Reichert Arno Julius
Musikbibliothekar, Musikpädagoge, Sänger, Komponist
* 31.5.1866 Dresden 10.2.1933 Dresden Dresden, Urnenhain Tolkewitz(ev.)
VJulius (1833-1896), HofopernsängerMLydia, geb. Blüher (1834-1904), MusiklehrerinGJohannes, Dirigent, Pianist, Komponist1896 Elsbeth, geb. BergerSAlfred; RudolfTIlse
GND: 142595950

R. war der dritte hauptamtliche Leiter („Verwalter“) der 1816 von Friedrich Adolf Ebert als neues Bestandssegment der Königlichen öffentlichen Bibliothek (KÖB) geschaffenen Musikabteilung. Während sein Vorgänger Friedrich Kurt Benndorf und sein Nachfolger Ewald Jammers promovierte Musikhistoriker waren und letzterer zusätzlich ein Bibliotheksvolontariat absolviert hatte, war R. Musiker. – Nach dem Besuch von Bürgerschule und Annen-Realgymnasium in Dresden studierte R. 1884 bis 1887 am dortigen Konservatorium, dem Vorläufer der heutigen Hochschule für Musik Carl Maria von Weber. Zu seinen Lehrern zählten Felix Draeseke (Komposition), Adolf Hagen (Dirigieren) und Emil Naumann (Musikgeschichte). Seine musikalische Ausbildung vervollständigte R. 1891 bis 1893 durch ein privates Gesangsstudium bei Max Ronneburger. Schon damals verfügte R. über eigene pädagogische Erfahrung, denn 1887 bis 1920 wirkte er als Musiklehrer an der Stiftung „Lehr- und Erziehungsanstalt für Knaben zu Dresden-Striesen - Freimaurerinstitut der Loge Zu den drei Schwertern und Asträa zur grünenden Raute“, deren Mitglied er wurde. 1895 bis 1908 unterrichtete er außerdem Klavier, Gesang und (zeitweise) Harmonium an der 1890 von Richard Ludwig Schneider gegründeten Dresdner Musikschule, einer Vorläuferin des heutigen Heinrich-Schütz-Konservatoriums. R. betätigte sich auch als Konzertsänger und Komponist. Die eigene Unterrichts-, Musizier- und bibliothekarische Praxis stets im Blick, schrieb er Klavierstücke und komponierte, bearbeitete oder edierte Vokalmusik vom Volkslied bis zur Oper. Eine Bewertung seines weitgehend ungedruckten Schaffens ist nicht möglich, weil die handschriftlichen Werke im Zweiten Weltkrieg fast vollständig vernichtet wurden und auch von den gedruckten mit einer Ausnahme nur noch Titelangaben ermittelt werden konnten. – Zu R.s Kollegen an der Schneiderschen Musikschule gehörte auch Benndorf, dessen Nachfolge R. 1904 antrat. Zunächst im Rang eines wissenschaftlichen Hilfsarbeiters tätig, wurde er 1908 zum Bibliotheksassistenten befördert - Franz Leopold Schnorr von Carolsfeld, bis 1907 Direktor der KÖB, hatte sich für den qualifizierten Quereinsteiger eingesetzt. 1921 avancierte R. an der 1919 in Sächsische Landesbibliothek (SLB) umbenannten Institution zum Landesbibliothekar und damit gleichsam zum Vollmitglied im Kollegium der beamteten wissenschaftlichen Bibliothekare. 1931 trat er in den Ruhestand. – In seiner langen Amtszeit reüssierte R. insbesondere beim Bestandsaufbau und in der Bestandsvermittlung. Dass er Berufsmusikern, aber auch Musikliebhabern und -forschern ein wertvoller Ratgeber war, lag v.a. an seiner profunden Bestandskenntnis. Sie resultierte nicht zuletzt daraus, dass er den weitgehend aus historischen Teilbeständen unterschiedlicher Provenienz bestehenden Musikalienfundus von 1896 systematisch um einen modernen Bestand an gedruckten Noten (Signaturgruppe Musica c Oh) erweiterte. Dabei vernachlässigte er die Ergänzung der historischen Materialien mit ihrem Schwerpunkt Musik der Dresdner Hofkapelle als Zentrum nicht. 1926 umfasste der seit 1901 aufgebaute neue Teilbestand fast 40 Prozent der insgesamt 20.294 katalogisierten Notenbände und war zugleich der am meisten benutzte: Die SLB hatte sich zu einer Anlaufstelle auch für Musiker entwickelt. – Die bestehende „Unübersichtlichkeit und Verworrenheit“ (M. Bollert 1926, S. 38) der Sammlung, die angesichts der ungünstigen Relation von Bestandsgröße und Personalkapazität R. freilich kaum anzulasten war, konnte in seinen letzten Dienstjahren beseitigt werden. Die heterogenen Teilbestände wurden bis 1930 durch ein 1926 von Volontär Jammers und Auskunftsbibliothekar Hans Hofmann entwickeltes und von R. gebilligtes neues Signaturensystem vereinigt. Aufstellungskriterien waren Komponist und Genre, die Provenienz spielte keine Rolle mehr. – Hinzuweisen ist auf R.s gedruckten Katalog „Musikalischer Originalhandschriften“ der SLB, der zur Zeit seines Erscheinens ein Fortschritt war, heute aber selbst als aktualisierter Reprint nur noch punktuell nützlich ist, zu eklatant sind die Lücken, zu gravierend die sonstigen Unzulänglichkeiten. Es entbehrt nicht der Tragik, dass jenes Verzeichnis das Einzige ist, was im heutigen Bibliotheksalltag an den verdienten Musikbibliothekar R. erinnert. Seine wichtigste bibliothekarische Leistung, der in mehr als 25 Jahren aufgebaute Fundus an modernen Notenausgaben, wurde wie sein eigenes Œuvre am 2.3.1945 ein Raub der Flammen.



