Böhme Rudolf
Bibliothekar, Buchhändler, Leiter der Hauptbibliothek Dresden
* 9.6.1907 Dresden 17.10.1980 Dresden Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz(ev., seit ca. 1960 konfessionslos)
VFranz Wilhelm (1878-1945), TapezierermeisterMHedwig, geb. Angermann († 1945), städtische AngestellteGHans (1906-1998)1947 Martina, geb. Riedl (1921-1997), Krankenschwester, ErzieherinSRudolf (* 1950)TSilvia (* 1948)
GND: 141220112

B. prägte über 20 Jahre lang die Entwicklung der Stadt- und Bezirksbibliothek Dresden. Er kann nach Walter Hofmann als der bedeutendste Bibliothekstheoretiker gelten, den das Dresdner Öffentliche Bibliothekswesen hervorgebracht hat. Die größten Verdienste erwarb er sich im Bestandsaufbau. – B. stammte aus einfachen sozialen Verhältnissen. Nach dem Besuch der 9. Bürgerschule in Dresden-Johannstadt und der Mittelschule des Ehrlichschen Gestifts wechselte er trotz seines Interesses für Literatur und Kunst nicht auf ein Gymnasium. Stattdessen begann B. 1924 eine Buchhändlerlehre in der Hofbuchhandlung H. Burdach in der Dresdner Schloßstraße, die er 1927 abschloss. Die Lehrzeit eröffnete ihm geistig neue Horizonte und prägte ihn stark. Mit Gleichgesinnten gründete er den Dramatischen Zirkel Moderne Kunst und spielte selbst Laientheater. Der Zirkel gab 1926/27 eine eigene Zeitschrift heraus, „Die Neue Zeit - Literarisches Monatsheft“, an der B. mitwirkte. In diesem Rahmen kam es zu persönlichen Begegnungen mit Erwin Piskator, Ernst Toller und Arnolt Bronnen. – Nach der Lehre ging B. nach Berlin und arbeitete als Buchhandelsgehilfe in der Schroppschen Landkarten- und Lehrmittelhandlung in der Dorotheenstraße. 1928 wechselte er an die Kartographische Anstalt in Wien, wo er als Sortimentsbuchhändler tätig war und an Landkarten sowie alpinen Wanderführern mitarbeitete. Seine große Sportbegeisterung lebte er zu dieser Zeit auf Klettertouren und Wanderfahrten durch viele europäische Länder aus. Im Rudern (Vierer ohne Steuermann) wurde er sogar österreichischer Meister. – Die Jahre in Wien nutzte B. auch, um an der Abendschule das Abitur nachzuholen. 1939 immatrikulierte er sich am Lehrstuhl für Neue Sprachen der Universität Wien. Der Kriegsbeginn und B.s Einberufung zur Wehrmacht verhinderten jedoch das angestrebte Studium. 1943 wurde er schwer verwundet und im Mai 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach zehn Wochen in bayerischen und österreichischen Lagern wurde er entlassen und übernahm die Stelle eines Wetterwarts der British Air Force auf einem Alpengipfel. Später verdiente er seinen Lebensunterhalt u.a. als Tragtierführer, Bewirtschafter der Kaiserhütte (heute Waldheimhütte) in den Seetaler Alpen und als Skilehrer. 1947 heiratete er die Tochter seines Arbeitgebers. – Obwohl seine Eltern beim Bombenangriff auf Dresden ums Leben gekommen waren, kehrte B. 1947 mit seiner Frau in die Heimat zurück. Hier arbeitete er zunächst kurzzeitig als Gleisarbeiter bei den Dresdner Verkehrsbetrieben. Bereits im Oktober bot sich jedoch die Gelegenheit, in der Zeitschriftenabteilung der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek und des Stadtarchivs eine Stelle als Dokumentalist anzutreten. Als 1949 beide Einrichtungen den Städtischen Büchereien Dresden unterstellt wurden, wechselte er dorthin. Über verschiedene Lehr- und Fernstudiengänge qualifizierte er sich zum Bibliothekshelfer und 1952 zum Bibliothekar für Öffentliche Bibliotheken mit abgeschlossenem Staatsexamen. Bereits 1951 hatte man ihm die Leitung der Bibliothek Neustadt übertragen, die wegen der Zerstörung des Stadthauses damals als Hauptstelle fungierte. Parallel dazu wurde er Leitungsmitglied der Städtischen Büchereien und kurzzeitig sogar Stellvertreter des Direktors. Außerdem übernahm er Verantwortung für Bestandsvermittlung und Literaturpropaganda, schulte Kollegen und erarbeitete Bibliografien. – Als 1953 der Wiederaufbau der Hauptbibliothek im Stadthaus beschlossen wurde, übertrug man B. dieses Projekt. In zähem, über 15 Jahre dauerndem Ringen bewältigte er diese schwierige Aufgabe. Während die Hauptbibliothek mit ihrem eingeschränkten Leistungsangebot lange Zeit nur begrenzte Wirkung in die Öffentlichkeit hinein entfalten konnte, verstärkte B. ihr Gewicht innerhalb der Stadt- und Bezirksbibliothek. Bereits