Egranus (eigentl. Wildenauer, Wildnauer) Johannes (Johann) Sylvius
Theologe, Humanist
* um 1480 Eger (tschech. Cheb) 11.6.1535 St. Joachimsthal (tschech. Jáchymov)(kath., später ev.)

GND: 118688146





E. gehörte jenen humanistischen Kreisen an, die sich nach anfänglicher Unterstützung Martin Luthers aus Sorge um eine Kirchenspaltung von dem Reformator wieder distanzierten. Bekannt wurde er v.a. durch seinen Konflikt mit Thomas Müntzer während der frühen Reformation in Zwickau und als erster evangelischer Pfarrer in St. Joachimsthal. – Über E.s Abstammung und Kindheit ist nichts bekannt, lediglich die Namenswahl weist auf seinen Geburtsort Eger hin. Im Sommersemester 1500 immatrikulierte sich E. an der Universität Leipzig, wo er am 28.12.1507 den Magistergrad erwarb. Anschließend wirkte er als Dozent und trat literarisch in Erscheinung. Nachweisbar ist sein Beitrag zu einer auf Johann Aesticampianus zurückgehenden Ausgabe von Tacitus‘ „Germania“ (1509). Auch der 1510 in Leipzig erfolgte Druck der dreibändigen Schrift „De officiis ministrorum“ des Ambrosius von Mailand ist E.s Initiative zu verdanken. Ob E.s Lehrtätigkeit in Leipzig bis 1515 andauerte oder ob er sich zwischenzeitlich in Süddeutschland aufhielt, ist in der Forschung umstritten. Angenommen wird eine Bekanntschaft mit Erasmus von Rotterdam in Basel. Zumindest entwickelte E. eine starke Verehrung und geistige Nähe zu Erasmus, die zeitlebens bestehen blieb. Derart geprägt wurde E. zum Exponenten der erasmianisch beeinflussten ersten Phase der Zwickauer Reformation. Möglicherweise schon im Dezember 1515, nach anderen Angaben im Mai 1517, erfolgte die Berufung E.s zum Prediger an der Zwickauer Marienkirche. Als rhetorisch geschickter und volkstümlicher Kanzelredner übte E. harsche Kritik an Papst und Mönchtum und verurteilte die gängige Ablasspraxis. Mit seinem Amtsvorgänger Hieronymus Dungersheim sowie mit der Zwickauer Annenbruderschaft und den Franziskanermönchen ließ er sich in Predigten und Schriften auf eine heftige Auseinandersetzung um den seinerzeit sehr populären Annenkult ein, den er als unbiblisch verwarf. Seine resolute Selbstverteidigung, u.a. mit einer „Apologia contra calumniatores suos“ brachte E. den Vorwurf der Ketzerei ein, jedoch stellte sich der Zwickauer Rat schützend vor ihn. Rückhalt fand E. auch bei Luther, der ihn brieflich zur Standhaftigkeit ermunterte. 1519 wohnte E. der Leipziger Disputation bei und scheint an deren Rande mit Müntzer in Kontakt gekommen zu sein. Anfang 1520 kündigte der mit den atmosphärischen und finanziellen Rahmenbedingungen seines Diensts unzufriedene E. seinen Weggang aus Zwickau an. Der Rat wollte ihn durch finanzielle Angebote und die Garantie seines Amts jedoch unbedingt halten. Der vermutlich von E. selbst als sein Nachfolger vorgeschlagene Müntzer wurde deshalb nur provisorisch an der Marienkirche angestellt. E. wandte sich im Mai 1520 nach Nürnberg zu Willibald Pirckheimer und kehrte über Augsburg, Basel, Schlettstadt (frz. Sélestat), Straßburg (frz. Strasbourg) und Wittenberg im Oktober desselben Jahres nach Zwickau zurück. Im November 1520 begannen die Auseinandersetzungen zwischen Müntzer und E., außerdem fand sich E.s Name auf der päpstlichen Bannandrohungsbulle gegen Martin Luther. Müntzers militanter Widerspruch gegen E.s Predigten eskalierte im April 1521 mit der Veröffentlichung eines anonymen Spottgedichts, dessen Vorwurf, E. pflege einen unsittlichen Lebenswandel, fortan als Verdikt über ihm stehen blieb. Um weiteren Verunglimpfungen zu entgehen, verließ E. am 21.4.1521 Zwickau und wurde Pfarrer im böhmischen St. Joachimsthal. Sein weiteres Leben verlief unstet. Gegen Luthers Rechtfertigungslehre betonte E. die Bedeutung der guten Werke und trat für moderate innerkirchliche Reformen ein. Damit entfernte er sich zusehends von den Gedanken der Wittenberger Reformation. 1523 ging E. noch einmal zu Pirckheimer nach Nürnberg und nach Basel zu Erasmus. Anschließend fungierte er als Pfarrverweser in Kulmbach (1524). Nach weiteren Stationen in Sagan (poln. Żagań) (1526) und Chemnitz (1530) kehrte E. 1533/34 nach St. Joachimsthal zurück, wo er als zwischen die religionspolitischen Fronten geratener Theologe und Humanist verstarb.



