Herrigel Hermann Friedrich
Schriftsteller, Volkspädagoge, Leiter der Freien öffentlichen Bibliothek Dresden-Plauen, Theologe, Grafiker
* 2.6.1888 Monakam bei Liebenzell (heute Bad Liebenzell) 19.10.1973 Schorndorf (ev.)
VFriedrich, LehrerMPauline, geb. SchairerHelene Friederike, geb. Schmid
GND: 11951933X


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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war H. in der Auseinandersetzung mit neuen Auffassungen zur Theorie der Volksbildung ein einflussreicher Kritiker der deutschen Erwachsenenbildung und ihrer führenden Vertreter wie Robert von Erdberg, Wilhelm Flitner, Werner Picht und Eugen Rosenstock. – H. studierte in Tübingen, München und Berlin. Im Dezember 1913 wurde er als Volontär in der Freien öffentlichen Bibliothek Dresden-Plauen (FÖB) eingestellt. Dort arbeitete er später als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter. Nach dem Wechsel der damaligen Leiterin Elise Hofmann-Bosse nach Leipzig - sie war jedoch weiterhin als Beraterin im Kuratorium tätig - übernahm H. 1914 die Leitung dieser Einrichtung. Er schied am 1.10.1916 aus der Bibliothek aus, nachdem er bereits seit dem 1.7. zur „Förderung seiner persönlichen Arbeiten“ beurlaubt war. H. wandte sich journalistischen Tätigkeiten zu, war 1916 bis 1936 Feuilleton-Redakteur der Hochschulbeilage der „Frankfurter Zeitung“ und gab 1936 bis 1939 die von ihm gegründete Zeitschrift „Christliche Besinnung heute“ heraus. Er veröffentlichte zahlreiche Essays und Rezensionen zu philosophischen und theologischen Themen und publizierte als ständiger Mitarbeiter im theologischen Fachorgan „Zwischen den Zeiten“. Weiterhin verfasste er Beiträge zu Fragen der Volksbildung, u.a. in den Zeitschriften „Das literarische Deutschland“, „Volksbildungsarchiv“, „Der Kunstwart“ sowie der „Frankfurter Zeitung“ und stand in Briefwechsel mit Hermann Hesse. H. gehörte dem „Hohenrodter Bund“ an, ein 1923 gegründeter Gesprächskreis, in dem Themen der Erwachsenenbildung und neue Auffassungen zur Volksbildungsbewegung diskutiert wurden. Unterschiedliche Auffassungen von Funktion und Leistung einer Volksbibliothek führten im sog. Richtungsstreit, der 1913 mit dem „Offenen Brief an Walter Hofmann“ begann und zwei Jahrzehnte anhielt, zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit bibliothekarischen Sachfragen und kulturpolitischen Konzepten. Die „Alte Richtung“ - mit Erwin Ackerknecht als führenden Vertreter - sah ihre Aufgaben in einer extensiven und bereitstellenden Bibliotheksarbeit. Eine eher intensive und gestaltende Bibliothekspraxis - als „Neue Richtung“ bezeichnet - strebte Walter Hofmann an. H. äußerte sich dazu in Zeitschriftenbeiträgen aus der Sicht eines Volksbildners und Kulturtheoretikers. Er stellte die Standpunkte beider Richtungen nicht als bibliothekarische Diskussion um technische Fragen, sondern als Weltanschauungsgegensätze dar, die aber in der Auffassung übereinstimmten, dass Bibliotheken Aufgaben der Volksbildung und Volkskultur wahrnehmen müssten. Er beurteilte deren Programme auf einer theoretischen Ebene, ohne Agitation für eine oder Ablehnung der anderen Richtung. Im Mittelpunkt von H.s Bewertung stand der neue Umgang mit dem Leser. Eine Volksbibliothek - wie sie Vertreter der „Alten Richtung“ sahen - die auf keinen Leser verzichten wollte und deren Wirksamkeit an wachsenden Ausleihzahlen gemessen wurde, konnte seiner Meinung nach einem Bildungsauftrag nicht gerecht werden. Die Bibliothek müsse zwar jedem zur Verfügung stehen, aber der Buchbestand sollte nicht nach den Bedürfnissen der Leser ausgewählt werden. Vielmehr müsse eine moderne Volksbibliothek Kulturwerte vermitteln, indem sie den „primitiven Formen der Auswahl, wie sie in den individuellen Interessen- oder Geschmacksunterschieden der Leser liegen“, eine Absage erteile (Die Problematik der Volksbibliothek, S. 141). Er forderte dementsprechend den Ausschluss von Unterhaltungsliteratur aus den Bibliotheksbeständen sowie Ausleihgebühren vom Leser. Hofmann, 1904 bis 1913 Leiter der FÖB, verzichtete ebenfalls auf reine Unterhaltungsliteratur, achtete aber darauf, dass der Bestand seiner Bibliothek die Bedürfnisse und Rezeptionsfähigkeit zu gewinnender bildungsfernerer Nutzergruppen angemessen berücksichtigte. Er sah das Ziel der bibliothekarischen Arbeit in der geistigen Förderung des einzelnen Lesers und hatte 1910 mit seiner Abhandlung „Die Organisation des Ausleihdienstes in der modernen Bildungsbibliothek“ die beratende Ausleihtätigkeit und eine strenge Bücherauswahl als wichtigste Bildungsmittel der Volksbibliotheken dargestellt: keine Leserauswahl ohne Bücherauswahl und umgekehrt keine Bücherauswahl ohne Leserauswahl. Das Hofmannsche Konzept hielt H. vom Standpunkt seines eigenen Kulturbegriffs, nach dem sich kulturelle und soziale Arbeit nicht vereinigen lassen, für einen Misserfolg. Er war der Meinung, dass die Bibliothek der Ort ist, der besonders geeignet ist, Bildungsgegensätze zu überbrücken. Sie solle jedem zur Verfügung stehen und der Buchbestand sollte allein nach seinem absoluten Wert ausgewählt werden.



