Dörffel Alfred
Musikwissenschaftler, Musikkritiker, Bibliothekar, Verleger
* 24.1.1821 Waldenburg 22.1.1905 Leipzig Leipzig(ev.)
VAugust Friedrich (1785-1859), fürstlich Schönburgischer KammerratMChristiane Charlotte, geb. Kröhne (1795-1859)GOttokar (1818-1906), Bürgermeister, Rechtsanwalt, Chronist; August (1819-1900); Ottilie (1822-1840); Thekla (1823-1910)1850 Charlotte Louise Benigna, geb. Trabert (1828-1885)SLudwig (1851-1932); Balduin (1852-1917); Edmund (1853-1911); Robert (* † 1855); August Sebald Eduard (1856-1907); Berthold (1864-1872); Friedhold (1867-1955); Johann Sebastian (1870-1931)T1 (* † 1866)
GND: 116159421





D. gehört zu den wichtigsten Berichterstattern der Musikgeschichte Leipzigs in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, seinerzeit ein bedeutendes Musikzentrum in Europa. Er hat als solcher seine gesammelten Erfahrungen in einer „Geschichte der Gewandhauskoncerte“ veröffentlicht. Darüber hinaus hat D. als Musikgelehrter und Mitarbeiter an der (Alten) Bach-Gesamtausgabe beinahe alle Werkbände redigiert und selbst elf Ausgaben als Herausgeber beigesteuert. – D. erhielt frühzeitig Klavierunterricht beim Organisten seiner Heimatstadt Waldenburg Johann Adolph Trube und weiter ab 1835 in Leipzig als Zögling der dortigen Realschule. Dazu traten Geigen- und Theorieunterricht bei Karl Johann Christian Kloss, Gottfried Wilhelm Fink, Christian Gottlieb Müller, Carl Günther und Eduard Winter. Sehr förderlich waren nach eigenem Bekunden die Vorspiel- und Unterrichtsstunden bei Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann. D. verdiente seinen Lebensunterhalt anfangs als Klavierlehrer und rezensierte daneben 1846 bis 1850 neuerschienene Notendrucke für die „Neue Zeitschrift für Musik“. Das kompositorische Werk seines Idols Schumann in helleres Licht zu rücken, war ihm seither besonders wichtig. Bei den „Versammlungen deutscher Tonkünstler“ in Leipzig (1847-1849) und im „Leipziger Tonkünstler-Verein“ war er aktiv und mischte sich, durchaus streitbar und vehement, in Diskussionen über das seinerzeitige Musikschaffen ein. So wurde er zum Berichterstatter einer höchst interessanten Phase der Musikgeschichte seiner Stadt. Schon 1842 hatte er sich den Freimaurern angeschlossen, war seither Mitglied der Leipziger Johannisloge „Balduin zur Linde“ und wirkte dort über viele Jahre als Musikdirektor und Bibliothekar. Als Gründungsmitglied im „Allgemeinen deutschen Musikverein“ übernahm D. 1861 bis 1864 Aufbau und Führung der Vereinsbibliothek. Seit dem Gründungsjahr 1869 war er Mitglied der „Gesellschaft für Musikforschung“ und wurde 1871 in den musikalischen Sachverständigenverein für das Königreich Sachsen berufen, eine außergewöhnliche Ehrung für jemanden, der niemals an einer Universität studiert hatte. – Seit 1849 war D. im Leipziger Musikverlag Breitkopf & Härtel angestellt, anfangs als freier Mitarbeiter und 1856 bis 1860 als sog. Hauskorrektor. Dabei fand er große Anerkennung für seine sachkundige Arbeit auch durch namhafte Komponisten wie Franz Liszt und Richard Wagner. Darüber hinaus machte er sich für den Verlag als Herausgeber u.a. der Klavierwerke von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart verdient. Nachdem D. in den 1870er-Jahren für den Leipziger Musikverlag C. F. Peters mehrere Noteneditionen vorgelegt und sich einen nachhaltigen Ruf als fachkundiger wie auch gewissenhafter Herausgeber erworben hatte, erhielt er 1877 eine feste Anstellung im Petersverlag als Korrektor und musikalischer Berater. Bis zu seinem Tod galt D. als das „musikalische Gewissen“ der Firma. – Große Verdienste erwarb sich D. durch eine Übersetzung der Instrumentationslehre von Hector Berlioz. Er lieferte Beiträge für verschiedene Zeitschriften („Neue Zeitschrift für Musik“, „Signale für die musikalische Welt“, „Musikalisches Wochenblatt“, „Tonhalle“) und war als Konzertkritiker bis ins hohe Alter tätig. Für die Leipziger Tagespresse verfasste er 1868 eine biografische Skizze über den Musikschriftsteller Friedrich Rochlitz sowie im selben Jahr einen „Führer durch die musikalische Welt“. Zudem veröffentlichte er Verzeichnisse der Werke von Johann Sebastian Bach (erster öffentlich zugänglicher Bach-Katalog, 1867), Mendelssohn Bartholdy (1870) und Schumann (1871). Seine bedeutendste Veröffentlichung aber sollte eine Festschrift über die „Geschichte der Gewandhausconcerte“ werden. Als Ziel dieser Schrift bezeichnete es D., dass der Leser alle Konzerte der vergangenen hundert Jahre im Gewandhaussaal noch einmal miterleben könnte, als wäre er selbst dabei gewesen. – 1859 bis 1904 betreute D. die musikalische Abteilung der Leipziger Stadtbibliothek. Gleichzeitig baute er eine eigene „musikalische Leihanstalt“ und einen Musikverlag auf und führte diese 1862 bis 1885 selbst. Nach Übergabe an seinen Sohn Balduin geriet das Geschäft in Konkurs (1891) und wurde von C. F. Peters als Grundstock für die 1894 eröffnete Musikbibliothek Peters aufgekauft. D. wurde vom Firmeninhaber Max Abraham zum „Ehrenbibliothekar“ ernannt. Zu den herausragenden Leistungen D.s gehört die Mitarbeit bei der Herausgabe der Bach-Gesamtausgabe der Leipziger Bachgesellschaft, seit 1850 als Korrektor und 1876 bis 1898 zusätzlich als Herausgeber von elf Einzelbänden. Höchste Anerkennung wurde D. zuteil, als die Leipziger Universität seinem Promotionsantrag (1885) stattgab und er eine reguläre philosophische Graduierung (also nicht nur ein Ehrendoktorat) für seine „Gewandhausgeschichte“ erhielt. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ würdigte den Verstorbenen in einem Nachruf als einen „hochverdienten Musikgelehrten“ und einen „der ehrwürdigsten und anziehendsten musikalischen Charakterköpfe aus Leipzigs grosser Zeit“.



