Schier Bruno
Volkskundler
* 17.12.1902 Hohenelbe/Böhmen (tschech. Vrchlabí) 9.2.1984 Münster/Westfalen
VJohann, Wagenmeister
GND: 118607502






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S. zählte zu den wenigen sudetendeutschen Volkskundlern, die eine überregionale Bedeutung erlangten. Im Unterschied zu vielen anderen deutschen Volkskundlern verfügte er über grundlegende Kenntnisse der osteuropäischen Fachliteratur, die er in seinen Werken auszuwerten wusste und in dieser Form einem breiteren Publikum zugänglich machte. – S. besuchte in seinem Geburtsort die Volksschule und das Staatsreformrealgymnasium, an dem er 1922 die Reifeprüfung ablegte. Danach begann er ein Studium der Sprachwissenschaften, Germanistik und Geschichte in München, das er 1923 an der Deutschen Universität Prag fortsetzte. Dort widmete er sich zusätzlich der Anglistik, Slawistik und den historischen Hilfswissenschaften. 1926 promovierte S. in Prag zum Dr. phil. und wurde 1927 Assistent an der „Anstalt für sudetendeutsche Heimatforschung“ in Reichenberg (tschech. Liberec). 1927 bis 1934 war er als Assistent am Seminar für deutsche Philologie an der Deutschen Universität Prag tätig. 1929 weilte S. zu einem Studienaufenthalt an der Leipziger Universität, wo er sich mit kulturmorphologischen und -geografischen Fragestellungen beschäftigte, was auch seine späteren Arbeiten v.a. zur bäuerlichen Wohn- und Wirtschaftskultur beeinflusste. Während seiner Tätigkeit an der Prager Deutschen Universität, wo er sich 1931 habilitierte, widmete sich S. neben dialektologischen und linguistischen Problemen des mehrsprachigen böhmischen Raums auch kulturgeografischen Untersuchungen der Sachkultur in der - wie er es selbst bezeichnete - „ethnischen Kontaktlage“. – Am 1.5.1934 wurde S. als Extraordinarius auf den neuen Lehrstuhl für „Deutsche Volks- und Altertumskunde“ an die Universität Leipzig berufen und dort 1939 zum ordentlichen Professor ernannt. Trotz mehrjährigen Aufenthalts im Ausland in den 1940er-Jahren blieb er offiziell bis 1945, als das Fach Volkskunde an der Leipziger Universität aufgehoben wurde, in dieser Position. In Leipzig widmete sich S. den bereits in Prag behandelten Themen. Diesen versuchte er sich von einer kulturmorphologischen Betrachtungsweise her zu nähern und sie territorial in Richtung Osteuropa zu erweitern. Seine Aufmerksamkeit galt insbesondere dem „Kontinuitätsproblem“ in Mitteleuropa und den germanischen und slawischen Einflüssen auf Haus-, Flur- und Siedlungsformen. Hinzu kam die Beschäftigung mit der Entwicklung von Trachten und Schmuck sowie mit der Verbreitung von Volksvorstellungen und Volkssagen. Daneben entstanden kürzere Abhandlungen über böhmisch-sächsische Wechselbeziehungen. Auf dem Gebiet der materiellen Kultur weckte der Bienenstand sein Interesse, worüber noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eine Monografie entstand. Neben seinen universitären Verpflichtungen übernahm S. in Leipzig die Leitung des Sächsischen Mundartenwörterbuchs und begann Vorarbeiten zu einem sächsischen Ortsnamenbuch. In einem kurzen Beitrag skizzierte er den Plan zu einem Atlas der sächsischen Volkskunde. Ferner wurde S. Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. – 1940 bis 1943 war S. an der „Slowakischen Universität“ (frühere Komensky-Universität) in Pressburg (tschech. Bratislava) im volkskundlichen Seminar tätig, zunächst als Gastprofessor und ab Oktober 1942 als ordentlicher Professor. Daneben führte er in der Slowakei zahlreiche volkskundliche Feldforschungen durch. Während des Zweiten Weltkriegs war S. zudem Leiter der Kommission für Volkskunde an der „Sudetendeutschen Anstalt für Landes- und Volksforschung“ in Reichenberg. – 1947 wurde S. Lehrbeauftragter für Westslawische Philologie in Halle/Saale, 1949 Gastprofessor an der Universität Marburg/Lahn, Mitbegründer und seit 1950 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Herder-Instituts. Seit 1951 war er ordentlicher Professor für Volkskunde und Direktor des volkskundlichen Seminars an der Westfälischen Universität in Münster. Von hier aus organisierte S. den „Arbeitskreis für Hausforschung“, der zur Gründung von vielen Freilichtmuseen in der Bundesrepublik Deutschland beitrug. 1961 bis zu seinem Tod war S. Mitglied des Collegium Carolinums in München sowie der Kommission für ostdeutsche Volkskunde in Kiel. Im Johann-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde in Freiburg/Breisgau wurde er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats. Überdies war er Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften im In- und Ausland, u.a. der Sächsischen Kommission für Geschichte (1939) und der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften (1980). S. gehörte ferner zu den Herausgebern oder Mitherausgebern mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften wie der Zeitschrift für Volkskunde oder der Rheinisch-westfälischen Zeitschrift für Volkskunde. – Schon in den 1930er- und 1940er-Jahren wurde die „Schiersche kulturkundliche Methode“ von manchen deutschen Volkskundlern auf anderen volkskundlichen Gebieten angewendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg weitete S. seine Beobachtungen auf andere osteuropäische Länder aus. Die schon in den 1940er-Jahren von ihm propagierte „vergleichende Arbeit der europäischen Volkskundler“ mündete in der Nachkriegszeit in die Ausarbeitung „der engen kulturellen Verflechtung aller Völker unseres Erdteiles“. Besonderer Kritik wurden aber jene Stellen seines Werks unterzogen, in denen die Vorstellungen des NS-Regimes zu sehr zum Tragen kamen, wie in seinen mit nationalen Vorurteilen behafteten „Volkscharakter“-Forschungen. Problematisch sind auch einige seiner kulturgeografischen Betrachtungen. S. hatte beispielsweise zu wenig berücksichtigt, dass die Existenz von zwei (oder mehreren) gleichen Kulturerscheinungen in unterschiedlichen Kulturarealen auf das Vorkommen zweier (oder mehrerer) gleicher und voneinander unabhängiger Entstehungsvoraussetzungen zurückgeführt werden kann. Diese sind dann dementsprechend nicht als „Lehngut“ zu bezeichnen.



