Junge Margarete (eigentl. Octavie Henriette Margaretha)
Designerin, Professorin an der Kunstgewerbeschule Dresden
* 14.4.1874 Lauban (poln. Lubań) 19.4.1966 Dresden Dresden, Alter Friedhof Klotzsche(ev.)
VJohann Bernhard Junge, Uhrenhändler; Johann Bernhard, UhrenhändlerMFranzösinG3
GND: 139713107
Ältere Version des Artikel vom 02.02.2005





J. war um 1900 eine der Pionierinnen der deutschen Reformkunst, dem Bindeglied zwischen Jugendstil und Bauhaus. Als Möbeldesignerin gehörte sie (teilweise gemeinsam mit ihrer Freundin Gertrud Kleinhempel) zu den prägenden Entwerferinnen der Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst Schmidt und Müller sowie der Werkstätten für deutschen Hausrat Theophil Müller in Dresden-Striesen. Durch diese Tätigkeit gewann sie früh internationale Anerkennung. J. war die erste Frau, die 1907 an der Dresdner Kunstgewerbeschule als Lehrerin angestellt und dort später zur Professorin ernannt wurde. Sie gehörte seit 1908 - als eines der ersten weiblichen Mitglieder - dem Deutschen Werkbund an. – Ihren ersten privaten Zeichenunterricht hatte J. vermutlich bei dem Maler Wilhelm Claudius erhalten, bevor sie 1892 in die Zeichenschule des Dresdner Frauenerwerbsvereins eintrat. 1896 bis 1898 studierte sie an der Damen-Akademie des Münchener Künstlerinnen-Vereins. Nach ihrer Rückkehr nach Dresden lernte J. Karl Schmidt, den Gründer der Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst, kennen und gewann 1900 bei einem Preisausschreiben des Unternehmens einen zweiten Preis. Von da an arbeitete sie rund ein Jahrzehnt für die Dresdner Werkstätten. 1901 stellte sie erstmals öffentlich auf der Internationalen Kunstausstellung Dresden Schmuck und Reformkleidung aus - beides hatte J. gemeinsam mit Kleinhempel entworfen. Auf die beiden Frauen wurde auch Henry van de Velde aufmerksam: Sie würden, so schrieb er 1902 in der Zeitschrift „Innendekoration“, die meiste Beachtung unter den künstlerischen Mitarbeitern der Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst verdienen. Van de Velde beauftragte 1903 die beiden Gestalterinnen mit den Entwürfen der Inneneinrichtung der Patientenzimmer im von Prinzessin Marie Alexandrine Reuß zu Köstritz initiierten Prestigebau eines Sanatoriums in Trebschen (poln. Trzebiechów). – Seit 1902 arbeitete J. auch für die Werkstätten für deutschen Hausrat Theophil Müller. Ihre Werke fanden auf vielen in- und ausländischen Ausstellungen Beachtung: So etwa in Turin (ital. Torino) auf der Internationalen Kunstgewerbeausstellung 1902, in St. Louis (USA) auf der Weltausstellung in 1904 sowie in Dresden auf der Dritten Deutschen Kunstgewerbeausstellung 1906 und auf der Großen Kunstausstellung 1908. Außer Möbel, Schmuck und Kleidung gehörten auch Lampen, Stoffe, Teppiche, Gartenmobiliar und Spielzeug zu ihrem künstlerischen Repertoire. 1905 führte J. Webarbeiten für die Firma Gottlieb Wunderlich in Zschopenthal (ab 1922 De-We-Tex) durch. Ein Jahr später beteiligte sie sich an der Dritten Deutschen Kunstgewerbeausstellung in Dresden. Dort stellte sie Glocken und Zeremonialhämmer aus, die sie gemeinsam mit Kleinhempel für das Dresdner Ratssilber entworfen hatte. – Seit 1907 war J., ohne ihre Arbeit als Designerin völlig aufzugeben, als Lehrkraft für „Entwerfen und Ausführen künstlerischer weiblicher Handarbeiten und Kleidungsstücke sowie Entwerfen im architektonischen Kunstgewerbe“ an der Kunstgewerbeschule tätig. Zu ihren Schülerinnen und Schülern gehörten u.a. Margarete Wendt und Margarete Kühn, die die bis heute in Grünhainichen bestehende Firma Wendt & Kühn gründeten und für die J. das Firmenlogo entwarf. Die Malerinnen Elfriede Lohse-Wächtler, Alice Sommer und Paula Lauenstein sowie der Maler Fritz Tröger nahmen ebenfalls an ihren Lehrveranstaltungen teil. – An der Kunstgewerbeschule setzte sich J. für die Gleichbehandlung von Studentinnen und Studenten ein und kämpfte gegen den in der Zwischenkriegszeit aufkommenden Antisemitismus unter den Studierenden. Damit war sie für die Nationalsozialisten in ihrem Amt nicht tragbar. Sie wurde 1934 wie der Rektor der Kunstgewerbeschule Karl Groß unter dem Vorwand von „Sparmaßnahmen“ aus ihrem Amt entfernt. – J. lebte nach ihrer Entlassung zurückgezogen in Hellerau, Am Grünen Zipfel 6, und schuf dort v.a. Zeichnungen und Aquarelle mit Blumenmotiven. Inwieweit sie auch als Porzellanmalerin für die Firma Villeroy & Boch tätig war, lässt sich bisher nicht belegen. – Nach ihrem Tod wurden J.s sterbliche Überreste im Krematorium in Dresden-Tolkewitz eingeäschert. Die Trauerrede hielt ihr Schüler Tröger. Die Urne wurde auf dem Alten Friedhof Klotzsche beigesetzt. Eine Gedenktafel der Margarete Junge Gesellschaft e.V. und der Deutschen Werkstätten in Hellerau erinnert dort seit ihrem 52. Todestag am 19.4.2018 an sie. – 1981 gab es erstmals nach ihrem Tod eine Ausstellung mit „Modebildern und Blumenzeichnungen“ in der Dresdner Galerie „Kunst der Zeit“. 2003 zeigte die Hochschule für Bildende Künste Zeichnungen, die aus dem Konvolut stammten, das ihr Patensohn Hermann Lohrisch der Hochschule überlassen hatte. Im GRASSI Museum für angewandte Kunst in Leipzig ist seit 2012 das von J. entworfene und von den Werkstätten für deutschen Hausrat Theophil Müller produzierte Empfangszimmer 428 zu sehen. 2015 wurde in der Ausstellung „100 Jahre Wendt & Kühn“ im Dresdner Museum für Sächsische Volkskunst die wichtige Rolle von J. als Lehrerin von Wendt und Kühn sowie als Entwerferin für deren Unternehmen hervorgehoben. Schließlich wurde J. in der Ausstellung „Gegen die Unsichtbarkeit - Designerinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau 1898 bis 1938“, die 2018 im Dresdner Kunstgewerbemuseum und 2019 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gezeigt wurde, als Pionierin unter den Designerinnen gewürdigt.



