Kühn Karl Gottlob
Chirurg, Publizist
* 12.7.1754 Spergau bei Merseburg 19.6.1840 Leipzig(ev.)
VJohann Christian (1716-1797), Pfarrer in Spergau, Konsistorialassessor in MerseburgMJohanne Christiane, geb. Georgi (1728-1797)1788 Christiana Elisabeth, geb. Meißner (* 1764)S3 u.a. Otto Bernhard (1800-1863), Chemiker in LeipzigT5
GND: 119346311

K. wirkte gegen Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als bedeutender Multiplikator medizinischen und naturkundlichen Wissens an der Leipziger Universität. Er hinterließ ein äußerst umfangreiches publizistisches Werk, das eine Vielzahl von Übersetzungen und Bearbeitungen ausländischer Schriften enthält, die er auf diese Weise mithalf, im deutschen Sprachraum zu verbreiten. Er lieferte zudem umfangreiche Gesamtausgaben medizinischer Arbeiten der Antike und der Neuzeit. – K. wurde 1754 in dem kleinen Ort Spergau geboren, der zum Stift Merseburg gehörte. Seine Kindheit fiel in die Zeit des Siebenjährigen Kriegs, als Spergau abwechselnd von französischen, preußischen und württembergischen Truppen besetzt wurde. Er wurde zunächst von seinem Vater unterrichtet und besuchte bis 1774 die Fürstenschule zu Grimma. Anschließend begann K. ein Studium an der Universität Leipzig, wurde 1779 Bakkalaureus der Medizin und 1780 der Philosophie. Drei Jahre später erhielt er die medizinische Lehrbefugnis und promovierte mit der Arbeit „De forcipibus obstetriciis recens iuventis“. Nachdem er 1785 in Leipzig Extraordinarius und 1798 Kollegiat des Kleinen Fürstenkollegiums geworden war, avancierte er 1801 zum Assessor der medizinischen Fakultät und erhielt im Jahr darauf das Ordinariat für Anatomie und Chirurgie. Im Zuge einer strukturellen Neuordnung der Universität wurden 1812 die Fächer Anatomie und Chirurgie voneinander getrennt. Während nun Johann Christian Rosenmüller bis zu seinem Tod 1820 den Lehrstuhl für Anatomie übernahm, fiel K. die Professur für Chirurgie zu. 1820 bis 1840 hatte er die Professur für Physiologie und Pathologie inne. Er bekleidete mehrfach das Rektorenamt der Leipziger Universität und war wiederholt Dekan der medizinischen Fakultät. – K.s wissenschaftliche Bedeutung ist außer in seiner bis zu seinem Tod ausgeübten Lehrtätigkeit v.a. in seiner umfangreichen übersetzerischen, publizistischen und redaktionellen Arbeit auf den Feldern der Medizin und der Medizingeschichte zu sehen. Auf chirurgischem Gebiet publizierte er u.a. 1780 die „Versuche über den Anwachs neuer, durch Krankheiten entweder ganz, oder doch größtentheils zerstörten Knochen“ des französischen Mediziners Michele Troja. 1782 bis 1789 gab er zusammen mit dem Mediziner Ernst Benjamin Gottlieb Hebenstreit die „Neue Sammlung der auserlesensten und neuesten Abhandlungen für Wundärzte“ heraus, 1793/94 gemeinsam mit Carl Weigel die „Italienische medicinisch-chirurgische Bibliothek“. Letztere ist eine Zusammenstellung verschiedener Beiträge aus dem italienischen Raum, die allerdings nicht themenspezifisch erfolgte. So finden sich darin etwa Abhandlungen über die Lage der Hoden im ungeborenen Kind und das Gift der Pilze, den Gebrauch der Fieberrinde bei Pocken, aber auch über den Tetanus, die Wassersucht des Herzbeutels, die Verletzungen der Achillessehne oder Beobachtungen zum Gehirn. Aus dem Vorwort der „Italienischen Bibliothek“ geht auch eines der Motive hervor, das K. zu seiner immensen publizistischen Arbeit veranlasst zu haben scheint: Während einige Autoren bereits großen Bekanntheitsgrad erreicht hätten, gebe es andere, deren Schriften ungeachtet ihrer Qualität im Ausland nur schwer erhältlich seien. K. hatte sich offenbar zum Ziel gesetzt, diese in der Fachwelt bekannt zu machen, wobei er auch den Zustand des italienischen Buchhandels kritisierte. Zu nennen sind ebenfalls Charles Bells „Erläuterungen der großen chirurgischen Operationen“, die 1822 von ihm herausgegeben wurden. K.s „wahrhaft stupende Productivität“ (A. Hirsch) fand in der Überlieferung stets