Buchholtz Alwill Johann
Bauingenieur, Geodät
* 4.11.1880 Malup (Lettland) 17.9.1972 Dresden Dresden-Tolkewitz, Johannisfriedhof(ev.)
VJohann (1837-1920), LandwirtMLuise, geb. Ploet (Ploeth, Ploed) († 1880)GAlfred († vor 1880)1907 Auguste Lilli Malvine, geb. Bekmann (1875-1964), KlavierlehrerinTElga (1908-2006), Klavierlehrerin, Übersetzerin
GND: 136669832

B. ist international zu den Wegbereitern der Photogrammetrie zu zählen. 1947 wurde er zum ordentlichen Professor auf den seit Kriegsende verwaisten Lehrstuhl für Vermessungskunde an der Technischen Hochschule Dresden berufen und zum Direktor des dortigen Geodätischen Instituts ernannt. Seine wohl größte Leistung war der Wiederaufbau des Instituts und die Wiederaufnahme der geodätischen Ausbildung in den ersten Nachkriegsjahren. – B. studierte am Rigaer Polytechnischen Institut, der späteren Universität Lettland, und erwarb 1904 das Diplom eines Bauingenieurs. Schon während des Studiums weckte die Geodäsie seine besondere Aufmerksamkeit. Das führte 1904 zur Anstellung als Assistent am Lehrstuhl für Geodäsie des vorgenannten Instituts. Im Ersten Weltkrieg wurde das Rigaer Institut zeitweilig nach Moskau verlegt, wo B. 1916 die Dozentur für Statik und Festigkeitslehre und 1917 für Geodäsie übernahm. Nach der Rückführung des Instituts nach Riga wurde er 1920 zum ordentlichen Professor für Geodäsie und Direktor des Geodätischen Instituts ernannt. In seiner wissenschaftlichen Tätigkeit widmete er sich insbesondere einem noch jungen Wissenschaftszweig der Geodäsie, der Photogrammetrie. Frühzeitig erkannte er die Bedeutung der damals noch neuen Methoden der Stereo- und später Aerophotogrammetrie, zu deren Entwicklung er einen wesentlichen Beitrag leistete. 1933 promovierte B. auf diesem Fachgebiet zum Dr.-Ing. Praktisch tätig war er u.a. bei den Neuvermessungen der Städte Riga und Mitau sowie während der Zeit in Moskau nebenamtlich als Oberingenieur bei der Moskau-Kasaner Eisenbahn. Zahlreiche Kongressteilnahmen, wissenschaftliche Vorträge und Veröffentlichungen, darunter drei Lehrbücher in russischer und lettischer Sprache, machten ihn mit namhaften Fachkollegen aus aller Welt bekannt. – 1926 wurde B. zum ausländischen Mitglied der Masaryk-Akademie in Prag ernannt. 1930 bis 1934 gehörte er dem Präsidium der Internationalen Gesellschaft für Photogrammetrie an und war 1938 bis in die 1960er-Jahre Mitglied des Redaktionskollegiums der Zeitschrift „Photogrammetria“. 1927 bis zum Zweiten Weltkrieg amtierte er in der Gesellschaft für Geodäsie und Photogrammetrie Lettlands als Vorsitzender und wurde 1937 Ehrenmitglied. – Während des Zweiten Weltkriegs wurden B. und seine Familie 1941 als Auslanddeutsche zwangsweise nach Deutschland umgesiedelt. In Berlin war er in der Heeresplankammer als ziviler wissenschaftlicher Mitarbeiter eingesetzt. Nach der deutschen Besetzung Lettlands erreichte B. 1942 unter Schwierigkeiten die Genehmigung zur Rückkehr nach Riga an die Universität, wo er seine frühere Lehrtätigkeit wieder aufnehmen konnte. Mit der Räumung Rigas 1944 musste er sein Heimatland endgültig verlassen. Er kam zunächst nach Bromberg (poln. Bydgoszcz). Dort war er für kurze Zeit im Kriegskarten- und Vermessungsamt tätig. In den Kriegswirren geriet er 1945 schließlich nach Saalfeld in Thüringen, wo er 1947 den Ruf aus Dresden bekam. – B. stand vor einem durch die Luftangriffe 1945 zerstörten und von Reparationsleistungen stark betroffenen Geodätischen Institut sowie einem zusammengebrochenen Unterrichtswesen. Im Alter von 66 Jahren nahm er unter den schwierigen Verhältnissen der Nachkriegszeit seine Lehrtätigkeit auf. 14 Geodäsiestudenten waren seine ersten Schüler in Dresden. B. lehrte die Fächer Vermessungskunde, auch für Bauingenieur- und Architekturstudenten, Plan- und topographisches Zeichnen sowie Ausgleichungsrechnung und Bildmessung. Sein Lehrpensum wuchs beträchtlich. Zwischen 1948 und 1952 trat für B. mit der Einstellung von wissenschaftlichen Assistenten und Lehrbeauftragten sowie der Einrichtung von zwei weiteren Lehrstühlen eine spürbare Entlastung ein, zumal er auch das Amt des Institutsdirektors übergab. 1952 übernahm B. den erstmals in Dresden gebildeten eigenständigen Lehrstuhl für Photogrammetrie und wandte sich fortan ganz seinem Spezialgebiet zu. 1954 erschien sein Standardwerk „Photogrammetrie, Verfahren und Geräte“, das ab der dritten Auflage (1973) von Werner Rüger, Jürgen Pietschner und Karl Regensburger weitergeführt wurde. 1960 ging B. im 80. Lebensjahr in den Ruhestand, nachdem er schon 1955 emeritiert worden war. Bis 1965 hielt er noch Vorlesungen zu speziellen Kapiteln der Photogrammetrie. – B. war Initiator und 1960 Mitbegründer der Gesellschaft für Photogrammetrie der DDR sowie deren erster Vorsitzender. Hier wurde er Ehrenmitglied wie auch in der Deutschen Gesellschaft für Photogrammetrie. Daneben war er im Redaktionsausschuss der Fachzeitschrift „Vermessungstechnik“ tätig. In der Kammer der Technik leitete er den Fachunterausschuss Photogrammetrie. Großen Wert legte er dabei auf die Verbreitung der photogrammetrischen Lehre und ihre Anwendung in der Praxis. Seit 1960 war B. ordentliches Mitglied der Deutschen Geodätischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. – 1960 bekam er den Vaterländischen Verdienstorden in Silber verliehen und wurde 1961 von der Kammer der Technik mit der Ehrennadel in Gold ausgezeichnet.