Q  Stadtarchiv Zwickau, Ratsprotokolle; Ratsschulbibliothek Zwickau; G. Buchwald (Hg.), Ungedruckte Predigten des Johannes Sylvius E., gehalten in Zwickau und Joachimsthal 1519-1522, Leipzig 1911.

W  Apologetica responsio contra dogmata, Wittenberg 1518; Johannis Silvii E. contra calumniatores suos Apologia, Nürnberg 1519; Ein Sermon von der Beicht und wie einer seiner Sünden mag gelosen, Leipzig 1522; Ein christlicher Unterricht von der Gerechtigkeit des Glaubens und von guten Werken, Leipzig 1534.

L  E. Herzog, Chronik der Kreisstadt Zwickau, Bd. 2, Zwickau 1845 (ND Stuttgart 1999), S. 192; G. Buchwald, Die Lehre des Johannes Sylvius E. in ihrer Beziehung zur Reformation, Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte 4/1888, S. 163-202; O. Clemen, Johannes Sylvius E., in: Mitteilungen des Altertumsvereins für Zwickau und Umgegend 6/1899, S. 1-39, 7/1902, S. 1-32 (Wiederabdruck in: O. Clemen, Kleine Schriften zur Reformationsgeschichte (1897-1944), Bd. 1: 1897-1903, hrsg. von E. Koch, Leipzig 1982, S. 125-197); H. Kirchner, Johannes Sylvius E. Ein Beitrag zum Verhältnis von Reformation und Humanismus, Berlin 1961; S. Karant-Nunn, Zwickau in Transition: 1500-1547. The Reformation as an Agent of Change, Columbus 1987; H. Bräuer, Thomas Müntzer und die Zwickauer, Karl-Marx-Stadt 1989; S. Bräuer, Die Zwickauer Spottgedichte von 1521, in: H.-J. Goertz/E. Wolgast (Hg.), Spottgedichte, Träume und Polemik in den frühen Jahren der Reformation. Abhandlungen und Aufsätze von Siegfried Bräuer, Leipzig 2000, S. 9-58; H. Junghans, Thomas Müntzer in Zwickau 1520/21, in: H. Kühne u.a. (Hg.), Thomas Müntzer. Zeitgenossen. Nachwelt. Siegfried Bräuer zum 80. Geburtstag, Mühlhausen 2010, S. 163-188; J. Kahleyß, Die Bürger von Zwickau und ihre Kirche, Leipzig 2013. – ADB 5, S. 692f.; DBA I, II, III; DBE 3, S. 34; NDB 4, S. 341f.; RGG4, Bd. 2, Sp. 1069; H. Sturm (Hg.), Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder, Bd. 1, München/Wien 1979, S. 297; J. Weinmann (Hg.), Egerländer Biografisches Lexikon mit ausgewählten Personen aus dem ehemaligen Regierungs-Bezirk Eger, Bd. 1, Bayreuth 1985, S. 125.



Michael Wetzel
28.8.2018


Empfohlene Zitierweise:

Michael Wetzel, Egranus (eigentl. Wildenauer, Wildnauer), Johannes (Johann) Sylvius, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (13.11.2018)

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