Lohse Carl August
Maler, Bildhauer
* 24.10.1895 Hamburg 3.5.1965 Bischofswerda(ev., später Zeuge Jehovas)
VJulius Marius Gottlieb (1859-1916), Bankangestellter, MusikerMHenriette Georgine Sophie (1862-1945)GElsa; Emma; Paula; Franz; Ernst1925 Antonie Johanna, geb. Scheumann (1894-1977), KauffrauTMaria (* 1928); Gerda (* 1931)
GND: 118574094





Dem talentierten, aus ärmlichen Familienverhältnissen stammenden L. ermöglichte Professor Alfred Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle, mit zwei Stipendien eine künstlerische Ausbildung: 1910 bis 1912 an der Malschule von Arthur Siebelist in Hamburg und 1912/13 an der Großherzoglichen Kunstschule in Weimar bei Albin Egger-Lienz und Fritz Mackensen. Hier lernte er Otto Herbig und Gert Wollheim kennen. Dem akademischen Malstil überdrüssig, verließ L. mit seinem Studienfreund Otto Pankok Weimar. Bei Naturstudien im oldenburgischen Dötlingen und in Holland fand er seinen eigenen freien großzügigen Malstil, der durch die Werke Vincent van Goghs geprägt wurde. Als Soldat im Ersten Weltkrieg wurde L. in der Schlacht an der Somme verschüttet und 1919 aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Auf Einladung des Armaturenfabrikanten Karl Hebenstreit und dessen Frau kam er im Oktober 1919 nach Bischofswerda und fand im Haus des Kolonialwarengroßhändlers Alfred Scheumann ideale Arbeitsbedingungen. Angeregt von Gästen aus Dresdner Künstlerkreisen, u.a. Erich Ponto, Hildebrand Gurlitt, Arthur Chitz, Arnold Vieth von Golßenau (Ludwig Renn), begann L. zu porträtieren. In einem dem Expressionismus zuzurechnenden Stil malte er karikaturhafte, stark farbige Bildnisse mit kräftiger, kühner Pinselführung, wobei die Person noch erkennbar blieb. Zur gleichen Zeit formte er erste Gipsplastiken, die seinen Einfallsreichtum und die Begeisterung für das neue Material zeigen. Beeindruckt von den Arbeiten in der Armaturenfabrik Buschbeck und Hebenstreit entstanden vor Ort (1920) die Gemälde „Metalldreherei“ und „Am Gießofen“ im kubistisch-futuristischen Stil. Die hügelige Lausitzer Umgebung regte L. zu leuchtenden Landschaften wie „Unreifes Korn“, „Reifes Korn“, „Fliegende Felder“, „Schnitter“ und „Ernte“ (alle 1920) an. Ausstellungen 1920 in der Galerie Arnold und 1921 in der Galerie Richter in Dresden brachten wohlmeinende Kritiken, jedoch keinen Verkaufserfolg. 1921 kehrte L. arbeitslos nach Hamburg zurück und fand 1924 eine feste Anstellung als Straßenbahnschaffner. Im April 1929 zog er für immer nach Bischofswerda in das Haus seines Schwiegervaters. Durch die Mitarbeit in dessen Kolonialwarengroßhandel trug L. zum Lebensunterhalt der Familie bei. In seiner Freizeit malte er weiter. Sein Malstil blieb expressiv, wurde aber allgemein verständlicher, farbig zurückhaltender und brachte innere Ruhe und Zufriedenheit zum Ausdruck. In der NS-Zeit wurde L.s Kunst als entartet diffamiert und er auch als Zeuge Jehovas polizeilich beobachtet. Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte er beim Volkssturm in Tetschen-Bodenbach (tschech. Dečin-Podmokly). Danach übte er bis 1947 wieder eine kaufmännische Tätigkeit aus, wurde Mitglied im Verband Bildender Künstler und arbeitete als freischaffender Künstler. L. malte u.a. im Steinbruch Demitz-Thumitz, im Kohlentagebau bei Hoyerswerda sowie im sorbischen Tanzensemble. Wie bereits in der Zeit des Nationalsozialismus erregte sein künstlerischer Stil auch in der DDR Anstoß. 1951 wurde seine Ausstellung im Stadtmuseum Zittau in der „Lausitzer Rundschau“ als Beispiel für einen „Maler auf Irrwegen“ vernichtend kritisiert. L.s Kunst wurde als krank und er als staatsgefährdend bezeichnet. Wieder geriet er unter polizeiliche Beobachtung, wurde im Dezember 1957 verhört und musste zeitweise seinen Personalausweis abgeben. Nach der Überwindung von Selbstzweifeln setzte L. unbeirrt seinen gewohnten Lebens- und Malstil fort und fand wieder Freude am Malen und Zeichnen. 1960 wurde er Mitglied in der Genossenschaft „Kunst der Zeit“ in Dresden. In seinen letzten Lebensjahren entstanden Gemälde und Zeichnungen von der Ostsee, die in ihrer Farbigkeit an das Frühwerk erinnern, aber auch viele Porträts von Malerkollegen in einfühlsamen, zarten Farben, z.B. Erhard Hippold, Gerd Caden, Gerhard Benzig, Marianne Britze und zuletzt im Sommer 1964 im Garten in Bischofswerda von seinem späten Freund Fritz Tröger. – L.s künstlerisches Werk entstand im Wesentlichen in der Lausitz zwischen Bischofswerda, Bautzen und Hoyerswerda, in Hamburg und an der Ostsee. Es zeigt in freier, farbiger Umsetzung sowohl die Technik in Landwirtschaft, Industrie und Bergbau als auch Personen des geistig-kulturellen Lebens sowie einfache Arbeiter. L. versuchte „über der verlorenen Naivität eine Welt der Schönheit aufzubauen“ (Probst). Sein Frühwerk (ca. 130 Gemälde, Zeichnungen, Plastiken) gehört zu den bedeutendsten Leistungen des deutschen Expressionismus nach dem Ersten Weltkrieg. L.s Gesamtwerk umfasst etwa 440 Gemälde, circa 1.400 grafische Blätter (Kohle, Tusche, Aquarell, Pastell, Monotypien, Holzschnitte, Plakatentwürfe) sowie 19 Skulpturen. Listen von ausgestellten und zum Verkauf angebotenen Arbeiten befinden sich in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden sowie in Ausstellungskatalogen. 1990 gründete sich die „Interessengemeinschaft Carl Lohse“ in Bischofswerda. 1993 ehrte die Stadt Bischofswerda mit der Eröffnung der „Carl-Lohse-Galerie“ im sog. Bischofssitz sein jahrzehntelanges künstlerisches Wirken, zwei Jahre später wurde eine Straße nach ihm benannt.



