Pölitz Karl Heinrich Ludwig
Staatswissenschaftler, Historiker
* 17.8.1772 Ernstthal 27.2.1838 Leipzig(ev.)
VJohann Gotthilf (1737-1809), PfarrerMChristiana Felicitas († 1799)
GND: 11624870X

P. nahm mit seinen staatstheoretischen Schriften während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts großen Einfluss auf die Verfassungen mehrerer deutscher Staaten. – Nach dem Schulbesuch in Chemnitz studierte P. 1791 bis 1793 an der Universität Leipzig Philosophie, Kirchengeschichte und Theologie. 1794/95 hielt er an der Universität philosophische, historische und pädagogische Vorlesungen. Auf Empfehlung des mit ihm befreundeten Oberhofpredigers Franz Volkmar Reinhard erhielt P. im Februar 1795 eine Professur für Moral und Geschichte an der Ritterakademie (Kadettenanstalt) in Dresden. 1803 nahm er eine außerordentliche Professur für Philosophie in Leipzig an, bevor ihm 1804 der Lehrstuhl für Natur- und Völkerrecht an der Universität Wittenberg übertragen wurde. In der dortigen Schlosskirche dirigierte der seit seiner Jugend musikalisch sehr begabte P. gelegentlich Konzerte. Aus gesundheitlichen Gründen hielt er sich 1813 bis 1815 in Schmiedefeld auf, übergab aber nach der Abtretung des Kurkreises 1815 im Auftrag der sächsischen Regierung die Wittenberger Universität an Preußen. Im Oktober desselben Jahres kehrte P. nach Leipzig zurück und erhielt an der dortigen Universität eine Professur für Sächsische Geschichte und Statistik - die erste ihrer Art an der Leipziger Universität. Im März 1820 übernahm er schließlich den vakant gewordenen Lehrstuhl für Staatswissenschaften, mit dem das Amt des Zensors für alle in Sachsen verbreiteten staats- und kameralwissenschaftlichen Schriften verbunden war, bis diese Aufgabe 1836 in die Zuständigkeit des Innenministeriums überging. 1834 erhielt P. auch die Leitung des 1544 begründeten akademischen Convictoriums der Universität, einer wohltätigen Einrichtung für Studenten. – So breit das Vorlesungsangebot P.s war - er las zu philosophischen, historischen, völkerrechtlichen, volkswirtschaftlichen und sogar germanistischen Themen -, so umfangreich war auch seine Publikationstätigkeit. Neben zahlreichen Aufsätzen verfasste er mehr als 200 Monografien, darunter viele Hand- und Lehrbücher, was ihm in der Fachwelt den Ruf eines Vielschreibers eintrug, der zudem allzu sehr populärwissenschaftlichen Intentionen folgte. Gerade seine Beschäftigung mit den verschiedensten aktuellen staatswissenschaftlichen Fragen seiner Zeit ist jedoch später positiv gewertet worden. Die in seinen Publikationen vertretenen liberalen Auffassungen zu Fragen des Konstitutionalismus beeinflussten durchaus die Erarbeitung der deutschen Staatsverfassungen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Wie die meisten seiner Zeitgenossen von der Philosophie Immanuel Kants geprägt, vertrat er vernunftrechtliche Prinzipien (Vertragsidee). Seine Lehre von der „organischen Volksvertretung“ suchte dabei zwischen monarchischem Prinzip und repräsentativem Konstitutionalismus zu vermitteln. Später verband P. zunehmend Theorie und Empirie. Das zeigte sich nicht zuletzt in seinen historischen Ansichten. In seinen 1795 erschienen Werken „Grundlinien zur pragmatischen Weltgeschichte“ und „Geschichte der Kultur der Menschheit nach historischen Prinzipien“ vertrat er noch eine fast teleologische Sicht auf die Geschichte. Er glaubte, im geschichtlichen Verlauf „Spuren einer ewigen Gesetzgebung, durch die ein höheres Wesen das menschliche Geschlecht zum Ziele leitet“, zu erkennen (Grundlinien, 1795, S. XII.). In seinem 1797 erschienenen Aufsatz „Über die letzten Prinzipien der Philosophie …“ betrachtete er die Geschichte bereits als eine in erster Linie empirische Wissenschaft, ohne dass er sich von den Geschichtskonstruktionen der Aufklärung völlig lösen konnte und wollte. So vollzog sich der gesellschaftliche Fortschritt aus seiner Sicht nun nicht mehr mit naturgesetzlicher Notwendigkeit, blieb aber eine „ethische Aufgabe“. Seine in mehreren Auflagen publizierte „Weltgeschichte“ von 1805 steht für seine revidierte Geschichtsauffassung. Vom romantischen Geschichtsbild seiner Zeit blieb P. hingegen unbeeindruckt. Die weitverbreitete Mittelalterbegeisterung bezeichnete er als „kindisch“. Da P. aber neben Kant auch Johann Gottfried Herder rezipierte, waren für ihn auch Nationen und Völker geschichtsmächtige Größen. Insofern ging er in dieser Hinsicht ebenfalls über die Geschichtsschreibung der Aufklärung hinaus. – P. begründete 1828 die „Jahrbücher der Geschichte und Staatskunst“ (ab 1838 „Neue Jahrbücher der Geschichte, der Staats- und Cameralwissenschaften“). Seine wohl wichtigste Veröffentlichung zur sächsischen Geschichte ist das 1830 erschienene, auf umfangreichen Quellenstudien beruhende zweiteilige Werk „Die Regierung Friedrich Augusts, König von Sachsen“. – Seine etwa 30.000 Bände umfassende Bibliothek vermachte P. der Stadtbibliothek Leipzig. Der Leipziger Universität stiftete er sechs Freistellen. Bereits 1825 war P. zum sächsischen Hofrat ernannt worden, ab 1830 war er Ritter des Sächsischen Zivil- und Verdienstordens.



