Weiße Christian Felix
Dramatiker, Lyriker, Kinderschriftsteller, Übersetzer, Kreissteuereinnehmer
* 28.1.1726 Annaberg 16.12.1804 Stötteritz bei Leipzig Leipzig, Alter Johannisfriedhof(ev.)
VChristian Heinrich (1688-1730), Pädagoge, PhilologeMChristiane Elisabeth, geb. Cleemann († 1760)G2 u.a. Johanne Christiane, verh. Albrecht (1726-1795)1763 Christiana, geb. Platner († 1813)SChristian Ernst (1766-1832), Rechtswissenschaftler, Rektor der Universität Leipzig; Christian August (1771-1773)TChristiana Henriette (* 1765); Carolina Sophia (* 1774); Juliana Dorothea (1776-1806)
GND: 118630563





Die Attribute des Lyrikers, Dramatikers, Kinderschriftstellers, Übersetzers und Zeitschriftenredakteurs W. sind vielfältig und Ausweis seiner herausragenden Rolle in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Seine Verdienste gerieten jedoch, nicht zuletzt durch eine einseitige literaturwissenschaftliche Forschung, schnell in Vergessenheit. Sie ließen ihn in der Folgezeit zu einer Randerscheinung der deutschen Aufklärung werden, der erst seit den 1980er-Jahren wieder mehr Aufmerksamkeit zuteilwird. Zwischen 1750 und 1780 war W. nicht nur einer der bekanntesten und am häufigsten gespielten Bühnenautoren auf dem deutschen Theater. Er gilt außerdem als Begründer des deutschen Singspiels und als einer der Väter der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Zu Lebzeiten war er ein überaus populärer, wenngleich auch umstrittener Dichter und stand im Mittelpunkt des literarischen Leipzigs. – W. stammte aus einer Pastoren- und Gelehrtenfamilie. Sein Großvater und Vater wirkten als anerkannte Pädagogen in Sachsen. Noch im Herbst seines Geburtsjahrs zog die Familie um, da der Vater, bis dahin Rektor der Annaberger Lateinschule, die Direktorenstelle am Altenburger Friedrichsgymnasium erhielt. Ab seinem zehnten Lebensjahr besuchte W. diese Schule selbst für neun Jahre. Ostern 1745 nahm er in Leipzig ein Studium auf und hörte bis 1750 Vorlesungen in der Theologie und Philologie. Als Student freundete er sich mit Gotthold Ephraim Lessing, Gottlieb Wilhelm Rabener, Christian Fürchtegott Gellert und Ewald von Kleist an und begann, erste Theaterstücke und Gedichte zu verfassen. Nach seinem Studium übernahm er durch die Vermittlung Johann Christoph Gottscheds eine Hofmeisterstelle beim Grafen von Geyersberg und hörte in dieser Funktion juristische, statistische, kameralistische und publizistische Vorlesungen an der Leipziger Universität. Er begleitete den jungen Grafen Johann Heinrich von Geyersberg im November 1759 auf dessen Grand Tour nach Paris, wo er Jean-Jacques Rousseau, Jean-Baptiste le Rond d’Alembert und zahlreiche andere Intellektuelle traf und regelmäßig das „Théâtre italien“ besuchte. Nach seiner Rückkehr im Mai 1760 wurde er Gesellschafter des Grafen von Schulenburg und hielt sich v.a. am Gothaer Hof und auf Schloss Burgscheidungen auf. Dort hatte er die Möglichkeit, seine literarische Tätigkeit fortzusetzen. Er schrieb neue Amazonenlieder, übersetzte die Kriegslieder des Tyrtaios und arbeitete an weiteren Trauerspielen und Komödien. Zu Jahresbeginn 1762 erhielt er durch die Vermittlung seines Freunds Rabener in Leipzig das Amt des Kreissteuereinnehmers. Dieses sicherte ihn finanziell ab und ermöglichte ihm die Heirat mit Christiana, einer Tochter des Leipziger Medizinprofessors und Hofrats Johann Zacharias Platner. Der Mediziner Ernst Platner wurde sein Schwager. Mit der Anstellung war nicht nur W.s gesellschaftlicher Aufstieg in die Oberschicht verbunden, schon bald wurden ihm weitere Ämter wie das des städtischen Weininspekteurs, des Tranksteuer- und Mahlgroscheneinnehmers sowie die Betreuung der Kreisinvalidenkasse angetragen. Darüber hinaus wirkte er in verschiedenen Sozietäten und unterhielt auf diese Weise Kontakte zu Persönlichkeiten des städtischen Bildungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftswesens. W. war u.a. Mitglied der Montagsgesellschaft, der Deutschen Gesellschaft zu Leipzig und Göttingen, der Journalistischen Gesellschaft und der Harmonie, zu deren Gründern er zählte, sowie der Ökonomischen Societät. Seiner gesellschaftlichen Position und seinem guten Ruf als Schriftsteller folgten zahlreiche Bitt- und Vermittlungsgesuche, denen er seinen Möglichkeiten entsprechend nachkam. Er förderte Studienabgänger und junge Literaten, vermittelte ihnen Verdienstmöglichkeiten und Verleger. Johann Gottfried Seume unterstützte er durch eine Hofmeisterstelle im Haus des livländischen Grafen Gustav Andreas Otto von Igelström, des Weiteren überließ er ihm die Translation eines englischen Briefromans, und Siegfried August Mahlmann vermittelte er als Erzieher nach Riga. – Bereits während seines Studiums hatte W. zusammen mit Lessing Lustspiele und Tragödien für das Theater der Friederike Caroline Neuber aus dem Englischen und Französischen übersetzt sowie Gedichte im anakreontischen Stil verfasst, die in verschiedenen Periodika sowie einer ersten eigenen Publikation erschienen. Es folgten in den 1750er- und 1760er-Jahren weitere Auftragsarbeiten wie „Die Poeten nach der Mode“ für die Theatertruppe von Heinrich Gottfried Koch. Weiter verfasste W. Singspiele, die in der Tradition von „Opéra buffa“ und „Opéra comique“ stehen und zunächst englischen und französischen Vorlagen folgten. „Der Aerndtekranz“ und „Die Jubelhochzeit“ sind jedoch genuine Schöpfungen W.s. Zu den Libretti komponierte der spätere Gewandhauskapellmeister Johann Adam Hiller eingängige, volksliedhafte Melodien, die vom Theaterpublikum aufgegriffen und mitgesungen wurden. W.s Singspiele wirkten gattungsprägend auf dem Gebiet der deutschen Operndichtung. Nicht nur das Leipziger Publikum feierte den Librettisten, auch am Weimarer Musenhof hatte er Erfolg. Die hier uraufgeführte „Jagd“ fand den größten Anklang innerhalb seiner Komischen Opern. Auf der Bühne bejubelt, aber von der Kritik verrissen, wurden insbesondere seine beiden Tragödien „Richard III.“ und „Eduard III.“. W.s letztes Trauerspiel „Der Fanatismus, oder: Jean Calas“, ein Drama über religiöse Toleranz, verblieb im Schatten des „Nathan“ seines Jugendfreunds Lessing. – Auf literarischem Gebiet war W. überaus vielseitig aktiv. Neben dramatischen und lyrischen Arbeiten entstanden zwischen 1763 und 1766 Lieder zu einem Gesangbuch seines Freunds Georg Joachim Zollikofer. Darüber hinaus betreute er seit Januar 1759 redaktionell die zwei Jahre zuvor von Lessing, Friedrich Nicolai und Moses Mendelssohn begründete „Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste“ (ab 1765 unter dem Titel „Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste“), eine Rezensionszeitschrift, die einen Kanon europäischer Literatur und Kunst anstrebte. Seine umfangreichen Kontakte aus der Studienzeit, seit seinem Paris-Aufenthalt, zum Kreis der Berliner Aufklärer und seine gesellschaftliche Position waren ihm bei der Suche nach geeigneten Beiträgern für die Zeitschrift von Nutzen. Infolge anhaltender Kritik an einer Rezension Johann Carl Wezels zu Christoph Martin WielandsOberon“ legte W. jedoch 1782 die Redaktion und Herausgeberschaft nieder. Das Journal mit europaweitem Abonnentenstamm kann als Vermittler und Schnittstelle des europäischen Kulturtransfers und der sächsischen Kunstpolitik in der Aufklärungsepoche bezeichnet werden. – W., der bis zum Ende der 1770er-Jahre zu den meistgespielten deutschen Dramatikern gehörte (16 Komödien, 9 Singspiele, 10 Tragödien), wendete sich mit nachlassendem Erfolg, zunehmender Kritik, neuen literarischen Tendenzen und dem Weggang Kochs aus Leipzig verstärkt der Kinderliteratur sowie dem Übersetzen englischer und französischer Literatur zu und verfasste nur