Flämig Martin
Kirchenmusiker, Kreuzkantor
* 19.8.1913 Aue 13.1.1998 Dresden Dresden, Friedhof Weißer Hirsch

GND: 124950477

Wie einige der Kreuz- und Thomaskantoren stammte F. aus dem Erzgebirge. Nach der Schulzeit in Aue studierte er seit 1934 in Dresden bei Alfred Stier sowie am Kirchenmusikalischen Institut des Leipziger Konservatoriums bei Karl Straube, Günther Ramin, Friedrich Högner und Johann Nepomuk David. Nach dem Staatsexamen als Kirchenmusiker wurde er 1936 bis 1947 Nachfolger Franciscus Naglers als Kantor der Matthäuskirche in Leisnig. Über Döbeln kam er 1948 nach Dresden, trat hier die Nachfolge seines Lehrers Stier als Kantor an der Versöhnungskirche in Dresden-Striesen an und leitete (bereits seit 1945) als Hochschullehrer und Abteilungsleiter das Fach Chordirigieren an der Akademie für Musik und Theater Dresden. Als Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens (1948-1960) gründete er 1949 die Sächsische Landeskirchenmusikschule, die heutige Hochschule für Kirchenmusik Dresden. Das Institut wurde unter seiner Leitung zu einer wegweisenden Pflegestätte zeitgenössischer Kirchenmusik. Der von ihm geführte Chor der Kirchenmusikschule spielte nicht nur eine bedeutsame Rolle im Musikleben Dresdens der 1950er-Jahre (u.a. mit bahnbrechenden Erstaufführungen von Willy Burkhards Oratorium „Das Gesicht des Jesaja“, Ernst Kreneks „Lamentationes Jeremiae Prophetae“ und Johannes Drießlers „Dein Reich komme“ in der Versöhnungskirche), sondern errang auch bei zahlreichen Gastauftritten im In- und Ausland große Erfolge. 1953 wurde F. zum Professor für Chorerziehung an der Musikhochschule „Carl Maria von Weber“ in Dresden berufen. – Als er 1959/60 nach Auseinandersetzungen um seine Amtsführung vom Direktorat der Dresdner Kirchenmusikschule und dem Kantorat der Versöhnungskirche zurücktrat, kamen aufgrund seines internationalen Ansehens sogleich Angebote aus der Schweiz. Er wirkte in der Folgezeit als Leiter der Basler und Berner Münsterkantorei, der Chöre der Züricher Predigerkirche und der Stadtkirchen Thun und Biel, als Chordirektor bei Radio Zürich, als Lehrer am Berner Konservatorium und Leiter der Seeländischen und Bieler Lehrer-Gesangvereine. So verlegte F. sein Tätigkeitsfeld in die Schweiz und erfüllte selbst nach seiner Rückkehr nach Dresden 1971 noch einen Teil dortiger Verpflichtungen. Am 1.4.1971 trat F. nach dem Tod Rudolf Mauersbergers dessen Amt als Kreuzkantor an. – F. reihte sich gleichrangig unter die bedeutendsten Kreuzkantoren ein, obwohl er einen völlig anderen Künstlertyp vertrat als etwa sein unmittelbarer Amtsvorgänger. Zudem ergaben sich unter F. nach Meinung verschiedener Kritiker Akzentverschiebungen in der chorischen Arbeit, die die Transparenz und Spezifik des traditionellen „Kreuzchorklangs“ gefährdet sahen durch häufige Verbindung mit gemischten Chören wie Beethovenchor, Singakademie, Philharmonischer Chor und anderen Chorvereinigungen, wenn bevorzugt oratorische Werke des 19. und 20. Jahrhunderts aufgeführt wurden. Dabei war F. unstrittig ein hervorragender Chorleiter, der Chor und Orchester gleichermaßen beherrschte und mitriss. F. sah sein Ideal im groß besetzten Oratorienchor. So konnte er wohl auch besser mit Erwachsenen als mit Jugendlichen und Knaben arbeiten. In der Orchesterführung verfügte F., der 1973 zum Generalmusikdirektor ernannt wurde, über mehr Souveränität als „Knabenchorspezialist“ Mauersberger. Daraus resultierte u.a., dass er, ohne die geistlichen Aufführungen und Aufgaben in der Kreuzkirche zu vernachlässigen, mit seinem Chor regelmäßig bei den Dresdner Musikfestspielen und Berliner Festtagen gastierte, in den Konzerten der Dresdner Philharmonie mit Oratoriendarbietungen aufwartete und gemeinsam mit Kruzianern und Philharmonikern neben Gastspielen im Inland auf Auslandstourneen nach Österreich, in die Schweiz und nach Japan ging. – Aber auch die ständige Pflege der Werke von Heinrich Schütz - nicht zuletzt für Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen -, der gesteigerte Einsatz für Bach-Kantaten neben den traditionellen Aufführungen der Bachschen Großwerke und v.a. der Blick auf neue Werke der evangelischen Kirchenmusik waren bezeichnend für F.s Amtsjahre. Seine Verdienste um die evangelische Kirchenmusik sind eminent als vitaler Interpret klassischer Werke ebenso wie geistlicher Chorsinfonik des 20. Jahrhunderts, für die der 26. evangelische Kreuzkantor ein Gespür sondergleichen besaß. – Mit der Autorität seiner Persönlichkeit, seinem diplomatisch-organisatorischen Geschick setzte es F. durch, dass der geistliche Auftrag des Kreuzchors trotz dessen staatlicher Instrumentalisierung auch in der DDR bewahrt blieb, dass - wie er es selbst ausdrückte - das „Singen in der Kirche“ stets als Zentrum der Chorarbeit „bei aller Offenheit für neue Aufgaben“ betrachtet wurde. Dennoch kam es, aus dem Chor heraus, um 1989/90 zu Turbulenzen. Sie führten dazu, dass F., dem noch 1988 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Dresden verliehen worden war, im September 1990 sein Amt für eine Neuausschreibung zur Verfügung stellte: „Es ist mir das gelungen, was ich als wichtig erachtet habe: unter einer atheistischen Obrigkeit den Kreuzchor in seiner ureigenen Haltung zu bewahren. Mit der Wende hörte meine Mission auf“ (F. anlässlich seiner Verabschiedung im April 1991). Bis zur Amtsübernahme durch den Nachfolger Gothart Stier im September 1991 versah Kantor Ulrich Schicha, der fast zwei Jahrzehnte Assistent F.s gewesen war, kommissarisch die Leitung des Kreuzchors.



