Musculus (Meusel) Andreas
Theologe, Reformator, Generalsuperintendent
* 29.11.1514 Schneeberg 29.9.1581 Frankfurt/Oder(kath., später ev.)
VJohannes (Hanß), Ratsherr in SchneebergGPaul, Hofprediger in Brandenburg 1.um 1540 geb. MoßhauerK8, u.a. S Johannes, Prediger in Frankfurt/Oder; T Dorothea (Zuordnung der K zu den drei Ehen unbekannt) 2.N.N. 3.N.N.
GND: 118785478





M. zählt zu jenen Vertretern der späten Reformation, die sich als theologische Erben Martin Luthers verstanden und entscheidend zur lutherischen Konfessionalisierung beitrugen. M.s langjährige Tätigkeit als Theologe in Frankfurt/Oder fand zwar außerhalb Sachsens statt, seine zahlreichen Schriften wirkten aber vielfach auf Theologie und Frömmigkeitsentwicklung in seiner Heimat zurück. – Im Elternhaus erhielt M. eine sittenstrenge Erziehung und christliche Unterweisung, sein Interesse für alte Sprachen wurde an der Schneeberger Lateinschule gefördert. Nach dreijährigem Aufenthalt an dieser Bildungseinrichtung immatrikulierte sich M. im Sommersemester 1531 an der Universität Leipzig, wo er sich mit Eifer der scholastischen Philosophie widmete und 1534 den akademischen Grad eines Bakkalaureus erwarb. Obwohl Herzog Georg von Sachsen (der Bärtige) die reformatorischen Einflüsse an seiner Landesuniversität zu unterbinden suchte, kam M. als Student mit Schriften Luthers in Berührung, ohne indes tief greifend durch sie verändert zu werden. Dies geschah erst, als M. 1535 nach Schneeberg zurückkehrte und in der zwei Jahre zuvor in den Alleinbesitz der Ernestiner übergegangenen Bergstadt ein gefestigtes protestantisches Kirchenwesen vorfand. Aus Geldmangel verdingte sich M. in der Folgezeit als Privatlehrer in Amberg. 1538 nahm er ein Theologiestudium in Wittenberg auf, das ihn in engen Kontakt zu Philipp Melanchthon und mehr noch zu Luther brachte. Dabei machte er sich u.a. Luthers Teufelsvorstellungen zu eigen, die in M.s späterem literarischem Schaffen breiten Raum erhielten. Nach der Promotion zum Magister nahm er 1541 auf Vermittlung seines Schwagers Johann Agricola eine Tätigkeit als Prediger in Frankfurt/Oder auf. In der Universitätsstadt avancierte M. zum Oberpfarrer an der Marienkirche und zum Professor der Theologie (1546), zeitweise fungierte er als Rektor der Universität. Als Vertrauter der brandenburgischen Kurfürsten Joachim II. und Johann Georg und seit 1566 als Generalsuperintendent prägte M. über viele Jahre die kurbrandenburgische Kirchenpolitik. Von Zeitgenossen als „märkischer Papst“ bezeichnet, trieb der ebenso streitbare wie rücksichtslose Verteidiger der lutherischen Orthodoxie die Erstellung einer neuen Agende nebst Gesangbuch und Katechismus für Brandenburg voran. Sein Eingreifen in die verschiedensten theologischen Debatten seiner Zeit wurde von Freunden und Gegnern oft als übereifrig empfunden. Mit besonderer Leidenschaft bekämpfte M. die Lehren Johannes Calvins und Andreas Osianders, auch die Anhänger Melanchthons verdrängte er aus der Mark Brandenburg. Kritiker wie Abdias Prätorius warfen M. im Abendmahlverständnis einen Rückfall in den Katholizismus vor. Dessen ungeachtet wurde v.a. M.s Mitarbeit an der Konkordienformel, die auch für die Geistlichen in Kursachsen normativen Charakter erhielt, von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des lutherischen Konfessionalismus in Deutschland. Frömmigkeitsgeschichtlich von großem Gewicht sind M.s lateinische und deutsche Gebetbücher, erstmals 1553 bzw. 1559 gedruckt, die die Hauptvorlage für die „Cantiones sacrae“ von Heinrich Schütz (1625) bildeten. Zugleich verankerten M.s geordnete Gebete diese meditative Literaturgattung fest im Luthertum und begründeten M.s Ruf als „Vater des Gebetbuchs im Bereich der späten Wittenberger Reformation“ (Ernst Koch). Höchster Popularität unter Zeitgenossen erfreuten sich M.s Teufelsbücher, die in satirisch-markanter, gerade dadurch sehr volksnaher Sprache Unsitten und Missstände des Alltagslebens brandmarkten. Das kulturgeschichtlich aufschlussreiche Themenspektrum erstreckte sich dabei von der Geißelung des Pluderhosen-Tragens (Hosenteufel) bis zur Warnung vor geistlicher Trägheit und belegt, dass M. das Weltgeschehen hauptsächlich aus apokalyptischer Perspektive deutete. Seine Bußtheologie gibt Aufschluss über M.s Selbstverortung als prophetischer Wächter und Mahner angesichts der Vorzeichen des nahen Weltendes. Von M. erschienen etwa 70 Schriften in z.T. beeindruckender Auflagenzahl.



W  Vom Hosen Teuffel, Frankfurt/Oder 1555 (ND Halle/Saale 1894); Wider den Fluchteuffel oder Vom Gotslestern, Frankfurt/Oder 1556 (ND Oberursel 1968); Wider den Ehteuffel, Frankfurt/Oder 1556; Vom juengsten Tag, Frankfurt/Oder 1557; Vom Himel vnd der Hellen, Frankfurt/Oder 1559; Betbüchlein, Frankfurt/Oder 1559; Praecationes ex veteribus orthodoxis Doctoribus ex ecclesiae Hymnis et Canticis, ex psalmis Davidis collectae, Frankfurt/Oder 1559; Von des Teufels Tyranney, Macht und Gewalt, Erfurt 1561; Compendium Doctrinae Christianae collectum, Frankfurt/Oder 1573.

L  C. W. Spieker, Lebensgeschichte des Andreas M., Frankfurt/Oder 1858; R. Grümmer, Andreas M., Diss. Jena 1912 (WV); H. Grimm, Die deutschen Teufelsbücher des 16. Jahrhunderts, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 2/1960, S. 513-570; H.-J. Rehfeld, Die Teufelsbücher des M., in: G. Haase/J. Winkler (Hg.), Die Oder-Universität Frankfurt, Weimar 1983, S. 227-231; E. Koch, Andreas M. und die Konfessionalisierung im Luthertum, in: H.-C. Rublack (Hg.), Die lutherische Konfessionalisierung in Deutschland, Gütersloh 1992, S. 250-273. – ADB 23, S. 93f.; BBKL 6, Sp. 380f.; DBA I, II; DBE 7, S. 316; LThK3 7, Sp. 542; NDB 18, S. 626f.; RGG4 5, Sp. 1593; Realencyclopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd. 13, Leipzig 31903, S. 577-581.

P  Andreas M., F. Friderich, 1573, Holzschnitt, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Graphische Sammlung; Andreas M., J. B. Brühl, 1711, Kupferstich und Radierung, Österreichische Nationalbibliothek Wien, Bildarchiv und Grafiksammlung, Porträtsammlung (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].



Michael Wetzel
10.09.2019


Empfohlene Zitierweise:

Michael Wetzel, Musculus (Meusel), Andreas, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.11.2019)

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