Böhmert Karl Viktor
Nationalökonom, Statistiker, Publizist, Sozialpolitiker
* 23.8.1829 Quesitz bei Leipzig 12.2.1918 Dresden Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz(ev.)
VKarl Friedrich (1797-1882), Pfarrer in RoßweinMHenriette Sophie, geb. Gräbner (1802-1871)1861 Sophie Elisabeth, geb. Löning (1836-1917)SKarl (1862-1898), Landrichter; Justin Friedrich Wilhelm (1866-1946), Direktor des Statistischen Landesamtes Bremen, DDP-Politiker; Otto Viktor, Verlagsbuchhändler (1868-1951)
GND: 104080485


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Als Nationalökonom und führender bürgerlicher Sozialreformer setzte sich B. nicht nur wissenschaftlich, sondern auch praktisch mit den sozialen Problemen seiner Zeit auseinander. In seinem Lebenswerk vereinen sich dabei Theorie und Praxis von liberaler Gesinnung und (freiwilligem) sozialen Engagement mit der Vision einer freien Bürgergesellschaft. – B. besuchte 1842 bis 1848 die Fürstenschule St. Afra in Meißen und immatrikulierte sich Ostern 1848 an der Universität Leipzig. Hier studierte er, gemäß dem Wunsch seines Vaters, zunächst Theologie, wechselte aber bereits im zweiten Semester an die Juristische Fakultät. Besonderen Einfluss übte auf ihn der zur gleichen Zeit in Leipzig lehrende Nationalökonom Wilhelm Roscher aus. Durch dessen Vorlesungen bekam B. neben seiner juristischen Ausbildung auch eine Einführung in die Nationalökonomie, Finanzwissenschaft und Statistik. – Nach seinem Studium arbeitete B. 1852 bis 1855 bei einem Rechtsanwalt in Meißen. Die Tätigkeit als Anwalt schien für ihn jedoch wenig Attraktivität zu besitzen, denn 1855 ging er zunächst als Redakteur der neu gegründeten volkswirtschaftlichen Wochenschrift „Germania“ nach Heidelberg und im November 1856 siedelte er nach Bremen über, wo er eine Anstellung beim angesehenen „Bremer Handelsblatt“ erhielt. 1860 wechselte er von dort zur Bremer Handelskammer und wurde deren Zweiter Syndikus. Durch die mit der neuen Stellung verbundene materielle Sicherheit war es ihm möglich, im September 1861 Elisabeth Löning, die Tochter eines angesehenen Bremer Kaufmanns, zu heiraten. 1865 stieg B. zum Ersten Syndikus der Bremer Handelskammer auf und wurde gleichzeitig in die Bürgerschaft der Hansestadt gewählt. Noch im selben Jahr erhielt er einen Ruf als Professor für Nationalökonomie an das Polytechnikum in Zürich (Schweiz), den er nach anfänglichem Zögern annahm, und im Oktober 1866 siedelte er mit seiner Familie in die Schweiz über. In seinen Vorlesungen behandelte B. den gesamten damaligen Kanon der Nationalökonomie. Er las über allgemeine Wirtschaftslehre, theoretische und praktische Nationalökonomie, Wirtschaftspolitik, europäische Wirtschaftsgeschichte, Finanzwissenschaft, Geschichte des Welthandels, die Statistik und die Enzyklopädie der Staatswissenschaft. Neben den Lehrverpflichtungen an der Universität beteiligte er sich in den Wintermonaten regelmäßig an den öffentlichen Vortragsreihen, die die Professoren beider Züricher Universitäten für die Bevölkerung der Stadt hielten. Zudem gehörte er zu den Verfechtern des Frauenstudiums in Zürich. – Nach einigen Unstimmigkeiten an der Züricher Universität bot sich B. 1875 nach mehr als zwanzig Jahren die Möglichkeit, in seine Heimat zurückzukehren, da man ihn in doppelter Funktion als Direktor des Königlich Sächsischen Statistischen Bureaus und als Professor für Nationalökonomie und Statistik nach Dresden berief. Dies eröffnete ihm ein weites Feld wissenschaftlicher und praktischer Betätigung und namentlich das Statistische Bureau profitierte in besonderem Maß von den durch ihn eingeleiteten Professionalisierungsmaßnahmen. 20 Jahre wirkte B. als Leiter des Statistischen Bureaus, ehe er 1895 altersbedingt aus dem Dienst ausschied. Auch von der Professur wollte er sich zur gleichen Zeit zurückziehen, doch setzte er auf ausdrückliche und wiederholte Bitte des Kultusministeriums seine Lehrveranstaltungen noch bis 1903 fort. – Zum Kanon der von B. in den fast dreißig Jahren seiner Tätigkeit gelehrten Fächer gehörten alle wesentlichen Teilbereiche der Nationalökonomie. Hier konnte er auf Erfahrungen und Vorarbeiten zurückgreifen, die er bereits in Zürich gemacht hatte. Auch in Dresden blieb B. ein großer Befürworter des Frauenstudiums. In seinen wissenschaftlichen Werken vertrat er zeitlebens liberale Ansätze, wie den Freihandel und die Garantie von Recht und Eigentum. Gleichzeitig forderte er in seinen Publikationen über soziale Probleme und deren Lösung die Überwindung der gesellschaftlichen Gegensätze durch Offenheit und (freiwilliges) privates Engagement. In scharfer Weise verurteilte B. die Ansichten von Karl Marx, den er für einen Demagogen hielt und dessen Arbeiten er als wissenschaftlich und schriftstellerisch minderwertig bezeichnete. B.s Programm zur Lösung der sog. Arbeiterfrage zielte darauf ab, die Freiheit und das Eigentum des Individuums zu sichern und die Missstände durch staatliche und gesellschaftliche Hilfestellungen zu beheben. Eine bedeutende Rolle spielte seiner Meinung nach die wirtschaftliche und soziale Funktion der Arbeit („Arbeit statt Almosen“). – B. beschäftigte sich jedoch nicht nur theoretisch mit der Lösung gesellschaftlicher Probleme, sondern engagierte sich auch persönlich mittels privaten Engagements. Von besonderer Bedeutung war dabei seine Arbeit in den von ihm (mit-)gegründeten und lange Jahre geleiteten Dresdner Vereinen: dem Verein gegen Armennot und Bettelei (gegründet 1880), dem Dresdner Bezirksverein gegen Missbrauch geistiger Getränke (gegründet 1883) und dem Verein Volkswohl (gegründet 1888). Besonders der Verein Volkswohl, dessen Vorsitzender B. bis 1910 war, entwickelte eine außergewöhnlich erfolgreiche Aktivität. Das Ziel des Vereins war es, Menschen unabhängig ihrer sozialen Herkunft zusammenzuführen und eine gemeinschaftliche Gestaltung der Freizeit u.a. mit Kultur und Bildung zu ermöglichen. Mit seiner Arbeit sollte der Verein zum Vorbild für ähnliche Bestrebungen in einer Reihe von anderen Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz werden. – Für sein Engagement erhielt B. den Albrechtsorden zweiter Klasse (1900) sowie den Sächsischen Verdienstorden zweiter Klasse (1909).



