Hoë von Hoënegg Matthias
Theologe, Oberhofprediger
* 24.2.1580 Wien 4.3.1645 Dresden Dresden, Sophienkirche(ev.)
VLeonhard († 1599), ReichshofratMHelena, geb. v. Wolzogen (* 1553)G2 u.a. Christian1602 Elisabeth, geb. Heidelberger (1581-1644)Ku.a. Maximilian Ferdinand (1622-1657), kursächsischer Hof- und Appellationsgerichtsrat, Obersteuereinnehmer
GND: 119521431






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H. gehörte zu den führenden lutherisch-orthodoxen Theologen der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er prägte maßgeblich das Amt des sächsischen Oberhofpredigers, das bis weit in das 18. Jahrhundert hinein zu den wichtigsten im deutschen Luthertum zählte. – Nachdem H. seinen ersten Unterricht zunächst durch einen Hauslehrer und anschließend an der katholischen Stephansschule in Wien erhalten hatte, wurde er im Alter von 14 Jahren sowohl aus konfessionellen Gründen als auch, um der Bedrohung durch militärische Übergriffe seitens des Osmanischen Reichs zu entgehen, an das philippistisch und calvinistisch geprägte Gymnasium in Steyr geschickt. Dort beendete er seine Schulausbildung und besuchte zunächst für wenige Monate die Wiener Universität, bevor er aufgrund einer Empfehlung des sächsischen Gesandten in Wien im Sommer 1597 nach Wittenberg wechselte. Dort studierte er Jurisprudenz und Philosophie, um sich dann verstärkt der Theologie zuzuwenden. Im Oktober 1601 wurde er Lizentiat und am 6.3.1604 promovierte er bei dem Wittenberger Theologieprofessor Leonhard Hutter. – Entscheidend für H.s Karriere war, dass er anlässlich der Thronbesteigung des sächsischen Kurfürsten Christian II. am 23.9.1601 eine Gratulationsschrift verfasste. Durch diese aufmerksam geworden, berief ihn der Landesherr am 24.2.1602 als Dritten Hofprediger nach Dresden. Dieses Amt bekleidete H. bis er zum 1.1.1604 als Superintendent nach Plauen wechselte. Er schlug Angebote aus Rostock, Braunschweig und Oldenburg aus und ließ sich im Mai 1611 vom Kurfürsten beurlauben, um das Direktorat der deutschen lutherischen Gemeinde in Prag zu übernehmen. Dort versuchte er, allerdings erfolglos, das Luthertum gegenüber dem böhmischen Protestantismus calvinistischer Prägung zu stärken, etwa indem er sich für den Bau einer deutschen evangelischen Schule und verschiedener Kirchen engagierte. Am 27.6.1611 hielt er so z.B. die Festpredigt anlässlich der Grundsteinlegung der Salvatorkirche in der Prager Altstadt. Anfang 1613 folgte H. einem Ruf des Kurfürsten Johann Georg I. nach Dresden. Er trat hier die Nachfolge des verstorbenen Ersten Hofpredigers Paul Jenisch an, wobei er sich in seiner am 22.1.1613 ausgestellten Bestallungsurkunde den in Kursachsen bis dato nicht existenten Titel des „Ober-Hoff-Predigers“ sicherte. Den mit dieser Rangerhöhung verbundenen Führungsanspruch setzte H. in einem vierjährigen Streit mit dem Zweiten Hofprediger Daniel Hänichen durch, der schließlich nach Prag ausweichen musste. – Die theologische Grundhaltung des neuen Oberhofpredigers fügte sich nahtlos in das konfessionelle Bild ein, das Kursachsen seit dem Sturz des calvinistisch gesinnten Kanzlers Nikolaus Krell bot: Streng lutherisch gesinnt, misstraute er zeitlebens den Katholiken und Calvinisten. Förderlich für das besondere Vertrauensverhältnis, das ihn schon bald mit dem Kurfürsten verband, war indes, dass H. einen Standpunkt bezog, den bereits der sächsische Hofprediger Polykarp Leyser d.