Kühne Max Hans
Architekt
* 3.6.1874 Dresden 9.7.1942 Dresden(ev.)
VEdmund William (* 1847), Gastwirt in DresdenMWilhelmine Martha, geb. Oeckler1906 Johanna, geb. Lossow († 1956)
GND: 122904850

Der in Dresden tätige K. war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein gefragter und vielbeschäftigter Architekt. Für das gemeinsam mit seinem Schwiegervater William Lossow betriebene Architekturbüro Lossow & Kühne führte er in Sachsen und Thüringen bedeutende Aufträge aus. Mit dem Hauptbahnhof in Leipzig, der Synagoge in Görlitz und anderen großartigen Monumentalbauten wirkte er auf die künstlerischen Reformbestrebungen im frühen 20. Jahrhundert ein. K., der in ganz Deutschland großes Ansehen genoss, passte sich verschiedenen Architekturströmungen an, blieb dabei aber fest in der Dresdner Bautradition verwurzelt. Die meisten seiner öffentlichen und privaten Bauten lassen einen barocken Anklang erkennen. – K. studierte bei Paul Wallot an der Dresdner Kunstakademie. Nach dem Abschluss des Architekturstudiums ging er nach Berlin, wo er im Architekturbüro von Ernst von Ihne und in der Entwurfsabteilung des Berliner Stadtbaurats Ludwig Hoffmann erste Erfahrungen sammelte. 1901 machte sich K. in Dresden selbstständig. Der begabte junge Architekt baute Villen, die einen starken Einfluss des englischen Landhausbaus erkennen lassen, und entwarf geschmackvolle Raumausstattungen. Sein erstes Werk war die Villa Trummler in Niedersedlitz. K. trat der Dresdner Künstlervereinigung „Die Zunft“ bei, der u.a. Hans Erlwein, Fritz Schumacher, Wilhelm Kreis und Lossow angehörten. Lossow, der die Ausstellungskommission für die Dritte Deutsche Kunstausstellung 1906 in Dresden leitete, bezog den jungen Architekten in das viel beachtete Ausstellungsvorhaben ein. K. bereitete die Abteilung „Kunsthandwerkliche Einzelerzeugnisse“ vor, gestaltete das Friedhofsgelände und entwarf den Wintergarten der Firma Villeroy & Boch sowie eine Diele im „Sächsischen Haus“. 1906 heiratete er Lossows Tochter Johanna und trat noch im selben Jahr in das Architekturbüro seines Schwiegervaters ein. Nachdem dieser die langjährige Partnerschaft mit Hermann Viehweger beendet hatte, gründeten beide die Architektenfirma Lossow & Kühne. Da Lossow als Direktor der Dresdner Kunstgewerbeschule und als Mitglied zahlreicher Kommissionen und Vereine stark in das öffentliche Leben eingebunden war, musste K. den Hauptteil der Entwurfsarbeit im Architekturbüro übernehmen. In den gemeinsamen Schaffensjahren bis 1914 entstanden bedeutende öffentliche Gebäude, Sakral- und Industriebauten sowie Villen und Wohnhäuser. Die Bauten zeichnen sich durch ihre funktionale Grundrissgestaltung und eine auf Materialgerechtigkeit und handwerkliche Gediegenheit gerichtete Architekturauffassung aus. Der Bauschmuck wurde zugunsten einfacherer Fassadenlösungen und einer wirkungsvollen Massengliederung reduziert. Während sein Schwiegervater zuvor hauptsächlich in Dresden tätig gewesen war, dehnte K. das Arbeitsgebiet des Architekturbüros auf ganz Sachsen aus. Lossow & Kühne errichteten die evangelischen Kirchen in Georgenfeld (1908/09), Kipsdorf (1908) und Oberbärenburg (1913), die Landständische Bank mit dem Ständehaus in Bautzen (1909/10), die Industrie- und Handelskammer in Dresden (1909/10), das Verlagshaus B. G. Teubner in Leipzig (1911) sowie die Industrie- und Handelskammer in Plauen (1913-1915). Mit dem Entwurf für den Leipziger Hauptbahnhof (1906-1916), den größten Kopfbahnhof Europas, gingen Lossow & Kühne, die 1906 den Wettbewerb für sich entschieden hatten, in die deutsche Architekturgeschichte ein. Hinter der klar gegliederten Sandsteinfassade, die die ursprüngliche Zweiteilung für die preußische und die sächsische Eisenbahn erkennen lässt, sind imposante Eingangshallen und Wartesäle angeordnet, während die Querhalle mit ihren riesigen schmucklosen Stahlbetonbögen zu den Bahnsteigen überleitet. Von der einheitlichen Bebauung, die um den Leipziger Hauptbahnhof geschaffen werden sollte, wurde nur das Hotel Astoria (1913-1915) ausgeführt. Das Schauspielhaus gegenüber dem Dresdner Zwinger (1911-1913), die Hafenmühle in Dresden-Friedrichstadt (1912/13) und die Synagoge in Görlitz (1910/11) wirken mit ihren geschlossenen, sparsam ornamentierten Wandflächen und ihrer kraftvollen Kontur äußerst monumental. Lossow & Kühne fanden hier zu einem