Steglich Carl Bruno Max
Agrarwissenschaftler
* 9.2.1857 Kleindrebnitz bei Bischofswerda 28.1.1929 Dresden Trebsen/Mulde(ev.)
VCarl Christian (1815-1874), Bauerngutsbesitzer in Kleindrebnitz, später GroßdrebnitzMJohanna Auguste, geb. Gottlöber (1821-1894)GAuguste Alwine, verh. Biebrach (1843-1885); Clara Mathilde, verh. Rumpelt (1845-1915)1884 Margaretha Therese, geb. Ledig (1864-1942), Nichte des Architekten und Kunstschriftstellers Oskar MothesSCarl Christian (1894-1914)TElsa (Else) Caroline (1885-1973), Frau des Papierfabrikbesitzers Johannes Max Wiede in Trebsen; Olga Loddy (1887-1977), Schwiegertochter von Heinrich Gustav Haensel, Chemiker und Fabrikant in Pirna
GND: 102037779





S. hat sich große Verdienste um das landwirtschaftliche Versuchswesen erworben. Er war ein Wegbereiter des amtlichen Pflanzenschutzes in Sachsen und ein international bekannter Wissenschaftler auf den Gebieten Züchtung und Düngung landwirtschaftlicher Nutzpflanzen sowie Obstbau. – S. wuchs als jüngstes Kind auf einem der größten Bauerngüter von Kleindrebnitz, später im Erbgericht Großdrebnitz auf. Die Arbeiten in der Landwirtschaft waren ihm von Kindheit an vertraut. Zunächst ging er zur Schule in Großdrebnitz und erhielt Privatunterricht. 1867 bis 1871 besuchte er die Bürgerschule und das Realgymnasium Bautzen sowie 1871 bis 1876 die Realschule I. Ordnung in Dresden-Neustadt. Danach arbeitete S. bis 1877 als Volontär auf dem Rittergut Deutschbaselitz und erlernte die Teichwirtschaft. 1877/78 führte ihn Eduard Heiden als Hospitant bzw. Assistent an der Landwirtschaftlichen Schule Bautzen in das agrikulturchemische Versuchswesen ein. 1878/79 leistete er seinen Militärdienst und erhielt als Reserveoffizier später den Rang eines Hauptmanns der Landwehr. 1879 bis 1883 studierte S. Landwirtschaftswissenschaften an der Universität Leipzig. Seit dieser Zeit war er Mitglied der Akademisch-Landwirtschaftlichen Verbindung Agronomia in Leipzig, der er zeitlebens verbunden blieb. – Die sächsische Landwirtschaft hatte nach Einführung der Verfassung von 1831 und dem Gesetz über „Ablösungen und Gemeinheitsteilungen“ von 1832 einen großen Aufschwung erlebt. In Leipzig richtete Adolph Blomeyer 1869/70 die Landwirtschaftslehre als selbstständige universitäre Ausbildungsrichtung ein. Prägend für die späteren wissenschaftlichen Arbeiten von S. erwies sich insbesondere die Fachrichtung „Kultur der landwirtschaftlichen Nutzpflanzen“. Zur Erlangung der Doktorwürde reichte er 1882 die Arbeit „Über den Mechanismus des Pferdehufes“ an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig ein, die vom Direktor der Universitäts-Veterinärklinik Friedrich Anton Zürn und Blomeyer mit magna cum laude bewertet wurde. Mit dem „Großen Examen“ von 1883 erhielt S. die Berechtigung, als Lehrer die landwirtschaftlichen Fachdisziplinen zu vertreten. An der landwirtschaftlichen Schule in Rochlitz erarbeitete er 1884 eine Anleitung zum „Plan- und Situationszeichnen“, das zu jener Zeit Thema zum Stundenplan aller landwirtschaftlichen Lehranstalten gehörte. In die Rochlitzer Zeit fallen auch die Untersuchungen des Sächsischen Fischereivereins zu den Fischereiverhältnissen von Zschopau und Mulde, die in den Folgejahren auf weitere Gewässersysteme ausgedehnt wurden. S. selbst führte die Analysen zur Weißen Elster/Pleiße und Elbe durch. In seinem noch heute bekannten Werk „Die Fischwässer im Königreiche Sachsen“ (1895) fasste er sämtliche Ergebnisse des Sächsischen Fischereivereins zur ersten umfassenden Darstellung der fischereilichen Nutzung sächsischer Gewässer zusammen. 1887 wurde S. an die Landwirtschaftsschule Chemnitz versetzt, wo er 1889 der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) beitrat. – 1890 richtete S. in königlichem Auftrag die Landwirtschaftliche Versuchsstation für Pflanzenkultur in Dresden als Abteilung des Botanischen Gartens unter Oscar Drude ein. Zugleich wirkte er seit dieser Zeit als deren Vorstand und widmete sich mit Kursen für Landwirte frühzeitig der Wissensvermittlung. S.s Aufgaben in der Versuchsstation bestanden in der Organisation und Durchführung von Arbeiten zur Verbesserung landwirtschaftlicher Nutzpflanzen durch Züchtung (in der Hauptsache verschiedener Getreidesorten), in der Ertragssteigerung durch Düngung und im Pflanzenschutz, d.h. der Vermeidung von