Jolles André (eigentl. Johannes Andreas, Pseudonym: Karl Andres)
Kunsthistoriker, Literatur- und Sprachwissenschaftler, Volkskundler, Schriftsteller, Journalist
* 7.8.1874 Nieuwediep bei Den Helder (Niederlande) 22.2.1946 Leipzig(ev.)
VHendrik (1847-1888), Offizier der Handelsmarine, BankbeamterMJacoba Cornelia, geb. Singels (1847-1901), Schriftstellerin 1.1900 (gesch. 1918) Mathilde (Tilli), geb. MönckebergS Hendrik (1901-1902); Jan Andries (auch Manuel Cazón) (1906-1942), Buchbinder; Otto Jolle Matthijs (1911-1968), Professor für deutsche Literatur in Chicago (USA)THendrika Jeltje (* 1903); Jacoba Jennigje (* 1904); Ruth Huberta Mathilde (* 1915) 2.1918 Margarethe (Grittli) Elisabeth, geb. BoecklenSJolle (1921-1942, gefallen); Jacob Cornelis (* 1922)TBarbara Sibylle (* 1918); Eva Gertrud (* 1930)
GND: 122521102

J.s Familie siedelte 1875 von Den Helder nach Amsterdam über. Dort besuchte J. zunächst die Grundschule sowie ab 1885 das Barlaeus-Gymnasium, das er im März 1892 ohne Abschlussexamen verließ. 1893 ging er einige Zeit für Studien nach Paris. Mit Unterbrechungen wegen Aufenthalten in Italien studierte er 1894 bis 1905 Kunstgeschichte, Ägyptologie, semitische Sprachen, Archäologie und Geschichte in Paris, Amsterdam, Leiden (ab 1899) und Freiburg/Breisgau (ab 1902). 1905 promovierte er in Freiburg/Breisgau über „Vitruvs Aesthetik“. Zwei Jahre später folgte ebendort die Habilitation. J. wurde Privatdozent für Allgemeine Kunstgeschichte, einschließlich altorientalischer und klassischer antiker Kunst. 1908 ging er nach Berlin. Hier habilitierte er sich am 23.10.1909 um und war als Privatdozent für altorientalische, ägyptische und frühgriechische Kunstgeschichte sowie ab 1913 auch für das Kultusministerium tätig. 1911 hatte sich der mit J. befreundete Kulturhistoriker Johan Huizinga vergeblich bemüht, ihn auf einen vakanten Lehrstuhl der Universität Groningen (Niederlande) zu bringen. 1914 ließ sich J. mit seiner Familie in Deutschland einbürgern. Nach seiner freiwilligen Kriegsteilnahme in der deutschen Armee 1914 bis 1916 erhielt er am 28.8.1916 eine Professur für Archäologie und Kunstgeschichte im deutsch besetzten Gent (Belgien). 1918/19 wurde J. als planmäßiger außerordentlicher Professor für flämische und nordniederländische Sprache und Literatur an die Universität Leipzig berufen, wo 1923 seine Venia Legendi auf die vergleichende Literaturgeschichte ausgedehnt wurde. Bei den häufig organisierten interdisziplinären Veranstaltungen gab es eine besonders enge Zusammenarbeit mit dem Germanisten Theodor Frings. Im Wintersemester 1930/31 führte J. gemeinsam mit Fritz Karg Lehrveranstaltungen zu volkskundlichen Forschungsmethoden durch. Wegen seines Beitritts in die NSDAP am 1.5.1933 zerbrach u.a. seine Freundschaft zu Huizinga und auch der bislang rege Briefwechsel zwischen ihm und seiner Tochter Jeltje aus erster Ehe kam allmählich zum erliegen. Obwohl J. 1941 offiziell emeritiert wurde, konnte er den vakanten Lehrauftrag für vergleichende Literaturgeschichte bis zum Kriegsende wahrnehmen. Am Psychologisch-Pädagogischen Institut der Leipziger Universität veranstaltete er auch „Rassen- und kulturpsychologische Übungen“ zu Mythen, Märchen und Sagen. In seinem Denken war er hier stark durch die Völkerpsychologie Adolf Bastians und Wilhelm Wundts beeinflusst. 1944 wurde ihm anlässlich seines 70. Geburtstags auf Anweisung von Adolf Hitler nachträglich die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen. In den Entnazifizierungsfragebögen für die Universität und für die Alliierten räumte J. 1945 die „wissenschaftliche Beratung“ des „Sicherheitsdiensts des Reichsführers-SS“ lediglich in Bezug auf die „Geschichte und Symbolik des Freimaurerordens im 18. Jahrhundert“ ein. Seine Bemühungen um eine Rückkehr in die holländische Heimat wurden durch seinen Tod gegenstandslos. – J.s intellektuelle Vielseitigkeit zeigte sich nicht nur in seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu Archäologie, Sprachgeschichte, Literaturgeschichte, Ästhetik und Kunstgeschichte, sondern auch in seinem künstlerischen und journalistischen Engagement. So war er 1892 Mitbegründer des mystischen Bunds „Joreks“ zur Pflege des Symbolismus, veröffentlichte 1893 erste symbolistische Beiträge in der Brüsseler Zeitschrift „Van nu en Straks“ und gehörte 1895 zu den Gründern des Amsterdamer Wochenblatts „De Kroniek“, in dem er Aufsätze zur Kunstgeschichte sowie Theater- und Literaturkritiken publizierte. 1897/98 war er Redakteur für Kunst und Wissenschaft bei „De Telegraaf“. Er schrieb Gedichte und Bühnenstücke, letztere z.T. mit seinem Hamburger Schwager Carl Mönckeberg (unter dem gemeinsamen Pseudonym Karl Andres), mit dem er auch einen Theaterverein gründete. Ein Projekt von ihm für ein Spiel anlässlich des 300. Jahrestags der Gründung der Universität Amsterdam wurde 1931 preisgekrönt, 1932 allerdings wieder verworfen. In Thüringen engagierte sich J. 1919 für die Gründung von Volkshochschulen. International bekannt wurde er jedoch v.a. durch eines seiner wissenschaftlichen Hauptwerke, in dem er „Einfache Formen“ der Volkspoesie als Vorformen literarischer Gattungen untersuchte. Der Band wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und hat bis in die Gegenwart Neuauflagen erlebt. Für die volkskundliche Erzählforschung ist er noch immer Grundlagenliteratur, nur im Hinblick auf die Sage bedarf er einer prinzipiellen Korrektur.