Q  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Handschriftenabteilung, Mscr. Dresd. App. 2595, 1-537 Spezialkatalog, Nachlass L. (WV); Nachlassunterlagen, Familienbesitz in Jena.

W  Roter Klang (Bildnis Ludwig Renn), 1919, Öl auf Malmappe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister; Selbst, 1919, Kohle, Kunstsammlung Moritzburg Halle; Am Gießofen, 1920, Öl auf Leinwand, Privatbesitz München; Arbeiter, 1920, Öl auf Leinwand, Crcic-Ziersch München; Der Blumengarten, 1920, Öl/Mischtechnik auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister; Ernte, 1920, Öl/Mischtechnik auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister; Fliegende Felder, 1920, Öl auf Leinwand, Privatbesitz Dresden; Gesicht, 1920, Öl auf Leinwand, Crcic-Ziersch München; In der Gießerei, 1920, Öl auf Pappe, Kunsthandel Crcic-Ziersch München; Kleine Stadt (Bischofswerda), 1920, Öl/Mischtechnik auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister; Kopf II (Selbstporträt), 1920, Gips, Kunstsammlungen Cottbus; Metalldreherei, 1920, Öl auf Leinwand, Privatbesitz Dresden; Mutter und Sohn, 1920, Öl auf Leinwand, Crcic-Ziersch München; Reifes Korn, 1920, Öl auf Leinwand, Neue Pinakothek München; Schnitter, 1920, Öl auf Leinwand, Privatbesitz Dresden; Stadtbild (Bischofswerda), 1920, Öl auf Leinwand, Crcic-Ziersch München; Unreifes Korn, 1920, Öl auf Leinwand, Nationalgalerie Berlin; Vorlesen, 1920, Öl auf Leinwand, Neue Pinakothek München; Hamburger Hafen, 1921, Öl auf Leinwand, Privatbesitz Dresden; Häuser von Hamburg, 1921, Öl auf Leinwand, Crcic-Ziersch München; Mutter beim Stillen, 1928, Holzschnitt, Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda; Erntewagen, 1931, Öl auf Leinwand, Privatbesitz Dresden; Abendwolke, 1958, Öl auf Hartfaserplatte, Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda; Helle Nacht, 1959, Öl auf Hartfaserplatte, Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda; Windwolken über Bautzen, 1961, Öl auf Hartfaserplatte, Familienbesitz; Bildnis Fritz Tröger, 1964, Öl auf Hartfaserplatte, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister.

L  R. Probst, Carl L., in: Faltblatt zur Sonderausstellung Carl L. - Hamburg, Kunstausstellung Emil Richter, Dresden 1921; L. Renn, Inflation, Berlin 1963, S. 100f.; F. Tiesler, Carl L., Maler und Werk, Dresden 1978 (P); J. Uhlitzsch (Bearb.), Carl L. Ausstellungskatalog, Dresden 1980 (P); L. Renn, Anstöße in meinem Leben, Berlin/Weimar 1980, S. 444; Carl L. (1895-1965). Ausstellungskatalog, hrsg. von den Städtischen Museen Regensburg, Regensburg 1986 (P); W. Schmidt (Red.), Vom Expressionismus zur Gegenwart, Dresden 1993, S. 81, Kat.-Nr. 139-142; R. Zimmermann, Expressiver Realismus, München 1994, S. 160, 411; G. Werner (Hg.), Carl L. in der Gemäldegalerie Neue Meister. Bestandskatalog, Leipzig 1995; Carl L. (1895-1965). Malerei und Zeichnungen aus der Kunstsammlung Lausitz, Meißen 1995 (P); Carl L. 1895-1965. Ölbilder und Arbeiten auf Papier, Berlin 2001 (P). – DBA II; Vollmer, Bd. 3, Leipzig 1956, S. 254; Bertelsmann Lexikon, Bd. 14, Stuttgart 1995, S. 611; AKL, bio-bibliographischer Index, Bd. 6, Leipzig/München 2000, unpag.

P  Selbstbildnis, Carl L., 1913, Öl auf Leinwand auf Pappe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Gerda Sieber
24.1.2008


Empfohlene Zitierweise:

Gerda Sieber, Lohse, Carl August, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.10.2017)

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