Pflanzenkrankheiten. Die Versuchsstation führte Samen- und Sortenprüfungen sowie eine Beratung für Landwirte durch. S.s. Wirken für den Ausbau des Feldversuchswesens in Sachsen war durch Gründung zahlreicher, nach klimatischer Lage und Bodenbeschaffenheit ausgewählter Anbaustationen bahnbrechend. Unter seiner Leitung wurde 1904 in Sachsen die Organisation des Pflanzenschutzdienstes eingeführt. Im selben Jahr unternahm er eine Studienreise nach Skandinavien, die ihn auch in die bekannte Saatzuchtanstalt Svalöf (Schweden) führte. Zahlreiche Vorträge S.s vor der Ökonomischen Gesellschaft im Königreich Sachsen dienten einer schnellen Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die von ihm 1896 initiierte und angeleitete Pirnaer Saatzuchtgenossenschaft wurde für den „Pirnaer Roggen“ auf der Weltausstellung in Paris 1900 mit einer Goldmedaille und 1907 mit der Großen Silbernen Medaille der DLG ausgezeichnet. S. war Mitglied im Gesellschaftsausschuss und Obmann im Sonderausschuss für landwirtschaftliche Erzeugnisse und Hilfsstoffe der Ökonomischen Gesellschaft, später deren langjähriger Vorsitzender. Der Erste Weltkrieg unterbrach seine berufliche Karriere. Nach dem frühen Kriegstod seines Sohns Carl Christian trat er 1914 freiwillig als Offizier eines Landsturms-Bataillons in den Armeedienst und war bis 1918 in Mazedonien, Ungarn und Frankreich im Einsatz. – Seit seiner Studienzeit entwickelte S. ein ganzheitliches Verständnis von der Landwirtschaftswissenschaft. Neben seiner Tätigkeit in der Versuchsstation war er 1912 bis 1921 Professor für Land- und Volkswirtschaftslehre an der Tierärztlichen Hochschule Dresden. S. arbeitete in verschiedenen Kommissionen der DLG, in der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte, in der Deutschen Botanischen Gesellschaft, in der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft ISIS Dresden, im Verein für die Geschichte Dresdens und im Verband landwirtschaftlicher Versuchsstationen im Deutschen Reich mit. Sein besonderes Verdienst liegt jedoch in der Reorganisation der Versuchsstation (1921) und ihrem Ausbau als selbstständige Staatliche Landwirtschaftliche Versuchsanstalt mit den drei Abteilungen Pflanzenernährung und Bodenchemie, Pflanzenbau und Samenkontrolle sowie Pflanzenschutz. Dies erfolgte im Zuge der Neuordnung des landwirtschaftlichen Versuchswesens in Sachsen ab 1919 unter Federführung des Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit. Die Dresdner Versuchsanstalt, die S. bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im November 1923 leitete, erwarb sich hohes Ansehen bei der Erforschung und Verbreitung der wissenschaftlichen Grundlagen der Landwirtschaft und des Obst- und Gartenbaus in Deutschland. Zu seinen wichtigsten Mitarbeitern gehörten die späteren Professoren Walter Baunacke (Phytopathologie) und Hermann Pieper (Saatgutforschung). Unter seinen zahlreichen Publikationen ist vor allem das noch heute viel zitierte Werk „Die Fischwässer im Königreiche Sachsen“ (1895) hervorzuheben. International fanden S.s Arbeiten zu Pflanzenzüchtung, Pflanzenschutz und Obstbau v.a. in den USA und Skandinavien Beachtung. – Für seine Verdienste um die sächsische und deutsche Landwirtschaft wurde S. 1912 zum Regierungsrat berufen. 1908 verlieh ihm König Friedrich August III. das Ritterkreuz erster Klasse und 1914 die Krone zum Ritterkreuz des Albrechtsordens. Die DLG ehrte ihn mit der Großen Silbernen Eyth-Denkmünze, der Landwirtschaftliche Kreisverein Dresden, der Landesobstbauverein und der Deutsche Fischereiverein jeweils mit der silbernen Verdienstmedaille. Die Ökonomische Gesellschaft zu Dresden und der Sächsische Fischereiverein ernannten S. zu ihrem Ehrenmitglied. – Nach dem Verkauf des elterlichen Guts 1887 hatte S. zunehmend die Bindungen zu seiner ostsächsischen Heimat verloren. Stattdessen gewann der Raum Leipzig, die Heimat seiner Frau, an Bedeutung. In Trebsen/Mulde lebte zudem S.s Tochter Else. Nach dem Ausscheiden aus dem Dienst verbrachte S. mit seiner Frau viel Zeit in Trebsen. Auf einem vom Schwiegersohn Johannes Wiede 1912 gestifteten Fenster der Trebsener Stadtkirche sind u.a. S.s Tochter und Enkel abgebildet. Ein imposantes Grabmal neben der Grabstätte der Familie Wiede auf dem Friedhof von Trebsen, 1930 von Georg Wrba geschaffen, erinnert noch heute an S.