Architekturstil, der vor dem Ersten Weltkrieg in ganz Deutschland gefragt war. – Für das gehobene Bürgertum und den sächsischen Adel führten Lossow & Kühne nicht wenige Landhäuser, Villen, Schlossumbauten und -erweiterungen aus, die durch ihr feines Gespür für die barocke Bautradition überzeugen. Hervorzuheben sind Schloss Glaubitz bei Riesa (1907-1909), Schloss Proschwitz bei Meißen (1913/14) sowie Schloss Osterstein in Gera (1945 zerstört, 1962 abgerissen), wo der Westflügel für Fürst Heinrich XXVII. Reuß neu ausgestaltet wurde. Die barocken Ausdrucksformen sind meist mit zeitgemäßen konstruktiven Lösungen und modernem Wohnkomfort verbunden. Mit ihrer einfühlsamen Raumkunst beteiligten sich Lossow & Kühne an der Hessischen Landesausstellung 1908 in Darmstadt, an der Weltausstellung 1910 in Brüssel, an der Ersten Internationalen Hygiene-Ausstellung 1911 in Dresden und an der Werkbund-Ausstellung 1914 in Köln. – Nach Lossows Tod 1914 führte K. das Architekturbüro, dessen alleiniger Inhaber er nun war, unter dem angestammten Namen weiter. Aus den Kriegsjahren ragt v.a. sein Entwurf für den Hauptbahnhof in Sofia (Bulgarien) hervor. Obwohl K. den neuen Architekturentwicklungen nach dem Ersten Weltkrieg aufgeschlossen gegenüberstand, lehnte er die avantgardistische Moderne der 1920er-Jahre ab. Seine Bauten blieben trotz aller modernen Elemente immer traditionsgebunden. Für K. standen stets die Bedürfnisse und Anforderungen der Auftraggeber im Vordergrund. Während seine Fabriken, Geschäfts- und Warenhäuser sachlich und funktional angelegt sind, strahlen die Wohnhäuser und Villen, die er in ganz Sachsen baute, Behaglichkeit und Kulturbewusstsein aus. K. verstand es, eine auf den bürgerlichen Reichtum abgestimmte Wohnkultur zu schaffen, indem er traditionelle Architekturmotive einsetzte, gleichzeitig aber eine zeitgemäße Versachlichung der Bauformen vornahm. Das für den Schokoladenfabrikanten Ernst Hüther errichtete Haus Bergfried in Saalfeld (1922-1924) ist dafür ein herausragendes Beispiel. Um das herrschaftliche Wohnhaus legen sich, in weitläufige Gartenanlagen eingebettet, Schwimm- und Turnhalle, Bühne und Aquarium, ein Glockenturm mit Glockenspiel und ein Teepavillon. Im Auftrag dieses wohlhabenden Bauherrn entstanden im thüringischen Saalfeld außerdem die Schokoladenfabrik Mauxion (1921-1926) mit ihren vorbildlichen Sozialeinrichtungen sowie der Um- und Erweiterungsbau des Gasthofs „Roter Hirsch“ (1919-1922). In Dresden gestaltete K. den fensterlosen, monumentalen Gebäudeblock der Dresdner Kristalleisfabrik und die dazugehörigen Kühlhallen, das Geschäftshaus der Dresdner Neuesten Nachrichten (1945 zerstört), das durch eine moderne Glasfassade hervorgehobene Schuhhaus Conrad Tack (1945 zerstört) und die Kirche der Diakonissenanstalt (1928/29). Für die Zweite Internationale Hygienie-Ausstellung 1930 in Dresden entwarf er den 25 m hohen Chlorodont-Turm. Die Kreissparkasse in Guben und die mit Keramik verkleidete Fassade der „Ofen- und Porzellanfabrik vorm. C. Teichert“ in Meißen verraten eine sachliche Grundhaltung. – Der als konservativ bekannte K. konnte seine Architektentätigkeit auch nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft ungehindert fortsetzen. Das für Prinz Friedrich Christian von Sachsen, Chef des Hauses Wettin, erbaute Schloss Wachwitz (1934-1936) gilt als das bedeutendste Werk seiner letzten Lebensjahre. Die baulichen Details der Dreiflügelanlage sind dem sächsischen Barock der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nachempfunden. Der Autohof in Saalfeld, eine Hotel- und Versorgungseinrichtung mit Werkhalle und Großtankstelle, lässt dagegen den neoklassizistischen, sachlich geglätteten Baustil der 1930er-Jahre anklingen, der damals für Geschäftshausbauten beliebt war. Seit 1936 gehörte Josef von Lamatsch dem Architekturbüro an. Nach der deutschen Besetzung des Sudetenlands gründete K. 1938 eine Niederlassung in Reichenberg (tschech. Liberec). Vom Generalgouverneur des besetzten Polen wurde K. gemeinsam mit von Lamatsch mit der städtebaulichen Neugestaltung Krakaus (poln. Kraków) beauftragt. Noch kurz vor seinem Tod betraute ihn Albert Speer, der Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt, mit Bauaufgaben in Berlin. Diese Bauvorhaben, die kriegsbedingt ohnehin nicht zu realisieren waren, blieben durch K.s Tod im Juli 1942 unausgeführt.



