Arnold Christian Friedrich
Architekt
* 12.2.1823 Drebach 13.6.1890 Dresden(ev.)
VJohann Christian, Bauer, Gerichtsschöffe in DrebachMJohanne Christliebe, geb. Gerlach1853 Anna Louise, geb. Heinrich
GND: 118905813





Der an der Dresdner Kunstakademie lehrende A. war ein bedeutender Architekt des akademischen Historismus in Sachsen. Zwischen 1860 und 1890 baute, restaurierte oder erneuerte er mehr als 40 Kirchen. Er war einer der ersten Architekten, die den von Christian Ludwig Stieglitz und Karl August Heideloff in Sachsen eingeführten neogotischen Stil verwendeten. Seine Bauten, die eine stark romantische Färbung aufweisen, bildeten die Grundlage für die historistische Architektur des späten 19. Jahrhunderts, wobei sein Einfluss auf Sachsen beschränkt blieb. – Der aus einer Bauernfamilie stammende A. lernte an der Gewerbeschule in Chemnitz, bevor er an der Dresdner Kunstakademie ein Architekturstudium aufnahm. Zu seinen Lehrern gehörten Gustav Heine und Gottfried Semper, bei dem A. kurzzeitig als Bauführer beschäftigt war. Nachdem er 1849 den Staatspreis und ein Stipendium erhalten hatte, bereiste er 1850 bis 1852 Süddeutschland, Italien, Frankreich und Belgien. 1853 wurde er als dritter Lehrer für Baukunst und Bauwissenschaft an die Dresdner Kunstakademie berufen. 1861 übertrug man ihm die Professur für Perspektive und Ornamentik. A. lehrte bis 1885 in Dresden. – Der Semperschüler A. war zunächst stark von der italienischen Renaissance beeinflusst. Die 1860 erbaute Villa Löschke in der Tolkewitzer Straße 71/73 in Dresden-Blasewitz zeigt, dass A. auch die deutsche Renaissance meisterhaft handhaben konnte. Doch er griff schon frühzeitig auf den neogotischen Baustil zurück, der bis dahin in Dresden unbekannt gewesen war. A. leitete seit 1856 die Restaurierung des Meißner Doms, und seine Beschäftigung mit der heimischen Gotik brachte ihm die mittelalterliche Baukunst nahe. Die Villa Souchay in Dresden-Blasewitz, auch Schloss Eckberg genannt, gestaltete er 1859 bis 1861 im englischen Tudorstil, während die Bauformen der Kreuzschule am Georgplatz (1863-1866, 1945 zerstört, 1950 abgebrochen) aus der deutschen und französischen Gotik abgeleitet sind. A. setzte sich für die Neogotik ein, weil er diesen Stil als besonders christlich und kirchennah empfand. 1860 wurde in Dresden unter A.s Beteiligung der Verein für kirchliche Kunst gegründet, der sich das Ziel setzte, die Gotik als kirchlichen Stil auch für die lutherische Kirche verbindlich zu machen. Im Jahr darauf empfahl A. die Gotik ausdrücklich für den evangelischen Kirchenbau. Seinen Ruf als erfahrener „Gotiker“ erwarb er sich A. v.a. mit dem Umbau der Dresdner Sophienkirche (1864-1868, 1945 zerstört, 1962 abgerissen). Der spätgotische Bau wurde mit reichem Dekor im Stil des 14. Jahrhunderts umkleidet und mit einer aufragenden Doppelturmfront versehen. Die Turmdetails waren dem Südostturm des Meißner Doms nachempfunden, dessen Erneuerung A. zuvor geleitet hatte. A.s Gotik ist sehr „trocken“ und akademisch. Er setzte die mittelalterlichen Formen überwiegend dekorativ ein, ohne das konstruktive Prinzip der Gotik voll verstanden zu haben. – In Sachsen baute A. nicht wenige Stadt- und Dorfkirchen. Dabei hielt er sich streng an das Eisenacher Regulativ von 1861, das eine deutliche Trennung des längsgerichteten Kirchenschiffs vom Chor vorsah. Die Kirchen sind entweder als Basiliken oder als einschiffige Langhausbauten angelegt. A. ging auf die liturgischen und praktischen Anforderungen ein und schuf klare, ausgewogene Raumlösungen. Während die Kirchen in Staucha (1861-1863), Taucha (1861-1863) und Wantewitz (1862-1864) neogotisch gestaltet sind, bevorzugte A. später den klassizistisch geprägten Rundbogenstil, bei dem sich Grundzüge der italienischen Renaissance mit romanischen Motiven verbinden. Die Kirchen in Falkenstein/Vogtland (1865-1869), Eppendorf (1862-1864), Sachsenberg-Georgenthal (1880), Chemnitz-Altendorf (1884/85), Zwota (1884/85), Lengefeld (1885/86) und Pfaffroda bei Sayda (1886/87) lassen sich dieser Richtung zuordnen. Die Stadtkirche in Wehlen (1883) und die Emmauskirche in Freital-Potschappel (1875-1877) zeigen einen für die Entstehungszeit ungewöhnlichen Mischstil. Auch A.s letzter Bau, die Friedenskirche in Dresden-Löbtau (1889/90, 1945 teilweise zerstört), besitzt einfache, schmucklose, durch Rundbogenmotive untergliederte Fassadenflächen. – A.s Kirchenrestaurierungen waren von dem Bestreben geleitet, möglichst stilreine Ausstattungen zu schaffen. Die 1856 begonnene Restaurierung des Meißner Doms, v.a. des Kirchenschiffs, wurde erst 1871 abgeschlossen. Der zum Dombaumeister berufene A. ersetzte die barocken Einbauten durch eine neogotische Ausstattung. Auch erneuerte er die Innenräume der Kunigundenkirche in Rochlitz (1862-1884) und der Frauenkirche in Meißen (1883/84). Da seine neogotischen Ergänzungen sehr trocken ausgeführt waren und wenig Gespür für die mittelalterliche Raumwirkung verrieten, wurden sie im 20. Jahrhundert fast durchweg beseitigt. Den Barockstil lehnte A. ab. Deswegen griff er bei der Erneuerung von Barockkirchen, so in Hohnstein (1881) und Schmiedeberg bei Annaberg (1883), auf Bauformen der Renaissance zurück. Die Restaurierung der Stadtkirche in Frankenberg (1874-1878) kann als gelungen bewertet werden, weil sie dem kargen Emporensaal ein stärker kirchliches Gepräge verlieh. – A.s akademischer Historismus wurde nach 1880 von einem freieren Umgang mit dem historischen Formengut abgelöst. Darauf hatte der Akademieprofessor aber nur wenig Einfluss.



