Gersdorf (Gersdorff) (zu Schwerta, Volkersdorf, Meffersdorf, Wigandsthal, Grenzdorf, Bergstraß, Straßberg, Heide, Neu-Gersdorf, Heller, Nieder-Rengersdorf, Klein-Krauscha, Kodersdorf, Ober-Rengersdorf, Torga) Adolf Traugott von
Naturwissenschaftler, Mitbegründer der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, Rittergutsbesitzer
* 20.3.1744 Niederrengersdorf bei Kodersdorf 16.6.1807 Meffersdorf (poln. Unięcice) Meffersdorf (ev.)
VKarl Ernst (zu Eckersdorf und Niederrengersdorf) (1689-1745), kursächsischer Oberst der KavallerieMJohanna Eleonora, geb. von Richthofen (1708-1769)StiefV(seit 1751) Karl August von Gersdorf (1705-1787), kursächsischer General der Infanterie, KriegsministerG6 u.a. Rudolf Ernst (1729-1769)1770 Rahel Henriette, geb. von Metzrad (um 1740-1820)
GND: 118690906

G. war zu seiner Zeit einer der engagiertesten Sozialreformer und profiliertesten Naturwissenschaftler innerhalb von Sachsen, der Lausitz und Schlesien. Als Mitgründer der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz machte er seine Interessen und Kenntnisse im Bereich der Mineralogie, Geologie, Medizin und Elektrophysik sowie seine umfangreiche Sammlungstätigkeit für eine breitere Öffentlichkeit fruchtbar. – Nach umfassender Vorbildung durch sechs fachlich ausgewiesene Hauslehrer und dem Besuch des Görlitzer Gymnasiums Augustum besuchte G. 1763 bis 1767 die Universität Leipzig. Dort besuchte er Vorlesungen in Moralphilosophie und Literaturgeschichte bei Christian Fürchtegott Gellert, Universalgeschichte und römische Altertumskunde bei Johann August Ernesti, Philosophie und Experimentalphysik bei Johann Heinrich Winkler sowie Botanik und Ökonomie bei Johann Christian Daniel Schreber und erwarb den Magistergrad. 1776 verlieh ihm die Universität Wittenberg den Doktorgrad für die Fachgebiete Meteorologie, Geografie und Mineralogie. Bereits 1765 unternahm G. eine Reise durch Sachsen, um landeskundliche und ökonomische Kenntnisse über die ihm als Erbe zugefallenen Rittergüter zu gewinnen und Modernisierungsmaßnahmen anzustoßen. Zwei Jahre später erfolgte die Grundsteinlegung zum Bau seines Gutshauses in Meffersdorf, das ihm als Wohnsitz und zur Unterbringung seiner umfangreichen wissenschaftlichen Sammlungen diente (Mineralien, Moose und Flechten, elektrophysikalische und elektromedizinische Maschinen). Als Gutsherr sorgte er in Übernahme der Ideen von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf für die weitgehende Ablösung bzw. Aufhebung der Frondienste und des Lassgut-Systems. G. stiftete zahlreiche Wohlfahrtsinstitutionen und Stipendien und übernahm nach Gellerts Tod dessen Studentenfürsorge. – 1779 gründete er zusammen mit Karl Gottlob Anton die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz, die sich als Gelehrtenvereinigung der enzyklopädischen Forschung, der modernen Naturwissenschaft und Medizin sowie der Förderung wissenschaftlicher Bildung widmete. Im Lauf des 19. Jahrhunderts nahm sie allmählich den Charakter eines lokalen patriotischen Geschichtsvereins an, was nicht unkritisiert blieb. G. beteiligte sich aktiv an der Arbeit der Oberlausitzischen Gesellschaft in Forschung und Praxis und wandte sich v.a. folgenden Gebieten zu: astronomische und meteorologische Beobachtungen, barometrische Höhenbestimmungen der schlesischen und Lausitzer Berge, experimentelle Physik der Luftelektrizität, Erforschung der Energie des Blitzes und Einführung des Blitzableiters in der Oberlausitz, Studien und eigene Heilpraxis zur medizinischen Anwendung der Elektrizität, Erforschung und Sammlung von Mineralien zur ökonomischen Nutzung. – G. war Mitglied der Gesellschaft Naturforschender Freunde in Berlin, außerordentliches Mitglied der „Societät der Bergbaukunde“ in Freiberg sowie Ehrenmitglied der Jenaischen Mineralogischen Sozietät. Seine Mineraliensammlung war um 1800 eine der drei größten deutschen Privatsammlungen, neben der von Abraham Gottlob Werner und der von Johann Wolfgang von Goethe. G.s Kunstsammlung gibt Aufschluss über seine Interessen an Naturdarstellungen und Landschaftsmalerei und zeigt ihn als Kunstkenner, nicht zuletzt wohl angeregt durch seinen Zeichenlehrer Christian Benjamin Müller. Zahlreiche eigene Zeichnungen künden von Ausdrucksstärke sowie von Sinn für Atmosphäre und Detailgenauigkeit. Einblicke in G.s wissenschaftliche Tätigkeit gewährt sein ausgedehnter Briefwechsel mit dem berühmten Mineralogen und Geologen Johann Friedrich Wilhelm von Charpentier. Den mineralogischen und geologischen Studien dienten 1765 bis 1806 ausgedehnte Reisen durch Mitteleuropa, die er in gewissenhaft geführten Tagebüchern dokumentierte. Am bedeutendsten war 1786 seine Reise in die Schweiz und nach Frankreich, wo er Augenzeuge der Erstbesteigung des Mont Blanc wurde. Für 1799 kann ein Besuch Heinrich von Kleists in Meffersdorf vermutet werden. 1801 verfügte G. testamentarisch, dass seine Sammlungen, seine Bibliothek sowie die physikalischen Apparate und Instrumente nach seinem Tod nach Görlitz in den Besitz der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften überführt werden sollten. 1953 wurden sie dort in den Städtischen Kunstsammlungen ausgestellt. G.s Nachlass wurde schließlich 2009 bis 2011 sorgfältig restauriert und im ursprünglichen Gebäude der Oberlausitzischen Gesellschaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.



