Fröhlich (Frölich) Joseph
Hofnarr, Mühlenkommissar
* 14./16.2.1694 Alt-Aussee/Steiermark (Österreich) 24.6.1757 Marienmont bei Warschau (poln. Marymont)(kath.)
VWolfgang (1667-1723), KramerMUrsula Gatterer 1.1719 Ursula, geb. Lainbacher (Lainböck, Lainbach, Lambach) (1691-1727)SJacob (* 1721); Carl Adolph Christian Friedrich (* † 1727)TWilhelmine Sophie (* 1724) 2.1727 Eva Christina, geb. Zöbler (1708-1784)SJoseph Christoph Adolph (* † 1729); Franz Peter Joseph (* 1732)T1 (* 1730)
GND: 119403153





„Semper fröhlich, nunquam traurig!“ war das Lebensmotto von F., der zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Augusteischen Epoche in Sachsen gehörte. Seine taschenspielerischen Fähigkeiten sowie seine offene Kritik an der Verschwendung am sächsischen Hof trugen seinen Ruhm über die Grenzen des Kurfürstentums hinaus. – Der unehelich geborene F. erlernte den Beruf eines Müllers, was ihm gleichzeitig die Ausübung des Bäckerhandwerks gestattete. In seinen Wanderjahren 1713 bis 1719 muss er weite Teile Deutschlands bereist haben. Eine Quelle besagt, dass F. 1717 sogar unter Prinz Eugen gegen die Türken kämpfte. In einem zu seinem Namenstag 1742 anonym verfassten biografischen Gedicht erwähnt der Autor, dass F. den Müllerberuf glücklos ausgeübt und die Taschenspielerei erlernt hatte. Dies brachte ihn 1725 als Hofnarren nach Bayreuth, der Heimat von Kurfürstin Christiane Eberhardine, der Gemahlin des Kurfürsten Friedrich August I. (König August II. von Polen, der Starke). Durch diese Verbindung kam F. erstmalig 1725 nach Dresden, wo er ab 1727 als Hoftaschenspieler sesshaft wurde. Erhaltene Briefe von F. an den Kurfürsten und Berichte des Hofchronisten Iccander (Johann Christian Crell) überliefern bis heute seine Späße, die er am Hof und mit seinem Widersacher, dem Narren Gottfried „Baron“ Schmiedel, trieb. Im Gefolge des Kurfürsten und Königs reiste F. 1728 nach Berlin und Potsdam, wo er die Bekanntschaft des gelehrten Narren Jacob Paul von Grundling machte. Scherzhafterweise ernannte der Kurfürst F. 1730 zum „Graf Saumagen“ und verlieh ihm ein Spottwappen. Ende 1731 bis März 1732 verbrachte F. in seiner Heimat in Aussee und kehrte dann nach Dresden zurück. Nach dem Tod Friedrich Augusts I. 1733 wurde F. vom sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. (König August III. von Polen) bei gleichbleibend hohem Gehalt übernommen. Jedoch schienen seine Freiheiten am Hof eingeschränkter zu sein. Nach 1733 sank die Zahl der überlieferten Possen und Scherze erheblich. 1735 kaufte er in Aussee die Steinmühle, die sich bis 1753 in seinem Besitz befand. Besonders gegenüber dem mächtigen sächsischen Premierminister Heinrich Graf von Brühl äußerte F. offen seine Kritik. Trotzdem erhielt er 1744 den Titel eines königlich Polnischen Mühlenkommissars. 1753 übertrug der Kurfürst ihm und seinem ältesten Sohn eine Mühle samt Gastwirtschaft, Landwirtschaft und Backrecht in Marienmont bei Warschau auf Lebenszeit. Doch F. verließ Dresden nicht, sondern baute sich 1755 ein Haus an der Augustusbrücke, das er „Kleinmoritzburg“ nannte. Später im Volksmund der Dresdner „Narrenhäusl“ oder „Brille“ genannt, wurde das Haus beim Bombenangriff am 13./14.2.1945 völlig zerstört. Noch heute erinnert an dieser Stelle ein Denkmal an den Hofnarren. Als 1756 der Siebenjährige Krieg ausbrach, ging F. mit dem Dresdner Hof nach Warschau. Bereits im Folgejahr verstarb er. – 1763 erschien in Dresden sein „Politischer Kehraus“, in dem er mit der sächsischen Obrigkeit, aber auch mit dem sächsischen Volk, das sich aus seiner Sicht deren Knechtschaft gefallen ließ, abrechnete. Dieses Werk gilt als F.s Vermächtnis und spiegelt seinen klaren kritischen Blick auf die Verhältnisse am sächsischen Hof wider. Da es aber anonym und posthum veröffentlicht wurde, wird mitunter die Autorenschaft F.s angezweifelt. Seine bis heute anhaltende Popularität in Dresden ist nicht nur auf seine Späße zurückzuführen, sondern auch auf seine große Mildtätigkeit gegenüber der armen Bevölkerung. Auf die ungewöhnlich hohe Bildung von F. verweist seine ca. 140 Bücher umfassende Bibliothek, deren Inhalt aufgrund einer Verfügung des Grafen Brühl, den Nachlass F. aufzunehmen, bis heute erhalten ist. Neben Publikationen über Mühlentechnik und Zahnheilkunde besaß F. auch Werke der Weltliteratur wie den „Simplizissimus“, „Don Quixote“ oder „Luthers Tischreden“. Der Bekanntheitsgrad des Narren spiegelt sich auch in zahlreichen künstlerischen Darstellungen seiner Person wider. In Kupferstichen, Porzellanfiguren (u.a. von Gottlieb Kirchner und Johann Joachim Kändler), auf der Wandtapete im Schloss Moritzburg und sogar auf einem Gemälde von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, ist F. in seiner steirischen Tracht verewigt.