Mitte der 1950er-Jahre wurden fast alle zentralen, die Stadt betreffenden bibliothekarischen Dienstleistungen in die Hauptbibliothek integriert. B. unterstanden gleichzeitig die Bereiche Ausleihe, Literaturpropaganda und Zentrale Einarbeitung, in wechselnden Konstellationen zusammengefasst und unter verschiedenen Namen. Faktisch war er außerdem für die Zweigstellen zuständig. – Die Eröffnung der rekonstruierten Hauptbibliothek 1968 bedeutete für B. einen Höhepunkt seines Berufslebens. Auch danach blieben alle ihm übertragenen Zuständigkeitsbereiche in seiner Verantwortung. Das nun wesentlich komplexere Tagesgeschäft der Hauptbibliothek wurde allerdings von der Abteilungsleiterin Ausleihe übernommen. Erst 1974 erfolgte eine organisatorische Entflechtung. Im Ergebnis beschränkte sich der Kompetenzbereich des inzwischen 67-Jährigen auf die Abteilung Benutzung, die sich mit Literaturvermittlung und Programmarbeit beschäftigte. – Die verbliebene Aufgabe traf den Kern von B.s Interessen. Eine beeindruckende Allgemeinbildung, Interesse an Geografie, Politik und internationaler Zeitgeschichte, literarische und künstlerische Neigungen (B. schrieb selbst Gedichte) sowie eine ausgeprägte Fähigkeit zu strukturierter Weitergabe von Wissen hatten ihm über Jahrzehnte den Ruf eines ausgezeichneten Literaturvermittlers eingebracht. Er publizierte zahlreiche Bibliografien, empfehlende Auswahlverzeichnisse und Buchbesprechungen. Von ihm verfasste bzw. überarbeitete Lehrbriefe bildeten lange Zeit die Grundlage für das Fernstudium in den Fächern „Bibliografie und Information“ sowie „Literaturpropaganda“ an der Fachschule für Bibliothekare in Leipzig. 1975 gelangte B., der kein Mitglied der SED war, in die Funktion eines zweiten stellvertretenden Direktors. – DDR-weit galt B. als hervorragender Bestandstheoretiker. Seine gemeinsam mit Annelies Baum entwickelten „Grundsätze und Methoden der Bestandsbildung“ von 1971 initiierten eine breite Diskussion und fanden viele Nachahmer. Seine Bedeutung über die Stadt- und Bezirksbibliothek Dresden hinaus und die hohe Anerkennung seiner fachlichen Kompetenz dokumentieren zahlreiche, ihm übertragene ehrenamtliche und nebenberufliche Funktionen. B. war Mitglied des Beirats für Bibliothekswesen beim Ministerium für Kultur der DDR und wirkte in den Kommissionen „Information, Dokumentation und Biografien“ sowie „Publikationen und Öffentlichkeitsarbeit“ beim Bibliotheksverband der DDR mit. Er gehörte der Fachkommission „Information“ der zentralen Leitstelle beim Zentralinstitut für Bibliothekswesen an und war an wichtigen bibliothekarischen Publikationen wie dem „Fachlexikon für das Bibliothekswesen“ und dem „Taschenbuch für Bibliothekare“ beteiligt. In Dresden leitete er den Beirat für Literatur beim Rat der Stadt, Abteilung Kultur. Hinzu kam seine Arbeit in der ständigen Kommission für Kunst und Kulturelle Massenarbeit der Stadtverordnetenversammlung und als Vorsitzender des Prüfungsausschusses für Bibliothekshelfer bei der Abteilung Berufsausbildung des Rats der Stadt Dresden. – B. war auch als Lehrer und Dozent gefragt. Er lehrte an der Kaufmännischen Berufsschule Dresden, an der Zentralen Schule für Kulturelle Aufklärung, an der Außenstelle Dresden der Fachschule für Bibliothekare Leipzig, an der Volkshochschule und an der Kulturakademie, wobei das Themenspektrum von Bibliotheksverwaltungslehre bis zu Literatur, Buch- und Wissenschaftskunde reichte. – Mit 70 Jahren trat B. aus Altersgründen von seinen dienstlichen Funktionen zurück. Dafür übernahm er in Teilzeit die neu geschaffene Bibliothekarische Fachbibliothek und Informationsstelle. Bereits in den 1950er-Jahren hatte B. aus Anlass des 50-jährigen Gründungsjubiläums der Freien öffentlichen Bibliothek Dresden-Plauen begonnen, sich mit der Dresdner Bibliotheksgeschichte auseinanderzusetzen. In seinem neuen Tätigkeitsbereich legte er bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Grundlagen für ein Bewusstsein um die eigene Geschichte und die Bedeutung der Bewahrung von Quellen der eigenen Arbeit für nachfolgende Generationen. Die Städtischen Bibliotheken Dresden verdanken ihm den Grundstock einer Quellensammlung zur Geschichte ihrer Einrichtung. – 1980 beendete B. aus gesundheitlichen Gründen seine berufliche Tätigkeit endgültig.



