Ende der 1690er-Jahre. Nach dem Tod Bernhards übernahm er dessen Landbesitz, das Gut und den Weinschank „Zum weißen Hirsch“ sowie die benachbarte „Lohschänke“ (später „Weißer Adler“) bei Dresden. – D. verstand sich selbst, trotz seines Musikerberufs, in erster Linie als Dichter. 1665 wurde er von Johann Rist zum „Poeta laureatus Caesarius“ gekürt und bald darauf von diesem in die Dichtergesellschaft „Elbschwanen-Orden“ aufgenommen. Als Gesellschaftsnamen wählte er „ConCorD“, unter dem viele seiner Publikationen erschienen. D.s anhaltende Bemühungen, in die „Frucht-bringende Gesellschaft“ aufgenommen zu werden, scheiterten jedoch. Dazu trug sicherlich seine selbst für das 17. Jahrhundert extravagante Schreibweise bei, die ihn der Lächerlichkeit aussetzte. In der Nachfolge Philipps von Zesen und dessen Veröffentlichungen zur Regulierung der deutschen Sprache, Dichtung und ihrer Schreibung „Deutscher Helicon“ (1640-1656), „Hooch-Deutsche Spraach-Übung“ (1643) u.a. versuchte D., das Wortbild der Wortlautung anzugleichen. Dazu kennzeichnete er lange einfache Vokale durch Doppelvokale oder durch eingefügtes Dehnungs-h, offene Vokale durch Umlaut (offenes e durch ä) sowie kurze Vokale durch Verdoppelung des nachfolgenden Konsonanten (kk statt ck usw.). Auch anonym oder unter einem Pseudonym publizierte Texte sind daran als Dedekindsche zu erkennen. – In der Hofkapelle als „Christi Dudelkind“ verspottet, wurde ihm offenbar seine aus den meisten seiner Texte hervorgehende frühpietistische Frömmigkeit angelastet, die sich deutlich zeigt in dem von ihm redigierten Dresdner Hofgesangbuch von 1694 „Geist- und Lehrreiches Kirchen- und Hausbuch“ und besonders in dessen „Anhang. Hundert ahnmutig und sonderbahr geistlicher ARIEN“. Dieses Hofgesangbuch war die bearbeitete und erweiterte Neuauflage des Dresdner Hofgesangbuchs von 1676 „Geistreiches Gesangbuch“, dessen Redaktion Bernhard besorgt hatte. Es enthält den Stich David Conrads vom Innenraum der Dresdner Schlosskapelle mit Schütz und der Kantorei in der Mitte, mit Altar und den darüber befindlichen Orgeln etc. – Nach dem Tod des Dresdner Hoforganisten Johann Klemm um 1664 hat D. dessen Stelle als Adlatus des alternden Schütz eingenommen. Die enge persönliche Beziehungen zu Schütz zeigt sich nicht nur durch die beiden Gedichte D.s bei der Fertigstellung des Grabes von Schütz 1670 auf dem Friedhof der Frauenkirche und nach dem Tod von Schütz 1672, sondern auch durch die Bitte von Schütz, D. möge sein letztes großes Opus, die 13 doppelchörigen Motettenkonzerte des „Schwanengesang“ über Psalm 119, Psalm 100 und das Magnificat (vollendet 1671) instrumentieren. D. kam dieser Bitte zwar nicht nach, hatte aber nachweislich einen großen Anteil an der Reinschrift des Riesenwerks, besonders aber an der Fassung des gedruckten Titels in Dedekindscher Schreibweise und mit der emblematischen Zeilenanordnung als „Palme“, eine Anspielung auf seinen Wunsch auf Mitgliedschaft im „Palmenorden“ bzw. der „Fruchtbringenden Gesellschaft“. – Am 17.11.1672 leitete D. die Trauermusik zur Beisetzung Schütz’ in der Frauenkirche u.a. mit zwei Werken von Bernhard, von denen das „Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren“ noch erhalten ist. – Obwohl D. nicht zu den bedeutenden poetischen Begabungen seiner Zeit gehörte, war er dennoch innovativ mit großer Fernwirkung: Im Anschluss an seine mindestens zwölf gedichteten und komponierten Opern über biblische Stoffe, von denen keine Note erhalten blieb, hat er als Erster Texte für geistliche Kantaten geschaffen, in denen das seit etwa 1600 in Italien ausgebildete Opernrezitativ in die geistliche Musik übertragen ist. Da diese Texte weder durch ihn noch andere vertont worden sind, blieben sie offenkundig ohne zeitgenössisches Echo. Aber der spätere Hamburger Hauptpastor Erdmann Neumeister zeigte in seiner Leipziger Magister-Dissertation „De poetis Germanicis“ 1695 an, dass er die Dedekind-Texte kannte und schätzte, um nur wenig später seine ganz gleich aussehenden Textentwürfe „Geistliche Cantaten anstatt einer Kirchen-Music“ zu veröffentlichen, die den Normaltypus der evangelischen Kirchenkantate im gesamten 18. Jahrhundert prägen sollten. – Als Komponist war D. ebenfalls sehr produktiv, ohne dabei zu den führenden Musikern seiner Zeit zu gehören. Satztechnisch-handwerklich auf der Höhe der Zeit, fehlt seinen Kompositionen der Atem des hochbarocken Affekt-Komponierens, das zahlreiche deutsche Musiker dieser Zeit von den ins Land gekommenen Italienern oder durch eigene Italienerfahrung gelernt hatten. Ob dies mit dem übermächtigen Eindruck der Musik von Schütz, der sich der neuen Bewegung nicht mehr anschließen wollte, zusammenhing oder mit seiner wohl durch Philipp Jacob Spener, den Dresdner Oberhofprediger und Begründer des älteren Pietismus beeinflussten Frömmigkeit, ist ungewiss. Strukturelle Einfachheit und Eingängigkeit bis hin zu einer gewissen Routiniertheit charakterisieren die Musik D.s., weniger der Wille zum Ausdruck, der die Musik seiner norddeutschen Zeitgenossen, z.B. Dietrich Buxtehudes, Caspar Försters d.J., Nikolaus Bruhns’, auch Johann Theiles faszinierend machte. – Selbstständige Instrumentalmusik scheint D. nicht komponiert zu haben, sieht man von instrumentalen Vor-, Zwischen- und Nachspielen in Vokalwerken ab. Von den Sammlungen geistlicher Vokalmusik, alle als geistliche Konzerte, Aria-Bildungen bzw. Lieder vertont, sind die 22 Konzerte über den 119. Psalm (Dresden 1674) hervorzuheben, die D. anstatt der von Schütz gewünschten Instrumentation seines eigenen Werkzyklus über diesen längsten aller Psalmen komponiert hat. – D.s umfangreiche poetische Produktion bedarf einer umfassenden literaturwissenschaftlichen Würdigung. Nachhaltig wirkungsvoll erwiesen sich seine Textentwürfe zu geistlichen Kantaten, die durch Erdmann Neumeister weiterentwickelt wurden zur „Madrigalischen Kirchenkantate“ des 18. Jahrhunderts. D.s zahlreiche Musikwerke weisen ihn als versierten Komponisten aus. Sie stehen einerseits im Schatten von Schütz. Andererseits fand D. nicht den Anschluss an den damals modernen italienischen Hochbarock des ausgehenden 17. Jahrhunderts.