Q  Städtische Kunstsammlungen Görlitz, Nachlass Adolf Traugott von G.

W  Beschreibung eines Blitzstrahls in Flinsberg, in: B. G. Kretzschmar, Nachlese oberlausitzischer einheimischer und auswärtiger Nachrichten, Zittau 1765, S. 318; Versuch, die Höhe des Riesengebirges zu bestimmen, Leipzig 1772; Einige Versuche einen im Wasser verhärtenden Mörtel oder Zement zu machen, in: Provinzialblätter oder Sammlungen zur Geschichte, Naturkunde, Moral und anderen Wissenschaften 1/1782, S. 411-427; Über die Wirkung der modernen Elektrizität bei verschiedenen Krankheiten, in: Lausizische Monatsschrift 3/1795, Teil 1, S. 151-162, 229-234, ebd. 5/1797, H. 1, S. 15-17; Zween Fälle aus der medizinischen Elektrizität, in: ebd. 3/1795, H. 2, S. 80-86; Von einer Zurüstung zur Erforschung der atmosphärischen Elektrizität, in: Neue lausizische Monatsschrift 2/1800, H. 2, S. 405-425; Über meine Beobachtungen der atmosphärischen Elektricität zu Meffersdorf in der Oberlausitz, Görlitz 1802.

