Marcus von Weida (eigentl. Marcus Jahn)
Dominikaner, Lesemeister, Syndikus, Vikar, Prediger, Autor, Übersetzer
* um 1450 Weida/Vogtland [?] 1516

GND: 118578049





M.s Bedeutung ergibt sich v.a. aus seiner Tätigkeit als Verfasser und Übersetzer zahlreicher Schriften u.a. aus dem Bereich der Erbauungsliteratur. Als Syndikus des Leipziger Dominikanerklosters bzw. als Vikar der Natio Misniae innerhalb der Ordensprovinz Saxonia hatte er darüber hinaus zentrale Ämter des Dominikanerordens auf regionaler Ebene inne. – Den ersten Nachweis über M. liefert sein Eintrag in die Matrikel der Universität Leipzig. Im Sommersemester 1472 wurde er als „Marcus Yhaan de Weyda“ unter der Meißnischen Nation immatrikuliert. Demnach stammte M. aus dem vogtländischen Weida und dürfte wohl um die Mitte des 15. Jahrhunderts als Marcus Jahn geboren worden sein. In allen späteren Zeugnissen, die eigenen Schriftstücke inbegriffen, tritt M. stets als „Marcus von Weida“ in Erscheinung. Weitere Hinweise über seinen Studienfortschritt (z.B. über ein abgelegtes Bakkalaureat) oder den Eintritt in das Leipziger Dominikanerkloster, das zu seiner Hauptwirkungsstätte werden sollte, gibt es bislang nicht. 1482 oder 1483 hielt sich M. wohl im böhmischen Eger (tschech. Cheb) auf. Dies legt jedenfalls eine Bemerkung in seinem „Spiegel der Rosenkranzbruderschaft“ (1515) nahe. Der älteren Forschung zufolge (z.B. G. M. Löhr 1934) übte er hier sowie in Jena erste Lehrtätigkeiten aus. Die Quellen gewähren diesbezüglich allerdings keine Anhaltspunkte. – Ein erster archivalischer Hinweis auf sein Wirken im Leipziger Konvent ist eine Urkunde von 1487. Sie dokumentiert, dass ein nicht näher bezeichneter „bruder Marcus“ zu Kurfürst Friedrich III. (der Weise) entsandt wurde, um bei ihm für die dominikanische Observanz und gegen die Attacken des observanzfeindlichen Provinzials Hermann Meyer einzutreten. Die Vermutung, dass es sich bei diesem Bruder aus Leipzig um M. handelte (G. M. Löhr 1934 u.a.), wird durch seine erste Schrift, den „Spigell des ehlichen Ordens“, gestützt. Das Werk erschien im selben Jahr (1487), war dem Kurfürsten gewidmet und belegt anhand einer Selbstbezeichnung, dass der Autor zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied der Leipziger Dominikaner war („ich bruder Marcus von Weÿda, prediger ordens des closters leiptzk“). M. stieg hier in zentrale Positionen auf. So war er seit spätestens 1502 Lektor sowie Prediger und fungierte ab 1513 neben Hermann Rab als „Lector regens“ seines Konvents. Dabei handelte es sich um ein Leitungsamt innerhalb des Leipziger Ordensstudiums. Zudem nahm er die Aufgaben eines Syndikus seines Klosters wahr. Schließlich wirkte er seit 1515/1516 als Vikar der Natio Misniae („Vicarius nationis Misne“). In