Q  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Handschriftensammlung, Musikabteilung, Musikalien-Kriegsverlustkartei der Sächsischen Landesbibliothek Dresden; Deutsche Nationalbibliothek Leipzig, Buchmuseum/M/KD; http://www.hofmeister.rhul.ac.uk/2008/content/database/search/basic.html (WV) [Letzter Zugriff am 19.2.2014].

W  Vokalmusik: Der Rheinweinzecher („Habt ihr schon Einen trinken seh’n“, Text: A. Spiess), für Bass-Solo und Männerchor mit Klavierbegleitung, Partitur und Stimmen, Schleusingen 1888, op. 3; Drei Lieder (1. Zauber, „Manchmal im Dunkel regt es sich sacht“; 2. „O nimm mich auf in deinen Frieden; 3. Der kluge Hans, „Und dich seh’ ich noch lang nicht an“), op. 1, Leipzig 1891; Bühnenmusik: Instrumentierung: Señor de Bombonella von F. G. Lange, komische Oper, 1882/83 (1886 durch R. abgeschlossen); Onkel Stark, komische Oper, 1889; Instrumentierung: Im Liebeswahn, Oper, 1901/02; Instrumentalmusik: Zwei Klavierstücke, 1931; Schriften: 50 Jahre Sinfonie-Konzerte, Leipzig/Dresden/Chemnitz 1908; Musikalische Originalhandschriften, in: L. Schmidt (Bearb.), Katalog der Handschriften der Sächsischen Landesbibliothek (vormals Königl. Öffentlichen Bibliothek) zu Dresden, Bd. 4, Leipzig 1923 (ND Dresden 1983), S. 195-250; Neuerworbene Musikerhandschriften der Sächsischen Landesbibliothek, in: Wissenschaftliche Beilage des Dresdner Anzeigers 18.1.1927, Nr. 3, S. 11f.; (Hg.), C. M. von Weber, Schlummerlied, Dresden 1928.

L  Bericht der Dresdener Musik-Schule 1894/96, S. 17-19, 1898/1900 bis 1908/11; Festschrift zur Feier des 125-jährigen Bestehens der Lehr- und Erziehungsanstalt für Knaben - Freimaurer-Institut - zu Dresden-Friedrichstadt am 28. Juni 1899, Dresden 1899, S. 4; Bericht über die Verwaltung und Vermehrung der Königlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft zu Dresden 1904/05, S. 38, 1908/09, S. 42; M. Bollert, Die Musikabteilung, in: Berichte über die Verwaltung der Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft zu Dresden auf das Jahr 1926, S. 38-40; Nach Berufen geordnetes Mitglieder-Verzeichnis der Freimaurerlogen Zu den Drei Schwertern und Asträa zur Grünenden Raute und Zum Goldenen Apfel, Dresden 1928, S. 9; [Würdigungen zur Pensionierung Arno R.s], in: Dresdner Nachrichten 14.8.1931, S. 2, Dresdner Neueste Nachrichten 25.8.1931, S. 2, Sächsische Staatszeitung 25.8.1931, S. 3, Dresdner Anzeiger 29.8.1931, S. 2; [Nachrufe auf Arno R.], in: Dresdner Anzeiger 13.2.1933, S. 3, Dresdner Neueste Nachrichten 15.2.1933, S. 3; [Todesanzeige Arno R.], in: Dresdner Anzeiger 13.2.1933, S. 12; Jahresbericht der Sächsischen Landesbibliothek 1930/35, S. 39-43; [Nachruf Arno R.], in: ebd., S. 50; [Arno R.], in: O. Landmann/W. Reich (Bearb.), Führer durch die Musikabteilung der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden, Dresden 21983, S. 37f., 45f., 62; A. Jammers, Im Japanischen Palais, wie ein Freiherr, in: T. Bürger/E. Henschke (Hg.), Bibliotheken führen und entwickeln, München 2002, S. 305-317. – DBA II, III; P. Frank/W. Altmann, Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon, Leipzig 121926, S. 315; E. H. Müller v. Asow (Hg.), Deutsches Musiker-Lexikon, Dresden 1929, Sp. 1124; H. Riemann (Hg.), Musiklexikon, bearb. von A. Einstein, Bd. 2, Berlin 111929, S. 1484; A. Habermann/R. Klemmt/F. Siefkes, Lexikon deutscher wissenschaftlicher Bibliothekare 1925-1980, Frankfurt/Main 1985, S. 269.

P  Gruppenaufnahme der Mitarbeiter der Sächsischen Landesbibliothek Dresden, H. Bähr, 1921, Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Karl Wilhelm Geck
19.2.2014


Empfohlene Zitierweise:

Karl Wilhelm Geck, Reichert, Arno Julius, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.3.2017)

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