Crusius Siegfried Leberecht (Lebrecht)
Buchhändler, Verleger, Erb-, Lehn- und Gerichtsherr auf Sahlis und Kohren
* 16.6.1738 Langenhessen bei Werdau 1.10.1824 Leipzig Leipzig, Alter Johannisfriedhof(ev.)
VGottlieb (1688-1754), Pfarrer in Steinpleis und LangenhessenMRegine Elisabeth, geb. Conradi (1706-1789)Gu.a. Gottlieb Leberecht (1730-1804), Kupferstecher; Traugott Leberecht (* 1733); Gotthilf Leberecht (1736-1737); Carl Leberecht (1740-1779), Kupferstecher, Unterlehrer an der Leipziger Zeichnungs-, Malerei- und Architektur-Akademie 1.1768 Regina Henrietta, geb. Kees (Käs) (1745-1772)SGeorg Siegfried Leberecht (1769-1772) 2.1779 Dorothea (Dorothee) Charlotte, geb. Ploß (1760-1836)SGeorge Friedrich Leberecht (1785-1787); Friedrich Siegmund (Sigismund) Leberecht (1787-1805); Heinrich Wilhelm Leberecht (1790-1858), MdL, Jurist, LandwirtTJohanna Charlotte (Carolina) Regine, verh. Wilhelmi (1782-1810)
GND: 11675026X





C., Nachfahre einer angesehenen Chemnitzer Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie, zählte im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zu den bedeutendsten sächsischen Verlagsbuchhändlern. Er hat sich v.a. als Verleger von Kinderliteratur verdient gemacht. – Nach dem Tod des Vaters folgte C. seinem älteren Bruder Gottlieb Leberecht nach Leipzig. Dort schrieb er sich am 14.10.1757 zum Theologiestudium ein, brach dieses aber ab, um eine Buchhändlerlehre aufzunehmen. Im Alter von 27 Jahren übernahm er mit finanzieller Unterstützung seines Onkels das Geschäft des Verlagsbuchhändlers Johann Michael Ludwig Teubner in der Leipziger Burgstraße, siedelte in das Collegium Paulinum um und führte Buchhandlung und Verlag unter seinem Namen fort. 1770 stellte C. den Bremer Kaufmannssohn Georg Joachim Göschen als Gesellen ein, der bei ihm seine Buchhändlerlehre beendete und bis 1783 als Buchhandlungsgehilfe tätig war. Auch seine Brüder Gottlieb und Carl arbeiteten für ihn und illustrierten verschiedene Werke des Verlagshauses. – Schon bald hatte sich C. deutschlandweit bei Gelehrten und Schriftstellern einen guten Ruf erworben und zählte zu den fünf wichtigsten Verlegern der Spätaufklärung. Er plante sogar die Eröffnung einer deutschen Buchhandlung in Amsterdam. Das umfangreiche und vielseitige Verlagsprogramm umfasste v.a. naturwissenschaftliche Schriften und Pädagogika sowie schöngeistige Literatur. Neben Friedrich Schiller und Johann Carl Wezel gehörten der Gartentheoretiker Christian Cajus Laurenz Hirschfeld und der Sprachwissenschaftler Johann Christoph Adelung zu den bekannteren Autoren des Verlags. Ein weiterer Schwerpunkt lag über zwei Jahrzehnte hinweg auf der sehr erfolgreichen Publikation von Kinder- und Erziehungsliteratur. Damit bewies C. ein besonderes Gespür für die Bedürfnisse seiner Zeit. Mit der Veröffentlichung der ersten deutschen Kinderzeitschrift, dem von Adelung herausgegebenen „Leipziger Wochenblatt für Kinder“, und einem ABC-Buch von Christian Felix Weiße begründete C. die Tradition einer intentionalen Kinder- und Jugendliteratur im deutschsprachigen Raum mit und trat als einer ihrer wichtigsten Verleger auf. In diesem Zusammenhang unterhielt er gute Kontakte nach Dessau zu den dort agierenden Reformpädagogen am Philanthropin, das eine Gelehrtenbuchhandlung betrieb, deren Schriften C. komittierte. Neben den philanthropischen Erziehungsschriften Johann Bernhard Basedows verlegte C. beispielsweise Jugendschriften von Joachim Heinrich Campe, Christian Gotthilf Salzmann, Johann Gottlieb Schummel und Carl Traugott Thieme. Den größten verlegerischen Erfolg erzielte er jedoch mit den Kinderschriften Weißes. Dessen „Kinderfreund“, ein weiteres Periodikum für Kinder, fand europaweit über Jahre hinweg eine Vielzahl interessierter Leser. Weitere, allerdings weniger gefragte Journale folgten. Bis Mitte der 1790er-Jahre konzentrierte sich C. auf das Geschäft mit der Kinderliteratur. Andere, auch Leipziger Verlage folgten ihm hierin, doch wies deren Programm weitaus nicht jenen Umfang auf diesem Gebiet auf. Bis zur Jahrhundertwende verlegte C. knapp 100 Titel für Kinder und Jugendliche. Nachdem jedoch die inzwischen bekannt gewordenen Autoren eigene pädagogische Verlage gegründet und ihrem Verleger teils im Unfrieden den Rücken gekehrt hatten, intensivierte C. den Druck von medizinischer und naturwissenschaftlicher Literatur. Diese sollte in der Folgezeit das Gesicht des Verlags prägen. Am 19.8.1808 übergab C. sein Unternehmen seinem langjährigen Mitarbeiter Friedrich Christian Wilhelm Vogel. Er selbst zog sich aufs Land zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte C. mehr als 1.800 Titel verlegt und sich aktiv für die Belange seiner Zunft engagiert. So war C. beispielsweise ab 1802 Mitglied der Reformdeputation des Buchhandels. – In seinen letzten Lebensjahren widmete sich C. der Bewirtschaftung der Rittergüter Sahlis und Rüdigsdorf sowie gemeinnützigen Unternehmungen. 1805 hatte er nach dem Tod seines kinderlos gebliebenen Onkels Georg(e) Leberecht Crusius das seit 1754 in Familienbesitz befindliche Rittergut Sahlis geerbt. Darüber hinaus kaufte C. 1810 das Rittergut Rüdigsdorf bei Borna, dessen Bewirtschaftung ab 1813 sein Sohn Wilhelm übernahm. Hier ließ C. eine Schule sowie ein Waisenhaus errichten. Schon in seiner Zeit als Verleger war er Mitglied karitativer Gesellschaften gewesen und als Unterstützer von Bildungsinstitutionen aufgetreten. Belegt ist seine Teilnahme an Veranstaltungen der Gesellschaft „Die Vertrauten“, der er 1814 beitrat, sowie der „Harmonie“, deren Vizekassierer er 1796 bis 1798 war. Der Bibliothek der Salzmannschule in Schnepfenthal schenkte er Bücher für den Elementarunterricht. – C. starb im hohen Alter von 86 Jahren in Leipzig. Sein jüngster Sohn Wilhelm kümmerte sich fortan um den landwirtschaftlichen Besitz und erwarb als Agrarwissenschaftler Verdienste. Der Crusius-Verlag avancierte im 19. Jahrhundert unter Vogel und seinen Nachfolgern zu einem der führenden medizinischen Fachverlage in Deutschland. C.s Vermächtnis als maßgeblicher Gestalter einer im 18. Jahrhundert prosperierenden Literatur für Kinder und Jugendliche wurde von der Forschung bislang leider ebenso wenig beachtet wie sein Mitwirken bei der Neugestaltung des Verlagsbuchhandels.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig, 20536 Rittergut Sahlis mit Rüdigsdorf, Familienarchiv, Familie Crusius auf Sahlis und Rüdigsdorf.