diesen Funktionen bemühte er sich beispielsweise 1513/1514 gemeinsam mit dem kurfürstlichen Rat Degenhard Pfeffinger, dem Provinzial der Dominikaner der Saxonia Rab und dem Pfarrer Johann Pregler um die wirtschaftliche Stabilisierung des Weidaer Dominikanerinnenklosters durch die dortige Priorin Margarete von Hutten. M. war zu diesem Zweck auch selbst vor Ort, denn die landesherrliche Anordnung, dem „bruder marcus“ 2 Schock 32 Groschen als Wegentschädigung zu zahlen, zeugt hiervon. Anfang März 1515 versuchte M. dann in einem Konflikt zwischen den Priestern der Kalandbruderschaft zu Schmölln und den Cronschwitzer Dominikanerinnen zu vermitteln. Dabei trat er wiederum zusammen mit Rab in Erscheinung. – 1516 muss M. gestorben sein, da bei der Zusammenkunft der Dominikaner der Provinz Saxonia im Juli 1516 in Nordhausen sein Name in den Fürbittgebeten für die Toten genannt wird. – Aus dem Oeuvre M.s sind in erster Linie drei eigene Schriften zu nennen: 1487 verfasste er auf die Bitte des Torgauer Adligen Sigismund von Maltitz hin den bereits genannten „Spigell ehlichen Ordens“, eine Art Ehelehre, die sich in erster Linie an Adlige richtete. 1502 folgte als ein weiteres Auftragswerk ein Traktat, der sich mit dem rechten Beten und ganz besonders mit der Auslegung des Vaterunsers beschäftigte: „Ein Nutzliche Lere vnd vnderweysunge, wye vnnd was der mensch bethen solle vnd Sonderlich ausslegunge des heylgen Vater vnsers […]“. Ausgangspunkt dafür war die Bitte des Leipziger Bürgers Martin Richter, M. möge seine 1501 gehaltenen Predigten zu diesem Themenkomplex publizieren lassen. Die mit 147 Blatt umfangreichste Schrift, den „Spiegel hochloblicher Bruderschafft des Rosenkrantz Marie […]“, verfasste M. 1514 auf Veranlassung der sächsischen Herzogin Barbara von Polen innerhalb von nicht einmal drei Monaten. In zwölf Kapiteln informiert dieser Text enzyklopädisch detailliert über den Rosenkranz, dessen Gebetsweise und vor allem über die Rosenkranzbruderschaft. – Neben diesen eigenständigen Schriften wirkte M. als Übersetzer und Förderer geistlicher Literatur. So organisierte er im Auftrag der sächsischen Herzogin Sidonia von Böhmen den Druck einer deutschen Version des „Liber specialis gratiae“ (1503), einer der erfolgreichsten Abhandlungen der Helftaer Mystik. Die dafür notwendige Übersetzung stammt von ihm selbst. Auch bei der 1512 in Leipzig gedruckten und von Johann von Schleinitz herausgegebenen Predigtsammlung „Orationes vel potius diuinorum […]“ sollte M. die Publikation organisieren. – M.s Schriften fanden nicht nur in den Wettinern prominente Leser. Den „Spiegel der Rosenkranzbruderschaft“ rezipierte auch Martin Luther. Die zum Teil scharfzüngigen Randglossen Luthers geben hiervon ein beredtes Zeugnis.



