Bernhard (Bernhardi) Christoph
Sänger, Komponist, Musiktheoretiker, Hofkapellmeister
* 1.1.1628 Kolberg (poln. Kołobrzeg) ? 14.11.1692 Dresden
1659 Christina Barbara, geb. WeberS4 u.a. Theodor; ChristianT1
GND: 118509845

B. zählt nicht zuletzt aufgrund seiner italienisch-deutschen Vermittlerrolle und seiner Vielseitigkeit zu den herausragenden Gestalten der Musikpflege am Dresdner Hof des 17. Jahrhunderts. Er gilt als einer der Vorbereiter des italienischen Musikbarock in Mittel- und Norddeutschland. Dass Heinrich Schütz in seinen letzten Lebensjahren eine persönliche Sympathie für B. entwickelte, gestattet aber nicht, ein direktes Lehrer-Schülerverhältnis zwischen beiden anzunehmen. – Offenbar aus einfachen Verhältnissen stammend, soll er, einem unbeglaubigten Bericht des 18. Jahrhunderts zufolge, als „Pauperknabe“ in Danzig (poln. Gdańsk) Schüler der Lateinschule gewesen sein. Ob er dort auch die Grundlagen seiner Musikausbildung legen konnte, ist nicht sicher bezeugt, aber die Verbindung zu Caspar Förster d.Ä., Kantor an St. Marien in Danzig, und zu dessen Sohn Caspar Förster d.J., einem begabten Komponisten, ist wahrscheinlich. Eine weitere Musikausbildung genoss er in Warschau bei dem Hofkapellmeister Marco Scacchi. Denkbar, dass seine Kenntnis der italienischen Sprache aus dieser Zeit herrührte. B. muss ein Jurastudium begonnen haben, wo, ist unbekannt. Wahrscheinlich im Zusammenhang mit der dänischen Fürstenhochzeit 1642, die Schütz, aus Dresden kommend, musikalisch auszugestalten hatte, dürfte B., ein wohl schon als Knabe begehrter Sänger, in Kontakt mit dem Dresdner Hofkapellmeister gekommen sein. Vom 1.8.1649 datiert seine Anstellung in der Dresdner Hofkapelle als „Musicus und Singer“, d.h. als Instrumentalmusiker und Altist. Wahrscheinlich war er spätestens 1648 in die kursächsische Residenz gekommen. Zwischen 1649 und 1650 muss B.s erste Italienreise erfolgt sein, die zweifellos seiner weiteren Ausbildung gegolten hat. Sicherlich nicht ohne eine Empfehlung Scacchis nahm er Unterricht bei Giacomo Carissimi in Rom, dem Kapellmeister an San Apollinare und Musiklehrer am jesuitischen Collegium Germanicum, der durch seine zahlreichen Schüler, auch aus Frankreich und aus den Landschaften nördlich der Alpen, eine geradezu epochemachende Wirkung zur Verbreitung des römischen Barockstils in der Musik ausübte. – Aufgrund finanzieller Missstände der Hofkapelle und ausbleibender Gehaltszahlungen bat B. den Kurfürsten 1651 um Entlassung mit der Begründung, sein Jurastudium wieder aufnehmen zu wollen. Allerdings erfolgte dieser Schritt nicht; auch eine Bewerbung am schleswigschen Hof in Gottorf 1653 führte nicht zum Erfolg. 1655 wurde er zum Vizekapellmeister berufen mit der Verpflichtung, Schütz bei dessen Abwesenheit zu vertreten. Eine weitere Reise nach Italien trat B. nach dem Tod des Kurfürsten Johann Georg I. 1657 an. In gleichen Jahr wurde Schütz der lange erstrebte „halbe Ruhestand“ gewährt und die kurfürstliche mit der kurprinzlichen Kapelle zusammengelegt, in der das moderne italienische Barockmusizieren unter Giovanni Andrea Bontempi immer stärker dominierte. B. brachte von seiner zweiten Italienreise - vermutlich in kurfürstlichem Auftrag - den Sänger Marco Giuseppe Peranda mit nach Dresden, der 1661 Vizekapellmeister und 1663 Hofkapellmeister als Nachfolger von Vincenzo Albrici wurde. Clemens Thieme und Constantin Christian Dedekind, beides produktive Komponisten, sind u.a. als Kompositionsschüler B.s bezeugt. Dessen wichtigen musiktheoretischen Arbeiten dürften auch durch diesen Unterricht angeregt worden sein. – 1659 heiratete B. Christina Barbara Weber, eine Schwägerin Dedekinds. Aus dieser Ehe gingen u.a. zwei Söhne hervor, die an der Wittenberger Universität studierten. – Enttäuscht über Perandas Berufung zum Hofkapellmeister der nunmehr großen Hofkapelle (1663) bewarb sich B. auf Anregung seines Freunds Matthias Weckmann nach Hamburg als Musikdirektor aller vier Hauptkirchen. Im Dezember dieses Jahres wurde er als solcher bestätigt und im Februar 1664 feierlich in sein Amt eingeführt. Das 1665 in Dresden gedruckte Sammelwerk von geistlichen Konzerten „Geistlicher Harmonien Erster Theil“ war in Dresden entstanden, wurde aber den Hamburger Ratsherren gewidmet. Ein zweiter Teil ist nicht erschienen. – Zehn Jahre verbrachte B. als Kantor in Hamburg, wo er abwechselnd an den Hauptkirchen die Kirchenmusik leitete. Daneben hatte er für weitere Aufführungen zu sorgen und an der Johannisschule in den oberen Klassen Musik zu