Köhler Siegfried
Komponist, Musikwissenschaftler
* 2.3.1927 Meißen 14.7.1984 Berlin Meißen, St.-Wolfgangs-Friedhof
VPaul (1895-1963), kaufmännischer AngestellterMAnna Louise, geb. Horbank (1897-1984), KrankenschwesterEva, geb. Schüttoff (* 1930), ErzieherinTAnja Bettina (* 1955), Rechtsanwältin, Mediatorin; Eva Katharina (*1957), Psychologin; Saskia Sophie (* 1965), Sängerin, Gästeführerin
GND: 134430611

Nach dem Besuch der Grund- und Oberschule in seiner Heimatstadt studierte K. 1946 bis 1950 die Fächer Komposition bei Fidelio F. Finke und Herbert Viecenz, Klavier bei Grete MacGregor sowie Dirigieren bei Ernst Hintze an der Staatlichen Akademie für Musik und Theater in Dresden. Daran schloss sich 1950 bis 1955 ein Studium der Musikwissenschaft bei Walter Serauky, Rudolf Eller und Hellmuth Christian Wolff sowie der Kunstgeschichte bei Johannes Jahn an der Universität Leipzig an. Hier promovierte er 1955 zum Dr. phil. mit dem Thema „Die Instrumentation als Mittel musikalischer Ausdrucksgestaltung“. 1974 habilitierte er sich in Halle/Saale mit der Schrift „Heinrich Schütz und der frühbürgerliche Realismus im deutschen Musikschaffen“. K. war in zahlreichen Organisationen und Verbänden tätig. 1952 wurde er Mitglied des Zentralvorstandes des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR (VKM) und war bis 1957 zugleich 1. Vorsitzender im Bezirk Leipzig, 1972 im Bezirk Dresden und 1982 Präsident des VKM. Außerdem war er 1957 bis 1963 Direktor der Internationalen Musikbibliothek Berlin und seit 1958 Künstlerischer Leiter des Verlags Neue Musik Berlin. 1959 bis 1963 amtierte er als Präsident der Ländergruppe DDR in der UNESCO-Organisation „Association Internationale des Bibliothèques Musicales“, danach als Künstlerischer Direktor des VEB Deutsche Schallplatten Berlin und war u.a. verantwortlich für die Herausgabe der Anthologie „Unsere neue Musik“ - 50 Langspielplatten mit Werken von DDR-Komponisten. 1968 wurde K. zum Rektor der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ Dresden berufen. Er bekleidete dieses Amt bis 1980 und war hier zudem 1969 als Professor für Komposition tätig. 1978 gehörte K. zu den Gründungsmitgliedern der Dresdner Musikfestspiele. Schließlich übernahm er im Februar 1984 die Intendanz der Staatsoper Dresden als Nachfolger des krankheitshalber ausgeschiedenen Horst Seeger. Aufgrund seines plötzlichen Ablebens war es K. jedoch nicht vergönnt, die festliche Eröffnung der wieder erbauten Semperoper am 13.2.1985 zu erleben. Für sein vielseitiges kulturpolitisches und künstlerisches Wirken erhielt K. 1971 den Martin-Andersen-Nexö-Kunstpreis der Stadt Dresden, 1974 den Kunstpreis der DDR und wurde 1978 Mitglied der Akademie der Künste Berlin(-Ost). – K. hat wesentliche praktische und theoretische Beiträge zur Entwicklung der Musikkultur in der DDR geleistet. Während seines gesamten Berufslebens, bereits beginnend in der Studienzeit, stellte er seine kunsttheoretischen und organisatorischen Fähigkeiten in den Dienst des Komponistenverbands der DDR. Gewiss verstieß K. nicht gegen die ideologisch-ästhetischen Spielregeln der DDR, die höheren Orts ausgegeben wurden. Sein kompositorisches Œuvre, obwohl dem eigenen künstlerischen Anspruch nicht immer genügend, ist z.T. Beweis dafür. – Als Komponist war K. zunächst der Jugendmusik eng verbunden, denn er gehörte in den 1940er-Jahren in Meißen einer Hitlerjugend-Bannspielschar an und leitete nach dem Krieg einen FDJ-Jugendchor. Dafür schrieb er melodisch einprägsame, weit verbreitete Lieder und Chorwerke. Bereits 1942 entstand sein wohl bekanntestes Lied „Heut’ ist ein wunderschöner Tag“, das zehn Jahre später – als Grundlage einer Kantate (op. 7) wie auch das sog. Weihnachtslied „Tausend Sterne sind ein Dom“ (in op. 8) wieder verwendet – in der DDR immense Popularität erlangte. Seit den 60er-Jahren wandte er sich größeren Vokalformen, verstärkt auch der Orchester- und Kammermusik zu, wobei er sich gleichzeitig experimentell mit neuesten Kompositionstechniken auseinandersetzte, ohne eine verständliche Ausdrucksgestaltung zu vernachlässigen. In den Arbeiten der 70er- und 80er-Jahre schließlich ging es K. um eine sinnvolle Verschmelzung moderner und traditioneller Gestaltungsmittel, so im Orchesteressay „Der gefesselte Orpheus“ und in den Sinfonien Nr. 3-5. – Zentrale Werke seines kompositorischen Schaffens sind v.a. das bekenntnishafte Oratorium „Reich des Menschen“ nach Gedichten Johannes R. Bechers und die 5. und letzte Sinfonie „Pro Pace“ für Soli, Sprecher, Chor und Orchester nach Texten von Ulrich Grasnick - eine mahnende Erinnerung an die Zerstörung Dresdens. Der Mitschnitt der Uraufführung im Eröffnungskonzert der Dresdner Musikfestspiele 1984 durch Chor und Orchester der Dresdner Philharmonie, Dresdner Staatsopernchor und Berliner Rundfunkchor sowie Kreuzchor und Solisten unter Kreuzkantor Martin Flämig erschien auf Schallplatte. Der viel erörterte Plan einer Oper um Heinrich Schütz wurde nicht mehr realisiert. In der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden wird der größte Teil der kompositorischen Hinterlassenschaft wie auch die für die Musikforschung sehr interessante, umfangreiche Korrespondenz K.s aufbewahrt.