noch einige kurze Erzählungen und Fabeln für verschiedene Journale. Einen Grundstein als Erziehungsschriftsteller hatte W. bereits 1766 mit der Veröffentlichung von 54 moralischen Kinderliedern gelegt, die durch die spätere Neuvertonung von Hiller großen Erfolg hatten und rasch zahlreiche Nachahmer fanden. Das Liederwerk gilt als erste Sammlung spezifischer Kinderlyrik. Im Auftrag von Johann Bernhard Basedow, dem er 1776 beim Besuch seines Philanthropins in Dessau persönlich begegnete, verfasste er 1772 eine ABC-Fibel, mit der er seinen Ruf als Kinderbuchautor festigte und ein Modell für künftige Schullesebücher schuf. Der Verleger Siegfried Leberecht Crusius unterbreitete W. daraufhin das Angebot, Redaktion und Herausgeberschaft einer Kinderzeitschrift zu übernehmen. Unter dem Namen „Der Kinderfreund“ veröffentlichte W. zwischen 1776 und 1782 ein Periodikum für Mädchen und Jungen aus dem gehobenen Bürgertum und trug damit entscheidend zur Profilierung dieser Gattung in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur bei. Die kurzweilige Mischung aus Sachtexten, moralischen Erzählungen, Fabeln, Liedern, Schauspielen, Gedichten und Rätseln, die in eine dialogische Rahmenerzählung eingebettet sind, wirkte vorbildhaft. „Der Kinderfreund“ wurde vielfach aufgelegt, es gab mehrere unerlaubte Nachdrucke, Übersetzungen und zahlreiche Nachahmerprodukte. Mit der Fortsetzung „Briefwechsel der Familie des Kinderfreundes“ wendete sich W. ab 1784 einem jugendlichen Lesepublikum zu, doch blieb die Resonanz dieses Periodikums hinter den Erwartungen zurück. In den Folgejahren veröffentlichte W. die Kinderlieder und -schauspiele aus dem „Kinderfreund“ in separaten Drucken und verlegte sich auf das Übersetzen englischer und französischer Kinderschriften. Weitaus länger als sein lyrisches und dramatisches Werk blieb W.s innovatives kinderliterarisches Œuvre in der Öffentlichkeit präsent. Noch im 19. Jahrhundert wurden seine Kinderbücher verlegt und in andere Sprachen übersetzt, seine Lieder gesungen und die Rätsel des „Kinderfreundes“ in diversen Sammelschriften publiziert. Seine Kinderliedzeilen „Morgen, morgen, nur nicht heute! Sprechen immer träge Leute“ beispielsweise sind noch heute sprichwörtlich. – 1790 wurde W. durch Erbschaft seiner Frau Eigentümer des Ritterguts Stötteritz unteren Teils. Das Gut in der Nähe Leipzigs, das viele Jahre in Familienbesitz blieb und erst nach dem Tod Christian Hermanns an die Stadt Leipzig verkauft wurde, zog im Sommer viele befreundete Schriftsteller an. Seume, Wieland, Jean Paul, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Christian Garve und Elisa von der Recke waren hier zu Gast. Mit dem Besitz verbunden waren Aufgaben als Verpächter und Gerichtsherr. Anfänglich erfolglose Versuche als Landmann gab der inzwischen über Sechzigjährige rasch auf und verpachtete die zum Grundbesitz gehörenden Wiesen und Felder; die Patrimonialgerichtsbarkeit übertrug er dem Advokaten Johann August Müller. – In seinem letzten, von Krankheit geprägten Lebensjahrzehnt war W. kaum noch literarisch aktiv. 1802 beendete er die Arbeit an seiner Autobiografie, die posthum von seinem ältesten Sohn Christian Ernst und seinem Schwiegersohn Samuel Gottlob Frisch herausgegeben und mit Zusätzen versehen wurde. Zu Lebzeiten hatte sich W. sozial engagiert und z.B. die Einnahmen aus den Bühnenaufführungen und Drucken des Schauspiels „Armuth und Tugend“ und der Oper „Die Jubelhochzeit“ der hungernden Bevölkerung im Erzgebirge gespendet. Zu seinem 100. Geburtstag wurde ihm zu Ehren in seiner Geburtsstadt eine Gedächtnisstiftung gegründet, die sich bis 1942 der Versorgung notleidender Kinder widmete.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 2553/4; Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig, 20557 Rittergut Stötteritz (Patrimonialgericht).