unterrichten. Er übernahm das von Weckmann 1660 gegründete „Collegium musicum“, dem zuweilen etwa 25 Instrumentalisten und ebenso viele Sänger angehörten. – Die Mehrzahl der heute in Uppsala (Schweden) aufbewahrten Werke dürfte in B.s Hamburger Jahren entstanden sein. 1670 bat ihn Schütz um eine für seine Beisetzung bestimmte Trauermotette. Die daraufhin von B. komponierte und von Schütz hochgelobte Motette „Cantabiles mihi erant justificationes tuae in loco peregrinationis meae“ (Psalm 119,54) „im praenestinischen Contrapunct-Styl“ zu sechs Stimmen wurde bei der Trauerfeier in der alten Frauenkirche am 17.11.1672 durch die „teutzsche Musica“ unter Dedekind musiziert. Die Noten sind nicht erhalten geblieben. – 1674 rief Kurfürst Johann Georg II. B. nach Dresden zurück und stellte ihn als Vizekapellmeister - unter seinem früheren Rivalen Peranda, der 1675 starb - und Prinzenerzieher an. Seine Schüler waren die Prinzen Johann Georg (IV.) und dessen Bruder Friedrich August (nachmalig „der Starke“). 1676 redigierte B. das neue Dresdner Hofgesangbuch „Geistreiches Gesangbuch“, das den Stich von David Conrad mit der Schlosskapelle und Schütz mit der Kantorei als Frontispiz sowie den Becker-Psalter von Schütz in der reduzierten Form von einstimmigen Generalbassliedern enthält. – Nach dem Tod Johann Georgs II. 1680 rückte B. endlich zum Hofkapellmeister auf. Um 1685 erwarb er ein Weingut mit Weinberg und Weinschank auf der Loschwitzer Höhe oberhalb Dresdens und nannte es „Zum weißen Hirsch“; auch die „Lohschänke“ (nachmalig „Weißer Adler“) kam in seinen Besitz. Beides übernahm nach B.s Tod sein Schwager Dedekind, der ihm ein 14-strophiges Epicedion gewidmet hat, dem auch wichtige biografische Angaben zu entnehmen sind. – B.s überliefertes kompositorisches Gesamtwerk scheint nicht sehr umfangreich gewesen zu sein. Größere Werkverluste durch den Brand des Dresdner Hofnotenarchivs 1760 sind allerdings einzukalkulieren. Seine stärkere Begabung lag wohl auf dem Gebiet der Musikpraxis, den Gesang eingeschlossen, und der systematischen Erfassung und Darstellung damals aktueller Probleme des Komponierens. Vielseitig begabt, schuf er auch Gedichte und deutsche Übersetzungen von italienischen Operntexten. – In der bisherigen Musikgeschichtsschreibung seit Johann Matthesons „Grundlagen einer Ehrenpforte“ 1740 wird B. als der wichtigste Schüler von Heinrich Schütz bewertet. Das scheint aber auf unzuverlässiger Überlieferung und einem irrtümlichen Eindruck zu beruhen. Weder die etwa 15-jährige Tätigkeit als Kapellmusiker und zuletzt Vizekapellmeister unter Schütz, noch dessen Bitte um die Trauermotette berechtigen zu dieser Annahme. Vielmehr wird B. von zwei Lehrern entscheidend geprägt worden sein: von Scacchi, der ihn wahrscheinlich besonders im reinen Satz des alten polyphonen Stils der Renaissance unterrichtete - dies allerdings ganz im Sinne von Schütz - und durch Carissimi, durch den er den hochbarocken „Stylus luxurians theatralis“ kennen- und handhaben lernte. B. war im Besitz eines der wichtigsten Lehrwerke des 16. Jahrhunderts, der „Istitutioni harmoniche“ des Gioseffo Zarlino in der Auflage Venedig 1573. Das sich heute im Besitz des Evangelischen Predigerseminars Wittenberg befindliche Exemplar mit seinem Possessor-Eintrag war sicherlich durch B.s Söhne Theodor und Christian in den Bestand der Wittenberger Universität übergegangen. – B.s handschriftlich überlieferten theoretischen Schriften, der „Tractatus compositionis augmentatus“ und der „Ausführliche Bericht vom Gebrauche der Con- und Dissonantien“, versuchen auf der Basis des alten modalen Tonsystems theoretisch das neue konzertierende Komponieren des 17. Jahrhunderts mit der alten kontrapunktischen Satzkunst des 16. Jahrhunderts zu harmonisieren. So werden der alte rhetorische und ein neuer „Figur“-Begriff sowie die Konsonanz- mit der Dissonanzbehandlung zu einem komplexen Regelwerk zusammengefasst - im Gegensatz etwa zu Claudio Monteverdi, der sich partiell über konventionelle Regeln in bestimmten Kompositionen aufgrund einer neuen barocken Ausdruckästhetik hinwegsetzte. In B.s Schriften die Kompositionslehre von Schütz zu sehen, ist ein längst überwundener Erkenntnisstand. Die ihm zugeschriebene Gesangslehre „Von der Singe-Kunst oder Manier“, wohl aus seiner eigenen Sängerpraxis hervorgegangen, vermittelt einen Eindruck der italienisch geprägten solistischen vokalen Aufführungspraxis der Mitte des 17. Jahrhunderts, die in vielen Einzelheiten nicht mehr auf das Schütz-Werk angewandt werden kann.