Q  Iccander, Von dem Marggräfl. Bayreuth. Hoff=Taschen=Spieler, und dessen Ankunfft in Dreßden, in: Kurzgefastes Sächsisches Kern-Chronicon, Nr. 163, 2.7.1725, Freiburg 1725; Besonders curieuses Gespräche in dem Reiche derer Todten, Zwischen ... Joseph F. ... und ... Claus Narren, Hamburg 1729; Iccander, Des Hoff=Taschen=Spieler Joseph F.s curieuser Gevatter=Brief 1732, in: Des Sächßischen Curiositäten=Cabinets Erstes Haupt=Gemach ... Curiosa Saxonica, Nr. 74 der 71. Probe, Dresden 1733; Da der Geburths und Nahmens-Tag des Joseph F.s ist erschienen ..., Dem 19. Mart. 1742; Königl. Pohln. und Churfürstl. Sächsischer Hof= und Staats=Kalender, Leipzig 1733-1757; Sächsisches Staatsarchiv – Hauptstaatsarchiv Dresden, Amt Dresden, Nr. 2690.

W  Des berühmten und frommen Herrn Joseph F.s weiland Hoftaschenspielers zu Dresden, hinterlassener politischer Kehraus ..., o.O. 1763.

L  C. F. Flögel, Geschichte der Hofnarren, Liegnitz/Leipzig 1789; D. Faßmann, Die neu-entdeckten Elisäischen Felder ..., 3 Bde., Frankfurt/Main/Leipzig 1935; C. Willnau, Hofnarr F. und seine Familie, in: Familiengeschichtliche Blätter 38/1940, H. 4/5, S. 65-70; F. Hollwöger, Joseph F. (1694-1757) aus Aussee, in: Blätter für Heimatkunde 23/1949, Heft 1, S. 11-20; C. Willnau, Die Bibliothek eines Hofnarren, in: Das Antiquariat. Zeitschrift für alle Fachgebiete des Buchhandels und Kunstantiquariates 14/1956, H. 5/6, S. 121-124; R. Rückert, Der Hofnarr Joseph F. Porträts und Lebenslauf eines Dresdner Spaßmachers I-III, in: Kunst & Antiquitäten 5/1980, H. 5, S. 42-55, H. 6, S. 56-70, 6/1981 H. 1, S. 57-73; Erinnerungsblatt 1694. Joseph F. an August den Starken, in: Dresdner Hefte 38/1994, S. 57f.; I. Kretschmann, Joseph F. - der Hofnarr Augusts des Starken und Augusts III., in: Jahrbuch der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten in Sachsen 1994, S. 171-185 (P); G. Petrat, Die letzten Narren und Zwerge bei Hofe, Bochum 1998; R. Rückert, Der Hofnarr Joseph F. 1694-1757, Offenbach 1998 (P); M. Scheutz, Taschenspieler und Fädenzieher. Der Ausseer Joseph F. (1694-1757) am sächsischen Hof, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Steiermark 1998/99, S. 129-164. – F. Stimmel u.a. (Hg.), Stadtlexikon Dresden A-Z, Basel 1994, S. 146f. (P).

P  Joseph F., Modell von G. Kirchner, 1730, Porträtbüste, Meißner Porzellan, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Porzellansammlung, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Katharina Reimann
16.12.2005


Empfohlene Zitierweise:

Katharina Reimann, Fröhlich (Frölich), Joseph, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.11.2017)

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