Anerkennung. Sie dürfte aber auch eine Einnahmequelle für ihn gebildet haben. – Als praktischer Mediziner setzte sich K. Anfang des 19. Jahrhunderts für die Pockenschutzimpfung ein. In Anknüpfung v.a. an den englischen Arzt Edward Jenner widmete er die 1801 erschienene Abhandlung „Die Kuhpocken, ein Mittel gegen die natürlichen Blattern“, welche eine Zusammenstellung verschiedener Mediziner zum Thema bietet. Neben Jenner werden u.a. auch zeitgenössische Autoren wie William Woodville, Arzt des Londoner Smallpox Hospitals, und William Fermor berücksichtigt. K.s Verdienste zu Fragen der Schutzblattern waren damals weit anerkannt. 1805 widmete er sich nochmals speziell der Thematik „Über das Einimpfen der Schutzblattern, oder: Die Kuhpocken“. – Das wissenschafts- und medizinhistorische Werk von K. war breit gefächert. Seine Übersetzungen und Herausgeberschaft enthalten Gesamtdarstellungen wie die 1798 in zwei Bänden erschienene „Geschichte der Botanik bis auf die neuern Zeiten“ des englischen Mediziners und Botanikers Richard Pulteney oder die 1798/99 aus dem Französischen übersetzte „Chronologische Geschichte der Naturlehre bis auf unsre Zeiten“ von Charles de Loys. – K. machte sich ebenso um die Herausgabe antiker medizinischer Werksammlungen verdient. Zu nennen sind etwa die Arbeiten des Hippokrates und des Aelius Galenus. Er widmete sich auch der vorhippokratischen Heilkunde sowie den Schriften von Aretaios, Aelianus oder Aulus Cornelius Celsus. Zwischen 1821 und 1833 erschienen seine „Opera medicorum graecorum“. Zu Celsus und Hippokrates bot er zwischen 1816 und 1822 auch universitäre Lehrveranstaltungen an. Zu erwähnen sind ferner K.s Werkausgaben des englischen Arzts Thomas Sydenham (1827), des italienischen Mediziners Giorgio Baglivi (1827/28) oder das überarbeitete „Lexicon medicum“ Stephen Blancards (1824-1828). 1783 und 1785 veröffentlichte K. seine „Geschichte der physikalischen und medizinischen Elektrizität“ in zwei Bänden. Sie basieren auf verschiedenen französischen Abhandlungen. Die medizinisch angewandte Elektrizität betrachtete K. 1785 zwar keineswegs als Allheilmittel, doch zählte er sie aufgrund ihrer Schnelligkeit und Stärke zu den wichtigsten Arzneimitteln seiner Zeit. Für öffentliche Krankenhäuser schlug er die Anschaffung von Elektrisiermaschinen vor. Das genannte Werk ergänzte er 1796/97 durch „Die neuesten Entdeckungen in der physikalischen und medizinischen Elektrizität“ (2 Bde.). Darin befasste sich K. mit den Entwicklungen auf dem Gebiet der theoretischen Grundlagen für elektrische Vorrichtungen wie Elektrisiermaschinen, Elektrophoren, Kondensatoren und Leidener Flaschen sowie für Instrumente zur Messung der Elektrizität. Außerdem behandelte er Fragen elektrischer Erscheinungen in der Meteorologie. Wie die im Wintersemester 1817 angebotene Vorlesung „Über physische Heilmittel, die Electricität, den Magnetismus und Galvanismus“ zeigt, übernahm K. das Fachgebiet der Elektrizität auch in sein akademisches Lehrprogramm. – Unter seinen Veröffentlichungen findet sich auch das Thema Geburtshilfe. Nachdem er 1820 die Professur für Physiologie und Pathologie angetreten hatte, hielt er ebenso Vorlesungen über Augenerkrankungen, Augenentzündungen sowie den grauen und den schwarzen Star. Auch er selbst scheint unter einer Augenerkrankung gelitten zu haben. – Umfangreich war auch K.s Mitarbeit an verschiedenen Publikationsprojekten. Er lieferte Beiträge zu der von Johann Samuel Traugott Gehler herausgegebenen „Sammlung zur Physik- und Naturgeschichte“ und wirkte als Redakteur der „Neuen Leipziger Literatur-Zeitung“. – K. war Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft zu Leipzig, Präsident der Fürstlich Jablonowskischen Gesellschaft der Wissenschaften sowie Praepositus der Pauliner Kirche und des Pauliner Kollegiums. Seit 1831 war er zudem Mitglied der medizinischen Fakultät Pest (heute Budapest). 1833 ernannte ihn die Stadt Leipzig zu ihrem Ehrenbürger.