Q  Archiv Filozofické fakulty UK Bratislava [Archiv der Philosophischen Fakultät der Komenius Universität Pressburg], Osobní spis Prof. Bruno S.; Archiv Etnologického ústavu SAV Bratislava [Archiv des Ethnologischen Instituts der Slowakischen Akademie der Wissenschaften], Německý archív; Archiv University Karlovy Praha [Archiv der Karls-Universität Prag], Filozofická fakulta Německé university v Praze, Seminar für deutsche Volkskunde.

W  Hauslandschaften und Kulturbewegungen im östlichen Mitteleuropa, Reichenberg 1932; Plan eines Atlas der sächsischen Volkskunde, in: Mitteldeutsche Blätter für Volkskunde 13/1938, S. 3-7; Der Bienenstand in Mitteleuropa, Leipzig 1939; Vom Aufbau der deutschen Volkskultur, in: Zeitschrift für deutsche Geisteswissenschaft 2/1939, S. 332-348; Die Hirtenspiele des Karpatenraumes, Berlin 1943; Aufbau der slowakischen Volkskultur, in: Deutsches Archiv für Landes- und Volksforschung 7/1943, H. 3, S. 227-260; Die Kunstblume von der Antike bis zur Gegenwart, Berlin 1957; West und Ost in den Volkskulturen Mitteleuropas, Marburg 1989.

L  A. Melicherčík, Národopisná práca na Slovensku, in: Slovák 25/1943, Nr. 80, S. 6; J. Posner, Universitätsprofessor Dr. Bruno S., in: Riesengebirgs-Jahrbuch 1964, S. 118-121; G. Heilfurt/H. Siuts (Hg.), Europäische Kulturverflechtungen im Bereich der volkstümlichen Überlieferung, Göttingen 1967; E. Riemann, Prof. Dr. Bruno S., in: Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 11/1968, S. 179-185; H. Klatz, Das volkstümliche Werk Bruno S.s, in: Blätter der deutschen Gildenschaft 13/1971, S. 17-19; G. Schmitz (Hg.), West-östliche Kulturverflechtungen in Mitteleuropa, Münster 1982 (WV); F. Seibt (Hg.), 25 Jahre Collegium Carolinum München 1956-1981, München 1982; O. Nahodil, Das Vermächtnis eines gelehrten Deutschböhmers, in: B. S., West und Ost in den Volkskulturen Mitteleuropas, Marburg 1989, S. X-XII; H. Lixfeld, Rosenbergs „braune“ und Himmlers „schwarze“ Volkskunde im Kampf um die Vorherrschaft, in: W. Jacobeit/H. Lixfeld/O. Bockhorn (Hg.), Völkische Wissenschaft, Wien/Köln 1994, S. 255-331; J. Michálek, Dejiny etnografie a folkloristiky, Bratislava 1998; J. Michálek, Katedra etnológie v historickej retrospektive, in: Etnologické rozpravy 8/2001, H. 1, S. 138-143; P. Lozoviuk, Bruno S. in der Slowakei, in: Volkskunde in Sachsen 16/2004, S. 129-154. – DBA II, III.



Petr Lozoviuk
28.9.2007


Empfohlene Zitierweise:

Petr Lozoviuk, Schier, Bruno, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.8.2017)

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