Reiske Johann Jacob
Arabist, Byzantinist, Gräzist, Rektor der Nikolaischule in Leipzig
* 25.12.1716 Zörbig 14.8.1774 Leipzig(ev.)
VJohann Balthasar († 1735), Lohgerber in ZörbigMAnna Christina, geb. Kloß1764 Ernestine Christine, geb. Müller (1735-1798)
GND: 100317278

R. begründete in Leipzig die Arabistik als selbstständiges Studienfach und trat wissenschaftlich auch durch seine Studien der Byzantinistik und Gräzistik sowie der orientalischen Numismatik in Erscheinung. Während seines Rektorats an der Leipziger Nikolaischule führte er umfangreiche Reformen durch. – R. verbrachte seine Schulzeit in Zörbig und Zöschen, bevor er sich 1728 bis 1732 am Waisenhaus in Halle/Saale nach eigener Aussage v.a. der lateinischen Sprache widmete. Dort lernte er auch seinen Mitschüler und späteren Göttinger Kollegen und Widersacher Johann David Michaelis kennen. Ab 1733 studierte R. zunächst Theologie in Leipzig, beschäftigte sich aber insbesondere mit der hebräischen und arabischen Sprache. Nachdem er arabische Druckwerke und Handschriften in Leipzig und Dresden eingesehen und z.T. abgeschrieben und ausgewertet hatte, bemühte er sich um orientalische Handschriften in anderen Orten. Zu diesem Zweck reiste er im Mai 1737 über Hamburg und Amsterdam nach Leiden (Niederlande), um in der dortigen Bibliothek arabischsprachige Werke zu nutzen. Er hörte Vorlesungen des Orientalisten Albert Schultens und des Gräzisten Tiberius Hemsterhuys. Schon während des achtjährigen Aufenthalts in Leiden zeigte R. eine freigeistliche Gesinnung und eine oft kritische und wenig diplomatische Haltung gegenüber seinen Kollegen. Im Ergebnis seiner Studien editierte er altarabische Gedichte des Tarafa aus den Mu’allaqât in einer Weise, die bis heute wissenschaftlichen Kriterien gerecht wird und methodische Maßstäbe setzte. Theologische Fragen interessierten ihn kaum, die arabische Sprache war für ihn Gegenstand der Untersuchung, nicht Mittel der dominierenden philologia sacra. Da Schultens und einige Leidener Kollegen eine Promotion R.s an der Philosophischen Fakultät verhinderten, promovierte er sich stattdessen mit einer Arbeit über die arabische Medizin zum Doktor der Medizin. Mit Abschriften von arabischen Werken auf dem Gebiet von Geografie, Geschichte und Dichtung trat er im Juni 1746 die Heimreise nach Leipzig an. Seinen Lebensunterhalt in Leipzig musste R. zunächst durch philologische Hilfsarbeiten bestreiten. Gleichzeitig setzte er seine arabischen Studien fort. So verfasste er 1747 ein Werk zur islamischen Geschichte „Prodidagmata ad Hagji Chalifae librum memorialem rerum historiam sic dictam orientalem“ (erschienen 1766), welches eine neue Sicht auf die Völker des Orients, frei von Diskrimination, eröffnete. In den Folgejahren erschienen weitere arabistische Werke, zahlreiche arabische Abschriften R.s gelangten indes nicht zur Veröffentlichung. Seine prekäre finanzielle Lage änderte sich durch seine Ernennung zum außerordentlichen Professor für Arabisch 1748 nur unwesentlich, da die Zahlungen des Dresdner Hofs unregelmäßig und ab 1755 gar nicht mehr erfolgten. R.s Auffassungen über die welthistorische Bedeutung islamischer Geschichte, seine Ablehnung einer Verunglimpfung Muhammads als falscher Prophet, seine freigeistige Haltung, die ihn dem Vorwurf der Gottlosigkeit aussetzte, und seine kompromisslose wissenschaftliche Kritik erschwerten bzw. verhinderten eine akademische Laufbahn an der Leipziger Universität oder an anderer Stätte. Einen Ruf nach Wien 1753 lehnte er mit der Begründung ab, nicht katholisch werden zu wollen. Johann August Ernesti, seit 1734 Rektor der Thomasschule zu Leipzig und Professor an der Theologischen Fakultät der Universität, behinderte die Karriere R.s ebenso wie sein ehemaliger Mitschüler Michaelis, den er 1756 vergeblich um Unterstützung bat. Schließlich bewarb sich R. 1758 um das Amt des Rektors an der Nikolaischule. Dabei konnte er auf die Gunst des Dresdner Oberhofmeisters Joseph Anton Gabaleon Graf von Wackerbarth-Salmour bauen, dem er bei der Identifizierung eines seltenen Schmuckstücks mit Heiligenbildern behilflich war. In Dresden bestimmte er zudem im Auftrag des Aufsehers des Münzkabinetts, Hofrat Johann Gottfried Richter, arabische Münzen. Die „Briefe über das arabische Münzwesen“ erschienen 1781 mit Anmerkungen und Zusätzen von Johann Gottfried Eichhorn. Mit der Übernahme des Rektorats bemühte sich R., die eingeleiteten Reformen trotz der widrigen Umstände infolge des Siebenjährigen Kriegs weiterzuführen. 1764 wurde an der Schule ein sog. Witwenfiskus eingerichtet, der Lehrerwitwen ein Leichengeld und ein Witwenjahresgeld zur Verfügung stellte. Wissenschaftlich wandte sich R. nach 1765 verstärkt der klassischen Philologie und der Byzantinistik zu, ohne indes im Vergleich zu den arabistischen Studien hierbei eine ähnlich epochale Wirkung zu erzielen. Dennoch zeugen auch diese Werke von bestechender philologischer und historischer Kenntnis, z.T. unter erstmaliger Nutzung arabischer Quellen im Kommentar, so „Constantini Porphyrogeniti Imperatoris De Cerimoniis aulae Byzantinae“ (1751/1754) nach einer Handschrift aus der Leipziger Stadtbibliothek, „Animadversiones ad Graecos auctores“ (1757-1766) und „Oratores Graeci“ (1770-1773). Seine Ehe mit Ernestine Christine Müller verhalf ihm zu neuen Kontakten und Einsichten. 1771 besuchte das Ehepaar Gotthold Ephraim Lessing in Wolfenbüttel. In der dortigen Herzog-August-Bibliothek ordnete R. orientalische Handschriften. Einige seiner wissenschaftlichen Vorhaben konnten posthum durch seine Ehefrau verwirklicht werden. R. stellte in seiner selbst verfassten Lebensbeschreibung fest: „Ich bin zum Märtyrer der arabischen Literatur geworden!“. Diese seine Sicht deutet auf die zahlreichen Schwierigkeiten und Hindernisse, die er überwinden musste, um die Arabistik nicht nur in Deutschland auf eine wissenschaftliche und eigenständige Grundlage zu stellen. Einen direkten Schüler, der R.s Werk hätte fortsetzen können, konnte R. aufgrund der geschilderten Bedingungen nicht hervorbringen. Erst ein Jahrhundert später fand sein wissenschaftliches Vermächtnis mit Heinrich Leberecht Fleischer eine neue Heimstatt. Dank der Initiative seiner Ehefrau und durch Vermittlung von Lessing gelangte ein großer Teil des Nachlasses in die Dänische Königliche Bibliothek. R. starb 1774 kinderlos in Leipzig.