W  Scherzhafte Lieder, Leipzig 1758; Beytrag zum deutschen Theater, 5 Bde., Leipzig 1759-1768; Amazonenlieder, Leipzig 1760/62; Kleine lyrische Gedichte, 3 Bde., Leipzig 1761; Lieder für Kinder, Leipzig 1766; Komische Opern, 3 Bde., Leipzig 1768-1771; Neues A, B, C, Buch, nebst einigen kleinen Uebungen und Unterhaltungen für Kinder, Leipzig 1772; (Hg.), Der Kinderfreund. Ein Wochenblatt, Leipzig 1776-1782; Trauerspiele, 5 Bde., Leipzig 1776-1780; Sammlung von Liedern aus dem Kinderfreunde, Leipzig 1782; (Hg.), Briefwechsel der Familie des Kinderfreundes, Leipzig 1784-1792; (Hg.), Schauspiele für Kinder aus dem Kinderfreunde, 3 Bde., Leipzig 1792; Christian Felix Weiße’ns Lieder und Fabeln für Kinder und junge Leute, Leipzig 1807.

L  C. E. Weiße/S. G. Frisch (Hg.), Christian Felix Weißens Selbstbiographie, Leipzig 1806; J. Minor, Christian Felix W. und seine Beziehungen zur deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts, Innsbruck 1880; B. Hurrelmann, Jugendliteratur und Bürgerlichkeit. Soziale Erziehung in der Jugendliteratur der Aufklärung am Beispiel von Christian Felix W.s „Kinderfreund“ 1776-1782, Paderborn 1974; W. Pape, Das literarische Kinderbuch. Studien zur Entstehung und Typologie, Berlin/New York 1981, S. 129-235; ders., „Ein ‚billetdoux‘ an die ganze Menschheit“. Christian Felix W. und die Aufklärung, in: W. Martens (Hg.), Zentren der Aufklärung III: Leipzig, Heidelberg 1990, S. 267-295; G. Witkowski, Geschichte des literarischen Lebens in Leipzig, München u.a. 1994, S. 455-466; M. Espagne, Christian Felix W. in Paris. Literarische Aufklärung und Kunstgeschichte, in: A. Klingenberg u.a. (Hg.), Sächsische Aufklärung, Leipzig 2001, S. 161-172; J. Krätzer, Christian Felix W. in der deutschen Germanistik. Ein Forschungsbericht, in: ebd., S. 147-160; A.-K. Mai, Christian Felix W. (1726-1804) - Leipziger Literat zwischen Amtshaus, Bühne und Stötteritzer Idyll. Biographische Skizze und Werkauswahl, Beucha 2003; R. Hiller v. Gaertringen/K. Löffler (Hg.), Die Musen in der Amtsstube. Christian Felix W. (1726-1804) - Ein Leipziger Literat der Aufklärung, Leipzig 2004; K. Löffler/L. Stockinger (Hg.), Christian Felix W. und die Leipziger Aufklärung, Hildesheim 2006; S. Schmideler, Christian Felix W. (1726-1804). Ein Kinderbuchautor und Jugendschriftsteller der Leipziger Spätaufklärung, in: S. Riegler/S. Schmideler (Hg.), Kinder- und Jugendliteratur in Leipzig. Orte - Akteure - Perspektiven, Leipzig 2016, S. 221-251. – ADB 41, S. 587-590; DBA I; DBE 10, S. 412; Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, Bd. 3, Weinheim/Basel 1984, S. 782-784; Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon, Bd. 5/1, Meitingen 1995; Leipzig-Lexikon, online: www.leipzig-lexikon.de; Leipziger Biographie, online: www.leipziger-biographie.de.

P  Chrsitain Felix W., A. Graff, 1771, Öl auf Leinwand; Christian Felix W., Zimmermann, um 1840, Lithografie; Christian Felix W., J. F. Bause, Kupferstich, Nachstich eines Gemäldes von A. Graff, 1771, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Wiebke Helm
1.3.2017


Empfohlene Zitierweise:

Wiebke Helm, Weiße, Christian Felix, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.10.2017)

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