Q  Universitätsarchiv Leipzig, Promotionsakte Alfred D., Phil. Fak. Prom. 4078, Bl. 1-8.

W  Thematisches Verzeichnis der Instrumentalwerke von J. S. Bach, Leipzig/Berlin 1867, Leipzig 21882; (Hg.), F. Rochlitz, Für Freunde der Tonkunst, Bd. 4, Leipzig 31868; Führer durch die musikalische Welt, Leipzig 1868 (anonym); Systematisches Verzeichnis der in Deutschland im Druck erschienenen Compositionen von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Leipzig 1870 (anonym); Literarisches Verzeichnis der im Druck erschienenen Tonwerke von Robert Schuman, Leipzig 1871; Festschrift zur hundertjährigen Jubelfeier der Einweihung des Concertsaales im Gewandhause zu Leipzig, Leipzig 1881; Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig vom 25. November 1781 bis 25. November 1881, Leipzig 1884 (ND Leipzig 1980); (Hg.), Bach-Gesamtausgabe der Leipziger Bachgesellschaft, Bd. 24, 26, 27/1, 27/2, 31/1, 31/2, 35, 37, 41, 45/1, 45/2, Leipzig 1876-1898.

L  G. F. Jansen, Die Davidsbündler. Aus Schumann’s Sturm- und Drangperiode, Leipzig 1883, S. 72-74, 230 (Anm. 86); [E. Zschinsky-Troxler], Geschichte des Verlagshauses C. F. Peters von ihren Anfängen an. 1. Dezember 1800 bis zum heutigen Tage 1. April 1933 [Ms.], S. 78 [Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig 21070 Verlag C. F. Peters, Leipzig, Nr. 5503]; A. Richter, Aus Leipzigs musikalischer Glanzzeit, Leipzig 2004; G. Kretzschmar (Hg.), Das Leben der Familie Dörffel und Kretzschmar von sechs Generationen, 6 Bde., Nürnberg 2012 [Ms./CD] [Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Chemnitz, 32875 Familiennachlass Dörffel Kretzschmar]; K. Burmeister, Alfred D.: Verlagsmitarbeiter und -inhaber, Musikgelehrter und -bibliothekar, in: D. Keym/P. Schmitz (Hg.), Das Leipziger Musikverlagswesen, Hildesheim/Zürich/New York 2016, S. 271-290; K. Burmeister, Alfred D. Ein Leipziger im Dienste der Musik, Altenburg 2018. – DBA I, II, III; DBE 2, S. 575f.; NDB 4, S. 30; E. Bernsdorf (Hg.), Neues Universal-Lexikon der Tonkunst, Erster Nachtrag, Offenbach 1865, S. 133; Julius Schuberth, Kleines musikalisches Conversations-Lexikon, Leipzig 61865, S. 85f.; F.-J. Fétis (Hg.), Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique, Bd. 3: Désargus-Giardini, Paris 1862, S. 34; H. Mendel/A. Reißmann (Hg.), Musikalisches Conversations-Lexikon, Bd. 3: Costa-Fortschreitung, Berlin 1873, S. 194; H. Riemann (Hg.), Musik-Lexikon, Leipzig 1882, S. 218; E. Schmitz, D., Alfred, in: F. Blume (Hg.), Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik, Bd. 3: Daquin-Fechner, Kassel u.a. 1954, Sp. 621f.; L. Schmidt, D., Alfred, in: L. Finscher (Hg.), Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Personenteil 5, Kassel u.a. 2001, Sp. 1310-1312.

P  Alfred D., Fotografie, Privatbesitz Klaus Burmeister (Bildquelle).



Klaus Burmeister
27.8.2019


Empfohlene Zitierweise:

Klaus Burmeister, Dörffel, Alfred, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (6.12.2019)

Wikipedia Link