Scio Sebastian di
Komödiant, Puppenspieler, Seiltänzer, Heilkünstler, Prinzipal
* um 1650 Venedig (Italien) nach 1711
Anna Magdalena, geb. Kugel († 1711)
GND: 1014913047





Mit seiner Komödiantengesellschaft bereiste der venezianische „Ärztekomödiant“ und Harlekinspieler S. nachweislich 1687 bis 1711 das gesamte deutschsprachige Gebiet und zählte v.a. Leipzig und Dresden zu seinen bevorzugten Spielorten. – Namentlich das erste Mal wird S. in Hamburg erwähnt, wo er am 12.4.1687 anlässlich des Geburtstags der Tochter von Herzog Christian Albrecht von Schleswig-Holstein-Gottorf ein Possenspiel aufführte. Bevor er aber fest im nord- und mitteldeutschen Raum Fuß fasste, besuchte er 1688 den schwedischen Hof in Stockholm und nahm sich - vermutlich in Personalunion von Spaßmacher und Heilkünstler - des leiblichen Wohls der dänischen Königin in Kopenhagen an. Ab 1690 begann S. in Deutschland fest Fuß zu fassen: Den Auftakt machte Leipzig, wo er zur Ostermesse erstmalig seine Künste präsentierte. Da sich jedoch keine Zuschauer einfinden wollten, blieb er nur einen Tag. Der Grund für das erfolglose Debüt in Leipzig mag weniger eine prinzipielle Ablehnung der heil- und schauspielkünstlerischen Aktionen S.s gewesen sein als vielmehr der ungünstige Umstand, dass die „Bande“ Johannes Veltens zeitgleich auf dem strategisch weitaus günstiger gelegenen Fleischhaus spielte. Im Allgemeinen fanden die Botschaften, die von den Buden und Bretterbühnen der Quacksalber, Ciarlatani und komödiantischen Heilmittelverkäufer verkündet wurden, sehr wohl große Zustimmung: Nicht die Medizin an sich versprach hier jedoch Gesundung, sondern erst der Ärztekomödiant oder Spaßmacher, der sie verabreichte, verlieh ihr Heilkraft. Dabei ging es in erster Linie um die Vermittlung nichtrationaler Sichtweisen, um den Genuss verkehrter Wahrheiten, um eine kurzweilige Befreiung vom Zwangskorsett gesellschaftlicher Normen und nicht zuletzt um das (kollektive) Verlachen von Krankheit und Tod. So behandelte der „Salbendoktor“ und Harlekin S. seine Publikumspatienten nach einem alten Lach-Heil-Prinzip, setzte sowohl auf die schöpferisch-regenerierende Kraft seiner (Masken-)Komödien, Possen und Commedia dell’Arte-Szenen als auch auf den schauspielerisch unterstützten Verkauf aller möglichen Destillate, Salben, Pillen und Tinkturen. Dass er mit dem doppelgängerischen Ausüben von Medizin und Theater unter einem komischen Praxisansatz einigermaßen erfolgreich gewesen sein muss, belegen u.a. die Konzessionen, die er für etliche Spielorte mehrfach beantragte und auch erhielt. Auffällig ist zudem, dass sich S.s Schauspielergesellschaft nicht allein aus italienischen Akteuren zusammensetzte. Ähnlich gemischt war das Repertoire der „Bande“. In einem Auftrittsgesuch vom 4.4.1699 für die Leipziger Ostermesse beantragte S. ausdrücklich, italienische und deutsche Komödien aufführen zu dürfen. Seinem Gesuch wurde stattgegeben, er spielte wie bereits zwei Jahre zuvor zur Ostermesse auf dem Leipziger Fleischhaus. Die sich häufenden Verbote und Einschränkungen gegenüber den Lach-Heilern und „Salbendoktoren“ waren vermutlich der Grund dafür, dass ab 1704 in sämtlichen Auftrittsgenehmigungen für S. der Heilmittelhandel nicht mehr auftauchte. Offensichtlich tat dies seinem Erfolg aber keinen Abbruch: Im Sommer 1704 war es ihm neben Velten gestattet, in Halle/Saale trotz des von Kirche und Universität verhängten Theaterverbots aufzutreten, während er bis 1709 nahezu jedes Jahr auf Dresdner Märkten und Leipziger Messen aufspielte. Die „Narrenmetropole“ Wien war die letzte große Station S.s, wo er als einer der ersten Akteure das Wiener Kärntnertor-Theater bespielte.



Q  Stadtarchiv Leipzig, Tit. XXIV. A. 1. (feud.), Akten, die Comödianten betr. 1683 fg., Rechnung über Standtgeldt von frembden Böttgern, Töpffern, Hudtmachern, Undt anderen Persohnen, 1665-1800.

L  G. Wustmann, Zur Geschichte des Theaters in Leipzig 1665-1800, in: ders., Quellen zur Geschichte Leipzigs, Bd. 1, Leipzig 1889, S. 195-456; B. Rudin, Zwischen den Messen der Residenz, in: dies. (Hg.), Wanderbühne, Berlin 1988, S. 90-93; M. Frolowitz, Sebastian di S. detto Arlecchino, in: G. Baumbach (Hg.), Theaterkunst und Heilkunst, Köln/Weimar/Wien 2002, S. 97-128.



Katy Schlegel
16.8.2011


Empfohlene Zitierweise:

Katy Schlegel, Scio, Sebastian di, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (11.12.2017)

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