Selnecker (Selneccer, Schellenecker) Nicolaus (Nikolaus)
Theologe, Superintendent in Leipzig, Kirchenlieddichter
* 6.12.1530 Hersbruck bei Nürnberg 24.5.1592 Leipzig Leipzig, Thomaskirche(ev.)
VGeorg († 1559), Notar, Stadtschreiber in ChemnitzMDorothea, geb. PeerGGeorg († 1567)1559 Margarethe, geb. GreiserSGeorg (1561-1598), Superintendent in Delitzsch; Nikolaus (1574-1619)TMagdalena
GND: 118613073





S. gilt als einer der bedeutendsten sächsischen Theologen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sein Anteil am Zustandekommen der Konkordienformel machte ihn weit über Kursachsen hinaus zu einer kirchenpolitisch markanten Figur. Seine geistlichen Dichtungen und Kompositionen trugen entscheidend zur Entwicklung des protestantischen Liedguts bei und erfreuen sich teilweise bis in die Gegenwart großer Beliebtheit. – Vom vierten Lebensjahr an wuchs S. in Nürnberg auf. Dem geistig-kulturellen Potenzial dieser Reichsstadt verdankte er eine exzellente Schulbildung im Geist des Humanismus und der Reformation. Seine Lehrer Leonhard Culmann, Wenzeslaus Linck und Veit Dietrich bezeichnete S. später rückblickend als seine „geistigen Väter“. Zudem wurde S.s außerordentliches musikalisches Talent dadurch gefördert, dass er bereits 1542 als Zwölfjähriger einen Organistendienst in der Nürnberger Burgkapelle wahrnahm. – 1549 begab sich S. an die Universität Wittenberg, um dort Jura zu studieren. Die freundschaftlichen Beziehungen seines Vaters zu Philipp Melanchthon ließen auch S. in enge Verbindung zu dem Reformator treten, der ihn 1550 zu einem Studienwechsel zur Theologie bewegen konnte. Neben den theologischen Lehrern Johannes Bugenhagen, Georg Major und Paul Eber war es v.a. Melanchthon selbst, der S.s geistliche Überzeugungen prägte. Zeitlebens verstand sich S. als treuer Schüler Melanchthons, wenngleich er in den theologischen Richtungskämpfen seiner Zeit schnell zwischen die Fronten geriet und von Lutheranern, Philippisten und Calvinisten gleichermaßen angegangen wurde. Aufgrund der geringen Körpergröße S.s fand dabei der Spottname „Lutheräffchen“ unter den Zeitgenossen breite Verwendung. – Nachdem S. nach dem Magisterexamen einige Zeit selbst Vorlesungen gehalten hatte, erhielt er auf Vermittlung Melanchthons von Kurfürst August die Berufung zum Dritten Hofprediger in Dresden und wurde dazu am 1.2.1558 ordiniert. Offenbar hatte August für S. von vornherein weitere Aufgaben vorgesehen, denn bereits am 4.4.1559 übernahm er zusätzlich die Leitung der Hofkantorei und am 14.2.1560 wurde er zum Erzieher des Kurprinzen Alexander bestellt. Dass in dieser Zeit ein enges Vertrauensverhältnis zur kurfürstlichen Familie bestand, belegt auch der Umstand, dass S. anstelle der beiden ranghöheren Hofprediger Christian Schütz und Ambrosius Keil mit der Trauerpredigt auf den 1559 verstorbenen König Christian III. von Dänemark, den Vater von Augusts Gemahlin Anna, in der sächsischen Residenz beauftragt wurde. – In Dresden machte S. auch mit ersten Veröffentlichungen auf sich aufmerksam. Neben philosophischen, praktisch-theologischen und dogmatischen Schriften widmete er sich v.a. exegetischen Arbeiten, unter denen seine Psalmenauslegungen eine zentrale Stellung einnehmen. Bereits die frühe Schaffensperiode lässt als Hauptanliegen S.s die Vermittlung zwischen Melanchthon- und Lutheranhängern erkennen. V.a. aber klingt in ihr eine Obrigkeits- und Sozialkritik an, die S.s weitere Karriere in Dresden schließlich ausbremste. Auch in seinen Kanzelreden beklagte S. wiederholt die Arroganz der Fürsten gegenüber den Theologen, geißelte ihre Parteilichkeit in der Rechtsprechung und stellte - wie es dann auch die S. nachfolgenden Hofprediger