Ä. 1602 formuliert hatte und der von der kursächsischen Politik befolgt wurde: Angesichts einer Situation, in der sich die reformierte Konfession auf Kosten des Luthertums ausbreitete, solle man statt mit den Calvinisten besser die Gemeinschaft mit den Katholiken suchen. – Bereits unmittelbar nach seinem Amtsantritt musste sich H. mit calvinistischen Positionen auseinandersetzen, wobei neben der konfessionellen auch eine politische Komponente sichtbar wurde. Als 1613 der brandenburgische Kurfürst Johann Sigismund von der lutherischen zur reformierten Konfession konvertierte, begann H. auf Bitten des Berliner Dompropsts Simon Gedicke mit einem publizistischen Feldzug. Seine anticalvinistischen Streitschriften blieben jedoch nicht auf Brandenburg beschränkt, sondern erfassten zunehmend auch andere calvinistische Territorien, etwa die Kurpfalz als Haupt des reformierten Lagers. Damit legitimierte H. zugleich die prokaiserliche Politik Kursachsens, an der auch nach dem Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs festgehalten wurde. Erst als Ergebnis des Restitutionsedikts vom 6.3.1627, mit dem Kaiser Ferdinand II. die Rückgabe des gesamten, seit 1552 säkularisierten geistlichen Besitzes an die katholische Kirche verfügte, wechselte Kursachsen die Seiten, um sich mit dem Schwedenkönig Gustav II. Adolf zu verbünden. Dieses Vorgehen rechtfertigte H. in verschiedenen Schriften und bezog – wie bereits anlässlich der Feierlichkeiten zum Jubiläum der Confessio Augustana im Juni 1630 - deutlich Stellung gegen die katholische Kirche im Allgemeinen und die Jesuiten im Besonderen. Außerdem fand er sich nun zu einem Zusammengehen mit den Reformierten bereit: Im März 1631 kam es unter seiner Leitung auf dem Leipziger Theologenkonvent zu einer Verständigung der sächsischen Lutheraner mit brandenburgischen und hessischen reformierten Theologen. Doch schon nach dem Tod Gustav Adolfs in der Schlacht von Lützen 1632 versuchte Sachsen wieder zu seiner alten kaiserfreundlichen Politik zurückzukehren. H. plädierte in einem Gutachten gegen den Beitritt zum protestantischen Heilbronner Bund und nach anfänglichen Bedenken für erneute Verhandlungen mit dem Kaiser, die schließlich in den Prager Frieden von 1635 einmündeten. – Angesichts der verschiedenen Wendungen, die H. in seinen Schriften vollzog, reagierten Vertreter der beiden protestantischen Konfessionen mit schweren Anschuldigungen. V.a. die zahlreichen kaiserlichen und kurfürstlichen Geschenke und Ehrungen, etwa den Titel eines kaiserlichen Pfalzgrafen oder das Eigentum über vier Landgüter, ließen den Oberhofprediger aus der Sicht seiner Kritiker als ehrgeizig, habgierig und bestechlich erscheinen. Im Zusammenhang mit den so erhobenen Vorwürfen zeichnete die Historiografie ein Bild, wonach H. einen schwachen Kurfürsten weithin beherrscht habe und als eigentlicher Urheber bzw. maßgeblicher Gestalter einer wankelmütigen und den Protestantismus schwächenden sächsischen Politik in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts anzusehen sei. Erst jüngste Untersuchungen korrigierten eine derartige Sichtweise, indem sie den Kurfürsten Johann Georg I. und die Mitglieder des Geheimen Rats als treibende Kräfte einer vermittelnden, dem konfessionellen Gleichgewicht verpflichteten Politik benannten. Damit erfuhr auch H. die eher zutreffende Charakterisierung als ein Sprachrohr des Dresdner Hofs, der die im Geheimen Rat getroffenen Entscheidungen lediglich religionspolitisch absicherte. Dagegen besaß H. auf theologischem Gebiet gestaltenden Einfluss. Stets an den Positionen der lutherischen Orthodoxie festhaltend und diese verteidigend, prägte H. die Gottesdienstgestaltung: Indem er als höchster Geistlicher der Landeskirche die liturgischen Teile des Gottesdiensts nachgeordneten Geistlichen übertrug und selbst als rhetorisch geschickter Kanzelredner die Predigt übernahm, stieß er eine Entwicklung an, in der die Predigt eine starke Ausdehnung zu Lasten der Liturgie erfuhr.