W  Bauwerke: Villa Trummler Dresden-Niedersedlitz; Hauptbahnhof Leipzig, 1906-1916; Schloss Glaubitz, 1907-1909; Bergkirche Kipsdorf, 1908; Kirche Georgenfeld, 1908/09; Ständehaus Bautzen, 1909/10; Industrie- und Handelskammer Dresden, 1909/10; Synagoge Görlitz, 1910/11; Kristalleisfabrik Dresden; Verlagshaus B. G. Teubner Leipzig, 1911; Schauspielhaus Dresden, 1911-1913; Hafenmühle Dresden-Friedrichstadt, 1912/13; Evangelische Traukapelle Oberbärenburg, 1913; Schloss Osterstein Gera, Westflügel, 1945 zerstört, 1962 abgerissen; Schloss Proschwitz Meißen, Restaurierung, 1913/14; Industrie- und Handelskammer Plauen, 1913-1915; Hotel Astoria Leipzig, 1913-1915; Hauptbahnhof Sofia, Entwurf; Gasthof Roter Hirsch Saalfeld, Umbau, Erweiterung, 1919-1922; Schokoladenfabrik Mauxion Saalfeld, 1921-1926; Villa Bergfried Saalfeld, 1922-1924; Geschäftshaus der Dresdner Neuesten Nachrichten Dresden, 1945 zerstört; Schuhhaus Conrad Tack Dresden, 1945 zerstört; Diakonissenhauskirche Dresden, 1928/29; Chlorodont-Turm Dresden, 1930; Kreissparkasse Guben; Ofen- und Porzellanfabrik vorm. C. Teichert Meißen, Fassade; Schloss Wachwitz Dresden, 1934-1936; Autohof Saalfeld; Schriften: mit W. Lossow, Arbeiten aus den Jahren 1906-1913, [1913]; mit W. Lossow, Das Neue Königliche Schauspielhaus Dresden, Darmstadt [1914]; Mein Sommerhäuschen in Malter, [Dresden] 1927; Hotels und deren Innenräume, [München 1927]; Haus Bergfried (Saalfeld), [Dresden 1929].

L  W. Hegemann, Architekten Lossow & Kühne Dresden, Berlin/Leipzig/Wien 1930 (ND Berlin 1998); F. Löffler, Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten, Leipzig 1981. – DBA II, III; DBE 6, S. 145f.; NDB 13, S. 201f.; Thieme/Becker, Bd. 22, Leipzig 1999, S. 61; Vollmer, Bd. 3, Leipzig 1999, S. 133.



Matthias Donath
12.6.2012


Empfohlene Zitierweise:

Matthias Donath, Kühne, Max Hans, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.3.2017)

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