Q  W. Zill, Zum 75. Geburtstag von Prof. Dr.-Ing. Alwill B., in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Hochschule Dresden 4/1954/55, S. 3-6 (P); Beiträge zum 100. Geburtstag von Professor Dr.-Ing. Alwill B., in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden 30/1981, H. 5, S. 135-161 (P, WV); Technische Universität Dresden, Universitätsarchiv, Professorenkatalog und -dokumentation, Personalakte (WV); Christus-Kirchengemeinde Dresden-Strehlen, Kirchenbuch 1964.

W  Kurs nisšej geodezii (Niedere Geodäsie) (russ.), 3 Bde., Riga 1921-1923; Über einige Probleme der Radialtriangulation (Diss.), in: Acta Universitatis Latviensis, Inženierzinātnu fakultātes Serija I.6, Riga 1932, S. 193-332; Fotogrammetrija (Photogrammetrie) (lett.), Riga 1935; Novērojumu izlīdzināšana pēc vismazāko kvadratu metodes (Ausgleichungsrechnung) (lett.), Riga 1940; Photogrammetrie, Verfahren und Geräte, Berlin 1954, ²1960.

L  H. Peschel, Das Geodätische Institut, in: H. Ley (Red.), Festschrift 125 Jahre Technische Hochschule Dresden 1828-1953, Berlin 1953, S. 115-125; M. Döhler, Prof. Dr.-Ing. Alwill B. zur Vollendung seines 80. Lebensjahres, in: Bildmessung und Luftbildwesen 28/1960, H. 4, S. 238-240 (P); E. Wolf, Prof. Dr.-Ing. Alwill B. zum 80. Geburtstag, in: Zeitschrift für Vermessungswesen 86/1961, H. 5, S. 169; H. Jochmann, Professor Alwill B. 85 Jahre, in: Vermessungstechnik 13/1965, H. 11, S. 435; W. Rüger, Prof. Dr.-Ing. Alwill B. 90 Jahre, in: ebd. 18/1970, H. 11, S. 425 (P); ders., Professor Dr.-Ing. Alwill B. zum Gedenken (Nachruf), in: ebd. 20/1972, H. 12, S. 461; F. Ackerl, Professor (em.) Dr.-Ing. Alwill B. gestorben (Nachruf), in: Österreichische Zeitschrift für Vermessungswesen 60/1972, H. 3, S. 103; M. Döhler, Prof. Dr.-Ing. Alwill B. † (Nachruf), in: Bildmessung und Luftbildwesen 41/1973, H. 1, S. 34 (P); H. Peschel, 150 Jahre Technische Universität Dresden - 150 Jahre Geodäsie in Lehre und Forschung, in: Vermessungstechnik 26/1978, H. 11, S. 384-389; H. Rößler, Aus der Geschichte des Geodätischen Instituts der Technischen Universität Dresden, in: Geodäsie im Wandel - Einhundertfünfzig Jahre Geodätisches Institut, Dresden 2002, H. 1, S. 7-36 (P); J. Albertz/H.-P. Bähr/H. Hornik/R. Rummel (Hg.), Festschrift 50 Jahre Deutsche Geodätische Kommission, Reihe E, H. 26, München 2002, S. 233f. (P); H. Rößler, Alwill B. - Ein Wegbereiter der Photogrammetrie, in: Dresdner Universitätsjournal 17/2006, Nr. 1, S. 10 (P). – D. Petschel (Bearb.), Die Professoren der TU Dresden 1828-2003, Köln/Weimar/Wien 2003, S. 130.

P  Porträtfoto, Audiovisuelles Medienzentrum der Technischen Universität Dresden, Archiv (Bildquelle).



Horst Rößler
18.5.2005


Empfohlene Zitierweise:

Horst Rößler, Buchholtz, Alwill Johann, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.6.2017)

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