Q  Städtische Bibliotheken Dresden, Bibliotheksarchiv.

W  Volksbüchereiarbeit in Dresden, in: Festschrift anlässlich des 50jährigen Bestehens der Freien Öffentlichen Bibliothek Dresden-Plauen 1906-1956, hrsg. vom Zentralinstitut für Bibliothekswesen, Berlin 1956, S. 31-40; Die Projektierung einer mittleren Freihandbibliothek, in: Der Bibliothekar 11/1957, S. 692-698; mit H. Zenker, Beispiel einer Bestandsanalyse, in: ebd. 12/1958, S. 1042-1055; Dresdner Bibliothekenführer, Dresden 1959; Wegweiser und Propagandist, in: Der Bibliothekar 13/1959, S. 389-395; Literarische Veranstaltungen der Bibliotheken - ja oder nein?, in: Bibliotheksarbeit heute 1/1960, S. 100-109; mit A. Kück, Umstellen - mit Verstand!, in: Der Bibliothekar 14/1960, S. 908-916; Der thematische Zettelkatalog, Teil 1, in: ebd. 15/1961, S. 476-482, Teil 2, in: ebd. 16/1962, S. 571-580; Bestandsaufbau und Leitungstätigkeit, in: ebd. 17/1963, S. 907-921; Gegenwart und Zukunft der empfehlenden Bibliographie in der allgemeinbildenden Bibliothek, in: Bibliotheksarbeit heute 3/1965, S. 79-90; Probleme der bibliotheksmäßigen Literaturversorgung, in: Der Bibliothekar 19/1965, S. 7-14; mit W. Schierlich, Bibliothekspropaganda, in: Taschenbuch für Bibliothekare, hrsg. vom Deutschen Bibliotheksverband, Leipzig 1967, S. 149-162; Zum Wiederaufbau der Dresdner Hauptbibliothek, in: Der Bibliothekar 23/1969, S. 24-29; Bibliographie und Information, H. 2/3, Leipzig 1969; Literaturpropaganda der allgemeinbildenden Bibliothek, Leipzig 1972; Kleiner Ratgeber Literaturpropaganda, Dresden 1975.

L  H. Hahnewald, Rudolf B. - 60 Jahre, in: Der Bibliothekar 21/1967, S. 628-630; ders., Rudolf B. - 65 Jahre, in: ebd. 26/1972, S. 407f.; Bibliographie Rudolf B., hrsg. von der Stadt- und Bezirksbibliothek Dresden, Dresden 1972 (WV); W. Schäfer, Nachruf für Rudolf B., in: Der Bibliothekar 35/1981, S. 27f.

P  Rudolf B., Fotografie, Städtische Bibliotheken Dresden (Bildquelle).



Roman Rabe
8.10.2015


Empfohlene Zitierweise:

Roman Rabe, Böhme, Rudolf, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.3.2017)

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