Ehrenberg Christian Gottfried
Naturforscher, Mikrobiologe
* 19.4.1795 Delitzsch 27.6.1876 Berlin(ev.)
VJohann Gottfried (1757-1826), Bürgermeister in DelitzschMChristiane Dorothea, geb. Becker (1769-1808), Tochter eines Delitzscher GastwirtsGCarl August (1801-1849), Kaufmann, Kakteenforscher 1.1831 Julie, geb. Rose (1804-1848), Tochter des Wismarer Kaufmanns Konsul Johannes Rose 2.1852 Karoline Friederike, geb. Friccius (1812-1895), Tochter des preußischen Generalauditors Karl Friedrich Friccius
GND: 118529250






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E. erwarb sich einen bedeutenden Namen als Biologe und Forschungsreisender des 19. Jahrhunderts. Er leistete wichtige Beiträge zur Systematisierung der Mikroorganismen und zählt zu den Mitbegründern der Mikropaläontologie. – E. besuchte ab 1809 die Fürstenschule Schulpforte bei Naumburg. 1815 begann er ein Theologiestudium an der Universität Leipzig, das er 1817 aber bereits wieder aufgab, um Medizin zu studieren. Zur Ableistung seines Militärdienstes wechselte er nach Berlin, wo er 1818 das Staatsexamen ablegte. Im gleichen Jahr promovierte er mit dem Thema „Sylvae mycologicae Berolinenses“. Darin behandelte er nicht nur viele für Berlins Umland bislang unbekannte Pilzarten, sondern wies auch deren geschlechtliche Fortpflanzung nach, womit er sich gegen die herrschende Lehrmeinung richtete. Diese Arbeit verschaffte ihm engen Kontakt zu Gelehrten wie dem Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso sowie zu Christian Gottfried Nees von Esenbeck und Alexander von Humboldt, die seinen künftigen Lebensweg entscheidend prägen sollten. Noch 1818 wurde er durch Esenbeck Mitglied der Leopoldina, deren Präsident dieser war. Auch Humboldt, mit dem E. zwischen 1820 und 1859 über 300 Briefe wechselte, setzte sich Zeit seines Lebens mehrfach fördernd für ihn ein. So nahm er auf Vorschlag Humboldts an der unter Heinrich Freiherr Menu von Minutoli geleiteten und im Auftrag des preußischen Königs ab 1820 durchgeführten archäologischen Expedition nach Afrika teil. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Militärchirurgen Friedrich Wilhelm Hemprich reiste er am 15.6.1820 von Berlin über Breslau (poln. Wrocław) nach Wien und schließlich über Klagenfurt am Wörthersee (Österreich) nach Triest (ital. Trieste). In seiner 1828 herausgegebenen „Naturgeschichtlichen Reise durch Nordafrika und Westasien“ schilderte E. die äußerst schwierige Situation der Expeditionsgesellschaft, die vielfach unter Krankheiten und mehreren Todesfällen zu leiden hatte. Hinzu kam die mangelnde technische Ausrüstung. Insgesamt seien dadurch die naturwissenschaftlichen Beobachtungen eingeschränkt worden. Große Teile der gesammelten archäologischen Objekte gingen später durch Schiffbruch wieder verloren, die Reste wurden von König Friedrich Wilhelm III. angekauft. – Noch bevor von Minutoli schon 1822 nach Preußen zurückgekehrt war, hatten sich E. und Hemprich - nicht zuletzt aufgrund von Spannungen innerhalb der Reisegruppe - von der Expedition getrennt, um nach eigenen Plänen weiterzureisen. Auch sie blieben nicht von Rückschlägen verschont. So erkrankte E. bei Sakkara (Ägypten) an Typhus, in Ober-Dongola sowie in Massaua (Eritrea) an einem Fieber. Hemprich starb 1825 bei Massaua, sodass E. im darauffolgenden Jahr allein nach Hause zurückkehren musste. Von ihrer Expedition gelangten große Sammlungsbestände von 34.000 Tieren und 46.000 Pflanzen in die Heimat. Nachdem Humboldt bereits die Reise mit Empfehlungsschreiben unterstützt und Finanzmittel eingeworben hatte, gelang es ihm nun, den preußischen Kultusminister für deren Auswertung zu gewinnen. Die Forschungsreise E.s und Hemprichs brachte neue Erkenntnisse über Wachstum und Ernährung der Korallen, über die Ursachen der Färbung des Roten Meeres und über den Passatstaub als Ursache des sog. Blutregens. – Noch 1826 wurde E. außerordentlicher Professor für Medizin an der Berliner Universität, bevor er Humboldt 1829 auf dessen Asiatischer Reise begleitete. Diese wissenschaftliche Expedition fand auf Einladung des russischen Zaren Nikolaus I. statt. Zur Reisegesellschaft gehörte ebenfalls der Mineraloge Gustav Rose, seit 1826 Professor in Berlin und seit 1831 mit E. über dessen erste Ehefrau Julie verwandt. Die Reise verlief ab April zunächst von Berlin nach St. Petersburg und ab dem 20.5.1829 nach Jekaterinburg. Von dort erfolgten mehrere Exkursionen in das Goldseifenwerk Schabrowskoi, in die Goldgruben von Beresowsk sowie zur Kupfergrube nach Gumeschewskoi. Von Jekaterinburg reiste die Gesellschaft weiter in den Ural, dann in den Altai und kehrte am 13.9. wieder nach St. Petersburg zurück. Die Expedition umfasste ca. 15.000 km und stand unter großem zeitlichen Druck, um dem russischen Winter zu entgehen. Zu ihren Resultaten gehörte u.a. die Organisation eines weltweiten erdmagnetischen Beobachtungsnetzes. Ferner besuchte E. 1833 Skandinavien und 1845 die Eifel. – Im Anschluss an die Asiatische Reise widmete sich E. fast ausschließlich mikroskopischen Untersuchungen. 1834 publizierte er über „Die Corallenthiere des rothen Meeres“, nachdem diese Abhandlung bereits am 3.3.1831 vor der Königlichen Akademie der Wissenschaften verlesen worden war. Darin gab er u.a. eine Übersicht über die Organisation sowie die Physiologie der Polypenklasse. – E. war mehrfach Dekan der Berliner Medizinischen Fakultät, so in den Jahren 1848/49, 1852/53, 1856/57, 1859/60 und 1863/64. Zudem war er 1855/56 Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. In seiner am 15.10.1855 gehaltenen Antrittsrede wandte er sich gegen eine Einengung und Überwachung der universitären Tätigkeiten. Wichtigste Aufgabe der Universität sei, empirische Wissenschaft als „Befragung“ der Natur zu vermitteln. – Ebenso war E. Mitglied in verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften, zu denen neben der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, deren Sekretär er 1842 war, auch die Berliner Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zählt. Hier bekleidete er 1831 bis 1851 ebenfalls das Amt des Sekretärs und führte 1851 bis 1875 deren Vorsitz. 1842 wurde er Mitglied der Friedensklasse des Ordens Pour le Mérite. Ferner ist seine Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Erdkunde zu erwähnen, ebenso seine Auszeichnung mit dem Roten Adlerorden.