Q  Evangelisches Dekanatamt Schorndorf, Familienbuch Nr. XIV 114; U. und V. Michels (Hg.), Hermann Hesse. Gesammelte Briefe, Bd. 1, Frankfurt/Main ³1990; U. Apel (Hg.), Hermann Hesse, Bd. 1, München u.a. 1989; A. Schmidt (Red.), 75 Jahre Volkshochschule Jena, Rudolstadt/Jena 1994.

W  Die Problematik der Volksbibliothek, in: Zentralblatt für Volksbildungswesen 15/1916, H. 9/10, S. 129-143; Volksbildung und Volksbibliothek, Jena 1916; Der Stand der Volksbildungsfrage, in: Blätter der Volkshochschule Thüringen 5/1923/24, S. 45-48; Das neue Denken, Berlin 1928; Kulturkrise und Erziehung, Vortrag gehalten am 4.2.1930 im Saal der Urania in Wien; Zwischen Frage und Antwort, Berlin 1930; Der indirekte Weg, in: Freie Volksbildung 3/1949, H. 6, S. 246-249; Hat Guardini recht?, in: Die Sammlung. Zeitschrift für Kultur und Erziehung 10/1955, H. 3, S. 113-122.

L  Jahresberichte der Freien Öffentlichen Bibliothek Dresden-Plauen 1913, 1915, 1916; J. Henningsen, Hermann H. und die Theorie der Volksbildung, in: ders., Zur Theorie der Volksbildung, Berlin/Köln 1959, S. 23-41; U. Schulz, Hermann H., der Denker und die deutsche Erwachsenenbildung, Bremen 1969 (WV); F. Marwinski, Die Freie öffentliche Bibliothek Dresden-Plauen und Walter Hofmann, Leipzig 1983, S. 126; Stadttore zur Medienwelt, hrsg. von den Städtischen Bibliotheken Dresden, Altenburg 2006. – DBA II, III; W. Schuder (Hg.), Kürschners Deutscher Literatur-Kalender, 57/58/1978/81, S. 1229 (Nekrolog).



Marlis Schmiedl
26.4.2010


Empfohlene Zitierweise:

Marlis Schmiedl, Herrigel, Hermann Friedrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (20.9.2017)

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