Q  Universität Leipzig, Universitätsarchiv, UAL Film 538.

W  M. Troja, Versuche über den Anwachs neuer, durch Krankheiten entweder ganz, oder doch größtentheils zerstörten Knochen, Straßburg 1780 (Übersetzung aus dem Französischen); mit E. B. G. Hebenstreit (Hg.), Neue Sammlung der auserlesensten und neuesten Abhandlungen für Wundärzte, Leipzig 1782-1789; Geschichte der physikalischen und medizinischen Elektrizität, 2 Teile, Leipzig 1783/85; P. Bertholon, Anwendung und Wirksamkeit der Electricität zur Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit des menschlichen Körpers, Leipzig 1788 (Übersetzung aus dem Englischen); J. R. Deiman, Von den guten Wirkungen der Electricität in verschiedenen Krankheiten, Kopenhagen 1793; mit C. Weigel (Hg.), Italienische medicinisch-chirurgische Bibliothek, 2 Bde., Leipzig 1793/94; Die neuesten Entdeckungen in der physikalischen und medizinischen Elektrizität, 2 Bde., Leipzig 1796/97; R. Pulteney, Geschichte der Botanik bis auf die neuern Zeiten, 2 Bde., Leipzig 1798 (Übersetzung aus dem Englischen); C. de Loys, Chronologische Geschichte der Naturlehre bis auf unsre Zeiten, Leipzig 1798/99; Die Kuhpocken, Leipzig 1801; Über das Einimpfen der Schutzblattern, oder: Die Kuhpocken, 1805; C. H. Wilkinson, Neue Erfahrungen über die Wirkungen der Electricität auf den kranken Organismus, Leipzig 1805 (Übersetzung aus dem Englischen); mit L. Cerutti/J. C. Rosenmüller (Hg.), Sammlung Königlich Sächsischer Medicinal-Gesetze, 2 Bde., Leipzig 1809/20; Opera medicorum graecorum, 26 Bde., Leipzig 1821-1833; C. Bell, Erläuterungen der großen chirurgischen Operationen, Leipzig 1822 (Übersetzung aus dem Englischen); mit O. B. Kühn, Versuche und Beobachtungen über die Klee-Säure, das Wurst- und das Käsegift, Leipzig 1824; S. Blancard, Lexicon medicum, 6 Bde., Leipzig 1824-1828, ²1932.

L  H. G. Kreußler, Beschreibung der Feierlichkeiten am Jubelfeste der Universität Leipzig den 4. December 1809, Leipzig 1810, S. 50-53; G. Erler (Hg.), Die jüngere Matrikel der Universität Leipzig 1559-1809, Bd. 3, Leipzig 1909, S. 220; I. Kästner/A. Thom (Hg.), 575 Jahre Medizinische Fakultät der Universität Leipzig, Leipzig 1990. – ADB 17, S. 342; NDB 13, S. 196f.; DBA I, II, III; DBE 6, S. 144f.; A. C. P. Callisen, Medicinisches Schriftsteller-Lexicon, Bd. 10, Kopenhagen 1832, S. 431-444 (WV); J. C. Poggendorff, Biographisch-literarisches Handwörterbuch, Bd. 1, Leipzig 1863, Sp. 548; A. Hirsch (Hg.), Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker, Bd. 3, Berlin/Wien 1931, S. 517.

P  Karl Gottlob K., R. Weber, Lithografie, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Martin Schneider
22.7.2009


Empfohlene Zitierweise:

Martin Schneider, Kühn, Karl Gottlob, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.4.2017)

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