W  Vokalmusik: Geistliche Harmonien, Dresden 1665 (ND Kassel 1972); 19 Geistliche Konzerte für Singstimmen und Instrumente in hs. Überlieferung, in: O. Drechsler (Hg.), Geistliche Konzerte und andere Werke, Kassel 1982; M. Seiffert (Hg.), Matthias Weckmann und Christoph B., Solokantaten und Chorwerke mit Instrumentalbegleitung, Leipzig 1901; Christ unser Herr zum Jordan kam, in: O. Drechsler (Hg.), Christoph B. Eine Kurzmesse und eine Motette, Wolfenbüttel 1969; 14 Lieder, in: C. Stiler, Die geharnschte Venus, Hamburg 1660 (ND München 1968); Johannespassion, 1662 (verschollen); Schriften: Ausführlicher Bericht vom Gebrauche der Con- und Dissonantien, in: J. Müller-Blattau (Hg.), Die Kompositionslehre Heinrich Schützens in der Fassung seines Schülers Christoph B., Kassel 1963.

L  J. Mattheson, Grundlagen einer Ehren-Pforte, Hamburg 1740, S. 17-22 (ND Berlin 1910); W. Steude, Die Markuspassion in der Leipziger Passionen-Handschrift des Johann Zacharias Grundig, in: Deutsches Jahrbuch der Musikwissenschaft 14/1969, S. 101; F. Fiebig, Christoph B. und der stile moderno, Hamburg 1980; W. Horn, Die Kompositionslehre Christoph B.s in ihrer Bedeutung für einen Schüler, in: Schütz-Jahrbuch 17/1995, S. 97-118. – DBA I, III; DBE 1, S. 466; ADB 2, S. 456-458; NDB 2, S. 117; H. Riemann, Musiklexikon; MGG 1, Sp. 1785-1789; MGG2 P, Bd. 2, Kassel/Stuttgart 1999, Sp. 1399-1404; NGroveD (2/2001).



Wolfram Steude †
9.1.2006


Empfohlene Zitierweise:

Wolfram Steude †, Bernhard (Bernhardi), Christoph, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.7.2017)

Wikipedia Link