Wolrab Nicolaus (Nikolaus, Nickel) d.J.
Buchdrucker
* um 1500 Leipzig um 1560 Bautzen
VNicolaus d.Ä., Buchbinder und -händlerSJohann, Buchdrucker, in Bautzen belegt 1560-1573
GND: 119874571





Der in Leipzig ansässige Buchdrucker W. heiratete 1532 eine Nichte des Humanisten und erbitterten Luther-Gegners Johannes Cochläus, der ihm mit Hilfe des Wiener Bischofs Johannes Fabri in Leipzig eine Druckerei einrichtete. Im Gegenzug übernahm W. die Herstellung und den Vertrieb der Schriften des Cochläus und anderer katholischer Polemiker. Erst nach dem Tod Herzog Georgs von Sachsen begann W., der wegen seiner katholischen Verbindungen vorübergehend in Haft genommen worden war, mit dem Druck reformatorischer Schriften, u.a. von Martin Luther, Philipp Melanchthon, Martin Bucer und Johann Rivius. 1541 brachte er einen Nachdruck der Lutherschen Bibelübersetzung heraus, die zuerst 1534 bei Hans Luft in Wittenberg erschienen war. Diese Bibelausgabe wurde auf Befehl Herzog Heinrichs in allen Kirchen des albertinischen Sachsen eingeführt. 1544 verlegte W. auch eine lateinische Bibelausgabe mit der Übersetzung des Neuen Testaments nach Erasmus von Rotterdam. 1542 erschienen bei ihm zwei Schriften des italienischen Theologen Girolamo Savonarola. Darüber hinaus druckte er eine Reihe humanistischer und juristischer Schriften, so u.a. den Sachsenspiegel des Eike von Repkow sowie verschiedene Texte des Erasmus von Rotterdam. Allerdings geriet W. in diesen Jahren in finanzielle Schwierigkeiten, sodass er 1547 vor seinen Gläubigern nach Frankfurt/Oder flüchten musste. Hier war er einige Jahre als Drucker an der Universität tätig. 1550 wechselte er vorübergehend nach Küstrin (poln. Kostrzyn nad Odrą), um danach nochmals für kurze Zeit nach Leipzig zurückzukehren. Schließlich siedelte er 1554 nach Bautzen über und eröffnete dort eine der ersten Buchdruckereien in der zum Königreich Böhmen gehörenden Oberlausitz. In Bautzen verlegte W. lutherische und katholische Schriften. Zu seinen wichtigsten Auftraggebern gehörte der katholische Bautzener Domdekan Johannes Leisentritt, der bereits 1557 ein erstes Werk bei ihm drucken ließ. – W. zählt zu den bedeutendsten mitteldeutschen Buchdruckern des 16. Jahrhunderts. War er während seiner Leipziger Zeit umstritten, da er zunächst altgläubige Polemiker und später reformatorische Schriften verlegte, so pflegte er in Bautzen eine wegweisende überkonfessionelle Verlagspolitik. Als Druckerzeichen verwendete er meist eine Figur der Fortuna, die aus dem Wasser aufsteigt, mitunter aber auch eine Figur des hl. Nikolaus, der in einer Hand ein Buch, in der anderen ein Kruzifix hält. – Nach dem Tod W.s setzte dessen Sohn Johann die Buchdruckerei in Bautzen fort. Auch er verlegte mehrere Bücher für Leisentritt, darunter das bekannte Gesangbuch von 1567, das neben katholischen Gesängen auch protestantische Lieder von Jan Hus, Luther und Thomas Müntzer enthält. Johann Wolrab übergab die Druckerei wiederum an seinen Sohn Michael, der ab ca. 1573 in Bautzen die bewährte überkonfessionelle Verlagspraxis fortsetzte. Mit dem niedersorbischen Gesangbuch und Katechismus des Albin Moller von 1574 und dem obersorbischen Gesangbuch des Wjacław Warichius von 1595 erschienen bei Michael Wolrab u.a. die frühesten in sorbischer Sprache gedruckten Bücher. Die Buchdruckertradition der Familie Wolrab endete in Bautzen 1602. Allerdings lassen sich in Nürnberg, Posen (poln. Poznań) und Wien noch bis ins 18. Jahrhundert hinein Buchdrucker dieses Namens feststellen, die vermutlich verwandtschaftliche Beziehungen zu W. hatten.



L  C. Knauth, Annales typographici Lusatiae Superioris, Lauban 1740, S. 1-7 (ND Köln 1980); A. Kirchhoff, Nickel Wolrabe’s in Leipzig Ausgang, in: Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels 12/1889, S. 303f.; E. Arnold, Nikolaus W.s zweite Wanderschaft, in: Archiv für Buchgewerbe 39/1902, S. 282f.; J. Benzing, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, Wiesbaden 1963, S. 44f., 83, 132, 254, 263; H. Claus, Untersuchungen zur Geschichte des Leipziger Buchdrucks von Luthers Thesenanschlag bis zur Einführung der Reformation im Herzogtum Sachsen (1517-1539), Diss. Berlin 1973; D. Debes, 500 Jahre Buchdruck und Buchproduktion in Leipzig, in: K. Czok/A. Kapr/H. Rötzsch/W. Genschorek/K. Linke (Hg.), 500 Jahre Buchstadt Leipzig, Leipzig 1981, S. 25-37, hier S. 26; F. Šěn, Katalogeinträge Niedersorbisches Gesangbuch und Katechismus sowie Obersorbischer Katechismus, in: J. Oexle/M. Bauer/M. Winzeler (Hg.), Zeit und Ewigkeit, Halle/Saale 1998, S. 277f.; S. Seifert, Katalogeintrag Gesangbuch von Johann Leisentritt, in: ebd., S. 280; J. Harasimowicz, Zur Ikonographie der Bautzener und Görlitzer Drucke im 16. und frühen 17. Jahrhundert, in: J. Bahlcke/V. Dudeck (Hg.), Welt - Macht - Geist. Das Haus Habsburg und die Oberlausitz, Görlitz/Zittau 2002, S. 163-176. – ADB 44, S. 162f.; DBA I; NDB 3, S. 304.



Kai Wenzel
8.7.2008


Empfohlene Zitierweise:

Kai Wenzel, Wolrab, Nicolaus (Nikolaus, Nickel) d.J., in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (20.9.2017)

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