Kühne Martha
geb. Hähnel
MdL, KPD-/SED-Politikerin, Stadtverordnete, Gegnerin und Opfer des NS-Regimes
* 6.3.1888 Sellerhausen 22.1.1961 Leipzig Leipzig, Südfriedhof(ev.)
VFriedrich Richard Hähnel, EisenbahnangestellterMAnna Marie, geb. WagnerErwin Kühne (1880-1944) TMargarethe (* 1911); Leonore (* 1917)
GND: 133621537





K. gehörte der zweiten Generation sächsischer Parlamentarierinnen an und wurde als kommunistische Politikerin ab 1933 Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Die Überlebende des KZ Ravensbrück geriet nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den Verdacht, sich zur politischen Dissidentin entwickelt zu haben und musste auf ihre späte Rehabilitierung warten. – Die Tochter eines Leipziger Bahnangestellten arbeitete zunächst als Haushaltshilfe und Bürokraft. Nach dem Besuch einer Handelsschule 1907 war sie als Stenotypistin in verschiedenen Leipziger Rechtskanzleien tätig. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurde K. Mitglied der USPD, trat jedoch 1919/1920 zur KPD über. Sie engagierte sich als Hauptkassiererin der Roten Hilfe in Leipzig-Nord und wurde Mitglied im Verband Proletarischer Freidenker. Ab 1926 arbeitete K. als Textilarbeiterin in einer Leipziger Wollkämmerei. – Nachdem K. im Jahr zuvor noch vergeblich für ein Mandat kandidiert hatte, zog sie dank der vorzeitigen Landtagswahlen in Sachsen 1930 doch noch ins Parlament ein. Gemeinsam mit ihr gehörte auch der spätere bundesdeutsche SPD-Politiker Herbert Wehner zu den Neulingen in der KPD-Fraktion, zu den weiblichen Kolleginnen zählten Margarete Groh, Olga Körner und Margarete Nischwitz. Ihre parlamentarische Tätigkeit widmete K. v.a. sozialen Themen. In ihrer ersten Rede vom 14.10.1930 verteidigte sie z.B. den Minderheitsantrag ihrer Fraktion zum Schutz von Schwangeren in der Betriebsarbeit. Insgesamt ergriff sie im Sächsischen Landtag fünf Mal das Wort. 1930 bis 1933 gehörte sie dem Haushaltsausschuss B an. Bereits seit März 1930 war K. zudem Stadtverordnete in Leipzig und behielt ihr Mandat bis zum Jahresende 1932. In der Leipziger Stadtverordnetenversammlung war sie u.a. im Bauausschuss tätig. – Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten änderten sich die Lebensumstände von K. grundlegend. Im Februar 1933 verteilte sie in Dresden vor dem Landtagsgebäude Flugblätter, in denen zu einer linken, antifaschistischen Einheitsfront aus KPD und SPD aufgerufen wurde. Wenig später floh sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Bernhard Richter zunächst in die Tschechoslowakei - bis zum Frühjahr 1939 v.a. für sozialdemokratische Funktionäre ein wichtiges Exilzentrum - von dort dann bereits im Juni 1933 weiter in die Sowjetunion. Hier konnte sie dank Vermittlung der Internationalen Arbeiterhilfe eine Stelle im Marx-Engels-Institut in Moskau erlangen. Zudem war sie bis Juni 1938 als Technische Mitarbeiterin der Kommunistischen Internationale in den Bibliotheken der Stadt beschäftigt. Im selben Jahr wurde ihr Lebensgefährte unter der Anklage, Spionage für Deutschland zu betreiben, hingerichtet und K. selbst wegen parteischädigenden Verhaltens aus der KPD ausgeschlossen. Im Oktober 1940 kehrte K. nach Deutschland zurück, wurde jedoch umgehend nach ihrer Einreise in Tilsit (heute russ. Sowetsk) verhaftet und vom Oberlandesgericht Dresden wegen vermeintlicher Vorbereitung zum Hochverrat zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach verbüßter Haftstrafe in der Frauenstrafanstalt Leipzig-Kleinmeusdorf wurde sie im April 1942 ins KZ Ravensbrück gebracht, wo sie drei Jahre später die Befreiung des Lagers durch die Rote Armee erlebte. Während K.s Zeit im KZ wurde ihr Ehemann Erwin Kühne wegen Hörens von Radio Moskau von den Nationalsozialisten aufgegriffen und hingerichtet. – K. kehrte 1945 nach Leipzig zurück und trat erneut der KPD bei, wurde aber kurz darauf wegen ihrer Kritik an der Sowjetunion und „schlechter Haltung im KZ Ravensbrück“ ein zweites Mal aus der Partei ausgeschlossen. Zugleich verlor sie die Anerkennung als „Opfer des Faschismus“ und die damit verbundenen Ansprüche. 1952 wurde sie schließlich in die SED aufgenommen und erhielt fünf Jahre später nicht nur die aberkannte Auszeichnung zurück, sondern wurde auch als „Kämpferin gegen den Faschismus“ und „Teilnehmerin an den bewaffneten Kämpfen der Arbeiterklasse von 1918 bis 1923“ geehrt. Im Alter von 72 Jahren verstarb K., die zuletzt in der Oberen Blücherstraße wohnhaft war, in ihrer Heimatstadt Leipzig und wurde auf dem Südfriedhof beigesetzt.



Q  Stadtarchiv Leipzig, 1.2.2.34.2 Personenstandsregister, Geburtenbuch 1888, Standesamt Sellerhausen, Nr. 68; Verhandlungen des Sächsischen Landtags, 5. Wahlperiode 1930/31, Dresden 1931, S. 279; Deutsches Historisches Museum, Druckschriften, Sonderdruck der KPD Sachsen zum Reichstagsbrand, Inventarnummer Do 56/353; Frauenstadtarchiv Dresden, Bestand zur Ausstellung „Frauen in der Politik“, Ausstellungstafel Martha K.

L  Todesanzeige Martha K., in: Leipziger Volkszeitung 25.1.1961, S. 7; Herbert Wehner, Zeugnis. Persönliche Notizen 1929-1942, hrsg. von Gerhard Jahn, Leipzig 1990, S. 221; Lutz Vogel, Leben und Wirken der ersten Parlamentarierinnen im Sächsischen Landtag der Weimarer Republik (1919-1933), Magisterarbeit TU Dresden 2006 [Ms.]; ders., „...und wir Frauen werden immer rufen und immer wieder unsere Forderungen stellen.“ Parlamentarische Arbeitsfelder der ersten weiblichen Landesabgeordneten in Sachsen, in: Konstantin Hermann/Mike Schmeitzner/Swen Steinberg (Hg.), Der gespaltene Freistaat. Neue Perspektiven auf die sächsische Geschichte 1918 bis 1933, Leipzig 2019, S. 131-146. – DBA II; Martha K., in: Horst Stoschek/Erich Zeidler, Zum Kampf der KPD im sächsischen Landtag gegen Militarismus und Faschismus in der Weimarer Republik, Bd. 2: Biographien der Abgeordneten der Kommunistischen Partei, Potsdam 1976; Hermann Weber/Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918-1945, Berlin 22008.



Lennart Kranz
24.9.2019


Empfohlene Zitierweise:

Lennart Kranz, Kühne, Martha, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (3.4.2020)

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