Rötzscher Otto
Lehrer, Reformpädagoge, MdL, KPD/SPD-Politiker
* 30.4.1891 Halle/Saale 23.8.1932 Chemnitz
VHellmuth, KunstmalerMLuise, geb. WelschG2Paula, geb. Schröter (1890-1932)TRoswitha (* 1921)
GND: 133625567

R. erwarb sich als Pädagoge und international ausgewiesener Schulreformer große Verdienste. – Der als Sohn eines Kunstmalers geborene R. wuchs mit seinen zwei Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. Nach dem Schulbesuch in Chemnitz absolvierte er 1905 bis 1911 das Zschopauer Lehrerseminar, wo er seit 1908 den bedeutenden sächsischen Lehrerausbilder Richard Seyfert als Seminardirektor kennengelernt hatte. 1912 wurde R. zunächst Hilfslehrer in Niederlauterstein, legte im darauffolgenden Jahr die Wahlfähigkeitsprüfung ab und wechselte Ostern 1914 nach Geringswalde, bis er im Herbst desselben Jahrs in den Chemnitzer Schuldienst eintrat. Seine Lehrertätigkeit an der Ludwig-Richter-Schule wurde durch die Einberufung zum Militärdienst im Januar 1915 jäh unterbrochen. Er geriet in französische Gefangenschaft, aus der er im Oktober 1919 entlassen wurde. In dieser Zeit kristallisierte sich seine zutiefst antimilitaristische Haltung heraus. Als Chemnitzer Volksschullehrer engagierte er sich auch politisch; so gelangte er vom Spartakusbund zur KPD und wurde sowohl 1923 bis 1926 in das Chemnitzer Stadtparlament als auch 1926 bis 1929 in den Sächsischen Landtag gewählt und wirkte dort in pädagogischen und sozialen Kommissionen. Des Weiteren zählte R. neben Ottomar Fröhlich, Max Uhlig und Erich Bohnsack seit Beginn der Weimarer Republik zu den führenden reformpädagogischen Köpfen in Chemnitz, die sich seit 1920 in der „Arbeitsgemeinschaft für neue Erziehung“ engagierten. Ziel war es, reformpädagogische Schulversuche in separaten Schulen, aber auch im Regelschulwesen durchzuführen. In enger Kooperation mit Hamburger und Dresdner Reformpädagogen gelang es in Chemnitz 1921, sowohl die Humboldtversuchsschule als auch einen Versuchsklassenzweig an der Bernsdorfer Schule zu eröffnen. R. bestimmte bis 1925 das Profil der Humboldtversuchsschule entscheidend mit. Anschließend bemühte er sich, reformpädagogische Erkenntnisse unter Regelschulbedingungen an der Dürerschule für Knaben zu verwirklichen. Mitte der 1920er-Jahre erkrankte R. an Tuberkulose. Während verschiedener Sanatorienaufenthalte in Arco (Italien) studierte er die Entwicklung der italienischen Reformpädagogik im Allgemeinen sowie die Montessori-Pädagogik im Besonderen. Seine Teilnahme an der sechswöchigen „ersten westeuropäischen Delegation der Bildungsarbeiter“ 1925 in die Sowjetunion vermittelte ihm tiefgründige Einblicke in die weitreichende Rezeption angelsächsischer Reformpädagogiken (John Dewey, Helen Parkhurst und Carleton Washburne) in das Regelschulwesen der jungen Sowjetpädagogik während der vorstalinistischen Entwicklungsphase. Außerdem lernte er den Reformpädagogen Pawel P. Blonskij persönlich kennen. Seine Erfahrungen mit Konzepten der internationalen Schulreformbewegung brachte R. in die sächsischen Lehrervereine ein. – 1926 wurde R. Sekretär der kommunistischen Parlamentsfraktion im Sächsischen Landtag. Als Anhänger des rechten Parteiflügels gehörte er hier 1928/29 zu den fünf Abgeordneten, die in Opposition zum Zentralkomitee der KPD und der Kommunistischen Internationale standen. Wie viele andere wurde R. am 1.4.1929 aus der KPD ausgeschlossen. Er trat der inzwischen begründeten Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) bei und wurde von dieser 1929 zu den sächsischen Landtagswahlen nominiert. Im August 1930 wechselte R. zur SPD. Nach Beendigung seiner landtagspolitischen Tätigkeit unterrichtete er an der Chemnitzer Rudolfschule für Mädchen. Neben seinem Engagement als Reformpädagoge wirkte er aktiv für die „Rote Hilfe“ und die „Internationale Arbeiterhilfe“. Außerdem war er 1924 bis 1926 als Kursleiter und Dozent an der Volkshochschule in Chemnitz tätig. Nach schwerer Erkrankung starb R. - von Tuberkulose schwer gezeichnet - erst 41-jährig. – Die Benennung einer Schule nach dem Reformpädagogen R. ging nach Kriegsende auf Initiative der Stadtschulräte Max Uhlig (KPD) und Moritz Nestler (SPD) zurück, die beide bis 1933 selbst reformpädagogisch engagiert gewesen waren. 1954 wurde die Namensverleihung - unter Hinweis auf R.s Parteiwechsel von der KPD zur SPD - auf Betreiben des aus Chemnitz stammenden Chefs der Präsidialkanzlei beim Präsidenten der DDR, Max Opitz (ehem. KPD), schließlich gestoppt. Eine aus Anlass des 50. Jahrestags des Schulgebäudes, das heute das Evangelische Schulzentrum beherbergt, bereits gedruckte Festschrift, die auch eine biografische Skizze über R. enthält, durfte schließlich nicht mehr vertrieben werden; sie blieb jedoch im Stadtarchiv Chemnitz erhalten.



Q  Stadtarchiv Chemnitz, Schulratsbestand, Bezirksschulrat I, Chemnitzer Versuchsschulen, B II 5/1 bis 5/4, 17/4, B IV 16/6, B V 1/3, Rat der Stadt Chemnitz bis 1928, Bd. IV, 1143, Bde. I bis IV, 50 Jahre Otto-Rötzscher-Schule 1904-1954, Chemnitz 1954 (P).

L  A. Pehnke (Hg.), Reformpädagogik aus Schülersicht. Dokumente eines spektakulären Chemnitzer Schulversuchs der Weimarer Republik, Baltmannsweiler 2002; S. Knittl, Zum bildungspolitischen und sozialpädagogischen Engagement des sächsischen Schulreformers Otto R., Magisterarbeit TU Chemnitz 2004.



Andreas Pehnke
14.9.2016


Empfohlene Zitierweise:

Andreas Pehnke, Rötzscher, Otto, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.6.2017)

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