L  T. Neumann, Geschichte der Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften in den ersten 50 Jahren, in: Neues Lausitzisches Magazin 31/1854, S. 165-244; F. Schönwalder, Nachrichten aus der Gesellschaft, in: ebd. 55/1879, S. 407-420; G. Eitner, Adolf Traugott von G., in: ebd. 70/1894, S. 164-171; R. Jecht, Kurzer Wegweiser durch die Geschichte der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz von 1779-1904, in: ebd. 80/1904, S. 71-112; ders., Gedächtnisrede zum 100jährigen Todestage Adolph Traugott von G.s, in: ebd. 83/1907, S. 265-272; ders., Festrede zum 150jährigen Stiftungsfeste der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften am 19. Mai 1929, in: ebd. 105/1929, S. 202-207; W. von Boetticher, Der Oberlausitzische Adel im Kulturleben in der Zeit von etwa 1750 bis 1815, in: ebd. 111/1935, S. 1-26; Physikalisches Kabinett/Städtische Kunstsammlungen Görlitz, hrsg. vom Institut für Denkmalspflege Dresden und dem Rat der Stadt Görlitz, Görlitz 1953; E.-H. Lemper, Adolf Traugott von G. und die Spätaufklärung in der Oberlausitz, in: M. Reuther (Hg.), Oberlausitzer Forschungen, Leipzig 1961, S. 193-228 (WV, P); R. Lehmann, Die Niederlausitz in den Gersdorfschen Reisetagebüchern (1772-93), in: ebd. S. 229-255; E.-H. Lemper, Adolf Traugott von G. (1744-1807), Berlin 1974; V. Imhof, Adolf Traugott von G.s Reise in die Schweiz 1786, in: Sammeln - Erforschen - Bewahren, hrsg. von der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, Hoyerswerda/Görlitz 1999, S. 19-28; M. Leh, Die Gesteins- und Mineraliensammlung Adolf Traugott von G.s (1744-1808), in: M. Schmidt (Hg.), Die Oberlausitz und Sachsen in Mitteleuropa, Görlitz 2003, S. 183-187; C. Herrmann, Das physikalische Kabinett in Görlitz, Görlitz 2007; A. Klammt, Der verschollene Briefwechsel zwischen A. T. v. Gersdorf und G. Ch. Lichtenberg, in: Görlitzer Magazin 20/2007, S. 32-41; M. Winzeler, Adolf Traugott von G. und die Kunst, in: ebd., S. 14-31; C. Herrmann, Adolf Traugott von G. - der gelehrte Herr auf Meffersdorf, in: Silesia nova, Sonderheft 5/2008, S. 79-88; dies., Rahel Henriette von G., in: Oberlausitzer Familien-Kalenderbuch 18/2010, S. 162-164; dies., Zeitzeugen der Elektrostatik, in: Sächsische Heimatblätter 56/2010, S. 78-84; dies., Faszination Mikrokosmos. Einige Betrachtungen zu den Mikroskopen im Physikalischen Kabinett des Adolf Traugott von G., in: Neues Lausitzisches Magazin NF 14/2011, S. 121-134. – DBA I, II; DBE 3, S. 655; NDB 6, S. 319f.; G. F. Otto, Lexikon der seit dem funfzehenden Jahrhunderte verstorbenen und jetztlebenden Oberlausizischen Schriftsteller und Künstler, Bd. 1, Görlitz 1801, S. 452-455, Bd. 3, Görlitz 1803, S. 706, Supplementbd., Görlitz/Leipzig 1821, S. 115f.

P  Adolf Traugott von Gersdorf, Anton Graff, 1802, Öl auf Leinwand, Städtische Sammlungen Görlitz (Bildquelle).



Ernst-Heinz Lemper (†), Isabella von Treskow
10.7.2013


Empfohlene Zitierweise:

Ernst-Heinz Lemper (†), Isabella von Treskow, Gersdorf (Gersdorff) (zu Schwerta, Volkersdorf, Meffersdorf, Wigandsthal, Grenzdorf, Bergstraß, Straßberg, Heide, Neu-Gersdorf, Heller, Nieder-Rengersdorf, Klein-Krauscha, Kodersdorf, Ober-Rengersdorf, Torga), Adolf Traugott von, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.3.2017)

Wikipedia Link