L  G. Schmiedel, Der Kreuzchor zu Dresden, Leipzig 1979; H. John, Der Dresdner Kreuzchor und seine Kantoren, Berlin ²1989; ders., Der Dresdner Kreuzchor von 1971 bis zur Gegenwart, in: K. Blaschke/G. Arnhardt/H. John/M. Herrmann (Hg.), Dresden: Kreuzkirche, Kreuzschule, Kreuzchor, Gütersloh/München 1991, S. 137; M. Herrmann, Der Dresdner Kreuzchor unter den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts, in: ebd., S. 154-157; ders., „Leuchtkraft durch den Gesang der Kruzianer“. Konturenschärfe durch das Spiel der Philharmoniker, in: D. Härtwig (Hg.), 125 Jahre Dresdner Philharmonie, Altenburg 1995, S. 195-197, 200; H. Grüss, Schütz-Edition-Kreuzchor-Capella Fidicinia 1966-1990, in: M. Herrmann (Hg.), Die Dresdner Kirchenmusik im 19. und 20. Jahrhundert, Laaber 1998, S. 387-396; C. Wetzel, Von der vorläufigen landeskirchlichen Musikschule zur Hochschule für Kirchenmusik der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (1949-1996), in: ebd., S. 471-477, 480; H. Bockstiegel, Martin F., in: Meine Herren, kennen Sie das Stück? Erinnerungen an deutschsprachige Chordirigenten des 20. Jahrhunderts und ihr Wirken im Opern- und Konzertleben Deutschlands, Bd. 3, Bodenmais 1999, S. 35-42; D. Härtwig, Den geistlichen Auftrag des Kreuzchores auch in der DDR bewahrt, in: Dresdner Neueste Nachrichten, 19.8.2003. – DBA III.

P  M. Creutziger, 1984, Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Dieter Härtwig
26.8.2005


Empfohlene Zitierweise:

Dieter Härtwig, Flämig, Martin, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.6.2017)

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