W  Tharaphae Moallakah com scholiis Nahas et versione latina, Leiden 1742; Constantini Porphyrogeniti Imperatoris De Cerimoniis aulae Byzantinae, 2 Bde., Leipzig 1751/1754; Abulfedae annales Moslemici, Leipzig 1754; Abi’l Walidi Ibn Zeiduni Risalet seu epistolium arabice et latine cum notulis, Leipzig 1755; Animadversiones ad Graecos auctores, 5 Bde., Leipzig 1757-1766; Sammlung einiger arabischen Sprichwörter, die von den Stecken oder Stäben hergenommen sind, Leipzig 1758; Deutsche Übersetzung der Reden des Thucydides nebst lateinischen Anmerkungen über dessen gesamtes Werk, Leipzig 1761; Proben der arabischen Dichtkunst in verliebten und traurigen Gedichten, Leipzig 1765; Thograi’s sogenanntes Lammisches Gedichte, Friedrichstadt 1765; Prodidagmata ad Hagji Chalifae librum memorialem rerum historiam sic dictam orientalem, in: Abulfedae Tabula Syriae, Leipzig 1766, S. 215-240; Oratores Graeci, 8 Bde., Leipzig 1770-1773; Conjecturae in Jobum et Proverbia Salomonis, Leipzig 1779; D. Johann Jacob Reiskens von ihm selbst aufgesetzte Lebensbeschreibung, hrsg. von E. C. Reiske, Leipzig 1783 (WV).

L  R. Förster (Hg.), Johann Jacob R.s Briefe, Leipzig 1897; J. Fück, Die arabischen Studien in Europa, Leipzig 1955; G. Strohmaier, Johann Jacob R., in: Das Altertum 20/1974, S. 166-179; I. Rochow, Bemerkungen zu der Leipziger Handschrift des „Zeremonienbuches“ des Konstantinos Porphyrogennetos und zu der Ausgabe von J. J. R., in: KLIO. Beiträge zur alten Geschichte 58/1976, S. 193-198; G. Strohmaier, Johann Jacob R., in: ebd., S. 199-210; H. Simon, Johann Jacob R. als Begründer der orientalischen Numismatik, in: ebd., S. 211-220; S. Mangold, „Eine weltbürgerliche Wissenschaft“, Stuttgart 2004; H.-G. Ebert/T. Hanstein (Hg.), Johann Jacob R., Leipzig 2005 (WV); H. Preißler/D. Kinitz, Arabistik, in: U. v. Hehl/U. John/M. Rudersdorf (Hg.), Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009, Bd. 4, 1. Halbband, Leipzig 2009, S. 416-419. – ADB 28, S. 129-143; DBA I, II, III; DBE 8, S. 231; NDB 21, S. 391f.; J. G. Meusel, Lexikon der vom Jahr 1750 bis 1800 verstorbenen teutschen Schriftsteller, Bd. 11, Leipzig 1811, S. 192-208 (WV).

P  Io. Iacobus R. Med. D., J. D. Sysang, Kupferstich, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel; Kupferstich in: A. Gudeman, Imagines Philologorum, Leipzig 1911 (Bildquelle).



Hans-Georg Ebert
3.4.2013


Empfohlene Zitierweise:

Hans-Georg Ebert, Reiske, Johann Jacob, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.3.2017)

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