Q  Universitätsarchiv Leipzig; Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft Dresden; Kirchenarchiv Trebsen/Mulde; Evangelisch-Lutherisches Pfarramt St. Nikolai - St. Johannis Leipzig; Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig; Arbeitsgemeinschaft für mitteldeutsche Familienforschung e.V.; Stadtarchiv Rochlitz; Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft; Familienbesitz, München, Nachlass Prof. Bruno S.

W  Über den Mechanismus des Pferdehufes unter besonderer Berücksichtigung der Hufrotationstheorie des Prof. Dr. Lechner in Wien, Diss. Leipzig 1883; Anleitung zum Plan- und Situationszeichnen: für Landwirte und landwirtschaftliche Lehranstalten, Berlin 1884; Über Verbesserung und Veredelung landwirtschaftlicher Kulturgewächse durch Züchtung, in: Mitteilungen der Ökonomischen Gesellschaft im Königreiche Sachsen 1892/93 Nr. 2, Dresden und Leipzig 1893; Die Fischwässer im Königreiche Sachsen, Dresden 1895; Über die Züchtung des Pirnaer Roggens und Untersuchungen auf dem Gebiete der Roggenzüchtung im allgemeinen, in: Jahrbuch der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 13/1898, S. 198-210; Einrichtung und Tätigkeit der Saatzuchtanstalt Svalöf in Schweden und Fortschritte auf dem Gebiet der Pflanzenzüchtung, Leipzig 1905; Organisation des Pflanzenschutzdienstes im Königreiche Sachsen, in: Sächsische landwirtschaftliche Zeitschrift 54/1906, S. 581-585; mit H. Degenkolb/M. Barth, Statik des Obstbaues, Berlin 1907; Dresden. Landwirtschaftliche Abteilung der Königlich Sächsischen Pflanzenphysiologischen Versuchsstation, in: P. Hillmann, Die deutsche landwirtschaftliche Pflanzenzucht, Berlin 1910, S. 47-59; Ergebnisse zwölfjähriger Düngungsversuche in der Gutswirtschaft des Herrn Richard Kirchner in Grünbach b. Wilsdruff, Dresden 1920; Versuchsanstalt Dresden, in: Die Neuorganisation der landwirtschaftlichen Versuchsanstalten in Sachsen und ihre Aufgaben, Leipzig 1921; Erinnerungen aus meinem Leben, Dresden 1927 (ND auszugsweise in: Gemeindebriefe der Kirchgemeinde Großdrebnitz, Februar-September 1995).

L  W. Baunacke, Regierungsrat Prof. Dr. S. †, in: Die kranke Pflanze 6/1929, H. 3, S. 37f.; F. Fiedler/M. Hüsni, Regierungsrat Prof. Dr. Bruno S. (1857-1929) - ein bedeutender Wissenschaftler Sachsens, in: Sächsische Heimatblätter 50/2004, H. 2, S. 176-180 (Bildquelle); T. Gerber, Persönlichkeiten aus Land- und Forstwirtschaft, Gartenbau und Veterinärmedizin. Biographisches Lexikon, Bd. 2, Berlin 2004, S. 743-744.

P  Zeichnung nach einem Foto von H. Erfurth, in: Salonblatt 1912, S. 938; G. Wrba, Porträtrelief in Bronze, 1932, Familienbesitz.



Frank Fiedler, Uwe Fiedler
15.5.2008


Empfohlene Zitierweise:

Frank Fiedler, Uwe Fiedler, Steglich, Carl Bruno Max, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.12.2017)

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