Q  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Handschriftenabteilung, Mscr. Dresd., 40 App. 2548 (2, 3, 4); Firmenarchiv Wendt & Kühn, Grünhainichen, Z 2733, Z 2734, Z 5052; Nachlass Marianne Oppelt; Stadtarchiv Dresden, Auszug aus dem Sterberegister des Standesamtes Dresden-Nord; Kunstsammlungen Chemnitz.

W  Empfangszimmer 428, 1905/06, Ausführung Werkstätten für deutschen Hausrat Theophil Müller, GRASSI Museum Leipzig; Schreibtisch für das Empfangszimmer 428, 1905/06, Ausführung Werkstätten für deutschen Hausrat Theophil Müller, Privatbesitz; Blumentisch, 1905, Ausführung Werkstätten für deutschen Hausrat Theophil Müller, Privatbesitz; Harmonium, ca. 1906, Ausführung Harmoniumfabrik J. T. Müller, Dresden; Glocken und Zeremonialhämmer aus dem Dresdner Ratssilber, ca. 1906, Ausführung Goldschmied Arthur Berger, Dresden; Regalwand, 1910, Ausführung Werkstätten für deutschen Hausrat Theophil Müller, SKD Dresden, Kunstgewerbemuseum Pillnitz; Teppichentwurf für Wurzener Teppich- und Velourfabriken, 1913, Kulturhistorisches Museum Wurzen; Konvolut mit mehr als hundert Mode- und anderen Zeichnungen, Hochschule für Bildende Künste Dresden (Schenkung Hermann Lohrisch); Sparbüchse Clown, Rokokodame als Fingerhutdose, Cavaliere als Nadeldose, Ausführung Firma Wendt & Kühn, vor 1924; Entwurfszeichnungen für das Logo der Firma Wendt & Kühn Grünhainichen, Archiv Firma Wendt & Kühn, Grünhainichen.

L  Margarete J. Modebilder und Blumenstudien, Ausstellung von August bis September 1981 in der Galerie „Kunst der Zeit“ Dresden, hrsg. von der Genossenschaft Bildender Künstler Kunst der Zeit, Dresden 1981; K.-P. Arnold, Vom Sofakissen zum Städtebau. Die Geschichte der Deutschen Werkstätten und der Gartenstadt Hellerau, Dresden/Basel 1993; H. J. Sarfert, Hellerau. Die Gartenstadt und Künstlerkolonie, Dresden 1995, S. 98f.; A. Angioni/G. Bodri/J. Wilhelm, Anerkannt und doch vergessen? Margarete J., Gertrud Kleinhempel und Charlotte Krause und die Dresdner Werkstatt für Handwerkskunst, in: Dresdner Hefte 51/1997, S. 13-19; N. Kardinar, Margarete J. Künstlerin und Lehrerin, in: Dresdener Kunstblätter 47/2003, H. 4, S. 223-226; M. Welsch/J. Vietig (Hg.), Margarete J. Künstlerin und Lehrerin im Aufbruch in die Moderne, Dresden 2016; C. Bischoff/I. Jenzen, 100 Jahre Wendt & Kühn. Dresdner Moderne aus dem Erzgebirge, Chemnitz 2016, S. 32-38; T. Andersch, „… eine allgemein verständliche Einfachheit und Klarheit der Formen.“ Die Zimmereinrichtung nach Entwurf von Margarete J. (1874-1966) im Leipziger GRASSI Museum für angewandte Kunst, in: J. Weber (Hg.), Die Kunst der Ebenisten. Quellenstudien, technologische Untersuchungen und innovative Verfahren in der Holzrestaurierung, Potsdam 2017, S. 98-107; J. Vietig, Die Dresdener Designerin und Professorin Margarete J. Eine Oberlausitzerin aus Lauban, in: Neues Lausitzisches Magazin 140/2018, S. 109-112, T. Beyerle/K. Němečková (Hg.), Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau 1898-1938, München 2018, S. 29f., 51-56, 138-140, 196-199. – DBA II; AKL, Bd. 78, Berlin 2013, S. 508; Thieme/Becker, Bd. 19, Leipzig 1926, S. 326f.

P  Frau Prof. Margarete J., F. Tröger, 1926, Öl auf Sperrholz, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister; Margarete J., Teichert, 1936, Steingut bemalt nach F. Tröger, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunstgewerbemuseum, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Jürgen Vietig
17.4.2019


Empfohlene Zitierweise:

Jürgen Vietig, Junge, Margarete (eigentl. Octavie Henriette Margaretha), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (19.8.2019)

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