Meyer Adolph Bernhard
Naturwissenschaftler, Museumsdirektor
* 11.10.1840 Hamburg 5.2.1911 Berlin
Wilhelmine
GND: 117554847

Der gebürtige Hamburger M. war mehr als 30 Jahre im Königreich Sachsen tätig. Als Begründer und langjähriger Direktor führte er das Königlich Zoologische und Anthropologisch-Ethnographische Museum zu Dresden - seit 1945 als Museum für Tierkunde und als Museum für Völkerkunde institutionell getrennt - zu Weltgeltung. Durch seine vielseitigen internationalen Beziehungen brachte er wertvolle und einzigartige Museumsschätze nach Dresden. – Als Sohn aus begüterter Familie studierte M. nach dem Schulbesuch Medizin und Naturwissenschaften an den Universitäten Göttingen, Wien, Berlin und Zürich. 1867 promovierte er in Zürich mit „Beiträgen zur Lehre von der electrischen Nervenreizung“. Bereits während des Studiums schloss M. Bekanntschaft mit Alfred Russel Wallace, dem Mitbegründer der Abstammungslehre, und übersetzte mehrere seiner Werke ins Deutsche, wodurch er wesentlich zur Verbreitung des Darwinismus im deutschen Sprachgebiet beitrug. Seinem Vorbild Wallace folgend, unternahm der universell interessierte M. zwischen 1870 und 1873 Forschungsreisen im Malaiischen Archipel (Celebes, Philippinen) und nach Niederländisch-Neuguinea. M.s Forschungen auf Neuguinea konzentrierten sich auf die damals noch fast unbekannte Geelvink-Bay im Nordwesten der Insel, wodurch er wesentlich zur Verbesserung des geografischen Kenntnisstandes der Region beitrug. 1873 kehrte M. mit botanischen, zoologischen, geologisch-mineralogischen, anthropologischen und ethnografischen Sammlungen nach Wien zurück. Diese Bestände gingen an Museen in Großbritannien und Deutschland. Die überwiegende Zahl der zoologischen (ca. 17.000) sowie die anthropologischen (ca. 350) und ethnografischen (ca. 450) Objekte verkaufte er dem Naturhistorischen Museum in Dresden. 1874 wurde M. an dieses berufen und löste Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach als Direktor ab. In Dresden begann er eine bald international anerkannte Tätigkeit als Museumsorganisator, die ihm den Ruf als einem der Begründer der Museologie einbrachte. Dem Anthropologischen Kabinett im Naturhistorischen Museum, das aus einer von Carl Gustav Carus angelegten Sammlung von Schädeln und Gipsabgüssen bestand, fügte er im Oktober 1875 eine ethnografische Abteilung hinzu. Ab 1879 führte das ehemalige Naturhistorische Museum den Namen „Königlich Zoologisches und Anthropologisch-Ethnographisches Museum Dresden“. M. hielt die Vereinigung dieser drei Fächer in gewisser Weise offen und wies in verschiedenen Veröffentlichungen die drei Fachgebiete als eigene Museen aus. – Während seiner 30-jährigen Amtszeit konnte M., dank seiner internationalen Kontakte und der Gewinnung privater Sponsoren, die Sammlungen beträchtlich vermehren, wobei er eine Spezialisierung auf die indo-australische Region anstrebte. Allein der ethnografische Bestand wuchs in dieser Zeit auf 30.000 Katalognummern an. Auf zoologischem Gebiet gelang der Ankauf seltener oder schon ausgestorbener Tiere, die heute zu den wissenschaftlichen und materiellen Schätzen des Museums für Tierkunde gehören. Das anthropologische Kabinett erweiterte M. durch den Erwerb umfangreicher regionaler Serien zu einer wissenschaftlich viel beachteten Abteilung. Hoch geschätzte Objekte der Wissenschaftsgeschichte sind auch das anthropometrische Instrumentarium zur Erfassung von körperlichen Dimensionen und Proportionen, für dessen konstruktive Verbesserung M. zahlreiche Vorschläge unterbreitete. – Während seines Direktorats legte M. großen Wert auf die Verbindung von musealer und wissenschaftlicher Arbeit. Zu diesem Zweck vergrößerte er das wissenschaftliche Personal an den Museen, schuf die Grundlagen für den Aufbau einer modernen Museumsbibliothek und besorgte die Herausgabe von wissenschaftlichen Publikationenreihen. Mit den „Publicationen aus dem Kgl. Zoolog. Museum zu Dresden“, den „Publicationen aus dem Kgl. Ethn. Museum zu Dresden“ sowie den „Abhandlungen und Berichten aus dem Kgl. Zoolog. u. Anthr.-Ethn. Museum zu Dresden“, die mit großformatigen Lichtdrucktafeln ausgestattet waren, entstanden international viel beachtete Publikationsorgane, die teilweise bis heute fortgeführt werden. M. legte mit den eigenen fotografischen Aufnahmen von seinen Forschungsreisen auch den Grundstock zu einem in Teilen noch heute vorhandenen Bildarchiv. Neben anthropologischen Typenreihen umfasst dieses Darstellungen charakteristischer Szenen aus dem Alltagsleben indonesischer und ozeanischer Bevölkerungsgruppen. – Nach Anregungen, die M. während zweier Studienreisen zu den größten Museen Europas und Nordamerikas gewann, setzte er sich engagiert für die verschiedensten technisch-musealen Neuerungen in Dresden ein. In Zusammenarbeit mit der Dresdner Firma Kühnscherf konstruierte er gut durchlichtete Stahl-Glas-Schränke, die neben optimalen Betrachtungsmöglichkeiten auch Schutz vor Staub und Insektenbefall boten. Die räumliche Enge am Standort des Museums im Dresdner Zwinger führte zur Entwicklung der Kompaktbauweise im Bibliotheksbereich, bei der einzelne Schränke hydraulisch aus dem Kompaktverband herausgeschoben werden konnten. M. führte die Trennung von Studien- und Schausammlung ein, was zu größerer Übersichtlichkeit der Ausstellungen beitrug. Für einen geplanten, jedoch nie ausgeführten Museumsneubau postulierte er die Anpassung des Baus an die Bedürfnisse der Sammlungen bei Unterordnung architektonischer Gesichtspunkte. 1897 wurde das Dresdner Museum auf der Jahresversammlung der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft als „... eines der bestaufgestellten und bestverwalteten Museen Europas ...“ gewürdigt. – Das universelle Wirken M.s wird auch in seiner eigenen wissenschaftlich-publizistischen Tätigkeit sichtbar. Er veröffentlichte neben den erwähnten Übersetzungen und Reiseberichten mehr als 350 Schriften zoologischen, medizinischen, anthropologischen, ethnografischen, linguistischen, ur- und frühgeschichtlichen und museologischen Inhalts. Mit etwa 200 Werken entfällt der Hauptanteil auf die Zoologie, wobei er besonders auf dem Gebiet der Ornithologie aktiv war. M.s anthropologische und ethnologische Arbeiten sind in der von ihm bevorzugten Region, dem ostindischen Archipel angesiedelt, und gehen vom Objektbestand des Dresdner Museums aus. Sie zeigen, dass M. an den wissenschaftlichen Diskussionen seiner Zeit Anteil nahm, auch wenn von ihm keine grundsätzlich neuen, richtungweisenden theoretischen Überlegungen ausgingen. Seine erfolgreichen Bemühungen um die wissenschaftliche Bearbeitung der Sammlungen und die museale Forschung sind bleibende Verdienste. – M., Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften im In- und Ausland, war zu seinen Lebzeiten nicht unumstritten. Er wurde gleichermaßen bewundert wie geschmäht. Neuere Recherchen ergaben, dass er möglicherweise auch antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war. Aufgrund einer Verfehlung wurde er 1904 vom Dienst suspendiert und schied 1906 aus seinem Amt als Direktor.



