Clara
Schaustellerin, Europareisende, weibliches Panzernashorn (Rhinoceros unicornis)
* 1738 Bengalen 14.4.1758 London(Konfession unbekannt)
Vunbekanntes männliches PanzernashornMunbekanntes weibliches Panzernashorn († 1738)
GND: 7749467-2

Nach dem jagdbedingten Tod seiner Mutter wurde C. im Alter von ungefähr einem Monat im Haus des Direktors der Niederländischen Ostindien-Kompanie in Bengalen, Jan Albert Sichterman, aufgenommen und wuchs dort in engem Kontakt mit Menschen auf. 1740 wurde C. an den niederländischen Kapitän Douwe Mout van der Meer (auch: Douwe Jansz Mout) verkauft, der sie per Schiff nach Europa brachte, wo sie 1741 in Rotterdam eintraf. C. war erst das fünfte lebendige Nashorn in Europa seit dem ersten Tier, das 1515 in Lissabon als Geschenk für den portugiesischen König angelandet worden war. – In der Folgezeit avancierte C. zu einer schaustellerischen Attraktion und unternahm lange Tourneen durch ganz Europa. Zu diesem Zweck ließ van der Meer einen speziellen Reisewagen anfertigen, der in der Lage war, das Gewicht C.s - in ausgewachsenem Zustand immerhin rund zwei Tonnen - auszuhalten. Der Wagen besaß ungewöhnlich große und stabile Räder, eine seitliche Einstiegsrampe, kleine vergitterte Fenster und musste von acht Pferden gezogen werden. – Nach einer ersten Präsentation 1744 in Hamburg begann C. 1746 in Hannover eine ausgedehnte Gastspielreise durch das Heilige Römische Reich deutscher Nation, die sie nach Aufenthalten u.a. in Berlin und Wien im Frühjahr 1747 nach Sachsen führte. Sie war somit das erste lebende Nashorn, das jemals sächsischen Boden betrat. Von Regensburg kommend, erreichte C. zunächst Freiberg, wo sie in einem Gasthaus auftrat. Anfang April 1747 zog sie weiter nach Dresden und wurde dort im Gasthof zum Goldenen Hirsch vor dem Pirnaischen Tor öffentlich gegen Entgelt zur Schau gestellt. Der Erfolg war - wie an den anderen Gastspielorten auch - überwältigend. Am 19.4.1747 gab C. eine Privatvorführung vor der königlich-kurfürstlichen Familie im Reithaus, die nach den Auftritten vor Friedrich II. von Preußen und der kaiserlichen Familie in Wien die dritte prominente Herrscherbegegnung des Nashorns im deutschsprachigen Raum darstellte. Während des Aufenthalts in Dresden wurde C. zudem von Johann Joachim Kändler, dem im 18. Jahrhundert bedeutendsten Modelleur der Porzellanmanufaktur in Meißen, in Porzellan verewigt. Nach Beendigung des Dresdner Gastspiels reiste C. weiter nach Leipzig, um dort während der Ostermesse 1747 aufzutreten. Auch in der Messestadt war der Zulauf des Publikums überaus beachtlich und der kommerzielle Erfolg groß. – Darüber hinaus löste C. künstlerische Reaktionen aus. Christian Fürchtegott Gellert behandelte ihren Leipziger Auftritt in dem Gedicht „Der arme Greis“ und schuf somit die erste literarische Würdigung eines Nashorns in deutscher Sprache. V.a. aber wurde C. vielfach im Bild festgehalten. Dies geschah zum einen in Gestalt von Kupferstichen, mit denen die Werbe- und Souvenirzettel für C.s Auftritte geschmückt waren. Zum anderen avancierte C. zu einem beliebten Motiv in der Malerei und wurde u.a. 1749 anlässlich eines Aufenthalts am französischen Hof in Versailles von Jean-Baptiste Oudry und 1751 in Venedig von Pietro Longhi porträtiert. – C. gehörte im Kontext des im Laufe des 18. Jahrhunderts stark expandierenden kommerziellen Schaustellergewerbes mit exotischen Tieren zu den herausragenden Attraktionen. Zugleich vermittelte C. einem breiten Publikum erstmals eine realistische Vorstellung vom Aussehen eines Nashorns und trug damit entscheidend zur Korrektur tradierter Mythen über diese Tierart bei. Zudem gilt es festzuhalten, dass der zwei Jahrzehnte dauernde Aufenthalt C.s in menschlicher Obhut aus zoologischer Sicht in der Frühen Neuzeit einzigartig war. Alle vier Vorgängernashörner, die Europa seit 1515 lebendig erreicht hatten, waren in der Gefangenschaft nach kurzer Zeit verstorben.



Q  Wahre Abbildung von einem lebendigen Rhinoceros oder Naßhorn, welches in dem Großen Mogols Gebiete gefangen worden, und nach Teutschland zu jedermanns verwunderung ..., gebracht worden, o.O. [ca. 1746] [Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden]; Auserlesener Historischer Kern Dreßdnischer Merckwürdigkeiten, Dresden 1747, S. 27f., 31 [Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden]; Eigentliche und accurate Vorstellung Des … 1746 in … Wien … angekommenen Asiatischen Wunder-Thiers Rhinoceros oder Nasen-Horn genannt ..., Augsburg [1747].

L  L. C. Rookmaaker, Captive Rhinoceroses in Europe from 1500 until 1810, in: Bijdragen tot de Dierkunde 43/1973, S. 39-63; T. H. Clarke, The Rhinoceros from Dürer to Stubbs 1515-1799, London 1986; U. Rosseaux, Freiräume. Unterhaltung, Vergnügen und Erholung in Dresden 1694-1830, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 179f.; G. Ridley, Claras Grand Tour. Die spektakuläre Reise mit einem Rhinozeros durch das Europa des 18. Jahrhunderts, Hamburg 2008.

P  Rhinozeros, J.-B. Oudry, 1749, Öl auf Leinwand, Staatliches Museum Schwerin; Exhibition of a Rhinoceros at Venice (Ausstellung eines Rhinozeros in Venedig), P. Longhi, ca. 1751, London, National Gallery; Accurate Abbildung eines Asiatischen Rhinozeros weiblichen Geschlechts, M. Deisch, 1754, Kupferstich, The Rhino Resource Center, Cambridge (Bildquelle).



Ulrich Rosseaux
6.10.2008


Empfohlene Zitierweise:

Ulrich Rosseaux, Clara, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.6.2017)

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