W  Vokalmusik: Aelbianische Musen-Lust, Dresden 1657 (ND Bern 1991 [WV]); Davidische Gebehts und Troosts...doppelte Sang-Zälle, Dresden 1662; Zwanzig gemängte Canzonetten, Dresden/Leipzig 1665; Davidischer Harfen-Schall, Frankfurt 1670; Musicalischer Jahrgang und Vesper-Gesang, Dresden 1673; König Davids Göldnes Kleinod oder Hundert und Neunzehender Psalm, Dresden 1674; Singende Sonn- und Festtaages ... Ahndachten, Dresden 1683; Geist- und Lehrreiches Kirchen- und Haußbuch...mit dem Ahnhang: Hundert ahnmutig ... geistlicher Arien, Dresden 1694, Dresden 21707; Musicalischer Jahrgang und Vesper-Gesang, hrsg. von E. Hofmann, Ditzingen 1994; Bühnenmusik: zwölf Opern (Noten verschollen), Libretti z.T. in: Neue geistliche Schauspiele, Dresden 1670: Heilige Arbeit, Dresden 1676; Instrumentalmusik: 18 Kleine geistliche Konzerte aus „Sonderbahrer Seelen-Freude“ 1672, in: U. Bremsteller/D. Hellmann (Hg.), Die Motette, Stuttgart o.J.; Schriften: Geheime Music-Cammer, darinnen 30 Psalmsprüche, Dresden 1663; Heilige Myrrhenblätter, Dresden 1665; Davidische Herz-Lust, d.i. singender Harfenklang, Jena 1669, 21680; Neue geistliche Schauspiele bekwehmet zur Music, Dresden 1670; Des Kuhr-Fürstl. Sächs. ... Capell-Meisters ... Heinrich Schützens Christ-herzliches Verlangen nach seeligster Auf-Lösung, Dresden 1670; Als... Herr Schüzze...diese Wällt geseegnet, Dresden 1672; Ahndächtige Klaag-, Buß-, Bät- Troost- und Dank-Lieder, Dresden 1680; Tägliche Übung mächtig wahrer Gottseeligkeit in lehr- und geistreichen Gesängen, Dresden 1683; Siegender Syrach, Dresden 1683; Eine halbe Schicht Berglieder und Reigen, gesammelt, verbässert und ausgegäben von ConCorD, Dresden 1688; Schwägerlicher Ehren Kranz, dem ... Herrn Christophero Bernhardi bei seiner Beerdigung, Dresden 1692; E. Neumeister, De poetis Germanicis, hrsg. von F. Heiduk in Zusammenarbeit mit G. Merwald, Bern/München 1978.