häufig taten - die Berechtigung der öffentlichen Strafpredigt gegenüber gottlosen Obrigkeiten heraus. Als er im Sommer 1564 mit scharfen Worten die Jagdleidenschaft Kurfürst Augusts tadelte, wurde dies in Hofkreisen als Kampfansage empfunden. Zwar kam es nicht, wie die ältere Literatur bisweilen angegeben hat, zum offenen Bruch mit dem Kurfürsten und damit zur unehrenhaften Entlassung S.s, doch forderte ihn der Landesherr auf, eine andere Anstellung zu suchen. Eine solche fand er am 26.3.1565 als Theologieprofessor in Jena. – Mit S.s Weggang aus Dresden begann eine unstete, von zahlreichen Anfeindungen begleitete Lebensphase. In Jena erweiterte S. seine Psalmenkommentare (1565/66) und gab eine Auslegung des Propheten Jeremia (1566), aber auch Schriften zu seiner eigenen Verteidigung heraus. Obwohl er seine Wertschätzung für Luther und dessen Abendmahlsverständnis betonte, gelang es den Gnesiolutheranern 1568, S. aus Jena zu vertreiben. Gegen den Widerstand der Philippisten, die ihn ebenfalls als abtrünnig betrachteten, kehrte S. unter der ausdrücklichen Billigung Kurfürst Augusts als Theologieprofessor in Leipzig nach Kursachsen zurück. Doch bereits 1570, nach dem Erwerb des Doktorgrads in Wittenberg (10.5.), folgte er einem Ruf als Generalsuperintendent und Hofprediger des Fürsten Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel. In Gandersheim wirkte S. 1571 an der Einrichtung eines Pädagogium Illustre mit, aus dem wenig später die Universität Helmstedt hervorging. 1572/73 hielt er sich in Oldenburg auf, wo er gemeinsam mit Hermann Hamelmann die Grundstrukturen für die Kirchenordnung der Grafschaft Oldenburg erarbeitete. Zur gleichen Zeit entstanden auch S.s Texte zu den bedeutenden protestantischen Kirchenliedern „Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ“ und „Laß mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr“. – S.s Rückkehr nach Leipzig zum Jahreswechsel 1573/74 fiel in die Zeit der Krise des Philippismus, die in der gewaltsamen Verfolgung der „Kryptocalvinisten“ durch Kurfürst August ihren Höhepunkt fand. Für S. brachte dieser Umschwung eine neue Schlüsselstellung in der kursächsischen Religionspolitik. Nach dem Erscheinen seiner Luther-Biografie hatte er 1576 als Superintendent und Pfarrer an der Thomaskirche Leipzig nicht nur ein wichtiges geistliches Amt inne, er wurde auch für die Einigungsbestrebungen unter den Anhängern der Confessio Augustana im Reich zu einer zentralen Person. Der unter dem Einfluss von S. erklärte Verzicht Kursachsens, auf den Corpus doctrinae Misnicum als Verhandlungsgrundlage zu bestehen, brachte Bewegung in die maßgeblich von Jacob Andreae vorangetriebenen Bemühungen um eine lutherische Konkordie. Aufbauend auf der Schwäbischen Konkordie (1574) und dem Torgischen Buch (1576) erarbeiteten Andreae, S. und Martin Chemnitz im Frühjahr 1577 unter Zuziehung weiterer norddeutscher Theologen die Konkordienformel, 1580 erschien das Konkordienbuch. – Ein neuerlicher Politikwechsel, der unter Kurfürst Christian I. zu Bemühungen um eine Zweite Reformation in Kursachsen führte, brachte 1589 die Dienstentlassung und Ausweisung S.s mit sich. Nach Aufenthalten in Magdeburg, Hildesheim und Augsburg hoffte er nach dem Tod Christians I. auf seine Rehabilitierung in Kursachsen und kehrte nach Leipzig zurück, wo er jedoch nur wenige Tage nach seiner Ankunft verstarb. – Als äußerst produktiver Schriftsteller, Dichter und Komponist hat S. etwa 175 Schriften sowie etwa 135 Liedtexte und Melodien hinterlassen. Das aktuelle Evangelische Gesangbuch verzeichnet noch zwei Texte und eine Melodie S.s. Im Evangelischen Namenkalender wurde sein Todesdatum als Gedenktag aufgenommen.