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 15109 Ministerium für Volksbildung, Polytechnische Schule zu Dresden, Bd. 52/1875; Stadtarchiv Dresden, Verein Volkswohl (1945-1950).

W  Briefe zweier Handwerker. Ein Beitrag zur Lösung gewerblicher und socialer Probleme, Dresden/Döbeln 1854; Freiheit der Arbeit! Beitraege zur Reform d. Gewerbegesetze, Bremen 1858; Beiträge zur Geschichte des Zunftwesens, Leipzig 1862 (ND Leipzig 1969); Der Sozialismus und die Arbeiter-Frage, Zürich 1872; Das Armenwesen in 77 deutschen Städten und einigen Landarmenverbänden, Dresden 1886-1887 (ND Dillenburg 1998); Die Gewinnbetheiligung. Untersuchung über Arbeitslohn und Unternehmergewinn, 2 Bde., Leipzig 1878; Die Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz, Dresden 1902.

L  P. Schmidt (Hg.), Am Born der Gemeinnützigkeit, Dresden 1909 (P); Gesamtverzeichnis deutschsprachigen Schrifttums 1700-1910, Bd. 18, München u.a. 1980, S. 179-182 (WV); D. Weber, Karl Viktor B. (1829-1918), in: 175 Jahre amtliche Statistik in Sachsen, hrsg. vom Statistischen Landesamt des Freistaates Sachsen, Kamenz 2006, S. 18-27 (P). – DBA I, II, III; DBE 1, S. 624; NDB 2, S. 394f.; Kürschners Deutscher Literatur-Kalender, Berlin/Leipzig 1917, S. 152f. (WV); Sächsische Lebensbilder, Bd. 5, Leipzig 2003, S. 13-43.

P  K. J. Böhringer, vor 1909, Ölgemälde; Professoren-Kollegium der Königlichen Technischen Hochschule in Dresden 1897, W. Höffert, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek.



Danny Weber
8.2.2007


Empfohlene Zitierweise:

Danny Weber, Böhmert, Karl Viktor, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.3.2017)

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