Dunger Hermann
Philologe, Volkskundler
* 2.4.1843 Plauen 21.9.1912 Dresden Dresden, Annenfriedhof(ev.)
VJohann Gottfried (1807-1887), Kirchner, Ratsregistrator in PlauenMJohanna Christiane, geb. Herold (1806-1880)GRichard Otto (1839-1916), Pfarrer; Gustav (1845-1920), Architekt, Hofbaumeister; Ida; Luise; Bertha1875 Emilie Auguste (Mila), geb. Thieme (1850-1930)SWilhelm Reinhold (1878-1933); Karl Friedrich (1880-1957), LandgerichtsratTIlse (1883-1904)
GND: 116251859


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D. besuchte in Plauen die Bürgerschule und danach 1854 bis 1861 das Gymnasium. Anschließend studierte er bis 1865 an der Universität Leipzig Klassische Philologie sowie Archäologie und Deutsche Philologie. Nach der Staatsprüfung 1865 in den altphilologischen Fächern Latein und Griechisch sowie nach der Erlangung der philosophischen Doktorwürde am 13.3.1865 wurde er bereits zu Ostern wissenschaftlicher Hilfslehrer an der Thomasschule in Leipzig. Ein Jahr später erhielt er eine Stelle als ständiger Lehrer am Vitzthum’schen Gymnasium in Dresden, wo er Latein, Griechisch und Deutsch, anfangs auch Alte Geschichte sowie Politische Geografie unterrichtete. Am 20.3.1885 wurde D. durch das Königliche Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts zum Professor ernannt und trat noch im selben Jahr zu Ostern eine ihm vom Rat der Stadt Dresden übertragene Stelle als zweiter Oberlehrer am Wettiner-Gymnasium in Dresden an. 1886 wurde ihm das neu begründete Konrektorat übertragen und er avancierte zum ersten Oberlehrer. Am Wettiner-Gymnasium lehrte D. Latein, Griechisch und Alte Geschichte, im ersten Jahr auch Deutsch. Für seine wissenschaftlichen und pädagogischen Verdienste wurde ihm 1898 das Ritterkreuz Erster Klasse des Albrechtsordens verliehen. 1906 wurde er zum Studienrat ernannt. Als sich D. 1908 in den Ruhestand versetzen ließ, erhielt er bei seiner Verabschiedung das Ritterkreuz Erster Klasse des Zivilverdienstordens. – Neben seiner Gymnasiallehrertätigkeit war D. jahrzehntelang in verschiedenen Vereinen engagiert, so im Gemeinnützigen Verein zu Dresden, im Literarischen Verein zu Dresden, im Vogtländischen alterthumsforschenden Verein zu Hohenleuben, im Allgemeinen Deutschen Sprachverein (zu dessen Gründern er gehörte) und im Verein für Sächsische Volkskunde. Als D. nach schwerer Krankheit in Dresden starb, hinterließ er eine umfangreiche Sammlung von Volksliedern, eine große Kollektion von Soldatenliedern und einen Fundus an „größeren Liedern“ aus dem Vogtland. Die Soldatenlieder-Sammlung, die in einer veralteten Stenografie vorlag, konnte seinerzeit aus finanziellen Gründen nicht transkribiert und veröffentlicht werden. Die Sammlung von „größeren Liedern“ wurde 1915 von Karl Reuschel herausgegeben. Mit der Sammlung von Folklore hat sich D. schon in seiner Studienzeit beschäftigt. Seine Gewährsleute für die Aufzeichnung von Kinderliedern, Kinderspielen und Rundâs (improvisierten Tanzliedchen/Vierzeilern, die ursprünglich nur für die Alpen relevant zu sein schienen), fand er v.a. im Bildungsbürgertum, später kamen eigene Aufzeichnungen hinzu. Durch ein möglichst getreues Bild vom Volksgesang seiner vogtländischen Heimat wollte er einen Beitrag zur Erkenntnis des Volkslebens liefern, da er das Lied wegen seiner Allgegenwärtigkeit im Leben der Menschen als zentralen Gegenstand der Volksdichtung ansah. Von diesem kulturgeschichtlichen Standpunkt aus fand er Zugang zur Volkskunde. Was das Wesen des Volkslieds anbelangte, so lehnte er die Rezeptionstheorie John Meiers in ihrer Verallgemeinerung zwar ab, erkannte jedoch die Kunstliedprovenienz vieler „Volks“-Lieder an. Er wandte sich nicht gegen Meiers Nachweise, sondern als Praktiker der Volksliedforschung gegen eine verengende Sicht aus dem Blickwinkel des „gesunkenen Kulturguts“, wobei er diesen Begriff noch nicht gebrauchte. Die vielfach betonte gedächtnismäßige Überlieferung hielt er nicht für die „Haupteigentümlichkeit der Volksdichtung“. Seiner Ansicht nach musste das Volkslied in Inhalt und Form der Anschauungs- und Ausdrucksweise des Volks entsprechen. Im Hinblick auf die Form entwickelte er Ansätze zu einer Poetik des Volkslieds. Allerdings enthielt sein Volksliedverständnis auch romantische und ästhetisierende Momente, die erst in späterer Zeit überwunden wurden. Obgleich D. in erster Linie Pädagoge und Sprachwissenschaftler war, standen seine Untersuchungen im volkskundlichen Bereich quantitativ und qualitativ nicht hinter den philologischen zurück. Vielmehr waren die umfangreichen Beiträge D.s volkskundlicher und kulturgeschichtlicher Natur. In den letzten Jahrzehnten seines publizistischen Schaffens wandte sich D. vornehmlich dem „Fremdwörterunwesen“ und der Spracherneuerung zu. Die technisch-industrielle Entwicklung und die damit verbundenen Kontakte zur englischsprachigen Welt hatten zur Überflutung der deutschen Sprache mit Anglizismen und daraus resultierend zur Entstehung einer Sprachreinigungs-Bewegung geführt. D. erläuterte die Überfremdung der deutschen Sprache aus historischer Sicht und wies auch auf die französischen Einflüsse im 17. und 18. Jahrhundert hin. Sein Ziel war es, die Muttersprache als einen kulturellen Wert zu erhalten und das deutsche Selbstbewusstsein zu stärken. Zugleich glaubte er, mit der Beseitigung des Fremdwörterunwesens auch die Polarisierung der Volksklassen stoppen zu können. Trotz dieser Überhöhung der Sprache sind seine Verdienste in den Bereichen Sprachwissenschaft und Sprachpflege insgesamt aber keineswegs gering zu schätzen. Das gilt auch für seine altphilologischen Arbeiten. D.s Wirken fand allgemeine Anerkennung in allen seinen Tätigkeitsbereichen.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, Ministerium für Volksbildung; Stadtarchiv Dresden; Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Handschriftenabteilung; Archiv der Universität Leipzig; Deutsches Volksliedarchiv Freiburg, Konvolut „Vogtländische Soldatenlieder ...“; Auskunft R. Dunger.

