Reibehand Carl Friedrich
Schneider, Komödiant, Marionettenspieler, Prinzipal
1754
Johanna Magdalena († 1784)
GND: 1014985846






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Mit deftigen Harlekinzoten und derb-komischen Satiren avancierte der „Marinetten Spiehler von Dreßden“ in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Widersacher der Theaterreformbewegung, die in Deutschland vornehmlich von Johann Christoph Gottsched und der Schauspielerin Friederike Caroline Neuber eingeleitet wurde. – Anfang der 1730er-Jahre kehrte der gelernte Schneider aus Sachsen seinem Handwerk den Rücken, um als fahrender Komödiant und Marionettenspieler ins Theatergeschäft einzusteigen. Zwischen 1734 und 1753 besuchte er regelmäßig die Messen, war allein in Leipzig zwischen 1734 und 1740 auf 23 Messen mit seinem Programm zugegen und verzeichnete neben der „Neuberin“ die meisten Auftrittstage. Die Reibehand’sche „Bande“ rekrutierte sich aus Komödianten, Puppenspielern und Artisten, zählte zeitweilig Schauspielergrößen wie Johann Friedrich Lorenz, Carl Friedrich Rademin und Franz Schuch zu ihren Mitgliedern, war aber in erster Linie ein Familienbetrieb. Gemeinsam mit seinen Kindern unterhielt R. das Publikum z.B. in den Jahren 1750/51 vor dem Leipziger Peterstor mit einem Epilog, der sich an ein Marionettenspiel anschloss. Außer Puppenspiel gab R. auf seinen Bretterbühnen und Marktbuden derb-komische Possen und Farcen, hemmungslose Haupt- und Staatsaktionen, Burlesken und italienische Schattenspiele zum Besten. Kündigten seine Theaterzettel zuweilen regelmäßige Trauerspiele, biblische Parabeln oder Molière’sche Nachspiele an, so war dies keinesfalls ein Ausdruck von Anpassung an die kulturpolitischen Bühnensäuberungen. Moralisierende Werke und Ehrfurcht gebietende Stoffe lieferten ihm vielmehr das Ausgangsmaterial seiner bissigen Satiren und schonungslosen Entlarvungen. So blieb die Geschichte vom verlorenen Sohn von seinen parodierenden Streichen ebensowenig verschont wie Gottscheds „Sterbender Cato“ - ein Rührstück, das der Reformer 1732 für das Theater der „Neuberin“ geschrieben hatte. Entgegen der geforderten sittlichen Darstellung war bei R. das Trauerspiel Cato von einem Luststück mit doppeltem Harlekin begleitet. Damit widersprach R. den bürgerlichen Reformbestrebungen, die auf „natürliche“ Darstellung ohne Masken oder Puppen sowie auf sittenkritische Lustspiele Molière’scher Provenienz setzten. Das Publikum hatte der Komödienmeister hingegen ganz offensichtlich auf seiner Seite, denn während die gelehrten Kreise entsetzt auf R.s Aktionen reagierten, waren seine Aufführungen meist sehr gut besucht. Nach R.s Tod 1754 führte seine Witwe Johanna Magdalena - bzw. Madame Reibehandin, wie sie 1754 bis 1756 in den Leipziger Standgeldrechnungen erscheint - die Gesellschaft und das geistige Erbe des Prinzipals noch einige Jahre weiter.



Q  Stadtarchiv Leipzig, Tit. XXIV. A. 1. (feud.), Akten, die Comödianten betr. 1683 fg., Rechnung über Standtgeldt von frembden Böttgern, Töpffern, Hudtmachern, Undt anderen Persohnen, 1665-1800.

L  A. Peiba, Gallerie von teutschen Schauspielern und Schauspielerinnen der ältern und neuern Zeit, Wien 1783; J. F. Schütze, Hamburgische Theater-Geschichte, Hamburg 1794; F. Winter, Carl Friedrich R. und Gottsched, in: Vierteljahrschrift für Literaturgeschichte 2/1889, S. 264-271; R. Münz, Das ‚andere‘ Theater, Berlin 1979; O. Bernstengel, Sächsisches Wandermarionettentheater, Dresden 1995.



Katy Schlegel
17.8.2011


Empfohlene Zitierweise:

Katy Schlegel, Reibehand, Carl Friedrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.8.2017)

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