W  Sylvae mycologicae Berolinensis, Berlin 1818; Reisen in Ägypten, Lybien, Nubien und Dongala, Berlin/Posen/Bromberg 1828; Naturgeschichtliche Reisen durch Nord-Afrika und West-Asien, Berlin 1828; Symbolae physicae, Berlin 1828-1845; Organisation, Systematik und geographisches Verhältnis der Infusionstierchen, Berlin 1830; Zur Erkenntnis der Organisation in der Richtung des kleinsten Raumes, Berlin 1832-1834; Die Corallenthiere des rothen Meeres, Berlin 1834; Das Leuchten des Meeres, Berlin 1835; Zusätze zur Erkenntnis großer Organisation im kleinen Raum, Berlin 1836; Die Akalephen des rothen Meeres und der Organismus der Medusen der Ostsee, Berlin 1836; Die fossilen Infusorien und die lebendige Dammerde, Berlin 1837; Die Infusionstierchen als vollkommene Organismen, Leipzig 1838; Atlas über Infusionsthierchen, Leipzig 1838; Die Bildung der europäischen, libyschen und arabischen Kreidefelsen und des Kreidemergels aus mikroskopischen Organismen, Berlin 1839; Passatstaub und Blutregen, Berlin 1849; Mikrogeologie, Leipzig 1854; Über mächtige Gebirgsschichten aus mikroskopischen Bacillarien unter und bei der Stadt Mexiko, Berlin 1869; Über die wachsende Kenntnis des unsichtbaren Lebens als felsbildende Bacillarien in Kalifornien, Berlin 1870; Mikrogeologische Studien über das kleinste Leben der Meerestiefgründe aller Zonen, Berlin 1873.

L  M. Laue, Christian Gottfried E., Berlin 1895; W. Kirsche, Christian Gottfried E. zum 100. Todestag, Berlin 1977; I. Jahn (Hg.), Geschichte der Biologie, Jena 31998, S. 815; D. Gerlach, Geschichte der Mikroskopie, Frankfurt/Main 2009. – ADB 5, S. 701-711; DBA I, II, III; DBE 3, S. 37; NDB 5, S. 349f.; H. Wußing (Hg.), Fachlexikon ABC Forscher und Erfinder, Thun/Frankfurt/Main 1992, S. 166f.

P  Der Naturforscher Christian Gottfried E., E. L. Radtke, 1857, Ölgemälde, Gemäldesammlung Schloss Sanssouci Potsdam; Christian Gottfried E., 1910, Fotografie, Photographische Gesellschaft Berlin (Bildquelle).



Martin Schneider
13.7.2010


Empfohlene Zitierweise:

Martin Schneider, Ehrenberg, Christian Gottfried, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.8.2017)

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