Baumfelder Carl Friedrich Gotthelf
Schulreformer
* 20.6.1798 Dippoldiswalde 5.1.1865 Dresden
VKarl Friedrich (1751-1813), Beutlermeister und KirchvaterMSophia Rosina, geb. Müller (1754-1802)1832 Friederike, geb. Hering, Tochter des Bürgermeisters von PirnaSFriedrich (Frederic) (1836-1882), Kantor der Dresdner Dreikönigskirche und Komponist; Gustav (1839-1925), Pfarrer, Kirchenmusiker; Reinhold Carl Alexander (1840-1872), ArztTErnestine (1833-1905); Wilhelmine (1835-1870); Bertha (* 1837); Antonie (1847-1917)
GND: 121365697

Mit B. verbindet sich die Rezeption des wechselseitigen Unterrichtssystems nach der Bell-Lancasterschen Lehrmethode im sächsischen Bildungswesen. – Nach dem Besuch des Gymnasiums zu Freiberg und eines Lehrerseminars erhielt B. seine erste Anstellung als Lehrer einer Mädchenschule in Döbeln. 1823 wurde er durch das sächsische Unterrichtsministerium zum Oberlehrer an die Schule „Rath und That“ in der Dresdner Rundgasse berufen. Inspiriert durch die „Eckernförder Schuleinrichtung“, die B. Anfang 1835 im Auftrag des sächsischen Unterrichtsministeriums im damals dänischen Schleswig-Holstein besuchte, erwachte bei ihm sogleich die Begeisterung für das System des wechselseitigen Unterrichts. Dieses wurde von dem schottischen Geistlichen Andrew Bell und dem Londoner Armenschullehrer Joseph Lancaster Ende des 18. Jahrhunderts zunächst unabhängig voneinander entwickelt, um älteren und fortgeschritteneren Schülern, sog. Monitoren (heute Tutoren genannt), Lehr- und Übungsfunktionen für Mitschüler zu übertragen. B. warb nicht nur in seinen wissenschaftlichen Studien für dieses neuartige Unterrichtssystem, sondern führte es auch in wesentlichen Teilen an seiner Schule praxiswirksam und erfolgreich ein. Neben dieser schulreformerischen Pionierarbeit für das sächsische Schulwesen avancierte er außerdem zu einem der Gründungsväter der sächsischen Lehrervereinsbewegung. So war er Gründungsmitglied des 1833 ins Leben gerufenen Pädagogischen Vereins zu Dresden und fungierte zeitweise als sein Vorsitzender. Innerhalb dieser Berufskorporation bemühte er sich v.a. um die Gründung und Profilierung der Dresdner Knabenbeschäftigungsanstalt. Das sächsische Unterrichtsministerium würdigte dieses vielfältige Engagement und berief ihn 1841 zum Direktor der Dresdner Garnisonschule. Auch hier führte er sein erfolgreich erprobtes Organisationsprinzip eines differenzierten Unterrichts ein, um die Individualität seiner Schüler besser berücksichtigen und ihre Selbsttätigkeit optimaler anregen zu können. – B. hielt unbeirrt am Eckernförder Schulversuch fest und entwickelte das System weiter. Zudem verteidigte er diesen Weg leidenschaftlich gegenüber prominenten Kritikern wie Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg. Damit hatte er wesentlichen Anteil an der Profilierung des wechselseitigen Schulsystems zur ersten Form eines differenzierten Unterrichts in Deutschland bzw. einer Vorform des Kern- und Kurssystems. Dieses Unterrichtssystem zählte zu den ersten Bestandteilen der Schulreformbestrebungen des 19. Jahrhunderts, die in Sachsen mit dem Schulgesetz von 1835 einen ersten Höhepunkt fanden und überregional zu einem erfolgreichen Vorbild avancierten.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 11311, Garnisonschule Dresden, Nr. 1-8, insbes. Nr. 4, Anzeige über den Erfolg des ... Versuchs mit der Anwendung der Eckernförder Schuleinrichtung in der oberen Knabenklasse der Garnisonschule in Antonstadt-Dresden, o.J. [1843].

W  mit E. M. Müller, Die Eckernförder Elementarschuleinrichtung oder Resultat der im Auftrage eines Königlich Sächsischen Hohen Ministerii des Cultus und des öffentlichen Unterrichts gemachten Beobachtungen über die Eckernförder Elementar-Einrichtung, Dresden 1835; Wiederholte Prüfung der Eckernförder Elementarschuleinrichtung, mit Rücksicht auf Dr. Diesterwegs Urtheil hierüber, Dresden 1838; Christlich-fromme Zucht und Sitte - oder Versuch eines Gemäldes derselben, Dresden 1839.

L  A. Pehnke, Zur Rezeption des wechselseitigen Unterrichtssystems nach der Bell-Lancasterschen Lehrmethode durch Carl Friedrich Gotthelf B. (1798-1865) in Dresden, in: Pädagogische Rundschau 58/2004, H. 3, S. 281-295.

P  Porträt, Stich, Privatbesitz A. Pehnke (Bildquelle).



Andreas Pehnke
16.6.2008


Empfohlene Zitierweise:

Andreas Pehnke, Baumfelder, Carl Friedrich Gotthelf, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.4.2014)

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