W  Charles Darwin und Alfred Russel Wallace, Erlangen 1870; Ueber die Mafoor’sche und einige andere Papúa-Sprachen auf Neu Guinea, in: Wiener Sitzungsberichte der Königl. Akademie d. Wissenschaften, Phil. hist. Cl. 77, S. 299-356; Ueber Hundert fünf und dreissig Papúa-Schädel von Neu Guinea und der Insel Mysore (Geelvinkbai), in: Mittheilungen aus dem Königl. Zoolog. Museum zu Dresden 1/1875, S. 59-83, 2/1876, S. 163-204; Ueber die Negritos oder Aetes der Philippinen, Dresden 1878; Abbildungen von Vogel-Skeletten, Bd. 1, Dresden/Berlin 1879-1888, Bd. 2, Dresden/Berlin 1889-1897; Ueber künstlich deformierte Schädel von Bórneo und Mindanáo im Königl. Anthropolog. Museum zu Dresden, nebst Bemerkungen über die Verbreitung der Sitte der künstlichen Schädel-Deformierung, Leipzig/Dresden 1881; Gurina im Obergailthal (Kärnthen), Dresden 1885; Album von Philippinen-Typen, Dresden 1885; Lung-ch’üan-yao oder Altes Seladon-Porzellan nebst einem Anhange über damit in Verbindung stehende Fragen, in: Abhandlungen u. Berichte aus dem Königl. Zoolog. u. Anthropolog.-Ethnograph. Museum zu Dresden 2/1889, Nr. 3; The distribution of the negritos in the Philippine island and elsewhere, Dresden 1899; Über Museen des Ostens der Vereinigten Staaten von Nord Amerika, 2 Bde., Berlin 1900-1901; Über einige Europäische Museen und verwandte Institute, Berlin 1902; mit A. Schadenberg, Die Philippinen, 2 Teile, in: Publicationen aus dem Königl. Ethnograph. Museum zu Dresden 8/1890, 9/1893; mit L. W. Wiglesworth, The birds of Celebes and the neighbouring islands, Berlin 1898; mit J. Jablonowski, 24 Menschenschädel von der Oster Insel, in: Abhandlungen u. Berichte aus dem Königl. Zoolog. u. Anthropolog.-Ethnograph. Museum zu Dresden 9/1901, Nr. 4; mit A. Unterforcher, Die Römerstadt Agunt bei Lienz in Tirol, Berlin 1908.

L  Nachruf, in: Ibis, 9. ser., 5/1911, S. 556f.; A. Jacobi, 1875-1925, Fünfzig Jahre Museum für Völkerkunde Dresden, Berlin/Dresden 1925 (Bildquelle); E. Stresemann, Entwicklung der Ornithologie, Berlin 1951; Zoologische Abhandlungen des Museums für Tierkunde 46/1990, H. 1; S. Kroschwald, Bibliographie A. B. Meyers, Museum für Tierkunde der Staatl. Naturhistorischen Sammlungen, Dresden 2004 (WV) [MS].



Petra Martin
14.9.2005


Empfohlene Zitierweise:

Petra Martin, Meyer, Adolph Bernhard, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.6.2017)

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