W  Evangelisches Handbüchlein wider das Papsttum, Leipzig 1603, 141732 (letzte Auflage 1846); Sanctus Thaumasiander et Triumphator Luterus, Leipzig 1610, 21617; Außlegung der Evangelien, Leipzig 1614, 21620; Triumphus Calvinisticus, Leipzig 1615; Chur-Sächsische JubelFrewde, Leipzig 1617; Parasceve ad solennitatem Jubilaeam Evangelicam, Leipzig 1617; Trewhertzige Warnung Für der JubelfestsPredigt, Leipzig 1618; Notwendige Vertheidigung Des heiligen Römischen Reichs Evangelischer Chur-Fürsten vnd Stände Aug-Apffels, Leipzig 1628, 91673; Manuale Jubilaeum Evangelicum oder Evangelisches Jubelfest Büchlein, Leipzig 1630, 41731.

L  E. Otto, Die Schriften des ersten kursächsischen Oberhofpredigers Hoë von H., Dresden 1898 (WV); H. Knapp, Matthias H. und sein Eingreifen in die Politik und Publizistik des Dreißigjährigen Krieges, Halle 1902; E. Schmidt, Der Gottesdienst in der evangelischen Schloßkirche zu Dresden, Diss. Halle 1956; H.-D. Hertrampf, Der kursächsische Oberhofprediger Matthias H., Diss. Leipzig 1967; ders., H., in: Herbergen der Christenheit 7/1969, S. 129-147; J. Schönstädt, Antichrist, Weltheilsgeschehen und Gottes Werkzeug, Wiesbaden 1978; H. Schüling, Verzeichnis der Briefe an Matthias H. (1580-1645) in der Universitätsbibliothek Gießen, Gießen 1979; R. Kastner, Geistlicher Raufhandel, Frankfurt/Main/Bern 1982; A. Gotthard, „Politice seint wir bäpstisch“, in: Zeitschrift für historische Forschung 20/1993, S. 275-319; U. D. Hänisch, Confessio augustana triumphans, Frankfurt/Main u.a. 1993; F. Müller, Kursachsen und der böhmische Aufstand, Münster 1997; W. Sommer, Die lutherischen Hofprediger in Dresden, Stuttgart 2006; W. Flügel, Konfession und Jubiläum, Leipzig 2005. – ADB 12, S. 541-549; DBA I, II, III; DBE 5, S. 85; NDB 9, S. 300f.; VD 17; A. Hauck (Hg.), Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd. 8, Leipzig 1900, S. 172-176; F. W. Bautz (Hg.), Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 2, Hamm 1990, S. 919-921; W. Kasper (Hg.), Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 5,, Freiburg 2006, S. 413; H. D. Betz u.a. (Hg.), Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 3, Tübingen 2008, S. 398f.

P  M. Hoë von H., L. Kilian, Kupferstich, 1615, Herzog-Anton-Ulrich-Museum Wolfenbüttel, Kupferstichkabinett; M. Hoë von H., L. Kilian, Kupferstich, 1630, Herzog-Anton-Ulrich-Museum Wolfenbüttel, Kupferstichkabinett; H. v. H., Thieme, kolorierte Lithografie, Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., Digitales Bildarchiv (Bildquelle).



Wolfgang Flügel
5.1.2011


Empfohlene Zitierweise:

Wolfgang Flügel, Hoë von Hoënegg, Matthias, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.8.2017)

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