Nestler Moritz
Schulreformer, SPD-Politiker
* 2.8.1886 Neundorf bei Thermalbad Wiesenbad 10.6.1976 Camberg
VVolksschullehrerMJohanne Wilhelmine (* 1862)1919 Johanna, geb. Wolf (1892-1948)
GND: 131823108

N. war ein konsequenter Streiter für eine entschiedene Schulreformpolitik in Sachsen. – N. wuchs bei seiner unverheiratet gebliebenen Mutter auf. Nach seinem Schulbesuch wollte N., dem Vorbild seines Vaters folgend, Volksschullehrer werden. So absolvierte er 1902 bis 1908 das Lehrerseminar in Annaberg und sammelte anschließend an mehreren sächsischen Schulen seine ersten pädagogischen Praxiserfahrungen als Hilfslehrer. 1910 legte N. die Wahlfähigkeitsprüfung ab. Im darauffolgenden Jahr wurde er zunächst als Hilfslehrer und schließlich ab Mai 1912 als ständiger Lehrer in Chemnitz angestellt. Zunächst unterrichtete N. an der Luisenschule, bevor er 1914 an die Sidonienschule wechselte. Wegen einer „Dienstunbrauchbarkeit“, die nach wenigen Wochen seines Militärdiensts 1908 festgestellt worden war, wurde er nicht zum Militär eingezogen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stieß N. zu den bildungspolitischen Experten der SPD und damit zu den entschiedensten Förderern einer konsequenten Schulreformpolitik. 1919 war er in die SPD eingetreten und wurde noch im gleichen Jahr Ortsvereinsvorsitzender sowie Mitglied des Bezirksvorstands in Chemnitz. Ehrenamtlich verschrieb sich N. während der gesamten Weimarer Republik als Vorsitzender des Bezirksausschusses für Arbeiterwohlfahrt (Chemnitz-Erzgebirge) und bewies in Krisenzeiten von 1931 bis 1933 finanzpolitisches Geschick als Stadtverordneter. – 1922 bis 1930 war N. zunächst stellvertretender Schulleiter und ab 1928 amtierender Schulleiter der Sidonienschule, an der er sich besonders um die Einführung des reformpädagogischen Arbeitsschulunterrichts verdient gemacht hatte. Anschließend wurde er zum Gründungsdirektor der Chemnitzer Diesterwegschule berufen. Von den Nationalsozialisten erhielt N. umgehend Berufsverbot und wurde in „Schutzhaft“ genommen. Im Juli 1936 fand er als kaufmännischer Angestellter in den Chemnitzer Venus-Textilwerken wieder eine Arbeit. Trotz ständiger Gefahr hatte er sich für eine illegale Arbeit gegen das NS-Regime entschieden. So beteiligte er sich beispielsweise seit 1943 auf Initiative Alfred Langguths, einem von den Nationalsozialisten entlassenen Polizeibeamten, an der Wiedererrichtung von illegalen sozialdemokratischen Strukturen in Chemnitz. Von der umfassenden Verhaftungswelle, die unter dem Namen „Aktion Gitter“ nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler am 20.7.1944 v.a. Mandatsträger der Weimarer demokratischen Parteien und der KPD ins Visier nahm, war auch N. betroffen. – Im Mai 1945 übernahm N. bildungspolitische Verantwortung in Chemnitz, zunächst als Bezirksschulrat, dann als Kreisschulrat für Chemnitz-Stadt-Ost. In dieser Funktion als Schulrat entließ er ehemalige NS-Schulfunktionäre aus ihren Ämtern und engagierte sich für eine demokratische und für viele Ideen offene Schulpolitik und Pädagogik. Auch etablierte er u.a. demokratische Bestandteile der vielschichtigen Reformpädagogik in der (Neu-)Lehreraus- und Fortbildung und setzte sich für einen maßvollen „Entnazifizierungsprozess“ ein. Als konsequenter Demokrat geriet er jedoch bald in Konflikt mit den nach Macht strebenden Kommunisten. Im Zuge der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED 1946 zerschlugen sich für N. nach nur wenigen Monaten die Hoffnungen auf einen demokratischen Neubeginn. Mit seiner Abneigung gegenüber Beamtenborniertheit, fachlicher Inkompetenz und Machtarroganz geriet er in das Visier der SED-Funktionäre. Im April 1948 wurde er als „reaktionärer Feind der Schulreform“ erneut entlassen und aus der SED ausgeschlossen. Auch strich man ihm seine Mitgliedschaft in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Seine Ehefrau Johanna erlitt infolge mehrerer Verhöre durch SED-Funktionäre und Vertreter der SBZ einen Schlaganfall, an dessen Folgen sie im Mai 1948 verstarb. N. selbst wurde in der Nacht vom 18. zum 19.2.1949 in Chemnitz verhaftet und an den sowjetischen Geheimdienst ausgeliefert. Am 22./23.6.1949 durch das sowjetische Militärtribunal in Dresden zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, saß N. bis zum 1.6.1956 im berüchtigten „Gelben Elend“ in Bautzen ein. Anschließend fand er in der Bundesrepublik Deutschland seine neue Heimat. – Erst 23 Jahre nach seinem Tod wurde N. 1999 durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert.



Q  Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn, Personalakte Moritz N.; Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 11401 Landesregierung Sachsen, Ministerium für Volksbildung, Nr. 445, 505, 516; Stadtarchiv Chemnitz, Schulratsbestand, B II, 25/1 bis 3, 26/1, Rat der Stadt 1928-45, Nr. 3116/3, Bd. 1, Verhandlungen der Stadtverordneten vom Jahre 1931-33, Rat der Stadt 1945-90, Nr. 1247, 1251, 1337, 2577, 3727, 3738, 3913, 4166, 4426, 4463, 4528, 7664.

L  B. Bouvier, Ausgeschaltet! Sozialdemokraten in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR 1945-1953, Bonn 1996; M. Schmeitzner, Genossen vor Gericht. Die sowjetische Strafverfolgung von Mitgliedern der SED und ihrer Vorläuferparteien 1945-1954, in: A. Hilger u.a. (Hg.), Sowjetische Militärtribunale, Bd. 2: Die Verurteilung deutscher Zivilisten 1945-1955, Köln u.a. 2003, S. 265-344; A. Pehnke, „Vollkommen zu isolieren!“. Der Chemnitzer Schulreformer Moritz N. (1886-1976), Beucha 2006 (P).



Andreas Pehnke
14.9.2016


Empfohlene Zitierweise:

Andreas Pehnke, Nestler, Moritz, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.5.2017)

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