W  2. Sinfonie, op. 45; Klavierkonzert, op. 46; 3. Sinfonie, op. 57; Cembalokonzert, op. 59; „Der gefesselte Orpheus“, Essay für Orchester, op. 60; 4. Sinfonie, op. 62 (Neufassung als „Epitaph für Antigone“); Kommentare zu drei venezianischen Madrigalen des Heinrich Schütz, op. 63; Violinkonzert op. 64; Festliche Inventionen - Renaissancemusik für mehrchöriges Sinfonieorchester, op. 70; 5. Sinfonie „Pro Pace“ für Soli, Sprecher, Chor und großes Orchester, op. 78; „Reich des Menschen“ (J. R. Becher), Poem für Soli, Chor und Orchester, op. 23; „Dass unsere Liebe eine Heimat hat“ (G. Deicke), Chorzyklus, op. 41; „Wir - unsere Zeit“, Oratorium, op. 44; Johannes-Bobrowski-Chorbuch für gemischten Chor a cappella, op. 50; „Canticum Catulli“ für Soli und Instrumente, op. 56; Fest- und Gedenksprüche für achtstimmigen Chor a cappella, op. 66; Sinnsprüche (P. Neruda) für dass., op. 74; „Der Richter von Hohenburg“ - Szenen aus dem Bauernkrieg für Musiktheater (nach einem eigenen Text); Heinrich Schütz, Berlin 1972; Musikstadt Dresden, Leipzig 1976.

L  F. Henzke, Siegfried K., in: Aus dem Leben und Schaffen unserer Komponisten 4, Berlin 1962; H. Schaefer, Siegfried K. (Orchestermusik), in: Konzertbuch II, Leipzig 1973; H.-J. Kynaß, Komponieren in Gedanken an den Hörer, in: Neues Deutschland 13.7.1977; V. Hahn (Hg.), Komponisten des Bezirkes Dresden, Dresden 1979, S. 34f.; H. Gerlach, Siegfried K., in: D. Brennecke/H. Gerlach/M. Hansen (Hg.), Musiker in unserer Zeit, Leipzig 1979, S. 312-320, 372-375; G. Schönfelder, Siegfried K. für Sie porträtiert, Leipzig 1984; F. Streller, Ein Träumer vom „Reich des Menschen“, in: Sächsische Zeitung 1./2.3.1997; H. Kröplin, Dresdner Komponisten im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, Dresden 2000, S.55f.; D. Härtwig, Er erträumte ein „Reich des Menschen“, in: Dresdner Neueste Nachrichten 2./3.3.2002; G. Steinecke, Wir lieben das fröhliche Leben ... Meißner Jugend im Wandel zwischen Hitlerjugend und FDJ, in: Meißner Tageblatt 12.9.2002. – DBA III; DBE 5, S. 653; Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR. Kurzbiografien und Werkverzeichnisse, Berlin ²1967, S. 101-103; MGG 16 (Supplement), Kassel/Basel 1979, Sp. 1009f. (WV).



Dieter Härtwig
14.7.2009


Empfohlene Zitierweise:

Dieter Härtwig, Köhler, Siegfried, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.7.2017)

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