Schaarschmidt Karl (Carl) Friedrich
Ministerialrat, Oberbürgermeister von Leipzig, Agrarreformer
* 16.10.1786 Guben 23.11.1864 Leipzig
VJohann Friedrich (1754-1813), Rektor in SchneebergMarianne, geb. Stophel
GND: 139852182

S. studierte in Leipzig zunächst Theologie, wechselte dann aber zur Rechtswissenschaft. 1805 promovierte er mit der Abhandlung „De commodis lectionis Herodoti recte institutae dissertatio“. Nach dem Studium war er zunächst Aktuar in Lichtenstein und ließ sich 1815 als Advokat in Glauchau nieder. Durch die Bekanntschaft mit dem Kanzler der sächsischen Staatsregierung und Konferenzminister Ernst Friedrich Karl Aemilius Freiherr von Werthern eröffneten sich ihm jedoch neue Möglichkeiten. Er trat in den sächsischen Staatsdienst und wurde 1820 Hof- und Justizrat bei der sächsischen Landesregierung. Bekannt wurde S. 1826 dadurch, dass er zum Vermittler für das Königreich Sachsen in den seit 1825 angebahnten Verhandlungen um die Erbfolge und Erbteilung in den wettinischen Landen berufen wurde. Nach dem Tod des letzten Herzogs von Sachsen-Gotha-Altenburg musste um Gebietstausch und -vereinigung verhandelt werden. Sein Verhandlungspartner auf altenburgischer Seite war Generalmajor Johannes von Minkwitz. S. bewährte sich als Unterhändler so gut, dass ihm König Friedrich August I. das Ritterkreuz des Verdienstordens verlieh. Darüber hinaus erhielt er das Komturkreuz des Sachsen-Ernestinischen Hausordens. S. gehörte nach dem Regierungswechsel von 1827 zu den reformorientierten Angehörigen der sächsischen Verwaltung, die zunächst große Erwartungen hatten und aus Enttäuschung über ausbleibende Veränderungen bald eine liberale Opposition gegenüber dem Ministerium Einsiedel bildeten. Zudem wird S. zu den bürgerlichen Staatsbeamten gezählt, die Verbindung zu Bankiers- und großen Handelsfamilien hatten. 1829 wurde er zum Geheimen Referendar im Geheimen Rat befördert. Seiner weiteren Karriere war förderlich, dass Detlef Graf von Einsiedel im Verlauf der Unruhen von 1830 als Kabinettsminister der inneren Angelegenheiten entlassen und durch Bernhard August von Lindenau ersetzt wurde. Diesen hatte S. bereits während seiner Vermittlertätigkeit kennen gelernt. 1831 war S. für etwa sechs Monate Bürgermeister von Leipzig. Im März 1831 erfolgte seine Wahl zum Leipziger Oberbürgermeister. S. war der erste gewählte Oberbürgermeister der Stadt und übte dieses Amt vom 1.4.1831 bis zu seinem Rücktritt am 13.9.1831 aus. Während seiner kurzen Amtszeit versuchte S. die Vorstellungen der Regierung über die kommunale Selbstverwaltung modellhaft umzusetzen, was ihm jedoch nur in Ansätzen gelang. Von der Juristenfakultät der Universität Leipzig erhielt S. den Doktortitel verliehen. Noch im September 1831 wurde er Geheimer Regierungsrat im Innenministerium. Hier arbeitete er mit dem Hof- und Justizrat der Landesdirektion Ferdinand August Meißner an der Vorlage einer Verfassungsreform, die den sächsischen Kommunen nach dem Vorbild der preußischen Städteordnungen von 1808 und 1831 sowie der entsprechenden badischen und bayerischen Gesetze ein höheres Maß an Selbstständigkeit geben sollte und die 1832 als Allgemeine Städteordnung für Sachsen erlassen wurde. – S. war im Geheimen Rat außerdem verantwortlicher Referent für die Agrarreformen, insbesondere die Ablösungsgesetzgebung. Mit sieben weiteren Fachleuten war er 1829 in die Kommission berufen worden, die ein Konzept für die Reform der ländlichen Verhältnisse Sachsens entwerfen sollte. 1830 legte er dazu seine „Bemerkungen zum Gesetzesentwurf der Kommission über Fronablösungen“ vor. 1831 wurde der darin enthaltene Plan zur Gründung einer Ablöserentenbank vom Kabinettsminister von Lindenau genehmigt. Nachdem die Stände zugestimmt hatten, wurde das betreffende Gesetz zusammen mit dem Gesetz über Ablösungen und Gemeinheitsteilungen im März 1832 veröffentlicht. Für seine Verdienste um diese Reformen wurde er zum Komtur des Verdienstordens ernannt. – Zudem bemühte sich S. als Pressereferent um eine offenere Handhabung der Pressefreiheit. Auf ihn geht insbesondere die „Verordnung über Verwaltung der Preßpolizei“ vom 13.10.1836 zurück. Bereits 1834 war er zum Mitglied der Kommission für die allgemeinen Heil- und Versorgungsanstalten berufen worden, und später wurde er für mehrere Jahre Direktor dieses Gremiums. Auch hier sorgte er für eine Reihe von Verbesserungen. In seiner Zeit wurden die Anstalten zu Bräunsdorf, Hubertusburg und Großhennersdorf gegründet. Besondere Beachtung schenkte er der Blindenanstalt Dresden: Durch intensive persönliche Kontrolle der Anstalt insgesamt und des Unterrichts im Besonderen sorgte er für einen hohen Standard der Betreuung. Er wirkte v.a. auf eine musikalische Betätigung der Blinden hin. Hier kam seine Vorliebe für Musik und speziell für das Orgelspiel zum Tragen. Er setzte sich sehr für den Orgelbau in Sachsen ein und soll selbst auf allen wichtigen Orgeln Sachsens gespielt haben. Infolge der Entwicklungen von 1848/49 engte sich sein Arbeitsbereich ein. Er war fortan hauptsächlich für den Straßen- und Wegebau zuständig und soll hier den Baustein für ein neues Straßenbaugesetz gelegt haben. 1860 trat er unter ehrenvoller Dienstentlassung in den Ruhestand und wurde aus diesem Anlass zum Geheimen Rat ernannt.



W  De commodis lectionis Herodoti recte institutae dissertatio, Diss. Schneeberg 1805.

L  A. Freiherr v. Loën, Dr. Carl Friedrich S., in: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 103/1864, S. 429-432; G. Schmidt, Die Staatsreform in Sachsen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Weimar 1966; R. Groß, Die bürgerliche Agrarreform in Sachsen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Weimar 1968; H. Kiesewetter, Industrialisierung und Landwirtschaft, Köln/Wien 1988; I. Titz-Matuszak, Bernhard August von Lindenau (1779-1854). Eine politische Biographie, Weimar 2000; K. Kühling/D. Mundus, Leipzigs regierende Bürgermeister vom 13. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Beucha 2000, S. 57.



Heinrich Kaak
8.1.2008


Empfohlene Zitierweise:

Heinrich Kaak, Schaarschmidt, Karl (Carl) Friedrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.4.2017)

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