Wagner Kurt
Steinsetzer, Generaloberst der NVA, Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung der DDR, Gegner des NS-Regimes
* 31.7.1904 Chemnitz 8.7.1989 Strausberg
VHermann Wilhelm, Klempner, GaswerkarbeiterMWallyG31928 Martha, geb. LöserT2 u.a. Annelies, verh. Lobner
GND: 12864589X

W. war in verschiedenen Dienststellen bei der Polizei und der Kasernierten Volkspolizei (KVP) maßgeblich am Aufbau der NVA beteiligt. – W. wurde als zweites von vier Kindern in der Familie eines Klempners geboren, besuchte die Volksschule (1911-1919) und anschließend bis 1922 die Fortbildungsschule. Eine 1919 begonnene Lehre als Elektriker bei der Firma Gruhle konnte er nicht beenden, weshalb er ab 1920 als Spezialschleifer, Teppichweber und Wäscher in einer Wirkerei arbeitete. Zeitweilig arbeitslos, verdiente er ab Juli 1925 seinen Lebensunterhalt als Beifahrer und Arbeiter in der Firma Bader. Schließlich fand er 1928 eine Anstellung bei der Chemnitzer Straßenbahn und erlernte dort bis April 1931 den Beruf des Steinsetzers. In dieser Zeit begann auch seine aktive politische Tätigkeit. So wurde er im Dezember 1932 Mitglied der KPD, was u.a. ein Grund war, weshalb er am 6.4.1933 von der Straßenbahngesellschaft fristlos entlassen wurde. Es folgten zwei Jahre Arbeitslosigkeit, in denen er sich an der illegalen Arbeit der KPD in Chemnitz beteiligte, anfangs als Kurier zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei, als Stadtteilleiter, als Unterbezirksleiter von Chemnitz-Nord und schließlich als Organisationsleiter der Bezirksleitung der Chemnitzer KPD. – Am 28.3.1935 wurde W. verhaftet und im darauffolgenden Prozess wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ vom 1. Senat des Volksgerichtshofs Berlin am 26.7.1935 zu zehn Jahren Zuchthaus und Wehrunwürdigkeit verurteilt. Bis zum 28.4.1945 blieb er im Zuchthaus Waldheim inhaftiert. Nach der Entlassung begab er sich zurück in seine Heimatstadt Chemnitz, die zu diesem Zeitpunkt noch von den Amerikanern besetzt war. Dort wurde er am 8.5.1945 vom Stadtkommandanten mit dem Aufbau der Kriminalpolizei beauftragt und war bis 15.8.1945 als Kriminaldirektor tätig. Im Auftrag des 1. Sekretärs der KPD-Bezirksleitung Sachsen, Hermann Matern, und in Abstimmung mit dem Stadtkommandanten von Leipzig, Generalleutnant Nikolai Trufanow, wurde W. am 16.8.1945 zum Polizeipräsidenten von Leipzig ernannt. Hier war er u.a. für die Überwindung der Nachkriegsnot, den Aufbau der Polizei und für die Verfolgung von NS-Verbrechern, Schwarzhändlern und Kriminellen zuständig. Als Generalinspekteur war er nach seiner Tätigkeit in Leipzig ab 25.8.1946 bis zum 30.10.1949 Erster Vizepräsident der Deutschen Verwaltung des Innern in Berlin. In dieser Position war er verantwortlich für den Aufbau und die Zentralisation der Schutz-, Wasserschutz- und Kriminalpolizei sowie der Feuerschutzpolizei. Mit der Gründung der DDR nahm W.s Entwicklung eine wichtige Wendung: Obwohl er über keinerlei militärische Erfahrungen verfügte, wurde er zu einem Sonderlehrgang nach Privolsk in die Sowjetunion delegiert (30.10.1949-15.10.1950), bei dem, in Vorbereitung auf die Gründung von Streitkräften der DDR, Offiziere für die Verwendung als Regimentskommandeure ausgebildet wurden. Danach übernahm er das Kommando der Dienststelle Hohenstücken der Hauptverwaltung Ausbildung (HVA), ab dem 10.1.1952 war er Chef der 1. Abteilung (Operativ) im Stab der HVA und im Anschluss Chef der Verwaltung Operativ und Stellvertreter des Chefs des Stabs der KVP. Am 1.10.1952 erfolgte seine Beförderung zum Generalmajor. 1955 bis 1957 besuchte er - als einer der ersten NVA-Offiziere - die Akademie des Generalstabs der Streitkräfte der Sowjetunion und arbeitete anschließend ab 1.12.1957 als Chef des Militärbezirks III (Leipzig) der NVA. Dort hatte er großen Anteil am Ausbau der Garnison Leipzig, es unterstanden ihm drei Divisionen mit einer Gesamtstärke von über 25.000 Mann. In diesem Amt geriet er wiederholt in Auseinandersetzungen mit dem Ersten Sekretär der Bezirksleitung der SED, Paul Fröhlich. Als Antifaschist und Verfolgter der Nationalsozialisten war W. einer der Wenigen, die diesem auch offen Paroli bieten konnten. Nachdem er das Kommando über den Militärbezirk III am 18.7.1959 abgegeben hatte, wechselte er auf die Position des Stellvertreters des Ministers für Nationale Verteidigung für Ausbildung. In dieser Dienststellung wurde W., als erst vierter Angehöriger der NVA nach Willi Stoph, Heinz Hoffmann und Waldemar Verner, am 1.3.1966 zum Generaloberst befördert. Für W. völlig überraschend, wurde er durch einen Beschluss des Politbüros der SED mit Wirkung vom 15.8.1967 in den Ruhestand versetzt. Im Anschluss daran wurde er Präsident des Verbandes der Modernen Fünfkämpfer der DDR und nahm so als Funktionär an den Olympischen Spielen 1968 teil. Seinen Lebensabend verbrachte W. in Strausberg. – Für seine Verdienste erhielt er den Vaterländischen Verdienstorden in Silber (1956), in Gold (1969), den Banner der Arbeit (1964), den Karl-Marx-Orden (1974) sowie den Scharnhorst-Orden, die höchste militärische Auszeichnung der DDR.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Chemnitz, Parteiarchiv der SED, Erinnerungen Weber; Befragung Kurt W.s durch den Autor am 21.11.1984; Bundesarchiv Freiburg/Breisgau, Abteilung Militärarchiv, Staatliches Schriftgut aus der Zeit nach 1945, Nationale Volksarmee, Ministerium für Nationale Verteidigung/Zentrale Dienststellen, Kader(Personal)akte W., Kurt.

L  M. Drews/M. Stoll, Soldaten der ersten Stunde, Berlin 1981; D. Kürschner, Zur Geschichte des Militärbezirks III von 1956-1961, Diss. Potsdam 1987 [MS]. – DBA III; DBE 10, S. 284; K. Froh/R. Wenzke, Die Generale und Admirale der NVA, Berlin 42000, S. 196; M. Rogg, Kurt W. - Steinsetzer, Strafgefangener, Stellvertreter des Verteidigungsministers, in: H. Ehlert/A. Wagner (Hg.), Genosse General! Die Militärelite der DDR in biographischen Skizzen, Berlin 2003, S. 333-360; S. H. Müller-Enbergs u.a. (Hg.), Wer war wer in der DDR?, Berlin 52010, S. 1373.



Dieter Kürschner †
14.10.2014


Empfohlene Zitierweise:

Dieter Kürschner †, Wagner, Kurt, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.3.2017)

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