W  Geschichte der Cultur der Menschheit nach kritischen Prinzipien, Leipzig 1795; Grundlinien zur pragmatischen Weltgeschichte, Leipzig 1795; Ueber die letzten Principien der Philosophie …, in: Deutsches Magazin 14/1797, S. 28-66; Cursus zur allgemeinen Uebersicht der Geschichte der Völker und der Menschheit, Dresden/Leipzig 1799, Dresden 21810; Weltgeschichte für gebildete Leser und Studierende, 4 Bde., Leipzig 1805, 71853; Erziehungswissenschaft aus dem Zweck der Menschheit dargestellt, Dillenburg 1806; Handbuch der Geschichte der souveränen Staaten des Rheinbundes, Leipzig 1811; Die europäischen Völker und Staaten am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, Leipzig 1813; Franz Volkmar Reinhard und sein Leben und Wirken, 2 Bde., Leipzig 1813/15; Die Constitutionen der europäischen Staaten seit den letzten 25 Jahren, 4 Bde., Leipzig/Altenburg 1817-1825; Handbuch der Geschichte der souveränen Staaten des teutschen Bundes, 2 Bde., Leipzig 1817/18; Die Staatswissenschaften im Lichte unserer Zeit, 5 Bde., Leipzig 1823/24; Geschichte des Königreiches Sachsen, Dresden 1826; Die drey Systeme der Staatswirthschaft in Beziehung auf die Staatsverwaltung im Königreiche Sachsen, Leipzig 1828; (Hg.), Jahrbuch der Geschichte und Staatskunst, Leipzig 1828-1830; Die Regierung Friedrich Augusts, König von Sachsen, 2 Bde., Leipzig 1830; Das constitutionelle Leben nach seinen Formen und Bedingungen, Leipzig 1831; Staatswissenschaftliche Vorlesungen für die gebildeten Stände in constitutionellen Staaten, 3 Bde., Leipzig 1831-1833; K. T. Wagner (Hg.), Katalog der Pölitzischen Bibliothek, Leipzig 1839 (WV).

L  Hasse, Karl Heinrich Ludwig P., in: Neue Jahrbücher der Geschichte, der Staats- und Cameralwissenschaften 1/1838, H. 1, S. 448-467, 533-556, H. 2, S. 41-65; E. Schaumkell, Geschichte der deutschen Kulturgeschichtsschreibung, Leipzig 1905, S. 219-237; F. Hofmann, Karl Heinrich Ludwig P. als Pädagoge, Diss. München 1914; P. Pohle, System der Staats- und Nationalerziehung bei Karl Ludwig P. und ihre philosophischen Grundlagen, München 1936; P. Geils (Hg.), Gesamtverzeichnis (GV) des deutschsprachigen Schrifttums 1700 bis 1910, Bd. 110, München u.a. 1984, S. 115-120 (WV). – ADB 26, S. 389-392; DBA II, III; NDB 20, S. 562f.

P  Karl Heinrich Ludwig P., C. T. Riedel, 1811, Kupferstich, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett; Totenbildnis, A. Kneisel, 1838, Lithografie nach einer Zeichnung von G. Schlick, Staatsbibliothek Berlin; Professor Ludwig P., M. Haas, Kupferstich, in: J. G. Krünitz, Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft, Band 148, Berlin 1828 (Bildquelle).



Reinhardt Eigenwill
12.2.2014


Empfohlene Zitierweise:

Reinhardt Eigenwill, Pölitz, Karl Heinrich Ludwig, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.6.2017)

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