Wuttke Robert
Volkswirtschaftler, Sozialwissenschaftler
* 9.6.1859 Reudnitz bei Leipzig 18.7.1914 Dresden(ev.)
VJohann Karl Heinrich (1818-1876), Professor für historische Hilfswissenschaften an der Universität Leipzig, Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49MEmma, geb. Biller, SchriftstellerinGFranziska; Walter1898 Franziska, geb. Goecke († 1911)SHeinrich Albert; Franz HellmutTEmma-Dorothe; Ulrike Helene
GND: 11734754X


Verknüpfte Personen im Text:

Eine schwere Erbkrankheit bestimmte die ersten Lebensjahrzehnte W.s. Er war auf Hausunterricht angewiesen und musste sein Abitur an einem Gymnasium in der Schweiz ablegen, was den Erwerb der Schweizer Staatsbürgerschaft voraussetzte. Seine Universitätsjahre, in denen er sich mit juristischen, volkswirtschaftlichen und historischen Studien beschäftigte, verbrachte W. in Leipzig (1882), Göttingen (1884), Berlin (1884/85) und Straßburg (1885/86), vielfach unterbrochen durch längere Krankheit und zahlreiche Kuraufenthalte. Nachdem er Ende 1886 in Straßburg den juristischen Doktorgrad erworben hatte, unternahm er längere Reisen nach Italien und dem Orient. Es folgte eine praktische Tätigkeit als Volontär im Statistischen Amt der Stadt Dresden. 1889 setzte er seine Studien an der Universität Heidelberg fort und erwarb dort den philosophischen Doktorgrad. Ab 1895 war er Dozent der Volkswirtschaft an der Gehe-Stiftung in Dresden und übte diese Tätigkeit trotz seiner Gesundheitsprobleme bis 1913 aus. Im Winterhalbjahr 1900/01 übernahm er einen Lehrauftrag an der Forstakademie Tharandt, dem sich eine Dozententätigkeit bis 1902 anschloss. 1903 wurde er als Nachfolger von Viktor Böhmert als ordentlicher Professor für Volkswirtschaft (Nationalökonomie und Statistik) an die Technische Hochschule in Dresden berufen, wo er 1907 bis 1909 zugleich Vorstand der Allgemeinen Abteilung und ab 1912 Direktor des Volkswirtschaftlichen Instituts war. Das Spektrum seiner gut besuchten Hochschulvorlesungen war sehr breit gefächert und interdisziplinär angelegt. Hinzu kam die Mitarbeit in verschiedenen Vereinen (u.a. Sächsischer Altertumsverein, Verein für Geschichte Dresdens, Verein für Sächsische Volkskunde, Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Arbeiterbildungsverein Dresden). Darüber hinaus engagierte sich W. in der Königlich Sächsischen Kommission für Geschichte und in den Dresdner volkstümlichen Hochschulkursen. 1907 erhielt er das Ritterkreuz Erster Klasse des sächsischen Albrechtsordens; 1911 wurde ihm der Titel Geheimer Hofrat verliehen. – Der Ausgangspunkt für W.s größere wissenschaftliche Arbeiten lag in der Geschichte seiner engeren Heimat Sachsen. Seine Orientierung auf das Heimatliche („das echte Heimatgefühl“) resultierte aus den sozioökonomischen Bedingungen seiner Zeit, die v.a. mit einer zunehmenden Mobilität der Menschen einherging. Auf seine Anregung hin wurden 1898 in der Gehe-Stiftung Vorträge zu verschiedenen Bereichen der sächsischen Geschichte, Sozialkunde und Volkskunde angeboten, die er 1900 in dem Band „Sächsische Volkskunde“ veröffentlichte. Zudem enthalten wirtschaftswissenschaftliche und sozialgeschichtliche Abhandlungen W.s (Studien zu den Gesindeordnungen und zum Gesindezwangsdienst in Sachsen bzw. zur Frauenerwerbstätigkeit im Deutschen Reich) Fakten und prozessuale Zusammenhänge, die noch heute zu den Grundlagen volkskundlicher Darstellung des Alltagslebens gehören. Bei der Behandlung der Themen Ehe und Familie zeichnet sich bereits eine sozialanthropologische Herangehensweise ab. W.s Beiträge zur Bevölkerungsgeschichte in der „Sächsischen Volkskunde“ dokumentieren, wie die regionale Abgeschlossenheit bzw. die „Unbeweglichkeit breiter Volksschichten“ zur Ausbildung von Traditionen führte und „volksbeständige Schichten“ zum Träger von Sitte und Brauch, Mundart und Volkstracht wurden. Ungeachtet dessen plädierte W. für eine Bewahrung des geschichtlich Gewordenen und „bezeichnender Eigentümlichkeiten“. Für die Volkskunde relevant ist auch seine Fragebogen- und Interview-Methode, die er bei seinen wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Recherchen angewandt und zugleich kritisch reflektiert hat.



Q  Technische Universität Dresden, Universitätsarchiv; Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Ministerium für Volksbildung; Stadtarchiv Dresden, Nachlass W. (P); Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Handschriften, Autografen, Nachlässe (P).

W  Die Anfechtung des Kaufvertrages wegen laesio enormis, Diss. Strassburg 1886, Leipzig 1887; Die Einführung der Land-Accise und der Generalkonsumtionsaccise in Kursachsen auf Grund von archivalischen Quellen dargestellt, Diss. Heidelberg 1889, Leipzig-Reudnitz 1890; Gesindeordnungen und Gesindezwangsdienste in Sachsen bis zum Jahr 1835, Leipzig 1893; Die erwerbsthätigen Frauen im Deutschen Reiche, in: Jahrbuch der Gehe-Stiftung zu Dresden 2/1897, S. 211-255; Die Besiedlung Sachsens, in: Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Literatur [und für Pädagogik], 1. Abt., 1/1898, S. 341-350; Sächsische Volkskunde, Dresden 1900, ²1901; Die deutschen Städte, 2 Bde., Leipzig 1904; Untersuchung über die gewerbliche Nacht- und Sonntagsarbeit der Frauen in Dresden, in: Untersuchungen über die Heimarbeit der Frauen in Dresden, Dresden 1902, S. 23-41; Heimatschutz in Sachsen, Leipzig 1909; mit H. Ermisch, Haushaltung in Vorwerken, Leipzig 1910; Abhandlungen aus dem volkswirtschaftlichen Seminar der Technischen Hochschule Dresden, H. 1ff., München 1911ff.

L  H. Ermisch, Zum Andenken an Robert W., in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde 35/1914, H. 3/4, S. 374-378; G. H. Müller, Dem Andenken Robert W.s, in: Dresdner Geschichtsblätter 25/1916, Nr. 3, S. 153f. – DBA II; DBE 10, S. 601f.



Brigitte Emmrich †
30.8.2004


Empfohlene Zitierweise:

Brigitte Emmrich †, Wuttke, Robert, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.6.2017)

Wikipedia Link