W  Bauwerke: Dom Meißen, Restaurierung, 1856-1871; Villa Souchay (Schloss Eckberg) Dresden-Blasewitz, 1859-1861; Villa Löschke Dresden-Blasewitz, 1860; Kirche Staucha, 1861-1863; Kirche Taucha, 1861-1863; Kunigundenkirche Rochlitz, Erneuerung des Innenraums, 1862-1884; St.-Urban-Kirche Wantewitz, 1862-1864; Kirche Eppendorf, 1862-1864; Kreuzschule Dresden, 1863-1866, 1945 zerstört, 1950 abgebrochen; Sophienkirche Dresden, Umbau, 1864-1868, 1945 zerstört, 1962 abgerissen; Heilig-Kreuz-Kirche Falkenstein/Vogtland, 1865-1869; Stadtkirche Frankenberg, Restaurierung, 1874-1878; Emmauskirche Freital-Potschappel, 1875-1877; Villa Quisiana, Bad Schandau, 1880; Johanniskirche Sachsenberg-Georgenthal, 1880; Stadtkirche Hohnstein, Restaurierung, 1881; Stadtkirche Wehlen, 1883; Dreifaltigkeitskirche Schmiedeberg, Restaurierung, 1883; Frauenkirche Meißen, Erneuerung des Innenraums, 1883/84; St.-Matthäus-Kirche Chemnitz-Altendorf, 1884/85; Kirche Zwota, 1884/85; Heilig-Kreuz-Kirche Lengefeld, 1885/86; Kirche Pfaffroda, 1886/87; Friedenskirche Dresden-Löbtau, 1889/90, 1945 teilweise zerstört; Schriften: Der Herzogliche Palast von Urbino, Leipzig 1857.

L  Professor A. in Dresden, in: Deutsche Bauzeitung 24/1890, S. 304, 307; R. Bruck, Die Sophienkirche in Dresden, Dresden 1912; G. Schmidt, Dresden und seine Kirchen, Berlin 1976; F. Löffler, Die Stadtkirchen in Sachsen, Berlin 1977; ders., Das alte Dresden, Leipzig 1981; V. Helas, Architektur in Dresden 1800-1900, Braunschweig/Wiesbaden 1985; H. Magirius, Geschichte der Denkmalpflege. Sachsen, Berlin 1989; ders./H. Mai, Dorfkirchen in Sachsen, Berlin 1985; H. Mai, Kirchen in Sachsen. Vom Klassizismus bis zum Jugendstil, Berlin/Leipzig 1992; H. Magirius, Die Kreuzschule am Georgplatz in Dresden, in: Dresdner Hefte 30/1992, S. 37-47; M. Donath, Die Wiederentdeckung des Meißner Doms als Monument gotischer Baukunst und die Restaurierungen des 19. Jahrhunderts, in: G. Donath (Hg.), Die Restaurierung des Doms zu Meißen 1990-2002, Stuttgart 2003, S. 30-36. – AKL, Bd. 5, München/Leipzig 1992, S. 217f.; DBA I; DBE 1, S. 186; NDB 1, S. 384; Thieme/Becker, Bd. 2, Leipzig 1999, S. 129f.



Matthias Donath
1.12.2006


Empfohlene Zitierweise:

Matthias Donath, Arnold, Christian Friedrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (20.11.2017)

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