Q  Universität Leipzig, Universitätsarchiv, Personalakte J.

W  Primitieven I-VI, in: De Amsterdammer 1894, Nr. 871-880 (ND in: De Kroniek 1895, S. 91, 98f., 114f., 130f., 148f., 170f.); Folk-lore en kunstwetenschap, in: De Kroniek 1897, S. 221-253; Het eerste spel van Michaël den Aartsengel, Amsterdam 1897; Volkskunde, in: De Kroniek 1897, S. 123; Zur Deutung des Begriffes Naturwahrheit in der Bildenden Kunst, Freiburg/Breisgau 1905; Vitruvs Aesthetik, Diss. Freiburg/Breisgau 1906; mit K. Mönckeberg, Vielliebchen, Hamburg 1906; mit dems., Alkestis, Hamburg 1907; Die ägyptisch-mykenischen Prunkgefäße, in: Jahrbuch des Kaiserlichen Deutschen Archäologischen Instituts 23/1908, H. 4, S. 209-250; Spielzeug aus eigener Hand, Leipzig/Berlin 1910; Architektur und Kunstgewerbe in Alt-Holland, München 1913; Ausgelöste Klänge, Berlin 1916; Wege zu Phidias, Berlin 1918; Von Schiller zur Gemeinschaftsbühne, Leipzig 1919; Polykrates, Berlin 1921; Het Sprookje I-IV, in: De Gids 86/1922, H. 4, S. 216-243, 87/1923, H. 1, S. 72-102, 380-411, H. 2, S. 212-240; De Sage, in: ebd. 87/1923, H. 4, S. 128-142; Bezieling en Vorm, Haarlem 1923; Het Sprookje, in: Handelingen van de Maatschappij der Nederlandsche Letterkunde te Leiden 1923-1924, Leiden 1924, S. 18-42; Rätsel und Mythos, in: Germanica. Eduard Sievers zum 75. Geburtstage, Halle 1925, S. 632-645; mit H. Freyer/G. Ipsen (Hg.), Staat und Geist, Leipzig 21926; Einfache Formen, Halle 1930 (ND Tübingen 1958, Darmstadt 1958), Halle 21956, Tübingen 51974 (ND Paris 1972 [frz.], Santiago de Chile 1972 [span.], São Paulo 1976 [port.], Mailand 1980 [ital.]), Tübingen 71999 (ND Delft 2009 [niederl.]); Geschlechtswechsel in Literatur und Volkskunde, in: Mitteldeutsche Blätter für Volkskunde 6/1931, H. 4, S. 145-161; Die literarischen Travestien, in: Blätter für deutsche Philosophie 6/1932/1933, H. 3, S. 281-294; Antike Bedeutungsfelder, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 58/1934, S. 97-109; Die Dichtung im Lebensprozess des Volkes, in: Volk im Werden. Zeitschrift für Kulturpolitik 6/1938, H. 1, S. 16-21.