L  F. Stege, C. C. D., ein Dichter und Musiker des 17. Jahrhunderts, Diss. Berlin 1922; E. H. Müller (Hg.), Heinrich Schütz, Gesammelte Briefe und Schriften, Regensburg 1931, Hildesheim 21976, S. 249, 265 u.ö.; H. J. Moser, Heinrich Schütz. Leben und Werk, Kassel 1936, 21954; F. Fiebig, Christoph Bernhard und der stile moderno - Untersuchungen zu Leben und Werk, Hamburg 1980, S. 56, 362-365; W. Braun, Die Musik des 17. Jahrhunderts, Wiesbaden 1981, S. 150, 171f. u.ö.; W. Steude, Das wiedergefundene Opus ultimum von Heinrich Schütz, in: Schütz-Jahrbuch 1982/83, S. 9-18; W. Braun (Hg.), J. Löhner, Die triumphirende Treu, Wiesbaden 1984, S. XXII-XXVI; W. Steude (Hg.), Heinrich Schütz. Der Schwanengesang (Schütz-Werke-Verzeichnis 482-494), Kassel/Leipzig 1982, Leipzig 21989, S. VII-IX; E. Möller, Das letzte Lebensjahr von Heinrich Schütz. Zeugnisse zu seinem Ableben - das Nachwirken im Schrifttum, in: Beiträge zur musikalischen Quellenforschung 2/1991, S. 24-39; W. Steude, Anmerkungen zu David Elias Heidenreich, Erdmann Neumeister und den beiden Haupttypen der evangelischen Kirchenkantate, in: R. Jacobsen (Hg.), Weißenfels als Ort literarischer und künstlerischer Kultur im Barockzeitalter, Amsterdam/Atlanta 1994, S. 45-61; E. Möller, Eine Hochzeit im Hause Schütz, in: Beiträge zur musikalischen Quellenforschung 3/1995, S. 19-53; W. Steude, Das Grab von Heinrich Schütz in der alten Dresdner Frauenkirche, in: Die Dresdner Frauenkirche. Jahrbuch zu ihrer Geschichte und zu ihrem archäologischen Wiederaufbau 3/1997, S. 169-176; ders., Zur Vorgeschichte der „Madrigalischen Kantate“ Erdmann Neumeisters, in: Schütz-Jahrbuch 2001, S. 43-53; W. Herbst, Das „Große D.-Gesangbuch“ (Hofgesangbuch von 1694) und der frühe Pietismus in Dresden, in: ebd. 2001, S. 83-97. – ADB 5, S. 11f.; DBA I, II, III; DBE 2, S. 461; NDB 3, S. 550f; MGG2P, Bd. 5, Kassel/Stuttgart 2001, Sp. 651-655 (WV).

P  Kupferstich, Sammlung von Bildnissen gelehrter Männer und Künstler, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Wolfram Steude †
29.9.2005


Empfohlene Zitierweise:

Wolfram Steude †, Dedekind, Constantin Christian, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.4.2017)

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