Q  Codex diplomaticus Saxoniae regiae, II. Hauptteil, Bd. 10: Urkundenbuch der Stadt Leipzig, Bd. 3, hrsg. von J. Förstemann, Leipzig 1894; Codex diplomaticus Saxoniae regiae, II. Hauptteil, Bd. 16: Die Matrikel der Universität Leipzig, Bd. 1: Die Immatrikulationen von 1409-1559, hrsg. von G. Erler, Leipzig 1895; E. Devrient (Hg.), Urkundenbuch der Stadt Jena und ihrer geistlichen Anstalten, Bd. 2: 1406-1525, Jena 1903; Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1: Schriften, Bd. 60, Graz 1980, S. 183-191; Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen 1513-1532, Bd. 1: 1513-1517, hrsg. von A. Kohnle/M. Rudersdorf, Leipzig 2017, Nr. 23, 176, 203, 576, 652.

W  Spigell des ehlichen Ordens, hrsg. von A. van der Lee, Assen 1972; Ein Nutzliche Lere vnd vnderweysunge wye vnnd was der mensch bethen solle vnd Sonderlich ausslegunge des heylgen Vater vnsers durch eynen Bruder Prediger Ordens tzu Leyptzk geprediget Vnnd verdeutzscht, Leipzig 1502 (ND Assen 1973); Der Spiegel hochloblicher Bruderschafft des Rosenkrantz Marie […], Leipzig 1515 (ND Amsterdam 1978); Mechthild von Hackeborn, Gertrudis de Helfta, Das buch geistlicher gnaden offenbarunge wunderliches unde beschawlichen lebens der heiligenn iungfrawen Mechtildis und Gertrudis […], Leipzig 1503 (Übersetzung aus dem Lateinischen); DEr spygel der tzucht voll treflicher lere unnd spruche, des heilgen Bonaventure […], Leipzig 1510 (Übersetzung aus dem Lateinischen).

L  N. Paulus, M. von Weida, in: Zeitschrift für katholische Theologie 26/1902, S. 247-262; G. Kawerau, Luthers Randglossen zum Marienpsalter 1515, in: Theologische Studien und Kritiken 90/1917, S. 81-87; G. Buchwald, Zur mittelalterlichen Frömmigkeit am kursächsischen Hofe kurz vor der Reformation, in: Archiv für Reformationsgeschichte 27/1930, S. 62-110; G. M. Löhr, Das Kapitel der Provinz Saxonia im Zeitalter der Kirchenspaltung 1513-1540, Vechta 1930; F. Breitkopf, M. von Weida, ein Prediger und theologischer Volksschriftsteller des ausgehenden Mittelalters, Greifswald 1932; G. M. Löhr, Die Dominikaner an der Leipziger Universität, Vechta 1934; A. van der Lee, Beobachtungen zum Sprachgebrauch des Leipziger Volkspredigers M. von Weida (1450-1516), Amsterdam 1980; M. A. van den Broek, Sprichwort und Redensart in den Werken des Leipziger Volkspredigers M. von Weida, in: Beiträge zur Erforschung der deutschen Sprache 7/1987, S. 168-181; F. Muller, Le Spiegel hochloblicher Bruderschafft des Rosenkrantz Marie de M. von Weida et ses illustrations, in: D. Buschinger/W. Spiewok (Hg.), Economie, politique et culture au Moyen Âge, Amiens 1991, S. 137-150; K.-B. Springer, Die deutschen Dominikaner in Widerstand und Anpassung während der Reformationszeit, Berlin 1999; N. Paulus, Geschichte des Ablasses am Ausgang des Mittelalters, Darmstadt 22000; F. Posset, Martin Luther OSA und Markus von Weida OP. Auseinandersetzung um das Rosenkranzbeten, in: Luther-Bulletin 13/2004, S. 45-62; G. Weise, M. von Weida – ein berühmter Sohn der Stadt Weida, in: Jahrbuch des Museums Reichenfels-Hohenleuben 51/2006, S. 89-96; H. Kühne, M. von Weida: Über die Rosenkranzbruderschaft, in: ders./E. Bünz/Th. T. Müller (Hg.), Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation in Mitteldeutschland, Petersberg 2013, S. 117; V. Honemann, Sächsische Fürstinnen, Patrizier, Kleriker, Kaufleute und der Dominikaner M. von Weida als Förderer geistlicher Literatur um 1500, in: C. Fasbender/G. Mierke (Hg.), Bürgers Bücher, Würzburg 2017, S. 130-159; ders., Predigt und geistliches Schrifttum im Leipziger Dominikanerkloster um 1500, in: H. Kühne/E. Bünz/P. Wiegand (Hg.), Johann Tetzel und der Ablass, Berlin 2017, S. 161-177. – DBA I, II, III; DBE 6, S. 609; LThK 7, Sp. 14; NDB 16, S. 133f.; K. Ruh (Hg.), Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 5, Berlin/New York 22010, Sp. 1233-1237; W. Achnitz (Hg.), Deutsches Literatur-Lexikon. Das Mittelalter, Bd. 2, Berlin/New York 2011, Sp. 1544f.



Christian Ranacher
14.11.2019


Empfohlene Zitierweise:

Christian Ranacher, Marcus von Weida (eigentl. Marcus Jahn), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (6.12.2019)

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