L  W. Thys, Uit het leven en werk van André J., in: De Nieuwe Taalgids 47/1954, Nr. 3, S. 129-137, Nr. 4, S. 199-208; H. G. M. Prick, Lodewijk van Deyssel en André J., in: L. van Deyssel, Dertien close-ups, Amsterdam 1964, S. 103-121; W. Thys, André J. (1874-1946), in: Yearbook of Comparative and General Literature 13/1964, S. 41-48; M. Wolff-Mönckeberg, On the other side, hrsg. und übersetzt von R. Evans, London 1979; K. Beekman, „Enkelvoudige vormen“ en hun nawerking, in: Spektator 12/1982/83; A. Bodar, Her verliteratuurde leven van André J., in: Maatstaf 31/1983, S. 32-47; ders., Negen eenvoudige vormen, in: Spektator 13/1983/84, H. 2, S. 71-87; ders., Vorm en geestelijke occupatie, in: Forum der Letteren 24/1983, H. 4, S. 260-276; ders., De schoonheidsleer van André J., Diss. Amsterdam 1987; B. S. Wackernagel, Bereit zum Loslassen, Frankfurt/Main 1990; A. Bodar, Aby Warburg en André J., in: Nexus 1/1991, S. 5-18; B. Wackernagel-Jolles, Hommage à mon père André J., in: Maatstaf 41/1993, S. 62-75; G. Simon, Andreas J., in: ders., Germanistik in den Planspielen des Sicherheitsdienstes der SS, 1. Teil, Tübingen 1998, S. XL-XLII; W. Thys (Hg.), André J. (1874-1946), Amsterdam/Leipzig 2000 (P, WV). – DBA II, III; DBE 5, S. 358; NDB 10, S. 586f.; H. A. L. Degener (Hg.), Wer ist’s?, Leipzig 81922, S. 736; G. J. van Bork/P. J. Verkruijsse (Red.), De Nederlandse en Vlaamse auteurs van middeleeuwen tot heden met inbegrip van de Friese auteurs, Weesp 1985, S. 297f.; Biografisch Woordenboek van Nederland, Dl. 4, Den Haag 1994, S. 219f.; R. W. Brednich (Hg.), Enzyklopädie des Märchens, Bd. 7, Berlin/New York 1993, Sp. 623-625; C. König (Hg.), Internationales Germanistenlexikon 1800-1950, Bd. 2, Berlin 2003, S. 853-855.

P  Passbild Andreas J., undatiert, Universitätsarchiv Leipzig, FS N 716 (Bildquelle).



Brigitte Emmrich †
7.9.2011


Empfohlene Zitierweise:

Brigitte Emmrich †, Jolles, André (eigentl. Johannes Andreas, Pseudonym: Karl Andres), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.3.2017)

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