L  B. Hurrelmann, Jugendliteratur und Bürgerlichkeit. Soziale Erziehung in der Jugendliteratur der Aufklärung am Beispiel von Christian Felix Weißes „Kinderfreund“ 1776-1782, Paderborn 1974, S. 143-152; M. Faber, Siegfried Leberecht C., in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel (Leipziger Ausgabe) 43/1988, S. 792f.; S. Knopf, Der ‚Verleger der Philanthropen‘, in: Aus dem Antiquariat 1/1991, A 85-87; S. Knopf, Siegfried Leberecht C. - Verleger Schillers und der Philanthropen, in: Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde 16/2001, S. 34-53; S. Füssel, Schiller und seine Verleger, Frankfurt/Main 2005, S. 150-192. – DBA I; NDB 3, S. 431; S. Corsten/G. Pflug/F. A. Schmidt-Künsemüller (Hg.), Lexikon des gesamten Buchwesens, Bd. 2, Stuttgart 1989, S. 200; H. Bähring/K. Rüddiger (Hg.), Lexikon Buchstadt Leipzig. Von den Anfängen bis zum Jahr 1990, Taucha 2008, S. 56f.; Leipzig-Lexikon, Online-Ausgabe: www.leipzig-lexikon.de; Leipziger Biographie, Online-Ausgabe: www.leipziger-biographie.de.

P  Siegfr. Lebr. Crusius, D. F. Caffé (Zeichner), C. Felsing (Stecher), 1809/1818, Punktierstich, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Wolfenbütteler Porträtkatalog Inventar-Nr. A 4162 (Bildquelle) [CC BY SA 3.0 DE, Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons 3.0 Deutschland Lizenz].



Wiebke Helm
15.12.2015


Empfohlene Zitierweise:

Wiebke Helm, Crusius, Siegfried Leberecht (Lebrecht), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.10.2017)

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