W  Troestliche Schoene spruech fuer die engstigen gewissen, Leipzig 1561; Psalter Davids (1563); Das Ander Buch des Psalters Davids, Nürnberg 1564; Der gantze Psalter des Königlichen Propheten Davids, Nürnberg 1564-1566; Der gantze Prophet Jeremias, Leipzig 1566; Tröstliche Sprüche und Grabschrifft aus Heiliger Schrift, Leipzig 1566; Kurtzer Bericht M. Nicolai S.s auff die unwarhafftige Anklage, das er von denen von Adel nichts oder gar wenig halte, Jena 1566; Der herrliche Prophet Ezechiel, Leipzig 1567; Pädagogia christiana, Frankfurt/Main 1566-1570; Brevis et utilis libellus prosodiae, Leipzig 1568; Die Auslegung des Psalters, Nürnberg 1568; Commentarius in Genesim, Leipzig 1569; Der herrliche Prophet Esaias, Leipzig 1569; Christliche und nothwendige Verantwortung auf der Flacianer Lesterung, Leipzig 1570; Institutio Christianae Religionis, Frankfurt/Main 1573; Historica oratio vom Leben Mart. Lutheri, Leipzig 1576; Colloquia oder Christliche Nützliche Tischreden Doctoris Martini Lutheri, Leipzig 1577; Epistolae catholicae Joannis Apostoli, Leipzig 1579; Kurtze erinnerung von dem Christlichen Buch der Concordien, Leipzig 1581; Weinacht Predigten, Leipzig 1581; Der Psalter mit kurtzen Summarien und Gebetlein, Leipzig 1581; Warnung vor dem Gift der Calvinischen Sakramentschwermerey, Wittenberg 1582; Vom Heiligen Abendmahl des HERRN, Frankfurt/Main 1591; Dr. Nicolaus S.s geistliche Lieder, in einer Auswahl nach dem Originaltext hrsg. von H. Thiele, Halle/Saale 1855.

L  E.-E. Koch, Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche, Erster Hauptteil, Bd. 2, Stuttgart 1867, S. 191-211 (WV); F. Dibelius, Zur Geschichte und Charakteristik Nikolaus S.s, in: Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte 4 (1888), S. 1-20; I. Dingel, Concordia controversa. Die öffentlichen Diskussionen um das lutherische Konkordienwerk am Ende des 16. Jahrhunderts, Gütersloh 1996; H.-P. Hasse, Die Lutherbiographie von Nikolaus S., in: Archiv für Reformationsgeschichte 86/1995, S. 91-123; H. Junghans (Hg.), Das Jahrhundert der Reformation in Sachsen, Leipzig 22005 (P); W. Sommer, Die lutherischen Hofprediger in Dresden, Stuttgart 2006, S. 47-62. – ADB 33, S. 687-692; BBKL 9, Sp. 1376-1379; DBA I, II, III; RGG4 7, Sp. 1187; TRE 31, S. 195-198.

P  Nicolaus, S., J. de Perre, 1614, Ölgemälde, Thomaskirche Leipzig; Nicolaus S., T. de Bry, um 1597, Kupferstich, Universitätsbibliothek Leipzig, Porträtstichsammlung, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Public Domain Mark 1.0 Lizenz].



Michael Wetzel
26.3.2018


Empfohlene Zitierweise:

Michael Wetzel, Selnecker (Selneccer, Schellenecker), Nicolaus (Nikolaus), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.6.2018)

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