W  Die Sage vom Trojanischen Kriege in den Bearbeitungen des Mittelalters und ihre antiken Quellen, Leipzig 1869; Über Dialect und Volkslied des Vogtlands, Plauen 1870; Ueber die Ortsnamen des Vogtlands, 1872; Kinderlieder und Kinderspiele aus dem Vogtlande, Plauen 1874; Rundâs und Reimsprüche aus dem Vogtlande, Plauen 1876; Der vogtländische gelehrte Bauer, Plauen 1876; Dictys-Septimius, Dresden 1878; Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremdwörter, Leipzig 1882, Berlin ²1909 (ND Hildesheim 1989); De Dictye-Septimio Vergilii imitatore, Dresden 1886; Die Sprachreinigung und ihre Gegner, Dresden 1887; Das Fremdwörterunwesen in unserer Sprache, Heilbronn 1894; Wider die Engländerei in der deutschen Sprache, Berlin 1899, ²1909; Volksdichtung in Sachsen, in: R. Wuttke (Hg.), Sächsische Volkskunde, Dresden ²1901, S. 247-274; Zur Schärfung des Sprachgefühls, Berlin 1906; Die Deutsche Sprachbewegung und der Allgemeine Deutsche Sprachverein 1885-1910, Berlin 1910; Größere Volkslieder aus dem Vogtlande, Plauen 1915.

L  K. Müller, D. - Rede zum Gedächtnis des Mitbegründers des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins gehalten im Zweigverein Dresden, Berlin 1912 (P); P. Pietzsch, D. †, in: Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins 27/1912, Sp. 329-336; T. Matthias, Zu D.s Gedächtnis, in: Das Vogtland und seine Nachbargebiete. Monatsschrift für heimatliche Kunst, Literatur und Wissenschaft 1/1912, H. 2, S. 51f.; K. Reuschel, in: H. D., Größere Volkslieder aus dem Vogtlande, Plauen 1915, S. 8f.; B. Emmrich, Tschumperlied und „Fremdwörterunwesen“, in: dies., Heimatforschung, Spinnstuben-Performance und Hochschulseminar, Dresden 2001, S. 53-86 (Bildquelle, WV). – DBA I, II; NDB 4, S. 197.



Brigitte Emmrich †
7.9.2011


Empfohlene Zitierweise:

Brigitte Emmrich †, Dunger, Hermann, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.11.2017)

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